ADB:Krause, Karl Friedrich Theodor
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Krause: Karl Friedrich Theodor K. Obschon K. in den letzten Decenuien seines thatenreichen Lebens vorwiegend dem Medicinalwesen in Hannover vorstand, muß derselbe doch in der Reihe der Anatomen und Physiologen der guten alten Schule seinen Platz finden. Die anatomischen Specialarbeiten Kranse`s, -die Abfassung des vorzüglichen Handbuches der menschlichen Anatomie, sowie seine Thätigkeit als Lehrer der Anatomie und Physiologie an der chirurgischen Schule zu Hannover sichern ihm eine hervorragende Stellung unter den besten Anatomen seiner Zeit. K. wurde am 15. December 1797 zu Hannover als daß fünfte Kind des damaligen Rectorz am städtischen Gymnasium dortselbst, des 1828 in Göttingen gestorbenen Superintendenten Johann Christian Heinrich K. geboten. K. verdankte in erster Reihe seinem Vater seine klassische Bildung und anfängliche Bestimmung zum Philologen. K. war das Urenkelkind jener bekannten Doctorin Dorothea Christiane Erxleben, geb. Leporin, welche 1742 die Ansehen machende Schrift „Gründliche Untersuchung der Ursachen, die das weibliche Geschlecht vom Studiren abhalten" 2c., verfaßt hat. K. brachte seine ,Jugendzeit in .Idensen, wo sein Vater Pastor wurde, zu und mit den Klassikern in der Tasche mußte er dort das der Pfarrei beigegebene Oeconomiegut mit beaufsichtigen. 1812 besuchte er zu Hannover das Gymnasium und schon während des Besuches als Primauer machte er eingehende Studien in der dortigen anatomischen Anstalt und konnte 1814 als Cleve in dem unter Wedemeyer stehenden Militärhospital in Hannover und 1815 als Unterwundarzt in die hannoversche Armee eintreten. K. machte den Feldzug mit und mußte nach der Schlacht von Waterloo noch längere Zeit in den Militärhospitälern von Brüssel“ und Antwerpen Dienste leisten. Als der Feldzug beendet war, ging er mit Urlaub und Fortbezug seiner Militätgage nach Göttingen, und immatrikulirte sich dort am 10. Mai 1816 mit gleichzeitigem Eintritt bei C.J. M. Langenbeck als Specialassiftent. Langenbeck, welcher K. in sein Haus aufnahm, übte einen nachhaltigen Einfluß auf denselben aus, denn von dieser Zeit an wurde die Anatomie sein– Lieblingsstudium. Neben Langenbeck waren es in der Physiologie Blumenbach, in der Pathologie Himly und in der Geburtskunde Ofiander, Männer von großer [80] Bedeutung, welche den begabten Jüngling vielseitig antegten. Im 22. Jahre erhielt er auf Grund eines vorzüglichen Cxamens und der Abhandlung „Ueber die Function der Thymus sein Doetotdiplom. Schon in dieser Schrift Kraufe’s ist eine Richtung vertreten. welche von der speculativen Denkart der damaligen Forscher auffallend abweicht. Die nüchterne Würdigung der Thatsachen steht bei ihm oben an. Schon bei seiner Niederlassung als praktischer Arzt in Hannover beginnt gleichzeitig eine fruchtbare schriftstellerische Thätigkeit; er übersetzte eine Abhandlung von Moreau: „Verfuch über die Refection der Extremitäten cariöser Gelenke mit einer Vorrede von Wedemeyer“ (1821). Dieser Schrift reihte sich eine andere chirurgische Arbeit: „Bemerk1mgen über die Gefahr des Ausziehens großer Blasensteine“ 2c. von H. Earle unmittelbar an (Langenbeck’s neue Bibliothek für Chirurgie, 1821, Bd. IIl S. 347). .Im J. 1821 erhielt K. die Leitung der unter einem General-Vaccinations Comit(s stehenden öffentlichen Impfanstalt für das Königreich Hannover, welche Stellung er bis 1833 beibel;ielt. 1822 übertrug man ihm die Stelle eines Landchirurgus des großen Physikatbezirkes Hannover. Mit der Uebernahme dieser Stellung dehnte sich seine Praxis in bedeutendem Grade aus und noch mehr, als er 1827 Landphysikuz und 1853 Obergerichtspl;ysikus wurde. Die anatomische Thätigkeit Ktause’s begann schon 1820, indem der damalige Hofmedicus Heine ihn zum Projector an der chirurgischen Hochschule in Hannover wählte; trotzdem der junge Projector einige Zeit hindurch allgemeine Chirurgie und specielle Therapie laß, wendete er sich doch immer mehr der Anatomie zu und erhielt 1829 die Professur für Anatomie und Physiologie an der genannten Schule. Nachdem diese Anstellung erfolgt war, heirathete er die Tochter seines Lehrers und Gönners Heine. Die in den weiteren Jahren ausschließliche Beschäftigung Krauses mit der Anatomie brachte eine Anzahl von Arbeiten einschlägigen Inhalts an die Oeffeutlichkeit. Er lieferte eine Beschreibung `der näheren Beziehungen der 1llusou1i is(:bioc:m-r1108j zu den Schwellkörpern des Penis; in diese Periode fällt auch die werthvolle Untersuchung über die Gestalt und die Dimensionen des Auges. Bei dieser Untersuchung wurden zum ersten Mal mit Hilfe sorgfältig ausgedachter Methoden die Dimensionen und Ktümmungsflächen des menschlichen Auges, welche für optische Zwecke so wichtig sind, näher bestimmt, eine Arbeit, welche