Göttliche Komödie (Streckfuß 1876)/Inferno

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Textdaten
Autor: Dante Alighieri
Titel: Die Hölle
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aus: aus der Göttlichen Komödie
Herausgeber: Rudolf Pfleiderer
Auflage: 1. Auflage
Entstehungsdatum: ~ 1307 - 1314
Erscheinungsdatum: 1876
Verlag: Philipp Reclam Jr.
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Erscheinungsort: Leipzig
Übersetzer: Carl Streckfuß
Originaltitel: L’inferno
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Originalherkunft: La Commedia
Quelle: Carl Streckfuß: Dante Göttliche Komödie; Leipzig; 1876; Scans auf commons
Kurzbeschreibung: Dantes Göttliche Komödie in der Nachdichtung von Carl Streckfuß; überarbeitete Fassung von Rudolf Pfleiderer
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Inferno Canto 6 lines 49-52.jpg
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[5]

Die Hölle.
(Abfassungszeit ca. 1300–1310 od. 1314.)
_____
Erster Gesang.
Eingang: Der Wald. Die Thiere. Virgil.



1
Auf halbem Weg des Menschenlebens fand [1]

Ich mich in einen finstern Wald verschlagen,
Weil ich vom graden Weg mich abgewandt.

4
Wie schwer ist’s doch, von diesem Wald zu sagen,

Wie wild, rauh, dicht er war, voll Angst und Noth;
Schon der Gedank’ erneuert noch mein Zagen.

[6]

7
Nur wenig bitterer ist selbst der Tod;

Doch um vom Heil, das ich drin fand, zu kunden,
Sag’ ich, was sonst sich dort den Blicken bot.

10
[7] Nicht weiß ich, wie ich mich hineingewunden,

So war ich ganz vom tiefem Schlaf berückt,
Zur Zeit, da mir der wahre Weg entschwunden.

[8]
 
13
Doch bis zum Fuß des Hügels vorgerückt,[2]

Dort, wo die Grenze war von jenem Thale,
Das mir mit schwerer Furcht das Herz gedrückt,

16
Schaut’ ich empor, und sah, den Rücken male

Ihm der Planet, der uns auf jeder Bahn
Gerad zum Ziele führt mit feinem Strahle.

19
Da fingen Angst und Furcht zu schwinden an,

Die mir des Herzens Blut erstarren machten,
In jener Nacht, da Grausen mich umfahn.

22
Und so wie athemlos, nach Angst und Schmachten,[3]

Schiffbrüchige, noch von der Fluth durchnäßt,
Vom Strande starr der Wogen Grimm betrachten,

25
So kehrt’ auch ich, noch schwer das Herz gepreßt,

Mich jetzt zurück, nach jenem Passe sehend,
Der Keinen lebend sonst aus sich entläßt.

28
Den Leib gestärkt durch Ruhe, weiter gehend,

Wählt’ ich bergan den Weg der Wildniß mir,
Fest immer auf dem tiefern Fuße stehend.

31
Sieh, beim Beginn des steilen Weges, schier

Bedeckt mit buntgeflecktem Fell die Glieder,[4]
Gewandt und sehr behend ein Pantherthier.

34
Nicht wich’s von meinem Angesichte wieder,

Und also hemmt’ es meinen weitern Lauf,
Daß ich mich öfters wandt’ in’s Thal hernieder.

37
Am Morgen war’s, die Sonne stieg herauf,[5]

Von jenen Sternen, so wie einst umgeben,
Als Gottes Lieb’ aus ödem Nichts herauf

40
[9] Die schöne Welt berief zu Sein und Leben;

So ward durch jenes Thier mit buntem Haar
Anlaß zur Sorge doch mir nicht gegeben,

43
Zu solcher Stund’, im süßen, jungen Jahr –

Wenn Grund zur Furcht mir alsbald nicht erregte[6]
Nunmehr ein Löwe, den ich ward gewahr!

46
Es schien, daß er sich gegen mich bewegte,

Erhobnen Haupt’s und mit des Hungers Wuth,
So daß er Zittern selbst der Luft erregte.

49
Auch eine Wölfin, welche jede Glut [7]

Der Gier durch Magerkeit mir schien zu zeigen,
Die schon auf Viele schweren Jammer lud.

52
Vor dieser mußte so mein Muth sich neigen,

Aus Furcht, die bei dem Anblick mich durchbebt,
Daß mir die Hoffnung schwand, zur Höh’ zu steigen.

55
Wie der, der eifrig zu gewinnen strebt,

Wenn zum Verlieren nun die Zeit gekommen,
In Kümmerniß und tiefem Bangen lebt:

58
So machte dieses Unthier mich beklommen;

Von ihm gedrängt, mußt’ ich mich rückwärts ziehn,
Dorthin, wo nimmer noch die Sonn entglommen.

[10]
 
61
Indessen ich zur Tiefe stürzt’ im Fliehn,

Da zeigte meinem Blicke dort sich Einer,[8]
Der durch zu langes Schweigen heiser schien.

64
„„Wer du auch seist,““ so rief ich, als ich seiner

Gewahrt in großer Wüste, „„nenn’ ich dich
Mensch oder Schatten, – o erbarm dich meiner!““

67
Und jener sprach: „Nicht bin, doch Mensch war ich;

Lombarden waren die, so mich erzeugten,
Und beide priesen Mantuaner sich.

70
Spät, als die Römer sich dem Julius beugten,[9]

Sah ich das Licht, sah des Augustus Thron,
Zur Zeit der Götter, jener Trugerzeugten.

73
Ich war Poet und sang Anchises Sohn,

Der Troja floh, besiegt durch Feindestücke,
Als, einst so stolz, in Staub sank Ilion.

76
[11] Und du – du kehrst zu solchem Gram zurücke?

Was bleibt die freud’ge Höhe nicht dein Ziel,
Die Anfang ist und Grund zum vollen Glücke?“

79
„„So bist du,““ rief ich, „„bist du der Virgil,

Der Quell, dem reich der Rede Strom entflossen?““
Ich sprach’s mit Scham, die meine Stirn befiel.

82
„„O Ehr’ und Licht der andern Kunstgenossen,[10]

Vergilt jetzt große Lieb’ und langer Fleiß,
Die meinem Forschen dein Gedicht erschlossen.

