De vulgari eloquentia/I. Buch – Zweites Kapitel

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Autor: Dante Alighieri
Titel: Über die Volkssprache (De vulgari eloquentia)
Untertitel: I. Buch – Zweites Kapitel
aus: aus Dante Alighieri's prosaische Schriften mit Ausnahme der Vita Nova – Zweiter Theil.; S. 96-98
Herausgeber: Karl Ludwig Kannegießer
Auflage: o. A.
Entstehungsdatum: ca. 1304
Erscheinungsdatum: 1845
Verlag: F.A. Brockhaus
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Erscheinungsort: Leipzig
Übersetzer: Karl Ludwig Kannegießer
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Quelle: Google und Scans auf commons
Kurzbeschreibung:
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[96]

Zweites Kapitel.
Daß der Mensch allein den Austausch der Rede hat.


Diese ist unsere erste wahre Sprache, ich sage aber nicht unsere, als ob es noch eine andere gäbe als die des Menschen: denn von Allen, die vorhanden sind, ist dem Menschen allein das Sprechen verliehen, weil es ihm allein nothwendig war. Nicht den Engeln, nicht den niedern Geschöpfen war es nothwendig, sonder unnütz wäre es ihnen verliehen worden, was denn die Natur zu thun verschmäht. Denn wenn wir genau zusehen, was wir beabsichtigen, wenn wir sprechen, so leuchtet ein, nichts Anderes, als die Vorstellung unsers Geistes Andern kund zu machen. Da nun die Engel zur Eröffnung [97] ihrer glorreichen Vorstellungen die bereiteste und unaussprechliche Genüge des Verstandes haben, wodurch sowol einer dem andern sich an sich völlig kund gibt, als auch wenigstens durch jenen glänzendsten Spiegel, in welchem alle auf das schönste sich darstellen und sich aufs begierigste schauen, scheinen sie keines Zeichens der Rede bedurft zu haben. Und wenn rücksichtlich der Geister ein Einwurf gemacht würde, welche fielen, kann auf doppelte Weise geantwortet werden. Zuerst, daß, wenn wir von Dem handeln, was zum Wohlbefinden nöthig ist, wir Diejenigen übergehen dürfen, welche als Verderbte die göttliche Sorge nicht haben erwarten wollen. Oder zweitens, und besser, daß selbst die Dämonen, um ihre Treulosigkeit unter einander kund zu thun, nicht zu wissen bedürfen, als wer, von wem, warum und wie groß er ist, was sie ja wissen; denn sie haben vor dem Sturz einander kennen gelernt. Auch für die niederen Geschöpfe, da sie blos von dem Naturtriebe geleitet werden, brauchte nicht an Rede gedacht zu werden, denn alle von derselben Art haben dieselben Thätigkeiten und Zustände und können so durch eigenen die fremden kennen lernen. Unter denen aber, welche von verschiedenen Arten sind, war die Sprache nicht allein nicht nöthig, sondern sie wäre durchaus schädlich gewesen, da kein freundlicher Verkehr bei ihnen gewesen wäre. Und wenn ein Einwurf hergenommen würde von der zu dem ersten Weibe sprechenden Schlange oder von dem Esel des Bileam, daß sie gesprochen haben, so antworten wir hierauf, daß der Engel in diesem und der Teufel in jener so wirkten, daß die Thiere selbst ihre Werkzeuge bewegten, daß daraus eine bestimmte Sprache erfolgte wie eine wahre Rede, nicht als ob das der Eselin etwas Anderes gewesen wäre als ein Schreien, oder das der Schlange als ein Zischen. Wenn aber Jemand einen Schluß dagegen machte nach Dem, was Ovid sagt im fünften Buch der Metamorphosen von den sprechenden Spechten, so sagen wir, daß [98] er dies figürlich sagt, Anderes darunter denkend.[1] Und wenn gesagt wird, daß Sprechte und andere Vögel annoch sprechen, so sagen wir, daß dies falsch ist, weil eine solche Aeußerung nicht ein Sprechen ist, sondern eine Art von Nachahmung des Tons unserer Stimme, oder daß sie streben uns nachzuahmen, insofern wir Töne von uns geben, aber nicht insofern wir sprechen. Daher wenn einem deutlich Sprechenden ein Specht dies zurückschallen ließe, so wäre dies nur eine Nachbildnug oder Nachahmung des Tones Dessen, der zuerst gesprochen hätte. Und so leuchtet ein, daß dem Menschen allein das Sprechen gegeben worden sei. Aber warum es ihm nothwendig war, wollen wir kürzlich abzuhandeln versuchen.


  1. Siehe das Gastmahl, dritte Abhandlung, siebentes Kapitel
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