ADB:Theile, Johann
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Theile: Johann Th., ein Musiker des 17. Jahrhunderts, geboren am 29. Juli 1646 zu Naumburg- † am 24. Juni 1724 ebendort. Sein Vater war ein Schneider. Seine Schulbildung erhielt er in Magdeburg und Musikunterricht genoß er beim Cantor Scheffler. Nach Beendigung des Gymnasialunterrichts bezog er die Universität zu Leipzig. Hier betheiligte er sich mehrfach an musikalischen Aufführungen, bald als Sänger, bald mit der Viola da Gamba. Von hier aus besuchte er den Capellmeister Heinrich Schütz, der sich damals vorübergehend in Weißensels aufhielt und bei dem er Unterricht in der Composition nahm. Darauf ging er nach Stettin als Musiklehrer, dann nach Lübeck. ,Im J. 1673 berief ihn der Herzog Christian Albrecht von Schleswig-Holstein zum Capellmeister nach Gottorp. Im Vorwort zu seiner Passion, die 1673 erschien, erwähnt er seines so schleunigen Umzuges von Lübeck nach Gottorp, daß er weder das Manuscript der Passion nochmals dutchsehen, noch den Druck derselben beaussichtigen konnte. Seins Bleibens in der angenehmen Stellung in Gottorp war aber nicht lange, denn schon im J. 1675 mußte der Herzog infolge des Krieges mit König Christian 7. Von Dänemark nach Hamburg flüchten. So kam auch Th. nach Hamburg, Musikunterricht ertheilend, bis ihn um 1685 oder 86 Herzog Anton Ulrich von Braunschweig-Wolfenbüttel an Roseumüller’s Stelle [671] zum Capellineister berief. Von da ging er 1689 nach Weißenfels in gleicher Stellung. Als Componist genOß Th. eines bedeutenden Rufes, so daß sogar der kunstsinnige Kaiser Leopold I. ihn mit Aufträgen beehtte und sie gut honoritte. Auch die Königin Sophie Charlotte von Preußen, Tochter des Kurfürsten Ernst August von Hannover, stand mit ihm seit 17O1 in Unterhandlungen, um ihn zu bewegen, als Capellmeister nach Berlin überzusiedeln, doch der plötzliche Tod derselben vernichtete alle Pläne. Die letzten Lebensjahre verlebte Th. bei “seinem Sohne, einem Organisten in Naumburg, wo er auch seine Tage beschloß. Während seines Aufenthaltes in Hamburg betheiligte er sich eifrig an der 1678 erstehenden deutschen Oper; er schrieb, als der erste, die Musik zu denHersten Aufführungen: Christian Richter’2 „Der erschaffene, gefallene und ausgerichtete Mensch“ (mit dem das Theater 1678 eröffnet wurde) und zur zweiten Oper desselben Jahres: „Orentes, oder der verlorene und wiedergefundene königliche Prinz aus Candia“ (wahrscheinlich von Elmenhorst). Ferner „Die Geburt Christi“, 1681 gegeben. Von diesen Compositionen hat sich nichts erhalten; die letzten Ueberreste aus der Zeit der hamburger Oper kaufte Pölchau in Hamburg und sie befinden sich jetzt in der königl. Bibliothek zu Berlin. An Drucken sind überhaupt von ihm bis jetzt aufgefunden: „19s8jo 1)ominj uostrj .Jesu 01sirjsti 88Ounc1um kJ7:Ong. 1U8,ttbsum 0o11 ö: 8ine Stromsi1tj. Oder das Leiden und Sterben unsers Herrn Jesu Christi“ . . . mit 5 Instrumenten in denen Ritornellen und 5 Singstimmen zu den Chören . . . In Verlegung Michael Volcken, Gedruckt durch seel. Gottfr. Jäger’s Erben (in Lübech 1673. 