85
Mein Meister, Vorbild! dir gebührt der Preis,

Den ich durch schönen Stil davongetragen,[11]
Denn dir entnahm ich, was ich kann und weiß.

88
Sieh dieses Thier, o sieh mich’s rückwärts jagen,

Berühmter Weiser, sei vor ihm mein Hort,
Es macht mir zitternd Puls’ und Adern schlagen.““

91
„Du mußt auf einem andern Wege fort,“[12]

Sprach er zu mir, den ganz der Schmerz bezwungen,
„Willst du entfliehn aus diesem wilden Ort.

94
Denn dieses Thier, das dich mit Graun durchdrungen,

Läßt Keinen ziehn auf seines Weges Spur,
Hemmt Jeden, bis es endlich ihn verschlungen.

97
Es ist von böser, tückischer Natur,

Und nimmer fühlt’s die wilde Gier ermatten,
Ja jeder Fraß schärft seinen Hunger nur.

100
Mit vielen Thieren sieht man es sich gatten,[13]

Bis daß die edle Dogge kommt, die kühn[14]
Es würgt und hinstürzt in die ew’gen Schatten.

[12]
 
103
Nicht wird nach Land und Erz ihr Hunger glühn,

Doch wird sie nie an Lieb’ und Weisheit darben;
Inmitten Feltr’ und Feltro wird sie blühn,

106
Zu Welschlands Heil, deß Ruhm und Glück verdarben,

Obwohl vordem Camilla für dies Land,[15]
Euryalus, Turnus und Nisus starben.

109
Nicht wird sie ruhn, bis sie dies Thier verbannt;

Sie wird es wieder in die Hölle senken,
Von wo’s der erste Neid heraufgesandt. –[16]

112
Du folg’ jetzt mir zu deinem Heil – mein Denken[17]

Und Urtheil ist’s – ich will dein Führer sein
Und dich durch ew’gen Ort von hinnen lenken.

115
Dort wirst du hören der Verzweiflung Schrei’n, (Hölle)

Wirst alte Geister schau’n, die brünstig flehen
Um zweiten Tod in ihrer langen Pein;

118
Wirst Jene dann im Feu’r zufrieden sehen (Fegfeuer),

Weil sie verhoffen, zu dem sel’gen Chor, (Paradies)
Sei’s wann es immer sei, noch einzugehen.

121
Und willst du auch zu diesem dann empor,[18]

Würd’ger als ich, wird eine Seel’ erscheinen,
Die geht, schied ich, als Führerin dir vor.

124
[13] Denn Jener, der dort oben herrscht, läßt Keinen (Gott)

Eingehn, von mir geführt, vor seinen Thron,
Weil ich mich nicht verbunden mit den Seinen.

127
Allwärts gebeut er; doch er trägt die Kron’

Nur dort; dort ragen seines Sitzes Zinnen –
O selig, wen er wählt, daß er dort wohn’!

130
„„Laß, Dichter,““ rief ich, „„dich mein Flehn gewinnen!

Bei jenem Gotte, den du nicht erkannt,
Um Schlimmem hier und Schlimmerm zu entrinnen,

133
Bring’ an die Orte mich, die du genannt,[19]

Und laß mich bald Sanct Petri Pforte sehen,
Und Jene, wie du sprachst, zur Qual verbannt.““

136
Er ging; ich säumte nicht, ihm nachzugehen.



Zweiter Gesang.

Einleitung: Beatrix. Lucia.


1
Der Tag verging, das Dunkel brach herein,[20]

Und Nacht entzog die Wesen auf der Erden
All’ ihren Müh’n, da rüstet’ ich allein

4
Mich zu dem harten Krieg und den Beschwerden

Des Wegs und Mitleids, und jetzt soll ihr Bild
Gemalt aus sicherer Erinn’rung werden.

7
O Mus’, o hoher Geist, jetzt helft mir mild!

Erinn’rung, die du schriebst, was ich gesehen,
Hier wird sich’s zeigen, ob dein Adel gilt!

[14]
 
10
„„Jetzt, Dichter,““ fing ich an, „„bevor wir gehen,

Erwäge meine Kraft und Tüchtigkeit!
Kann sie die große Reise wohl bestehen?

13
Du sagst, daß Silvius’ Vater in der Zeit,[21]

Im Körper noch, und noch ein sterblich Wesen
Sei eingedrungen zur Unsterblichkeit.

16
Doch da, der stets des Bösen Feind gewesen,

In seinen Empyre’n zum Stifter ihn
Der Mutter Roma und des Reichs erlesen,

19
Kann Jeder, dem Vernunft ihr Licht verliehn,

Beim hocherhabnen Zweck es wohl ergründen,
Daß er nicht unwerth solcher Huld erschien.

22
Denn Rom und Reich, um Wahres zu verkünden,

Gestiftet wurden sie, die heil’ge Stadt
Zum Sitz für Petri Folger zu begründen.

25
Durch diesen Gang, den du besangest, hat

Er Kunde deß, wodurch er siegt’, empfangen
Und Grund gelegt zur heil’gen Herrscherstatt.

28
Ist das erwählte Rüstzeug hingegangen,

So stärkt’ es in dem Glauben dann die Welt,
In dem der Weg des Heiles angefangen.

31
Doch ich? warum? wer hat mir’s freigestellt?[22]

Ich, Paul nicht noch Aeneas, dessen Schwäche
Nicht ich, noch Jemand dessen würdig hält.

34
[15] Wenn ich dorthin zu kommen mich erfreche,

So fürcht’ ich, daß mein Kommen thöricht sei.
Du Weiser, weißt es besser, als ich spreche.““

37
Und wie, wer will und nicht will, mancherlei

Erwägt und prüft, und fühlt im bangen Schwanken,
Mit dem, was er begonnen, sei’s vorbei;

40
So ich – das was ich leicht und ohne Wanken

Begonnen hatte, gab ich wieder auf,
Entmuthigt von den wechselnden Gedanken.

43
„Verstand ich dich,“ so sprach der Schatten drauf,

„So fühlst du Angst und Schrecken sich erneuen
Und Feigheit nur hemmt deinen weitern Lauf.

46
Das Beste macht sie oft den Mann bereuen,

Daß er zurücke springt von hoher That,
Gleich Rossen, die vor Truggebilden scheuen.

49
Doch hindre sie dich nicht am weitern Pfad,

Drum höre jetzt, was ich zuerst vernommen,
Da mir’s um dich im Herzen wehe tat.

