ADB:Kalkbrenner, Friedrich

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Artikel „Kalkbrenner, Friedrich“ in: Allgemeine Deutsche Biographie, herausgegeben von der Historischen Kommission bei der Bayerischen Akademie der Wissenschaften, Band 15 (1882), ab Seite 29, Digitale Volltext-Ausgabe in Wikisource, URL: http://de.wikisource.org/w/index.php?title=ADB:Kalkbrenner,_Friedrich&oldid=668756 (Version vom 10. Dezember 2009, 20:45 Uhr UTC)
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Band 15 (1882), ab Seite 29. (Quelle)
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Kalkbrcuucr: Friedrich Wilhelm K., gewöhnlich Friedrich K. Trotzdem die Zeit dieses Claviervirtuosen und Componisten uns noch so nahe liegt, so ist es doch außerordentlich schwer sich heute zu vergegenwärtigen, worin die Verdieste dieses Mannes lagen, die ihn so hoch über seine Mitmenschen erhoben, daß er wie ein höheres Wesen verehrt wurde. Rellstab, der Berliner Kritiker und Zeitgenosse Kalkbrenneres, beginnt seine Biographie in Schilling’s Encyklopädie: „Nicht leicht würde sich ein Name auffinden lassen, der so an die rapiden Entwickelungen und Fortschritte jeder Art derLeistungen erinnerte, welche unsere Zeit (1836) charakterisiren, als der dieses berühmten Pianofortespielers. Term, hätten wir vor ein oder zwei Jahren den gegenwärtigen Aufsatz geschrieben, so würden wir ihn vielleicht folgendermaßen begonnen haben: K. ist derjenige unserer Vituosen, welcher an der Spitze der, bis auf einen kaum noch zu erhö- henden Grad ausgebildeten Mechanik des Pianofortespiel4z steht, und damit zugleich den feinsten, geistreichsten und elegantesten Vortrag verbindet. In diesem kurzen Zeitraum aber hat daß Clavierspiel wiederum eine so Völlig andere Richtung, einen so durchaus neuen Aufschwung genommen, daß wir jetzt diesen berühmten Virtuosen gewissermaßen schon als einer vergangenen Zeit angehörig betrachten müssen."

Ueber Kalkbrenner“’s Geburtsort ist vielfach gestritten worden, die Einen nennen Kassel, die Anderen Berlin; daß Richtige liegt – wie so oft – in der Mitte und zwar hier wörtlich, denn K. wurde im Jahre 1788 auf der Reise von Kassel nach Berlin geboren, als sein Vater, Christian von der Königin von Preußen zum Kapellmeister ernannt, nachdem die Kasseler Kapelle aufgelöst war, dahin übersiedelte– (Aug.Gathy, A. Allg.3., Abdruck: Neue Berl. Musikztg., Bote und Bock, 1849, 208–). Den ersten Musikunterricht erhielt K. von seinem Vater; als derselbe aber 1799 sich in Paris niederließ, besuchte er das dortige Conservatorium der Musik und genoß daselbst den Unterricht eines Nicodami, Adam unvd Catel. Bereits im J. 1801 (nicht wie gewöhnlich.berichtet wird [Allgem. Le1pz. Ztg. 4, 338] 1802) erhielt er bei einer öffentlichen Prüfung der Schüler ges F5pnservatoriums den ersten Preis im Clavierspiel und in der Composition für sem Instrument. Bald darauf scheint tr auch daß Conservatorium verlassen zu haben, da er bereits 1803 als Compilator eines Qratoriums „Saul“ auf- [30] tritt, welches in Paris sehr gefiel. Die Musik bestand aus einer Blumenlese aus Werken von Händel, Haydn, Mozart, Naumann, Cimarosa bis Gossec herab und soll in sehr geschickter Weise zusammengestellt sein (Allgem. Leipz. Ztg. 5. 525 u. 553). Im folgenden Jahre wird von einer Oper „Sophie de Brabant" berichtet, die in Braunschweig gegeben wurde und der Berichterstatter obiger Zeitung (6, 709) bezeichnet sie als „vorzüglich schön". Da aber hierbei kein Vorname genannt ist , so möchte man eher annehmen , daß dieselbe , sowie obige Comvilation vom Vater Kalkbrennens herrühren, der mehrere Opern geschrieben hat und erst 1806 starb.