die Aufmerksamkeit der Anatomen und der Physiologen auf den exact forschenden jungen Gelehrten lenkte. Trotzdem K. nach dem Tode Heiue’s (1833) durch Arbeiten noch bedeutender, als es bislang der Fall war, belastet wurde, erschien doch in dem angegebenen Jahre der erste Theil seines Handbuches der menschlichen Anatomie (Hannover bei Hahn,), ein Buch, welches in allen Beziehungen eine Originalarbeit genannt werden muß. Die damalige Zeit war arm an anatomischen Lehr- oder Hcmdbüchern. Die Schriften von Rofenmüller und Hempel bewegten sich fast allein in den Händen der Studirenden. Da erschien denn eine p1unklose Beschreibung aller Systeme des menschlichen Körpers, welche an Genauigkeit nichts zu wünschen übrig ließ. Noch gegenwärtig haben die Mittheilungen Krauses, besonders jene über Gewichte und Maße des ganzen Körpers sowol, als auch seiner einzelnen Theile, vollgiltigen Wett!). In diesem Buche wurde auch zum ersten Male mitgetheilt, daß das Herz quergestreiste Muskelfasern besitze. Sowol die makroskopische als auch die mikroskopische Beschreibung der Gewebselemente sand hier einen klassischen Ausdruck. Während in demselben einerseits so manche Kapitel in Folge trockener Beschreibung einen monotonen Charakter erhalten haben, ist doch andererseits durch kurze und klare physiologische Bemerkungen und topographisch-anatomische Angaben daß Ganze belebt und interessant gemacht. In demHandbuche.Krause’s ist die topographischanatomische Richtung mit klarem Bewußtsein festgehalten und hierdurch ist auch [81] ausgedrückt, daß diese Arbeit die Aufgabe haben soll die Aerzte gründlich anatomisch durchzubilden. Im J. 1841–43 erschien die zweite Auflage dieses Buches, in welcher gesagt wurde, daß daßelbe nach eigenen llntersuchungen und mit besonderer Rücksicht auf das Bedürfniß der Studirenden, der praktischen Aerzte, Wund- und Gerichtsärzte verfaßt sei. Eine Anzahl neuer Beobachtungen sind in demselben aufgenommen, so das Vorhandensein acinöser Dtüsen in dem Koruj1( con„juuctjy8.9; die einzelnen Schichten der Retina mit ihrer Ganglienlage erfahren hier eine sorgfältige Beschreibung; die Existenz von Ganglien in dem O1–bicu1us ci1i0.ris wird constatirt und die Ansichten von dem Vorkommen petiphetischer Endschlingen an den Sinnes= und anderen Nerven finden eine entschiedene Bekämpfung. Alle diese Angaben Krause`s, welche sich auf eigene Untersuchungen stützten, fanden mit Hilse der bedeutend verbesserten Untersuchungsmethoden der Neuzeit von den verschiedensten Seiten volle Bestätigung. Kaum ein Jahr nach Herausgabe dieser Auflage erschien von K. abermals eine höchst werthvolle Originalarbeit: „Physiologische Untersuchungen der menschlichen Haut“, welche eine Zierde des von R. Wagner redigirten Handwörterbuchs der Physiologie darstellt; mit dieser Abhandlung trat K. auch in die Reihe der experimentellen Physiologen und der Histologen ein. Da lag es denn auch nahe, daß deutsche Universitäten Heinen so ausgezeichneten Forscher zum Lehrer zu gewinnen suchten. Den Berufungen, welche von“ Tübingen und Dorpat an K. gelangten, gab er keine Folge, theils weil die Regierung von Hannover Alles aufbot, um ihn an der Spitze des Medicinalwesens zu erhalten, theilts weil seine Frau ihren Geburtsort zu verlassen keine Neigung hatte. Die Erhaltung Krause´s in Hannover wurde denn auch für dessen Lebenszeit dadurch erreicht, daß man ihn zum Dirigenten des Ober-Medicinal-Collegiums im J. 1852 ernannte. Aber schon 1851 war er in der Lage die ihm nach Langenbeck’s Tod angetragene anatomische Professur in Göttingen abzulehnen. Auf seinen Schüler Kohlrausch. welchem nach Aufhebung der chirurgischen Schule in Hannover (1851) die Leitung der anatomischen Anstalt übertragen wurde, wirkte K. ebenso vortheilhaft ein, wie auf seinen Sohn Wilhelm, dessen derzeitige Stellung in Göttingen durchaus nicht entsprechend ist den sehr hervorragenden Leistungen, welche derselbe als AnatOm und Histologe auszuweisen hat. Die nach 1866 in Hannover eingetretenen neuen Verhältnisse mußten auf einen Mann, der für sein engeresz, ihm lieb geworden-es Vaterland mit seinen besten Kräften gearbeitet hatte, verstimmend einwirken; er betrauerte den Verlust der Unabhängigkeit Hannovers, leistete jedoch später einen neuen Eid, hielt sich aber von jenem engher,-.igen, einseitigen Treiben so Bieler in diesem Lande ferne. Am 8. Juni 1868 starb K., der von Fürsten und wissenschaftlichen COrporationen hoch geehrt worden war, an den Folgen von Gefäßerkrankungen. Als gewissenhafter Forscher, als anregender Lehrer, als trefflicher verdienstvoller Leiter des Medicinalwesens im ehemaligen Hannover und als ein Ehrenmann im privaten und öffentlichen Leben wird er in der Geschichte immer genannt bleiben.
(Mit spezieller Berücksichtigung einer von seinem Sohn veröffentlichten Biographie.)