52
Mich, nicht in Höll’ und Himmel aufgenommen,[23]

Rief eine Frau, so selig und so schön,[24]
Daß ihr Geheiß mir werth war und willkommen,

55
Mit Augen, gleich dem Licht an Himmelshöhn,

Begann sie gegen mich gelind und leise,
Und jeder Laut war englisches Getön:

[16]
 
58
O Geist, geboren einst zu Mantuas Preise,

Deß Ruhm gedauert hat und dauern wird,
So lang die Sterne ziehn in ihrem Kreise,

61
Mein Freund, doch nicht der Freund des Glückes, irrt

In Wildniß dort, weil Wahn im Weg’ ihn störte,
So daß er sich gewandt, von Furcht verwirrt.

64
Schon irrte, fürcht’ ich, also der Bethörte,

Daß ich zu spät zum Schutz mich aufgerafft,
Nach dem, was ich von ihm im Himmel hörte.

67
Du geh; es sei durch deiner Rede Kraft,

Durch das, was sonst ihm Noth, sein Leid geendet;
So sei ihm Hilf’ und Ruhe mir verschafft.

70
Beatrix bin ich, die ich dich gesendet;

Mich trieb die Lieb’ und spricht aus meinem Wort.
Vom Ort komm ich, wohin mein Wunsch sich wendet.

73
Und steh’ ich erst vor meinem König dort,

So werd’ ich oft dich loben und ihm preisen. –
Sie sprach’s und schwieg und ich begann sofort:

76
Herrin der Tugend, Lehrerin der Weisen,[25]

Durch die die Menschheit überraget weit
Was lebt in jenes Himmels kleinern Kreisen!

79
So freudig bin ich dir zum Dienst bereit,

Daß, wär’ vollbracht auch jetzt schon dein Begehren,
Zu spät mir’s schiene! G’nug ward mit Bescheid!

82
Doch wolle jetzt vom Grunde mich belehren,[26]

Weshalb du stiegst zum Mittelpunkt, vom Licht,
Zu welchem du dich sehnst, zurückzukehren.

85
[17] Willst du es denn so tief ergründen, spricht

Die Hohe darauf, so will ich’s kürzlich sagen.
Ich fürchte mich vor diesem Dunkel nicht.

88
Vor solchem Uebel ziemt sich wohl zu zagen,

Das mächtig ist und leicht uns Schaden thut,
Vor solchem nicht, bei welchem nichts zu wagen.

91
Gott schuf mich so, daß ich in seiner Hut

Den Nöthen, die euch drücken, bin entrissen
Und nicht ergreift mich dieses Brandes Glut.

94
Ein edles Weib dort, von den Hindernissen

Des Manns erweicht, zu dem ich dich gesandt,
Sie hat des Höchsten strengen Spruch zerrissen.

97
Sie flehte zu Lucien hingewandt:

Dein Treuer braucht dich jetzt im harten Streite,
Darum empfehl’ ich ihn in deine Hand.

100
Lucia, die sich ganz dem Mitleid weihte,

Bewegte sich zum Orte, wo ich war,
In Ruhe sitzend an der Rahel Seite.

103
Sie sprach: Beatrix, Gottes Preis fürwahr!

Hilfst du ihm nicht, ihm, der aus großer Liebe
Für dich entrann aus der gemeinen Schaar?

106
Als ob dein Ohr taub seinen Klagen bliebe,

Als sähest du ihn nicht im Wirbel dort,
Bedroht, mehr als ob Meeressturm ihn triebe?

[18]
 
109
Nicht eilt so schnell auf Erden Einer fort,

Den Gier nach Glück und Furcht vor Leid bethören,
Wie ich herabgeeilt bei solchem Wort,

112
Von meinem Sitz in jenen sel’gen Chören,

Vertrau’nd auf deiner würd’gen Rede Macht,
Die Ruhm dir bringt und Allen, die sie hören. –

115
Als nun Beatrix solches vorgebracht,

Da wandte sie die Augenstern’ in Zähren,
Und dies hat mich nur schneller hergebracht.

118
So komm’ ich denn daher auf ihr Begehren,

Das Unthier von dir scheuchend, dem’s gelang,
Den kurzen Weg des schönen Bergs zu wehren.

121
Was also ist dir? warum weilst du bang?

Was herbergst du die Feigheit im Gemüthe?
Was weicht dein Mut, dein kühner Thatendrang,

124
Da sich drei heil’ge Himmelsfrau’n voll Güte

Für dich bemüh’n, und dir mein Mund verspricht,
Daß ihre treue Sorge dich so treu behüte?“

127
Gleichwie die Blum’ im ersten Sonnenlicht,

Beim nächt’gen Reif gesunken und verschlossen,
Den Stiel erhebt und ihren Kelch entflicht;

130
So hob die Kraft, erst schmachtend und verdrossen,

In meinem Herzen sich zu gutem Muth,
Und ich begann frohsinnig und entschlossen:

133
„O wie ist sie, die für mich sorgte, gut!

Wie freundlich bist auch du, der den Befehlen
Der Herrlichen so schnell Genüge thut!

136
Mein Sehnen glüht – nicht wird die Kraft mir fehlen[27]

Bei deinem Wort – schon fühl’ ich, nicht mehr bang,
Vom ersten Vorsatz wieder mich beseelen.

139
Drum auf, in Beiden ist ein gleicher Drang,

Herr, Führer, Meister, auf zum großen Wege!“
Ich sprach’s zu ihm, und folgend seinem Gang,

142
Schritt ich daher auf waldig rauhem Stege.


[19]

Dritter Gesang.

Höllenthor. Vorhölle. Die Memmen. Cölestin V. Charon.


1
Durch mich geht’s ein zur Stadt der ew’gen Qualen,[28]

Durch mich geht’s ein zum wehevollen Schlund,
Durch mich geht’s ein zu der Verdammniß Thalen.

4
Gerechtigkeit war der Bewegungsgrund

Deß, der mich schuf; mich gründend, that er offen
Allmacht, Allweisheit, erste Liebe kund.

7
Nicht ward vor mir Geschaffnes angetroffen,

Als Ewiges; und ewig daur’ auch ich.
Ihr, die ihr eingeht, laßt hier jedes Hoffen.

