ADB:Ullrich, Titus

aus Wikisource, der freien Quellensammlung
Wechseln zu: Navigation, Suche

Empfohlene Zitierweise:

Artikel „Ullrich, Titus“ von Ludwig Julius Fränkel in: Allgemeine Deutsche Biographie, herausgegeben von der Historischen Kommission bei der Bayerischen Akademie der Wissenschaften, Band 39 (1895), S. 201–203, Digitale Volltext-Ausgabe in Wikisource, URL: http://de.wikisource.org/w/index.php?title=ADB:Ullrich,_Titus&oldid=1799111 (Version vom 31. Juli 2014, 05:49 Uhr UTC)
Allgemeine Deutsche Biographie
>>>enthalten in<<<
[[ADB:{{{VERWEIS}}}|{{{VERWEIS}}}]]
Band 39 (1895), S. 201–203. (Quelle)
Wikisource-logo.png [[| bei Wikisource]]
Wikipedia-logo-v2.svg Titus Ullrich in der Wikipedia
GND-Nummer 117282898
DNB: Datensatz, Rohdaten, Werke
Online-ADB/NDB, weitere Angebote
korrigiert
Dieser Text wurde anhand der angegebenen Quelle einmal Korrektur gelesen. Die Schreibweise sollte dem Originaltext folgen. Es ist noch ein weiterer Korrekturdurchgang nötig.
Kopiervorlage  
* {{ADB|39|201|203|Ullrich, Titus|Ludwig Julius Fränkel|ADB:Ullrich, Titus}}    

{{Normdaten|TYP=p|GND=117282898}}    

Ullrich: Titus U. (nicht Ulrich), Dichter, Dramaturg und Kunstkritiker, wurde am 22. August 1813 als Sohn eines Landwirths zu Habelschwerdt bei Glatz geboren. Dahin war Ullrich’s Mutter des Krieges wegen zu ihrem Vater geflüchtet, und von diesem bekam er auch den ersten Unterricht. Seit 1825 besuchte er das katholische Gymnasium zu Glatz, hat aber später seine streng religiöse Erziehung nie irgendwie bethätigt, und bezog 1832 die Universität Breslau, 1833 die zu Berlin. Philosophie und Alterthumswissenschaften fesselten den feinen, schier unmerklich aber stetig arbeitenden Geist des untersetzten, schmächtigen Studenten, dessen Plan, nach der Promotion (1836) sich als akademischer Docent der geliebten Fächer niederzulassen, des Vaters Tod zerstörte. Nun mußte er sich als Privatlehrer durchschlagen, verlor aber, obzwar oft hart bedrängt, den Drang des Forschens nicht, fand dazu in der Poesie Trost und Muth. Er hat sich damals nicht bloß eine erstaunliche Bedürfnißlosigkeit angeeignet, sondern auch im Verkehr mit dem Haupte der Jung-Hegelianer, Bruno Bauer, und noch mehr dem frühverstorbenen originellen Max Stirner (s. A. D. B. XXXVI, 258), eine gründliche modern-philosophische Bildung. Trotz seines Zurückhaltens und der zeitlebens nie verleugneten Bescheidenheit war er in einem Berliner privaten litterarisch-künstlerischen Club strebsamer Jüngerer, „Rütli“ (1844 bis 1848), eine Art Mittelpunkt. Aus dem stillen, aber keineswegs vereinsamten Schaffen dieser Periode ging „Das Hohe Lied“ hervor, eine episch-didaktische Dichtung von völlig selbständigem Gepräge, die, auf einem „Pananthropismus ruhend, die dem Menschen innewohnende ewige Intelligenz auf den Thron hob. Das dazumal arg verfängliche Motto „Ein Jeder ist geboren König zu sein und Priester der eigenen Gottesnatur“ läßt eine rein politische Tendenz erwarten; doch spitzt sich die Idee des reinen Gedankengedichts in den Satz „Und immer übrig bleibt allein der Mensch“ (S. 192 u. 195) zu. Nach längerer Verlegersuche deckte C. G. v. Puttkamer das Werk, das gerade von der sogenannten Zwanzigbogen- Freiheit der Censur Gebrauch machen konnte, mit seinem Namen (1845); aber die umfängliche „Rest-Auflage“ wanderte später zum Antiquar. Trotzdem hat es damals, nicht nur in den Kreisen der modernen Richtung und von Ullrich’s Freunden, erhebliches Aufsehen erregt. Die Schönheit und der Schwung der Form eroberten dem Buche, das weder Feuerbach’s Pantheismus, noch gar der Hegelianer Dienst des „Absoluten“ poetisch verklären wollte, eine kleine wirklich andächtige Gemeinde.