12 Stb. in fol. (mit den Solostimmen Jesu’s und des Evangt-listen) und „Weltliche Arien und Canzo– netten“ mit 1. 2. 3. Zehen mit 1, 2, bis 4 Bocalstimmen. Leipzig 1667. 4o. 6 Stb. für Singstimmen und Instrumente. Beide Drucke nur bekannt in einem Exemplar in der Universitätsbibliothek zu Upsala. In der Stadtbibliothek zu Leipzig befindet sich noch die Tenorstimme zu „su–8 1Jrj111z 181jszrum 4 St 5 yo0um. 1s’rs uc:okurc. 1673. 4o. Zahlreicher haben sich seine Werke in Handschriften erhalten. Das Joachimsthal“sche Gymnasium zu Berlin besitzt eine „Icklis„- worinnen die Drey Haupt-Contrapunkte enthalten“ . . . zu 4 Stimmen und eine „8onsts. mit Drey doppelt verkehrten 8ubIsc:tis für 2 Violinen, Violoncello und Clavier, in 3 Sätzen. Beide Compositionen befinden sich im Ms. 451 (gedruckter Katalog Nr. 417) in dem theoretischen Werke: „JOh. Th.’s Musicalisches Kunst-Buch Worinnen ganz sondetbare Kunst-Stükke und Geheimnisse, welche aus denen doppelten Contrapuncten entspringen, anzutreffen sind.“ 39 S. in hoch fol. in Reinschrift. Die Bibliothek besitzt dasselbe noch in zwei Copien, die einige Aenderungen enthalten. Auch die königl. Bibliothek zu Berlin besitzt dasselbe in einer Handschrift von dem Weimarer J. G. Walther und die Hofbibliothek in Darmstadt in einer von Wunderlich copirten. Die königl. Bibliothek zu Berlin besitzt außerdem an Comvositionen: 1 Messe zu 5 Stimmen St OA11ena von 1680, 1 Litaney, 6 lateinische Psalmen, 12 deutsche Motetten oder Cantaten. Die Universitätsbibliothek zu Upsala in Tabulatur-Partitur und in Stb. 6 Motetten und „Die Geburt unsers Herrn Jesu Christi in 3 Actus. Textanfaug,: Macht euch zum Streit gefaßt, Chor zu 1.0 Stimmen. Ferner eine 8Ousts. T3. 4 für 1 Violine, 2 Viole, Violone und B:-1.88us oo11tj11uO und eine 8ons.ts d- 4 zu 2 Violinen, Trombone, Fagott und BASS. cout. Professor F. Zelle zu Berlin hat über Th. eine kurze aber werthvolle Arbeit im Schulprogramm des Humboldt-Gymnasiums zu Berlin 1891 veröffentlicht. Er theilt darin mehrere Tonsätze sowohl aus dem Musicalischen Kunst-Buch als aus der Passion mit, die mi8 doch einen kleinen Blick in die Schreibweise Theile’s gewähren. Sie schließt sich eng au diejenige seiner Zeitgenossen an: Einfach im sAusdrucke wie in den Mitteln, kleine kurze Gedanken, die man weder als
[672] Melodie, noch als Motiv auffassen kann, sondern die sich mehr dem Recitativ nähern. Selbst die mitgetheilte Arie ist nur der ausdrucksvoll vorgetragene Text mit einem B8.88us oo11tiuuus, der einst auf dem Claviere harmonisch ausgefüllt wurde. Interessanter wäre jedensalls, die Bekanntschaft seiner Messen zu machen, denn die mitgetheilten Proben gewähren einen zu beschränkten Einblick in seine Leiftungen. Noch eine Choralbearbeitung für Orgel sei erwähnt über das Lied: „In dich hab ich gehoffet Herr“, die sich im Neudruck in Körner’s Orgelvirtuose Nr. 45 befindet. (Biographie nach Mattheson’s Ehrenpforte, Gerber’s Neuem biogr. Lexikon und obiger Arbeit vom Professor F. Zelle.)