10
Die Inschrift zeigt in dunkler Farbe sich

Geschrieben dort am Gipfel einer Pforte,
Drum ich: „„Hart, Meister, ist ihr Sinn für mich.““

13
Er, als Erfahrner, sprach dann diese Worte:

„Hier sei jedweder Argwohn weggebannt,
Und jede Zagheit sterb’ an diesem Orte.

16
Wir sind zur Stelle, die ich dir genannt.

Hier wirst du jene Jammervollen schauen,
Für die das Heil des wahren Lichtes schwand.“[29]

19
Er faßte meine Hand, daher Vertrauen

Durch sein Gesicht voll Muth auch ich gewann.
Drauf führt’ er mich in das geheime Grauen.[30]

22
Dort hob Geächz’, Geschrei und Klagen an,

Laut durch die sternenlose Luft ertönend,
So daß ich selber weinte, da’s begann.

25
Verschied’ne Sprachen, Worte, gräßlich dröhnend,

Faustschläge, Klänge heiseren Geschreis,
Die Wuth, aufkreischend, und der Schmerz erstöhnend –

[20]
 
28
Dies Alles wogte tosend stets, als sei’s

Sandwirbel, von den Stürmen umgeschwungen,
Durch dieser ewig schwarzen Lüfte Kreis.

31
Und ich, im Ungewissen und von Schau’r durchdrungen,

Sprach: „„Meister, welch Geschrei, das sich erhebt?
Wer ist doch hier von Qualen so bezwungen?

34
Und Er: „Der Klang, der durch die Lüfte bebt,[31]

Kommt von dem Jammervolk, geweiht dem Spotte,
Das ohne Schimpf und ohne Lob gelebt.

37
Sie sind gemischt mit jener schlechten Rotte

Von Engeln, die für sich nur blieb im Strauß,
Nicht Meuterer und treu nicht ihrem Gotte.

40
Die Himmel trieben sie als Mißzier aus,

Und da durch sie der Sünder Stolz erstünde,
Nimmt sie nicht ein der tiefen Hölle Graus.“

43
Ich drauf: „„Was füllt ihr Wehlaut diese Gründe?

Was ist das Leiden, das so hart sie drückt?““
Und Er: „Vernimm, was ich dir kurz verkünde.

46
Des Todes Hoffnung ist dem Volk entrückt,

Im blinden Leben, trüb und immer trüber,
Scheint ihrem Neid jed’ andres Loos beglückt.

49
Sie kamen lautlos aus der Welt herüber,

Von Recht und Gnade werden sie verschmäht.
Doch still von ihnen – schau und geh’ vorüber.

52
Ich schaute hin und sah, im Kreis geweht,

Ein Fähnlein ziehn, so eilig umgeschwungen,
Daß sich’s zum Ruhn, so schien mir’s, nie versteht.

55
[21] In langer Reihe folgten ihm, gezwungen,

So viele Leute, daß ich kaum geglaubt,
Daß je der Tod so vieles Volk verschlungen.

58
Und hier erblickt’ ich manch bekanntes Haupt,

Auch Jenes Schatten, der aus Angst und Zagen[32]
Sich den Verzicht, den großen, feig erlaubt.

61
Ich war sogleich gewiß, auch hört’ ich sagen,

Dies sei der Schlechten jämmerliche Schaar,
Die Gott und seinen Feinden mißbehagen.

64
Dies Jammervolk, das niemals lebend war,

War nackend und von Flieg’ und Wesp’ umflogen,
Und ward gestachelt viel und immerdar.

67
Thränen und Blut aus ihren Wunden zogen

In Streifen durch das Antlitz bis zum Grund,
Wo ekle Würmer draus sich Nahrung sogen.

70
Drauf, als ich weiter blickt’ im düstern Schlund,

Erblickt’ ich Leut’ an einem Stromgestade,
Und sprach: „„Jetzt thu’, ich bitte, Herr, mir kund,

73
Von welcher Art sind die, die so gerade,[33]

Wie ich beim düstern Dämmerlicht ersehn,
So eilig weiter ziehn auf ihrem Pfade?““

76
Und Er darauf: „Dir wird genug geschehn

Am Acheron – dort wird sich Alles zeigen,
Wenn wir am traur’gen Ufer stille stehn.“

79
Da zwang mich Scham, die Augen tief zu neigen,

Aus Furcht, daß ihm mein Fragen lästig sei,
Und ich gebot mir bis zum Strome Schweigen.

[22]
 
82
Und sieh, es kam ein Mann zu Schiff herbei,

Ein Greis, bedeckt mit schneeig weißen Haaren.
„Weh euch, Verworfne!“ tönte sein Geschrei.

85
„Nicht hofft, den Himmel jemals zu gewahren.

Ich komm’, euch jenseits hin an das Gestad,
In ew’ge Nacht, in Hitz’ und Frost zu fahren.

88
Und du, lebend’ge Seele, die genaht,

Mußt dich von diesen, die gestorben, trennen!“ –
Dann, da er sah, daß ich nicht rückwärts trat:

91
„Hier kann ich dir den Uebergang nicht gönnen,[34]

Für dich geziemen andre Wege sich,
Ein leichtrer Kahn nur wird dich tragen können.“[35]

94
Virgil drauf: „Charon, nicht erboße dich.

Dort, wo der Wille Macht ist, ward’s verhangen; (bei Gott)
Dies sei genug, nicht weiter frage mich.“

97
Hierauf ließ ruhen die bewollten Wangen

Des fahlen Sumpfs erzürnter Steuermann,
Deß Augen Flammenräder rings umschlangen.

100
Da hob graunvolles Zähneklappen an,

Und es entfärbten sich die Tiefgebeugten,
Seit Charon jenen grausen Spruch begann.

103
[23] Sie fluchten Gott, und denen, die sie zeugten,

Dem menschlichen Geschlecht, dem Vaterland,
Dem ersten Licht, den Brüsten, die sie säugten.

106
Dann drängten sie zusammen sich am Strand,

Dem schrecklichen, zu welchem Alle kommen,
Die Gott nicht scheu’n, und laut Geheul entstand.

109
Charon, mit Augen, die wie Kohlen glommen,

Winkt ihnen, und schlug mit dem Ruder los,
Wenn einer sich zum Warten Zeit genommen.

112
Gleich wie im Herbste bei des Nordwinds Stoß

Ein Blatt zum andern fällt, bis daß sie alle
Der Baum erstattet hat dem Erdenschoß;

115
So stürzen, hergewinkt, in jähem Falle

Sich Adams schlechte Sprossen in den Kahn,
Wie angelockte Vögel in die Falle.