Danach hat sich U. nur noch ein einziges Mal zu längerer Concentration gesammelt. Der gewaltige Fortschritt der politisch-socialen Bewegung ging an seiner Muse auf die Dauer doch nicht spurlos vorüber. War „Das hohe Lied“ [202] eben in höheren Sphären erklungen, so hatte es doch schon gepredigt, es sei Pflicht der Menschheit, die Ketten zu sprengen, in die der von ihr selbst willkürlich geschaffene und nunmehr als falsch erkannte Gott sie zwinge, und die Natur durch den „Gedanken“ zu erlösen. „Victor“ (Ende 1847 mit der Ziffer 1848 als letztes vor den Märztagen beschlagnahmtes Preßerzeugniß erschienen), ist ein radical gesinnter deutscher Flüchtling, der sich in der Schweiz mit einem Polen in der Schwärmerei für allgemeine Freiheit verbrüdert. Inhaltlich und sprachlich stehen diese Declamationen unter dem erhobenen Ton, auf den „Das Hohe Lied“ gestimmt gewesen war. Man merkt es, daß hier ein Poet, der nichts weniger als ein Mann der That ist, Ereignisse der jüngsten Wirklichkeit vorführen will. Der Strom der Revolutionsjahre spülte mit vielen Leidensgeführten Victor weg, und später gruselte es seinen Schöpfer wol selbst vor dem Wildfange. Doch ließen die damaligen Litterarhistoriker aus beiden Lagern sich die zwei Poeme Ullrich’s nicht entwischen: des doctrinären Jungdeutschen Theod. Mundt Gesch. d. Lit. d. Gegenw. (2. Aufl.) pries sie dermaßen, daß es U. gewiß unheimlich ward, und W. Menzel, der Wortführer der litterarischen Reaction, verdammte sie (Gesch. d. dtsch. Dchtg. III) scharf. Ullrich’s Flugblatt „Die Todten des 18. März. Requiem“ (1848; 2. Aufl. 1849) ist relativ maßvoll.

Sein 1848 als Berichterstatter für Theater und Kunst erfolgter Eintritt in die Redaction der eben gegründeten „Nationalzeitung“ gab U. äußerliche Sicherheit und angenehmen Wirkungskreis. So konnte er 1854 mit einem längeren Aufenthalte in Italien einen von jeher gehegten Wunsch erfüllt sehen, und drei Jahre später besuchte er aus Anlaß der großen Kunstausstellung zu Manchester Großbritannien, auf der Rückkehr Belgien und Paris. Seine feinsinnigen „Reifestudien aus Italien, England und Schottland“ (meist in der „Nationalzeitung“) erschienen 1893 gesammelt. Mit viel Lust und Liebe, Unvoreingenommenheit und Gründlichkeit erfüllte U. die Aufgabe als Kunst- und Bühnenreferent – man sehe die Artikel über Cornelius, Preller, Euripides, die Rachel, die Ristori, Uhland’s „Ernst“ bei der Berliner Première October 1853 – und Generalintendant Botho v. Hülsen forderte ihn, zu eindringlicherer Ausnutzung seiner einschlägigen Ansichten, auf, ins Bureau der Leitung der königl. preußischen Theater überzugehen. Ende 1860 vertauschte er sein journalistisches Kritikeramt (ausgewählte „kritische Aufsätze über Kunst, Literatur und Theater“ 1894) mit dem officiellen und besorgte als Intendanzsecretär 27 Jahre hindurch den meisten Verkehr der Hofbühne mit Dramatikern, Schauspielern u. s. w. sowie den wesentlichen Entscheid über Annahme und Ablehnung der eingereichten Stücke; er hat deren nach und nach über 8000, die Mehrzahl in der Handschrift, genau gelesen und begutachtet, wobei im Leseausschuß sein Urtheil maßgebend war. Als er am 1. Juli 1887 als Geheimer Intendanturrath in den Ruhestand trat, konnte er auf fast sechstehalb segensreiche Arbeitslustra auf diesem Felde zurückblicken. wo er sich durch große Sachkenntniß und kaum geringere Gewissenhaftigkeit die lebhaften Sympathien aller Betheiligten gewonnen hatte. Freilich für den Fernerstehenden blieben seine Verdienste im Dunkeln, und weder das Publikum noch in manchen Fällen wol selbst der betreffende Autor ahnten, daß Aufführung dieser oder jener Novität, Entdeckung eines verheißungsvollen Talentes u. ä. seinem überlegten Rathe zu danken sei.

