ADB:Herloßsohn, Georg Karl Reginald
aus Wikisource, der freien Quellensammlung
Herloßsohn: Georg Karl Reginald, Schriftsteller, geb. den 1. Sept. 1804 zu Prag, f den 10. Decbr. 1849. Sein eigentlicher Name war Herloß, seine Jugend- und Familienverhältnisfe, welche er in dem Gedichte »Mein Weih1iachtZbaum 18Z0« (sVuch der Lieder, S. 59) schildert, waren der tra11rigften » Art. Al?- fiebenjähriger Knabe kam er in die Pfarrschule zu St. Nikla53 und konnte schon mit 16 Jahren (H1820») die Universität besuchen. JN gleichem Jahre trat H. mit seiner ersten Arbeit, der Novelle ,,Treu biz in den Tod", in die Oeffentlichkeit (in Müller’S Tafche11buche »Feierstunden«s). Seine traurigen häuSkichen Verhältnisse zwangen ihn doch endlich, feine Vaterftadt zu verlassen und sich zur Fortsetzung dez Recht?-studiumS nach Wien zu wenden; ohne Em- pfehlungen und ohne Mittel, mußte er hier eine Schule der Entbehrungen und der Leiden durchmachen, die aber fein Gemüth nicht verbitterten. Nach dem AuZbruche de-J3 griechischen AufstandeZ wäre er gerne unter die Freiheit8kämpfer gezogen, ward jedoch polizeilich daran gehindert. Ju seiner Roth wandte e1: sich an Zacharias; Werner, auf dessen Zureden er fast unter die Liguorianer ge- [119] treten wäre. Mit der Au?-sicht auf eine HauSlehrerftelle 1822 nach Prag ge- gangen, aber in seiner Hoffnung getäuscht, sah er sich abermals in äußerster Roth und mußte fein Leben durch kleine litterarische Arbeiten fristen. Darüber kam er mit Theodor Hell in DreSden in brieflichen Verkehr. Ju diesem Jahre erschien auch feine zweite Novelle: »Eine Nacht in den Apenninen« in der Zeit- schrift ,,Kranz«. Endlich 182Z erhielt er durch dieVerwendung eines Professors eine Hau63lehrerstelle bei dem AmtSdirector ProchaSka auf dem Gute Dewitz, eine halbe Stunde von Prag entfernt. Hier v-erlebte er nun zwei glückliche Jahre, theilS unterrichtend, theilS dichtend. Auf Anrathen feiueZ Freunde-?- Suchy, welcher in Leipzig studirt hatte, ging er 1825 dorthin. Aber auch hier begann aufS neue ein Leben voller Entbehrungen; erst durch die Bekanntschaft mit dem serbischen Dichter Simon Milutinovich ward feine mißliche Lage verbessert. Jener suchte für fein Heldengedicht »Serbianka« einen deutschen Uebersetzer und war glücklich, denselben in H. zu finden. Durch einen, um jene Zeit in dem »Gesellfchafter« erschienenen Aufsatz über »Zacharia8 Werner" wurde Brockhaus:- auf H. aufmerksam und nahm ihn für daß ,,Litterarische ConversationSblatt« « (jetzt »Blätter für litterarische Unterhaltung«C) alS Mitarbeiter an. DamalS schrieb er auch seinen ersten Roman: »Die Fünfhundert von Blanik«, wofür er im Ganzen 28 Thaler Honorar erhielt. Aber mehr noch machten »Emmy« und ,,Vielliebchen«, zwei Parodien auf die Clauren’schen, damalS von dem deutschen Publicum verschlungenen Erzählungen, welche er im J. 1826 unter Clauren’S Namen erscheinen ließ, auf ihn aufmerksam. EZ entstand darüber ein Proceß, der während zwei Jahre die ganze litterarische Welt beschäftigte. Nachdem H. von einer schweren Krankheit genesen war, griff er wieder zur Feder. Cr führte daß freie Leben eineS Litteraten, schrieb politische Satyren, Romane und Anderes, unternahm 1827 eine Reise nach dem Rhein, 1828 nach Berlin, wo er sich bei Saphir mehrere Wochen aufhielt. 