Nach allgemeiner Annahme ging K. 1803 nach Wien, theils um als Vir» tuose aufzutreten, theils aber um bei den Wiener Meistern zu studiren und war es hier besonders Hummel und Clementi. durch deren Umgang er sich vervollkommnete, indem er sich bemühte, die kräftige breite Spielart des Clementi mit der leichten, anmuthigen und glänzenden Spielweise Hummel's zu verschmelzen, wodurch er jenen eigenartigen Vortrag schuf und die glänzende Bravour er« reichte, die ihn zum Heroen unter den Virtuosen seiner Zeit emporhob. 1804 berichtet obige alte Musikzeitung: „K. hat eine bewundernswerthe Technik in beiden Händen, nur fehlt es ihm noch merklich an Delicatesse und Ausdruck." 1805 begab er sich auf Reifen und fpielte in München und Stuttgart, worüber uns Berichte vorliegen. So schreibt der Berichterstatter aus München: „K., der Klavierspieler aus Paris war hier. Da er nur bei Hofe spielte , konnte ich ihn nicht hören, doch rühmt man seine Fertigkeit, zieht aber Cramer aus London, der eben hier war, vor." Dagegen gelegentlich seines Auftretens in Stuttgart wird er als Virtuofe erster Grüße bezeichnet: „Technik und Feuer im Vortrage wurden lebhaft beklatscht." So durchzog er ohne Ruhe und längeren Aufenthalt die Welt. 1814 ging er nach London, und was die Engländer in Musilenthusiasmus leisten können, das wissen wir aus Spohr's und Mendelssohn 's Briefen. Von da ab stand er als erster und unerreichbarer Pianist da und die Mitwelt erzeigte ihm die höchsten Ehren. Obiger Biograph, Rellstab, faßt sein Urtheil über ihn in folgende Worte, nachdem er dessen» Virtuosität mit Cicero 's Schreibart als höchste Leistung verglichen hat : Kalkbrennens große Kunst besteht darin, so zu spielen, daß es schwer wird, ihm das Leichteste nachzuspielen: ein Resultat, welches sich niemals eher erreicht, als bis man es dahin gebracht hat, daß einem das Schwerste leicht geworden ist. Mit unendlichster Geduld hat er die gleichmäßigste Stärke der Finger, und dadurch den vollendetsten, tonvollsten Anschlag erreicht. Namentlich weiß er alle gesangvollen Stellen ausgezeichnet schön vorzutragen. Der Charakter dieser ebenmäßig ausgebildeten , dabei aber doch alle Schätzungen des Vortrags von der zartesten Grazie bis zum energischsten Feuer entwickelten Spieles zeigt sich auch in seinen Comftositionen für das Instrument. Alle Schmierigkeiten, die er fetzt, liegen, so brillant sie sind, bequem in der Hand; fondein so, daß Jeder, der feine Vorstudien gehörig gemacht hat, Bescheid weiß, die Kalkbrenner'schen Compofitionen fast fämmtlich vom Blatt fpielen kann; und auf den Grad der Vollendung, mit dem es geschieht, kommt es alsdann dabei an, und da erst zeigt sich die Schwierigkeit der so leicht scheinenden Leistung. Ein treffliches Bild gicbt uns im I. 1823 die Schwester Felix Mendels» sohn's. Fanny lHensel. Die Familie Mendelssohn, Berlin 1879. Bd. I, S. 136–37». Sie schreibt an ihren Bruder Felix: „Er (Kalkbrennci) hat viel von Deinen Sachen gehört, mit Geschmack gelobt und mit Freimüthigleit und mit Liebenswürdigkeit getadelt. Wir hören ihn oft und suchen von ihm zu lemen. Er vereinigt die verschiedenartigsten Vorzüge in seinem Spiel : Prä [31] cifion, Klarheit, Ausdruck, die größte Fertigkeit, die unermüdlichste Kraft und Ausdauer. Er ist ein tüchtiger Musiker und besitzt einen erstaunlichen Ueberblick. Von seinem Talent abgesehen, ist er ein seiner, liebenswürdiger und sehr gebildeter Mann und man kann nicht angenehmer loben und tadeln.