Das einfache und unaufdringliche äußere Leben Ullrich’s hatte sich durch die Ende der fünfziger Jahre geschlossene glückliche Ehe mit Emilie Ribbeck, die ihm theilnehmende Geistesgefährtin, später Herausgeberin ward, kaum verändert. Den regelmäßigen Sommerurlaub verbrachte er am liebsten an einem traulichen Fleck der bairischen Alpen, namentlich zu Tegernsee, zuletzt gesundheitshalber zu Ragatz. Bei dieser Gelegenheit erwachte seit 1868 seine Lyrik [203] aufs neue, und den gesichteten Ertrag von zwanzig Jahren bot er dann 1890 als „Dichtungen“ dar, zu eigener und fremder ehrlicher Befriedigung. Einem Freunde schrieb er damals: „Ein großer Uebelstand für mich war immer der, daß ich alle diese Verse nur nebenher machen und ihnen fast niemals meine ganze unbehinderte Stimmung widmen konnte. Ich traue mir bei aller Bescheidenheit zu, daß ich unter freien, auskömmlichen Verhältnissen ganz Anderes geleistet hätte, und daß mir nicht die Zeit der vollsten Kraft von 1852 bis 1868 verloren gegangen wäre. Eine trübe Erkenntniß!“ Bis zuletzt weihte er die unermüdete Feder der Muse: fast zwei Jahre nach dem Tode, 1893, noch erschienen in der Monatsschrift „Nord und Süd“ (XVII, 221–228) Gedichte, ansprechend in jeder Hinsicht. Am 17. December 1891 starb er zu Berlin.

Vgl. Menzel a. a. O. III, 481; desgl. Th. Mundt (s. o.), Brümmer, Lex. d. dtsch. Dcht. u. Pros. d. 19. Jahrh. II, 417 f. (’Das hohe Lied‘ falsch als Drama bezeichnet). Genaue biographische Notiz Voss. Ztg. vom 18. Dec. 1891, Rubrik „Kunst, Wissensch. u. Litt.“ Gut behandelt ihn aus persönlicher Bekanntschaft Rud. Genée (an ihn obige Briefstelle): National-Ztg. vom 23. Dec. 1891 u. 11. Oct. 1894 (G.) und im Vorwort (vgl. S. 189 A.) der „Reisestudien“. Schreibart öfters falsch Ulrich (Menzel; Ad. Stern, Lex. d. dtsch. Nationallitt. S. 370; Vapereau, Dict. des contemporains S. 1538, der ihn mit sonderbarem Irrthum de son père une éducation française erhalten läßt, u. a.). Die „Berliner Dramaturgie“ (1877) Karl Frenzel’s, der seit 1862 sein Nachfolger an der National-Ztg. ist (s. das. I, 19), illustrirt gleichsam Ullrich’s amtliches Eingreifen (vgl. auch das. II, 422 ff.). Vgl. Th. Fontane, Chr. Fr. Scherenberg u. das literarische Berlin von 1840–1860 (1885).[1]
Ludwig Fränkel.

[Zusätze und Berichtigungen][Bearbeiten]

  1. S. 203. Z. 24 v. o.: Vgl. Max Schasler, Ueber ein halbes Jahrhundert. Erinnerungsblätter aus d. Leben eines alten Burschenschafters (1895), S. 24. [Bd. 45, S. 674]