1830 begründete er, angeregt durch dir politischen Ereignisse und Umwälzungen diese?- Jahres?, in Leipzig die belletristische Zeitschrift »Der Komet«, welche 18 Jahre hindurch biS 1848 er- schien. Sein Begründer hatte de?- öfteren prophezeit: »Daß der Komet nur dann schlafen gehe, wenn die Pre-ßfreiheit eingeführt und der letzte Esel gestorben«. Cr selbst redigirte diese Zeitschrift bis-S 1840 und wieder von 1844 bi?: zum Schluß. Daneben schrieb er eine Menge von Erzählungen und Romanen, gab mit von der Lühe daß »Damen-ConversationS-Lexikot1« (Adorf 18Z4––Z8–s)- mit Robert Blum und Hermann Marggraff daS »Theater=Lexikon« (Altenburg 1889 biz 4L), daß UntorhaltungSblatt »Der MorgeNstern« (MPOLeipzig 1843--–44) und 184-Z daß von Spindler gegründete Taschenbuch »Vergiß mein nicht« (-Leipzig 1848) herau8. Durch diese litterarischtsn Beschäftigung-:n verschiedener Art hatte sich seine finanzielle Lage bedeutend verbessert und fo lebte er im Ganzen an- genehm, biz mit dem 1849 eine traurige Veränderung seiner Verhältnisse eintrat, die ihn auch geistig verftimmtc und verdüsterte. Als ein heftig auf- tretendeS phyfische–S Leiden, was-J ihn während 18 Monate anZ Krankenlager fesselte, hinzu kam, sah er sich in seiner Thätigkeit gänzlich gehemmt. So starb er, wiederum verarmt, hilfloS und Verlassen, im JakobShospital zu Leipzig, in den letzten Wochen feineS Leben?- nur von dem Prager Buchhändler Kober mit edler Uneigennützigkeit unterstützt und zu derselben Zeit, in welcher der Leipziger seit vieken Jahren im »Tageblatt« feine WeihnachtSbilder zu lesen gewohnt war. Von feinen zahlreichen Schriften seien noch genannt: ,,LöschpaPiere auS dem Tage- buche eine?- reist-nden Teufel8«, 1827, 2 Thle. –– »Luftballon oder die Hund8tage in Schilda. Ein glück- und jammervolleS Schau-, Luft- und Thränenspiel in beliebigen Akten", 1827. – ,,Stephan Maly der Montenegrinerhäuptling«, 1828 (H1858), 2 Bde. –– »Der Venetianer«, 1829, Z Bde. –– »Hahn und Henne. Liebe8geschichte zweier Thiere«, 18Z0. ––– »Der Ungar. Historisch-roman- [120] tjfcheZ Gemälde aus?- der Zeit der Hunyaden«, 1832, 3 Bde. –– »MephistopheleZ. Ein politisch-satyrifcheZ Taschenbuch auS dem J. 1833«, 18Z2. »Kometen- ftr.hlen. Eine Sammlung von Erzählungen, ernsten und humoriftischen Auf- fätzen«, 1833––47, 2 Bde. –– »Anatomifche Leiden". Novelle, 1832 (2. Aufl. 1836). –– »Scherben«. Gedichte, 1888. –– ,,Zeit- und Leben?-bilder", 1839–– 1843, 6 Vde. ––– »Buch der Liebe" (in Z. Aufl. u. d. T. ,,Buch der Lieder"). Nebst einem Anhange, 1842 (1849, 1856, 1857). –– »Mein Wanderbuch«, 1842, 2 Thle. – »Wallenftein’S erste Liebe", 1844, 3 Bde. – ,,Die Mörder Wallenstein?", 1847, Z Bde. –– Gesammelte Schriften, Bd. 1–k?11I und Neue Folge Bd. l–ll’. (1836) –-– »Au8gewählte Romane«, Bd. l–k’1l 1851 biS 1852. – »Hiftor. Romane", Z. Aufl. 1870. (ThomaS) C. Herloßsohn, e. biogr. Skizze, Leipz. 1850. Wurzbach, Biogr. Lex. D’l11, S. Z70 f. Steger, ErgänzungS-Conv.-Lex. V, S. 441–4-Z. N. N. d. D. ll, 1315. Brümmer, Deut. Dichterlex. l. S. Z50––52.