Zweihundert deutsche Männer in Bildnissen und Lebensbeschreibungen/Christian Garve

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Textdaten
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Autor: Ludwig Bechstein
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Titel: Christian Garve
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aus: Zweihundert deutsche Männer in Bildnissen und Lebensbeschreibungen, S. 127–128
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Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1854
Verlag: Georg Wigand's Verlag
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Erscheinungsort: Leipzig
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Quelle: Google und Commons
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Christian Garve.
Geb. d. 7. Jan. 1742, gest. d. 1. Dez. 1798.


Moralphilosoph und klarer Denker, Gellert’s Nachfolger, der auch wie dieser durch ein von Siechthum getrübtes Leben wandelte, mild wie dieser war und sich ehrenvollen Nachruhm errang.

Garve wurde zu Breslau geboren; der Vater war Kunst- und Schönfärber und starb ihm früh, aber eine treffliche Mutter leitete sorglich die Erziehung ihres Knaben, obschon sie sich in der Wahl der Mittel vergriff und ihn z. B. einer öffentlichen Schule nicht anvertrauen wollte, und doch reichte die Bildung der gewählten Hauslehrer (deren Schlag zu damaliger Zeit Rabener’s Satyren genügend schildern) nicht aus; Garve mußte vieles versäumte später audodidactisch erwerben und nachholen. Dabei bestimmte ihn die fromme Mutter dem theologischen Studium, das er im 21. Jahre seines Alters zu Frankfurt a. O. begann, wo er Baumgarten und Zöllner hörte. Der Tod des erstern aber veranlaßte den jungen Garve, sich nach Halle zu wenden, wo er Semler’s Schüler wurde. Es stellte sich indeß nur zu bald heraus, daß der schwächliche Körper des jungen Theologen ihm geradezu, wie es bei Gellert der Fall war, den künftigen Beruf als Prediger verbiete, und so wandte er sich zu den Sprachen und zur Mathematik und erlangte 1766 die philosophische Magisterwürde. Gellert’s Ruf und Liebenswürdigkeit lockten Garve nach Leipzig; die Mutter schrieb selbst an Gellert und erwirkte, daß dieser bei sich selbst den geliebten Sohn aufnehme, was auch geschah, und es bildete sich aus diesem Verhältniß des Zusammenlebens des jungen Hausgenossen und Schülers mit dem ehrwürdigen Meister und Lehrer Garve’s ganze Zukunft heraus. Liebevolle Pflege, herzliche Ansprache, freundliche Aufmunterung wurde Garve im vollen Maaße zu Theil, Gellert’s edler Freundeskreis wirkte nicht minder belebend und fördernd auf ihn, und so lebte sich der junge Gelehrte so innig in das Professorenleben Leipzigs ein, daß nichts näher liegen konnte, als der Wunsch, ebenfalls bei der Hochschule wirksam zu werden. Aber noch sollte dieser Wunsch nicht in Erfüllung gehen, denn die Sehnsucht der Mutter Garve’s, welcher eine geliebte Pflegetochter starb, verlangte nach dem Sohne, und es [Ξ] wurde ihr das hohe Glück, diesen geliebten Sohn von reinem Herzen und voll hoher Bildung wieder in ihre Arme schließen zu können.

Garve lebte nun eine Zeitlang der Musse und den Wissenschaften ruhig im älterlichen Hause, lehnte sehr dankbar das ihm wiederholt von Gellert angetragene Glück, Hofmeisterstellen anzunehmen, ab, und wich sogar der Anstellung an einem Gymnasium zu Breslau aus, weil die künftige Collegenschaft ihm nicht zusagte und er Furcht hatte vor dem unvermeidlichen Schulzopf. Dagegen war er schriftstellerisch thätig und blieb mit Leipzig und den dortigen Freunden in dauernder Verbindung. Diese Freunde wünschten ihn lebhaft wieder in ihre Nähe, und Gellert sah allen Ernstes und mit prophetischem Geist in Garve seinen zukünftigen Nachfolger.