118
Durch schwarze Fluten geht des Nachens Bahn,

Und eh sie noch das Ufer dort erreichen,
Drängt hier schon eine neue Schaar heran.

121
„Mein Sohn,“ sprach mild der Meister, „die erbleichen

In Gottes Zorne, werden alle hier
Am Strand vereint aus allen Erdenreichen.

124
Man scheint zur Ueberfahrt sehr eilig dir,

Doch die Gerechtigkeit treibt diese Leute
Und wandelt ihre bange Furcht in Gier.[36]

127
Kein guter Geist macht diese Fahrt; und dräute[37]
[24]

 Dir Charon, weil du hier dich eingestellt,
So kannst du wissen, was sein Wort bedeute.“ –

130
Hier wankte so mit Macht das dunkle Feld,

Daß mich noch jetzt Schweißtropfen überthauen,
So oft dies Schreckensbild mich überfällt.

133
Ein Windstoß fuhr aus den bethränten Auen,

Er blitzt ein rothes Licht, das jeden Sinn[38]
Bewältigte mit ungeheurem Grauen,

136
Und wie vom Schlaf befallen, stürzt’ ich hin –



Vierter Gesang.

I. Abtheilung. I. Kreis. Ungetaufte; Erzväter; Dichter, Helden, Philosophen der Heidenzeit.


1
Mir brach den Schlaf im Haupt ein Donnerkrachen

So schwer, daß ich zusammenfuhr dabei,
Wie Einer, den Gewalt zwingt, zu erwachen.

4
Ich warf umher das Auge wach und frei,

Emporgerichtet spähend, daß ich sähe
Und unterschied’, an welchem Ort ich sei.

7
So fand ich mich am Thalrand, in der Nähe[39]

Des qualenvollen Abgrunds, dessen Kluft
Zum Donnerhall vereint unendlich Wehe.

10
[25] Tief war er, dunkel, nebelhaft die Luft,

Drum wollte nichts sich klar dem Blicke zeigen,
Den ich geheftet an den Grund der Gruft,

13
„Laß uns zur blinden Welt hinuntersteigen,

Ich bin der Erste, du der Zweite dann.“
So sprach Virgil, um drauf erblaßt zu schweigen.

16
Ich, sehend, wie die Bläss’ ihn überrann,

Sprach: „„Scheust du selber dich, wie kann ich’s wagen,
Der Trost im Zweifel nur durch dich gewann?““

19
Und er zu mir: “Des tiefen Abgrunds Plagen

Entfärben mir durch Mitleid das Gesicht,
Und nicht, so wie du meinst, durch feiges Zagen.

22
Fort, zaudern läßt des Weges Läng’ uns nicht.“

So ging er fort und rief zum ersten Kreise
Mich auch hinein, der jene Kluft umflicht.

25
Mir schien, nach meinem Ohr, des Klanges Weise,
[26]

 Der durch die Luft hier bebt im ewigen Thal,[40]
Nicht Klaggeschrei, nur Seufzer dumpf und leise.

28
Und dieses kam vom Leiden ohne Qual

Der Kinder, Männer und der Frau’n, in Schaaren,
Die viele waren und von großer Zahl.

31
Da sprach der Meister: „Willst du nicht erfahren:

Zu welchen Geistern du gekommen bist?
Bevor wir fortgehn, will ich offenbaren,

34
Daß sie nicht sündigten; doch gnügend mißt

Nicht ihr Verdienst, da sie der Tauf’ entbehrten,
Die Pfort’ und Eingang deines Glaubens ist.

37
Und lebten sie vor Christo auch, so ehrten

Sie doch den Höchsten nicht, wie sich’s gebührt;[41]
Und diese Geister nenn’ ich selbst Gefährten.

40
Nur dies, nichts Andres hat uns hergeführt.[42]

Daß wir in Sehnsucht ohne Hoffnung leben,
Ward uns Verlornen nur als Straf’ erkürt.“

43
Groß war mein Schmerz, als er dies kund gegeben,

Denn Leute großen Werthes zeigten sich,
Die unentschieden hier im Vorhof schweben.

46
Und ich begann: „„Mein Herr und Meister, sprich,[43]

(Ich wollte mich in jenem Glauben stärken,
Vor dessen Licht des Irrthums Nacht entwich,)

49
[27] Kam Keiner je durch Kraft von eignen Werken,

Durch fremd Verdienst von hier zur Seligkeit?““ –
Er schien des Worts versteckten Sinn zu merken,

52
Und sprach: „Ich war noch neu in diesem Leid,

Da ist ein Mächtiger hereingedrungen.
Bekrönt mit Siegesglanz und Herrlichkeit.

55
Der hat des Urahns Geist der Höll’ entrungen,

Auch Abel’s, Noah’s; und auch Moses hat,
Der Gott gehorcht, mit ihm sich aufgeschwungen.

58
Abram und David folgten seinem Pfad,

Jakob, sein Vater, seine Söhne schieden,
Und Rahel auch, für die so viel er that.

61
Sie und viel’ Andre führt er ein zum Frieden,

Und wissen sollst du nun: Vor diesem war
Erlösung keinem Menschengeist beschieden.“

64
Obwohl er sprach, ging’s vorwärts immerdar,

So daß wir unterdeß den Wald durchdrangen,
Den Wald, mein’ ich, der dichten Geisterschaar.

67
Nicht weit von oben waren wir gegangen,[44]

Als ich ein Feu’r in lichten Flammen sah,
Die dort im halben Kreis die Nacht bezwangen.[45]

70
Zwar waren wir dem Ort nicht völlig nah,

Doch einen Kreis von ehrenhaften Leuten,
Die diesen Platz besetzt, erkannt’ ich da.

73
„„Du, deß sich Wissenschaft und Kunst erfreuten,

Beliebe, wer sie sind, und was sie ehrt
Und von den Andern trennt, mir anzudeuten.““

76
Ich sprach’s, und Er: „Für hochgepries’nen Werth,

Der oben wiederklingt in deinem Leben,
Ward ihnen hier vom Himmel Huld gewährt.“

79.
Da hört’ ich eine Stimme sich erheben:

Der hohe Dichter, auf, jetzt zum Empfang![46]
Sein Schatten kehrt, der jüngst sich fortbegeben.