“ Im J. 1824 zog K. sich mit einem bedeutenden Vermögen ins Privatleben zurück und begründete in Gemeinschaft mit Pleyel die bekannte Pianofortefabrik in Pariis, aus welcher so treffliche Flügel hervorgingen und die dem Instrumentenbau in Paris einen so großen Aufschwung gab. Er konnte sich nun nach Herzenslust seiner Liebhaberei für Gemälde hingeben, deren er eine werthvolle Sammlung besaß, und in den höheren Kreisen der Pariser Gesellschaft, vorzüglich im Hause der Fürstin von Baudemont, de:- Fürsten Talleyrand, der Gräfin Appang, des Marquis von Radapont und des Grafen de la Bouillerie, mit denen er viel verkehrte, den anregendsten und angenehmsten Umgang genießen. Später, aus Anregung seiner Freunde, entschloß er sich zur Fortpflanzung seiner Schule durch dreijährigen tursorischen Unterricht für talentvolle Schüler. Die-fer Entschluß mag wol noch durch finanzielle Mißerfolge befördert worden sein, denn Rellstab sagt in seiner Biographie S. „Dieser Theil der industriellen Thätigkeit Kalkbrenner’s (snämlich die Gründung der Pianofortefabrith scheint nicht ganz glückliche Resultate gthabt zu haben, wie es denn eine oft wiederholte Erfahrung ist, daß der Virtuose seinen .Skreis streng festhalten soll.“ Er gab sogar im J. 1833 seine ZurückgezOgenheit vom öffentlichen Leben auf und durchreiste wie früher Europa als Clavierheld. Wie viel er an seinem Vermögen eingebüßt haben mußte, erfahren wir aus Gathy’s Nekrolog. Er schreibt: „K. führte ein fürstliches: Haus, dem er mit großer Eitelkeit zwar, aber mit noch größerer Liebeneswürdigkeit vorstand, und besaß, bei angeborener edler Form und Haltung, im Umgange die Leichtigkeit und Gewandtheit, die sich nur im häufigen Verkehr mit der gebildeten höheren Welt erwerben lassen. Man bewegte sich bei ihm in interessanter Umgebung. Männer aller politischen Farben, alte berühmte.8irieger aus der Kaiserzeit, Staatsmänner, ausgezeichnete Gelehrten, Künstler stellten sich in seinen glänzenden Soireen zu musikalischen Genüssen und an.ziehender Unterhaltung ein; so (S5rak Mole, General Atthalin, Salvaudy, Graf Sparre und dessen geniale Gattin, mit denen c-r vorzüglich befreundet war; ein K1teis, der leider durch die Juli- Ereignisse (y1830) au9einander gesprengt wurde."

K. fand auf seinen erneuerten Kunstreisen dieselbe günstige Ausnahme, denselben Enthufiasmus wie in jüngeren Jahren bei Publikum und Kritikern. Herr von Miltitz in Dresden schreibt in der Leipziger Musikzeitung im Jahre 1833 (Sp. 414) über Kalkbrenner’s Auftreten dasclbft: „Scin Anschlag ist herrlich, sein Vortrag höchst geschmackvoll, bis ins Feinste nuancirt; man kann ihn unter die ersten Meister setzen.“ G. W. Fink, der Rcdacteur obiger Musikzeitung, der auch als Musikhistoriker bekannt ist, scheint ein ganz besonderer Verehrer Kalkbrenner“’s gewesen zu sein, denn seine zahlreichen Urtheile über ihn leisten an überschwenglichem Lob ganz Unglaubliches. So schreibt er im Jahre 1836 (Sp; 469): „K. kann der vollendete Meister seines.; Instrumentes genannt werden, der 1m Graziösen, Eleganten und präcis Bravourmächtigen so musterhaft dafteht, a]les mechanische Kunstvolle seines stets vollkommen abgerundeten Vortrags mit e1sier so.ruhevoll gemessenen, vom Kleinsten bis zum Größten sich erstreckenden S1chßrhe1t glänzend beherrscht, daß Jeder, der den Gipfel der Kunst noch nicht m e1genthümlicher Weise als Heimatöort ansehen dark, von ihm lernen kann und wird.“

Es fehlte aber auch nicht an Stimmen, die Kalkbrenner’s Leistungen auf [32] das .richtige Maß setzten und die durch Liszt’s, Chopin’s und Mendelsfohn’s Auftreten, während der Ruhezeit Kaltbrenner’s zur Erkenntniß gelangt waren, daß das Virtuosenthum ohne geniale Grundlage ein leeres, nur ein sinnberauschendes Getöne sei. Mendelssohn selbst, der so gerne lobte und wo es nur halbwegs ging, durch sein liebenswürdiges Lob selbst den Kleinsten anzufpornen wußte, schreibt im J. 1836 an seine Schwester Fanny (Familie Mendelssohn, Ausg. in 2 Bdn., 11, 37s): „Die Technik allein macht es nicht, daß geht vor- über und macht eben nicht mehr, wie K. zu seiner Zeit, und geht noch während ihres Lebens vorüber, wenn nicht etwas Besseres als Finger dabei