Und wirklich erfolgte, was Gellert geahnet, nur nicht auf lange und nicht mit dem gehofften Erfolg. Garve wurde noch vor Gellert’s Tode 1768 außerordentlicher Professor der Philosophie zu Leipzig, wo er über reine Mathematik, Logik, die Schriften Cicero’s u. s. w. einige Jahre hindurch Vorlesungen hielt, bis Kränklichkeit ihn bewog, sein Amt niederzulegen und 1772 wieder nach Breslau und zur Mutter zurückzukehren. Garve litt an Hypochondrie, dieser Vergifterin allen Lebensfrohsinnes und allen Lebensglückes; gleichwohl hielt dies Leiden ihn nicht ab, fort und fort geistig thätig zu sein, auch stimmte es ihn nicht feindselig gegen Welt und Menschen, sondern er bewahrte mit ächt philosophischem Sinne die liebenswürdige Seite seines Wesens für die Menschheit und hielt sein Herz den Gefühlen der Freundschaft offen.

Was Garve schrieb, war klar und lichtvoll; er übersetzte mehr, als daß er eigenes gab, philosophische Schriften des Auslandes in die deutsche Sprache, aber durch die logische Klarheit und Ordnung seiner Gedankenreihen und durch erläuternde Zusätze aus dem Quell des eigenen reichen Geistes machte er die fremden Schriften gleichsam deutsch und zum vaterländischen Nationalgut. Garve’s eigene philosophische Abhandlungen erschienen 1779 gesammelt, außerdem übersetzte er Aristoteles Politik und Ethik; Burke: Ueber das Schöne und Erhabene; Ferguson’s Moralphilosophie; Gerard: Versuch über das Genie; Pagley: Grundsätze der Moral und Politik – und machte sich durch alle diese Arbeiten einen rühmlichen Namen.

Von Leipzig in die Heimath zurückgekehrt, schloß Garve ein inniges Freundschaftsverhältniß mit dem hochbegabten katholischen Probst Bastiani und einem Herrn von Paczensky von Tenczin, von denen der letztere ihn liebevoll pflegte, bis er selbst Garve’s Leidensgenosse ward und noch vor ihm, und wiederum treu von Garve gepflegt, 1792 an Nervenschwäche starb. Durch diese Freunde wurde Garve Friedrich dem Großen bekannt, der während des Teschner Friedensschlusses längere Zeit in Breslau weilte und mit dem noch jungen Philosophen mehrere Unterredungen hatte, welche auf Garve lebhaften und nachhaltigen Eindruck machten. Der König forderte diesen auf, Cicero’s Schrift von den Pflichten zu übersetzen und mit eigenen philosophischen Anmerkungen zu versehen, und Garve begann, nicht ganz ohne zagen, diese Arbeit, die ihm viele Anstrengung gekostet zu haben scheint, denn erst 1783 kam die Uebersetzung zur Erscheinung und wurde dem großen Könige zugeeignet. Erst etwas mühsam, dann aber rasch brach Garve’s Werk sich Bahn, der Autor selbst erlebte noch mehrere Auflagen und der Beifall der Kenner war ein ungetheilter.

Leider sank mit dem wachsenden Ruhme Garve’s dessen Lebenskraft mehr und mehr; ein krebsartiges Uebel beraubte ihn eines Auges, entstellte sein Gesicht, bereitete ihm viele schmerzenreiche, trübe Stunden, doch ließen, je mehr das äußere Uebel wuchs, die innern Leiden, Nervenschwäche und hypochondrische Anwandlungen, von ihm ab, und die Leiden, die der Weise standhaft erduldete, hemmten erst dann seinen Fleiß, als der Tod ihm nach der gemeinen Rede schon »auf der Zunge saß« – denn noch 15 Stunden vor seinem sanften entschlummern diktirte er den Entwurf des 2. Theils seiner Abhandlung: »Ueber Gesellschaft und Einsamkeit« bis zu dem Abschnitt: Einsamkeit des Kranken. – Diese Einsamkeit hatte er oft recht schmerzlich tief empfunden, da in ihm der Trieb nach Geselligkeit lebte und sein Leiden doch viele von ihm zurückschreckte. Manso setzte dem dahingeschiedenen in Prosa und Poesie ehrende Denkmale; darunter das sinnige Distichon:

<poem>Zweien Unsterblichen hat sein Genius innig gehuldigt: Dir o Weisheit und Dir Göttin des Maaßes und Ziels./poem>