[28]
 
82
Sobald die Stimme, die dies sprach, verklang,

Sah ich heran vier große Geister schreiten,
Im Angesicht nicht fröhlich und nicht bang.

85
Da sprach der gute Meister mir zur Seiten:

„Sieh diesen, in der Hand das Schwert, voran
Den Andern gehn, um sie als Fürst zu leiten.

88
Du siehst Homer, den Dichterkönig, nahn;

Ovid der Dritt’, als letzter kommt Lukan.
Ihm folgt Horaz, berühmt durch Spott dort oben.

91
Im Namen, den die eine Stimm’ erhoben,[47]

Kommt mit mir selber Jeder überein,
Drum ehren sie mich, und dies ist zu loben.“

94
So war die schöne Schul’ hier im Verein

Des hohen Herrn der höchsten Sangesweise,
Der ob den Andern fliegt, ein Aar, allein.

97
Ein Weilchen sprachen sie im trauten Kreise,

Doch als sie grüßend sich zu mir gekehrt,
Da lächelte Virgil zu solchem Preise.

100
Allein noch höher ward ich dort geehrt,

Indem sie mich in ihrer Schaar empfingen,
Als Sechsten, solchen Geisterbundes werth.

103
Inzwischen wir bis zu dem Lichte gingen,

Sprechend, wovon ich schicklich schweigen muß,
Wie man dort schicklich sprach von solchen Dingen.

106
Bald kamen wir an eines Schlosses Fuß,[48]

Von siebenfacher hoher Mau’r umfangen,
Und rings beschützt von einem schönen Fluß.

109
Als wir mit trocknem Fuße durchgegangen,[49]

Ging’s weiter dann durch sieben Thore fort,
Und eine Wiese sah ich grünend prangen.

112
[29] Wir fanden Leute strengen Blickes dort,

Mit großer Würd’ in Ansehn, Gang und Mienen
Und wenig sprechend, doch mit sanftem Wort.

115
Und wir ersahn dort seitwärts nah bei ihnen

Frei eine Höh’ hellem Lichte glühn,
Vor welcher Alle klar vor uns erschienen.

118
Dort gegenüber auf dem sammtnen Grün

Sah ich die großen, ewig Denkenswerthen,
Die heut mir noch in stolzer Seele blühn.

121
Elektren sah ich dort mit viel Gefährten,

Aeneas, Hektorn hatt’ ich bald erkannt,
Cäsarn, den mit dem Adlerblick bewehrten.

124
Camillen und Penthesileen fand

Ich dort; zur andern Seite auch Latinen,
Der bei Lavinien, seiner Tochter, stand.

127
Ich sah den Brutus, der verjagt Tarquinen,

Lucrezien, Julien, Marzien, und, allein
Bei Seite sitzend, sah ich Saladinen.

130
Dann, höher blickend, sah im hellen Schein

Ich auch den Meister derer, welche wissen,[50]
Der von den Seinen schien umringt zu sein,

133
Sie all’ ihn hoch zu ehren sehr beflissen;

Den Plato ihm zunächst und Sokrates,
Die dort den Sitz vor Andern an sich rissen.

136
Den Anaxagoras, Diogenes,

Den Demokrit, deß Welt der Zufall machte,
Den Zeno, Heraklid, Empedokles;

139
Ihn, der ans Licht der Pflanzen Kräfte brachte,
[30]

 Den Dioskorides, den Orpheus dann,
Den Seneca, der Schmerz und Lust verlachte.

142
Auch Ptolemäus kam, Euklid heran,

Tullius (Cicero), Averrhoes, der, seinen Weisen
Erklärend, selbst der Weisheit Ruhm gewann.

145
Doch nicht vermag ich Jeden hier zu preisen,[51]

Denn also drängt des Stoffes Größe mich,
Daß ihren Dienst mir kaum die Wort’ erweisen.

148
Um zwei verminderte die Sechszahl sich;

Mich führt’ auf anderm Weg mein weiser Leiter
Dahin, wo Stille lautem Tosen wich,

151
Und dorthin, wo nichts leuchtet, schritt ich weiter.



Fünfter Gesang.

II. Abtheilung. II. Kreis. Sünden der Liebe. Minos; Semiramis, Paris; Franziska und Paolo.


1
So ging’s hinab vom ersten Kreis zum zweiten,

Der kleinern Raum, doch größres Weh umringt,[52]
Das antreibt, Klag und Winseln zu verbreiten.[53]

4
Graus steht dort Minos, fletscht die Zähn’ und bringt[54]

Die Schuld ans Licht, wie tief sie sich verhehle,
Urtheilt, schickt fort, je wie er sich umschlingt.

7
Ich sage, wenn die schlechtgeborne Seele

Ihm vorkommt, beichtet sie der Sünden Last;
Und jener Kenner aller Menschenfehle

10
[31] Sieht, welcher Ort des Abgrunds für sie paßt,

Und schickt sie so viel Grad hinab zur Hölle,
Als oft er sich mit seinem Schweif umfaßt.

13
Von vielem Volk ist stets besetzt die Schwelle

Und nach und nach kommt Jeder zum Gericht,
Spricht, hört und eilt zu der bestimmten Stelle.

16
„Du, der du kommst zur Schmerzenswohnung,“ spricht

Minos zu mir, sobald er mich ersehen,
Ablassend von der Uebung großer Pflicht,

19
„Schau’, wem du traust! leicht ist’s hineinzugehen,

Und weit das Thor – nicht täusche dich dein Drang!“
Mein Führer drauf: „Wozu dies Schrei’n und Schmähen?

22
Nicht hindre den von Gott gebotnen Gang,

Dort will man’s, wo das Können gleich dem Wollen.
Nicht mehr gefragt, denn unser Weg ist lang.“

25
Bald hört’ ich nun, wie Jammertön’ erschollen,

Denn ich gelangte nieder zum Gefild
Zur Klag und dem Geheul der Unglücksvollen.

28
Hier schweigt das Licht; der dunkle Raum erbrüllt, [55]

So wie die See, wenn Stürme sich erhoben,
Und ihre Fläche wüthend überschwillt.

31
Der Höllenwindsbraut unaufhörlich Toben[56]

Reißt wirbelnd die gequälten Geister fort
Und dreht sie um nach unten und nach oben.

