Elegien (Keller)
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Elegien.
Erste.
Süß ist Amors verbotene Frucht, und süß ist das Mädchen, 5
Dreht sie, rückwärts sehend, das schwarze schalkhafte Auge, Winkend nach mir, und ich kenne den schelmischen Wink, [205]
Von der Höfe Betrug, von weisen Ministern und Fürsten, 10
Von Buonaparte’s Kampf, Mantua’s nahem Entsatz,Neben mir stehet das Mädchen, die Augen lieblich gesenket, 15
Sagt sein kluges Bedünken, woran es fehlet, was jetzo In der kritischen Zeit ungesäumt wäre zu thun. [206]
Nun ergreift er den Hut, wir sehen mit stockendem Odem 20
Aengstlich harrend ihm nach, ob er wohl kehre zurück,Und nun faßt er die Pfoste, er öffnet die Thüre, er schließt sie 25
Ach, wir liebten uns lange, und durften’s lang nicht gestehen, Doch der Herzen Begier sprach der beredtere Blick, [207]
Lasen die Seufzer Francesca’s. und ihre Thränen im Orkus, 30
Und wir weinten mit ihr, fühlten Paolo’s Qual,Als wir dahin gelesen, wo sittsam das Mädchen erzählet, 35
Von dem schönsten Gefühl, von meinem Feuer ergriffen Sank ihr holdes Gesicht still auf das meinige hin, [208]
Seufzend rief ich: o Nina! – da starb im Drang der Empfindung 40
Jeder stammelnde Laut mir auf den Lippen dahin.Halte die rollenden Räder Saturnus, Führer der Stunden Zweite Elegie.
Freund, du schiltst vergebens: „O spare die köstlichen Stunden [209]
Darum wacker mein Freund! lasse den kindischen Tand! 5
Wähle die ernste Minerva, statt Venus tändelndem Buben, Der mit gebundenem Aug’ dich nur auf Abwege führt.“ 10
Sehe mit seliger Lust auf die Bekränzten zurück.Die bekränz’ ich nicht, die keuchend langsam entschleichen, [210]
Wenn nach mühvollen Tag winket die fröhliche Nacht, 15
Wenn sie traulich des Abends in meinem Arme sich wieget, Vor uns ein knisterndes Licht flammt mit verglimmendem Docht, 20
Stets aus dem Lichte den Blick, zärtlich die süßeste Last.Ach nun will es erlöschen, noch einmal leuchtet die Flamme Dritte Elegie
Mädchen, komm in die Vigne, am schönsten Tag des October, 5
Lustig Nina! Messera ist fern und niemand beschwert uns, Und wir kürzen den Tag unter Gesängen und Spiel, 10
Und der muntere Tanz ladet uns selber auch ein,[212]
Und wir mischen uns unter das lustige Völkchen, wir theilen 15
Emsig schüttelt die klingenden Eisen das lustige Mädchen, Und in luftigem Sprung wirbelt der Tänzer um sie, 20
Eile, gieb mir die Hand, munter, mein Liebchen, voran.[213]
Amor und Bacchus, ihr lieblichen Knaben, ihr Geber der Freude, Vierte Elegie.
Nackt sind die Reben und schon vorbey die Lese, wir kehren 5
Dunkle Lauben lebt wohl, wo oft in süsser Umarmung Luna und Hesper uns fand, wo uns Aurora geweckt, [214]
Freundliche Demeter dir, bleibet uns gnädig und hold. 10
Und wir weihten ihn Euch, Freudebringende Drey!Diesen Kuchen, ihn hat mit zierlichen Händen mein Mädchen 15
Amor! es ist dein Bild, du trägst im weichlichen Händchen Von der goldenen Frucht voll ein gewundenes Horn. [215]
Nina, es stirbt die Natur, entlaubt sind Wälder und Büsche, 20
Im verödeten Feld jeglicher Jubel verstummt,Schon entkleidet der rauhe Nord die laubigten Grotten 25
Ach es welkt die Natur, um lange Monden zu schlummern, Bis sie Amor aufs neu Blumenbekränzet erweckt, K.
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