ist." Auch Rellstab, welcher K. so hoch verehrte, sagt 1835, „die Schattenseite Kalkbrenner’s ist die, daß eine eigentliche Tiefe des Gekühls oder ein genialer großartiger Vortrag nicht an ihm bemerkt wird, so zart und graziös man auch seine melodische Auffassung, so rapid und energisch man seine Passagen nennen muß". Dies führt uns zugleich auf Kalkbrenner’s Leistungen als Componist. Einschließlich seines theoretischen Werkes und der Clavierschule, hat er es bis opus 190 gebracht. Sie bestehen zum großen Theile aus Sonaten, Phantafieen und Variationen für sein Instrument, doch hat er auch eine Anzahl Duos für Pianoforte und Violine und andere Kammermusik nebst Clavierconcerten geschrieben. Ein sehr ausführliches Verzeichniß seiner gedruckten Compositionen sindet man in v. Ledebur’s Tonkünstler-Lexikon Berlins (Berl. 1861). Die Verlagshandlung Probst in Leipzig veranstaltete sogar im J. 1829 eine Gesammtausgabe seiner Claviercompositionen und sind 10 stattliche Bände in Ouerfolio erschienen. Wir dürfen dieselben nicht nach unserem heutigen kritischen Maßstabe messen, der durch Gründung .der musikalischen Erziehung auf die klassischen Meister eine ganz andere Unterlage erlangt hat. Wie wenig Beethoven in der ersten Hälfte unseres Jahrhunderts selbst bei Musikern bekannt war, ja gerade diese sich am schroffften gegen ihn aussprachen, davon geben mannigfache Belege drastische Beispiele. So schreibt Mendelssohn am 22. Juni 1830 an Zt–lter (1, 13): „Hier, in München machen es die Musiker nun ganz wie der Organist (nämlich in Weimar, der zu Mendelssohn sagte: für die Leute müsse- man n11rschlechte, leichte Sachen componiren); sie meinen, gute Musik sri allerdings cinr Gotteisgabe, aber nur so in 8l-8t18(:t.O; denn sobald sie etwas spielen, so ist es daß Dümmste, Abgeschmackteste was sie nur finden können, und wenn daß den Leuten dann wie natürlich nicht gefällt, so meinen sit-, läge nur daran, daß es noch zu ernsthaft wäre. Selbst die besten Clavierspieler wußten kaum, daß Mozart und Haydn auch für das Clavier geschrieben hätten; Beethoven kannten sie nur vom Hörensagen; Kalkbrenner, Field, Hummel nennen sie klassische oder gelehrte Musik." Spohr spricht sich in seiner Selbstbiographie Cl, 228) im J. 184? noch über die 0–mo11-Symphonie von Beethoven in wahrhaft wegwerfenden Ausdrücken aus. So meint er vom ersten Satze, daß er trotz einzelner Schönheiten doch kein klassisches Ganze bilde, namentlich fehle dem Hauptthema dieWürde; der zweite Satz wirke ermüdend und der Schlußsatz beginne mit einem nichtssageuden Lärm und befriedige am wenigsten. Als ls42 Liszt seinen Triumph,zug durch Deutschland als Pianist hielt, spielte er z. B. in Breslau die kleinen Bcethoven’scht–n Sonaten op. 1J (1mi1(Stiqu(x). op. Ls c1se1ur mit den Variationen), op. 27 in 0js–mo11 (`:t1r1 k9tntsj-y und die schönsten Franz Schubert’schen Lieder für Clavier transcribirt, und begeisterte daß Publikum durch seinen Vortrag und seine hinreißende Ausdrucksweise dermaßen, daß die bi:-her wenig bekannten Componisten die populärsten wurden und jeder Stümper nun Beethoven spielen und Schubert singen wollte. Wenn man sich dies alles vergegenwärtigt, so wird uns erklärlich, daß einst Kalkbrenner’sche Compositionen, wie Mendelssohn sagt, für klas [33] fische Werke gelten konnten; sie verschwanden aber auch fast spurlos, sobald die wahrhaften Klassiker zur Gelt)mg gelangten- Um daher zu wissen, wie die Zeitgenossen einst beurtheilten und wie sie ihn fast ohne Ausnahme schätzten, greifen wir zu einer der unzähligen Reeensionen, die sich in der Leipziger Allgemeinen Musikzeitung befinden. Der schon mehrfach citirte Fink schreibt 1836 (Sp. 469) über ein Rondo op. 130 und Variationen op. 13r .... „In seinen späteren Compositionen hat sich daß individuell Künstlerische seines Wesens noch mehr