34
Da hört man Wehgeheul und Klagewort,

Wenn sie sich nah’n des Abgrunds Felsenklüften,
Und Flüch’ und Lästerungen schallen dort.

[32]
 
37
Daß Fleisches-Sünder dies erdulden müßten,

Vernahm ich, die, verlockt vom Sinnentrug,
Einst unterwarfen die Vernunft den Lüsten.

40
So wie zur Winterszeit mit irrem Flug[57]

Ein dichtgedrängter breiter Troß von Staaren,
So sah ich hier im Sturm der Sünder Zug

43
Hierhin und dort, hinauf, hinunter fahren,

Gestärkt von keiner Hoffnung, mindres Leid,
Geschweige jemals Ruhe zu erfahren.

46
Wie Kraniche, zum Streifen lang gereiht,

In hoher Luft die Klagelieder krächzen,
So sah ich von des Sturms Gewaltsamkeit

49
Die Schatten hergeweht mit bangem Aechzen.

„„Wer sind die, Meister, welche her und hin
Der Sturmwind treibt, und die nach Ruhe lechzen?““

52
So ich – und Er: „Des Zuges Führerin,

Von welchem du gewünscht Bericht zu hören,
War vieler Zungen große Kaiserin.

55
Sie ließ von Wollust also sich bethören,

Daß sie für das Gelüst Gesetz’ erfand.[58]
Daß Schimpf und Schand’ an ihr die Macht verlören.

58
Sie ist Semiramis, wie allbekannt,

Nachfolgerin des Ninus, ihres Gatten,
Die einst geherrscht hat in des Sultans Land.

61
Dann sie, die, ungetreu Sichäus Schatten,

Aus Liebe selber sich geweiht dem Tod,
Sieh dann Kleopatra im Flug ermatten.“

64
Auch Helena, die Ursach’ großer Noth,

Im Sturme sah ich den Achill sich heben,
Der Allem Trotz, nur nicht der Liebe, bot.

67
[33] Den Paris sah ich dort, den Tristan schweben,

Und tausend Andre zeigt’ und nannt’ er dann,
Die Liebe fortgejagt aus unserm Leben.

70
Lang’ hört’ ich den Bericht des Lehrers an,

Von diesen Rittern und den Frau’n der Alten,
Voll Mitleid und voll Angst, bis ich begann:

73
„„Mit diesen Zwei’n, die sich zusammen halten,

Die, wie es scheint, so leicht im Sturme sind
Möcht’ ich, o Dichter, gern mich unterhalten.““

76
Und er darauf: „Gib Achtung, wenn der Wind

Sie näher führt, dann bei der Liebe flehe,
Die Beide führt, da kommen sie geschwind.“

79
Kaum waren sie geweht in unsre Nähe,

Als ich begann: „„Gequälte Geister, weilt,
Wenn’s niemand wehrt, und sagt uns euer Wehe.““[59]

82
Gleich wie ein Taubenpaar die Lüfte theilt,

Wenn’s mit weit ausgespreizten steten Schwingen
Zum süßen Nest herab voll Sehnsucht eilt;

85
So sah ich Dido’s Schwarm sie sich entringen,

Bewegt vom Ruf der heißen Ungeduld,
Und durch den Sturm sich zu uns niederschwingen.

88
„Du, der du uns besuchst voll Güt’ und Huld[60]

In purpurschwarzer Nacht, uns, die die Erde

[34]

 Vordem mit Blut getüncht durch ihre Schuld,

91
Gern bäten wir, daß Fried’ und Ruh’ dir werde,

Wär’ uns der Fürst des Weltenalls geneigt,
Denn dich erbarmet unsres Weh’s Beschwerde.

94
Wie ihr zur Red’ und Hören Lust bezeigt,

So reden wir, so leihn wir euch die Ohren,
Wenn nur, wie eben jetzt, der Sturmwind schweigt.

97
Ich ward am Meerstrand in der Stadt geboren,[61]

Wo seinen Lauf der Po zur Ruhe lenkt,
Bald mit dem Flußgefolg im Meer verloren.

100
Die Liebe, die in edles Herz sich senkt,

Fing diesen durch den Leib, den Liebreiz schmückte,
Der mir geraubt ward, wie’s noch jetzt mich kränkt.

103
Die Liebe, die Geliebte stets berückte,

Ergriff für diesen mich mit solchem Brand,
Daß, wie du siehst, kein Leid ihn unterdrückte.

106
Die Liebe hat uns in ein Grab gesandt –

Kaina harret deß, der uns erschlagen.“[62]
Der Schatten sprach’s, uns kläglich zugewandt.

109
Vernehmend der bedrängten Seelen Klagen

Neigt’ ich mein Angesicht und stand gebückt.
„Was denkst du?“ hört’ ich drauf den Dichter fragen.

112
„„Weh,““ sprach ich, „„welche Glut, die sie durchzückt,

Welch süßes Sinnen, liebliches Begehren
Hat sie in dieses Qualenland entrückt?““

115
Drauf säumt’ ich nicht zu Jener mich zu kehren,

„„Franziska,““ so begann ich jetzt, „„dein Leid
Drängt mir ins Auge fromme Mitleidszähren.

118
Doch sage mir: In süßer Seufzer Zeit,

Wodurch und wie verrieth die Lieb’ euch Beiden,
Den schüchtern leisen Wunsch der Zärtlichkeit?““

121
Und Sie zu mir: „Wer fühlt wohl größres Leiden,

Als der, dem schöner Zeiten Bild erscheint
Im Mißgeschick? Dein Lehrer mag’s entscheiden.[63]

124
[35] Doch da dein Wunsch so warm und eifrig scheint,

Zu wissen, was hervor die Liebe brachte,
So will ich’s thun, wie wer da spricht und weint.

127
Wir lasen einst, weil’s Beiden Kurzweil machte,[64]

Von Lancelot, wie ihn die Lieb’ umschlang.
Wir waren einsam, ferne vom Verdachte.

130
Das Buch regt’ in uns auf des Herzens Drang,

Trieb unsre Blick’ und macht’ uns oft erblassen,
Doch eine Stelle war’s, die uns bezwang.

133
Als wir von dem ersehnten Lächeln lasen,

Auf das den Mund gedrückt der Buhle hehr,
Da naht’ Er, der mich nimmer wird verlassen,

136
Da küßte zitternd meinen Mund auch Er. –

Ein Kuppler war das Buch, und der’s verfaßte – [65]
An jenem Tage lasen wir nicht mehr.