herausgestellt und mit der feinsten Gewandtheit nie sich vergessender Zierlichkeit einen würdig gehaltenen Anstand verbunden, der ohne Schwanken sich fest auf dem glattesten Boden der glänzendsten Gesellschaftlichkeit mit einem Geiste bewegt, der das rechte Maß eines solchen Tones, gemischt mit besonnener Freundlichkeit und verbindlichster Selbstachtung nie überschreitet." Verständiger und weniger schwülstig schreibt Rellstab (a. a. O. S. 34h): „Als Componist ist K. nur für sein Instrument bedeutend geworden. Besonders ist es das berühmte Concert in l)–m011- welches wie kein einziges sonst in neuerer Zeit nach dem .4–mo11–Concerte von Hummel ein Lieblingsstück der Virtuosen und des Concert-Publikums geworden ist. Es verdient den ihm gegebenen Vorzug mit vollem Rechte, sowohl durch die brillanten eigenthümlichen Passagen, als durch den schönen Gesang und die geschmackvolle Orchesterbehandlung. Die Compositionen für das Pianoforte allein, welche dieser Meister geliefert hat, sind äußerst zahlreich und muß man in Beziehung auf ihren Werth einen Hauptunterschied machen; sie zerfallen nämlich in solche, welche er bloß der Mode und dem modernen Publikum zu gefallen schrieb (sit-he Mendelssohn’s Organist in Weimar) und in solche, wobei ihn ein höherer .skunstberuf leitete, - der, etwaß Ausgezeichnctces und Cigenthümliches für sein Instrument zu liefern. WAS die ersteren anlangt, so bestehen sie meistentheils in Rondo’s, Capriccio’s, sogen. Phantasien, Divertissements, Variationen u. dgl. galanten Formen mehr; sie sind eine artige Modewaare, werden aber auch mit der Mode verschwinden *). Höheren Werth haben einige Sonaten, unter welchen wir op. 4, 13, 35 und 42 namhaft machen. Besonders zeigt eine derselben, welche Cherubini gewidmet ist, daß K. auch im ernsteren und größeren Style Werthvolles zu schreiben im Stande ist, und daß ihn nur, wie so Viele, die Lockungen der Welt und ihre Vortheile so häufig auf andere Pfade führten, die weniger zum Tempel des Nachruhms als zu dem Ruhme der Gegenwart leiten.“ Darauf erwähnt Rellstab Kalkbrenner´s Clavierschule und stellt sie unter seine wichtigsten Werke, die er geschaffen hat. Ueber Kalkbrenner’s Charakter und seine letzten Tage giebt uns Gathy (a. a. O.) ein pielätvolles Bild. Er schreibt: „.sk. hatte Feinde und Neider, zum Theil wol nicht ohne Verschulden. Man warf ihm Hochmuth und Anmaßung vor, und er war allgemein, namentlich unter seinen Kunstgenossen, wenig beliebt. So viel ist aber gewiß, und aus vollem dankbaren Herzen ist es geschrieben, worin auch Jeder, der Aehnliches von ihm erfuhr, gern einstimmen wird: mit oder ohne Empfehlung war, wer vertrauensvoll zu ihm ging, gütig alFfgenommen, ein Fremder mit um so größerer Freundlichkeit, ein Deutscher vollends mit Freude und Liebe. Wer ihn länger kannte und mit ihm vertraulichen Umgang hatte, schätzte in ihm die aus gezeichnete Begabung und gewann ihn lieb. Schon seit einiger Zeit war er leidend gewesen und hatte sich endlich wieder erholt; v.on den Bädern von Ischia hoffte er gänzliche Wiederherstellung, und man glaubte thn allgemein schon abgereist, als plötzlich die unerwartete Nachricht „*) Heute, 1881, werden noch „l.z femme (1u ms.1–i1r und daß K0m!0 op. 32 als Studienp1ecen von Schülern exercirt.

!l’. Z [34] seines in dem nahen Flecken Enghien bei Paris am 10. Juni 1849 erfolgten raschen Todes erscholl, den er sich durch unvorsichtige Selbstbehandlung zugezogen haben mag. Er starb im 63ften Jahre seines Alters, noch rüstig und bei großer Regsamkeit des Geistes. Seine Wittwe, Tochter des Generals d’Estaing und Großnichte des berühmten Admirals dieses Namens bleibt mit einem Sohne, Arthur, zurück, auf den das Talent des Vaters überging. Er ruht auf dem Kirchhofe Montmartre."

Rob. Eitner.
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