139
Der eine Schatten sprach’s, der andre faßte

Sich kaum vor Weinen, und mir schwand der Sinn
Vor Mitleid, daß ich wie im Tod erblaßte,

142
Und wie ein Leichnam hinfällt, fiel ich hin.

 

Sechster Gesang.

III. Kreis. Die Schlemmer. Cerberus. Ciacco weissagt.


1
Bei Rückkehr der Erinn’rung, die sich schloß[66]

Vor Mitleid um die Zwei, das so mich quälte,
Daß das Bewußtsein mir vor Schmerz zerfloß,

[36]
 
4
Erblickt’ ich neue Qualen und Gequälte

Rings um mich her, ob den, ob jenen Pfad,
Zum Geh’n und Schau’n sich Fuß und Auge wählte.

7
Dies war der dritte Kreis, den ich betrat,[67]

Von ew’gem, kaltem, maledeitem Regen
Von gleicher Art und Regel früh und spat.

10
Schnee, dichter Hagel, dunkle Fluten pflegen

Die Nacht dort zu durchziehn in wildem Guß;
Stank qualmt die Erde, die’s empfängt, entgegen.

13
Ein Unthier, wild und seltsam, Cerberus,[68]

Bellt, wie ein böser Hund, aus dreien Kehlen
Jedweden an, der dort hinunter muß.

16
Schwarz, feucht der Bart, die Augen rothe Höhlen,

Mit weitem Bauch, die Tatzen scharf beklaut,
Viertheilt, zerkratzt und schindet er die Seelen.

19
Sie heulen, wie die Hund’, im Regen laut,

Und sie verschaffen sich durch öft’res Drehen
Auf einer Seite mindstens trockne Haut.

22
Der große Höllenwurm, der uns ersehen,

Riß auf die Rachen, zeigt’ uns ihr Gebiß,
Und ließ kein Glied am Leibe stille stehen.

25
Virgil streckt’ aus die offnen Händ’ und riß

Erd’ aus dem Grund, die in die gier’gen Rachen
Er alsogleich mit vollen Fäusten schmiß.

28
Wie’s pflegt ein keifig böser Hund zu machen,

Deß Bellen schweigt, wenn er den Fraß erbeißt,
Der g’nügend war, die Wuth ihm anzufachen,

31
[37] So jetzt mit schmutz’gen Schlünden jener Geist,

Der so durchdröhnt die armen Leidensmatten,
Daß jeder hochbeglückt die Taubheit preist.

34
Wir gingen über die gequälten Schatten,

Indem wir auf ihr Nichts, das Körper schien,[69]
Im tiefen Schlamm gestellt die Sohlen hatten.

37
Sie lagen allesamt am Boden hin,

Nur Einen sahn wir sich zum Sitzen heben,
Wie er uns dort erblickt’ im Weiterziehn.

40
Er sprach: „Der du zur Hölle dich begeben,

Erkenne mich, dafern dir’s möglich ist;
Du lebtest, eh’ ich aufgehört zu leben.“

43
Und ich zu ihm: „„Die Qual, in der du bist,

Entzieht vielleicht dich meinem Angedenken;
Mir scheint, ich sahe dich zu keiner Frist.

46
Wer bist du? sprich, was konnte dich versenken

In eine Qual, die, gibt’s auch größre Pein,
Nicht widriger kann sein, noch ärger kränken.““

49
„In eurer Stadt,“ so sprach er, „die allein

Der Neid erfüllt, und bis zum Ueberfließen,
Genoß ich einst des Tages heitern Schein.

52
Ich bin’s, den Ciacco eure Bürger hießen;[70]
[38]

Zur Qual für schnöde Schuld des Gaumens muß,
Du siehst’s, auf mich sich ew’ger Regen gießen.

55
Und mich allein nicht züchtigt dieser Guß.

Nein, alle diese leiden gleiche Plagen
Für gleiche Schuld.“ – So seiner Rede Schluß.

58
Und ich: „„Mich haben, Ciacco, deine Klagen,

Zum Mitleid und zu Thränen fast gerührt.
Allein, wenn du es weißt, so magst du sagen,

61
Wohin noch unsrer Stadt Parteiung führt?[71]

Ob wer gerecht ist? was in diesen Zeiten
In ihr die Glut der wilden Zwietracht schürt?““

64
Und Er darauf zu mir: „Nach langem Streiten[72]

Kommt’s dort zu Blut, dann treibt die Waldpartei
Die andre fort mit vielen Grausamkeiten.

67
Doch in drei Sonnen ist’s mit ihr vorbei,

Neu günstig sind der andern die Gestirne,
Durch Eines Mannes Macht und Heuchelei.

70
Hoch hebt sie dann auf lange Zeit die Stirne

Und drückt den Feind, ob auch, zur Wuth empört,
Er sich beklag’ und schäm’ und sich erzürne.

73
Zwei sind gerecht dort, aber nicht gehört.[73]

Neid, Geiz und Hochmuth – diese drei sind Gluten,
In deren Brand sich jedes Herz zerstört.

76
[39] Als hier des Schatten Jammertöne ruhten,

Sprach ich zu ihm: „„Noch weiteren Bericht
Erlaube mir, dir bittend anzumuthen.

79
Tegghiajo, Farinata, treu der Pflicht,

Arrigo, Rusticucci, Mosca – sage! –
Und Andre, nur auf wackres Thun erpicht,

82
Wo sind sie? welches ist ihr Loos? Ich trage

Verlangen, hier ihr Schicksal zu erspähn,
Ob’s Himmelswonne sei, ob Höllenplage?““

85
Und Er: „Sie stürzte mancherlei Vergehn

Zu schwärzern Seelen nach den tiefern Gründen.
Steigst du so tief, so wirst du alle sehn –

88
Kehrst du zur süßen Welt aus diesen Schlünden,

Bring’ ins Gedächtniß dann der Menschen mich.
Mehr sag’ ich nicht, mehr darf ich nicht verkünden.“

91
Scheel ward sein grades Aug’ und wandte sich

Nach mir; dann sank er mit dem Haupte nieder,
So daß er ganz den andern Blinden glich.[74]

94
Drauf sprach mein Führer: „Nie erwacht er wieder,

Bis er vor englischer Posaun’ ergraust,[75]
Und der Gewalt, dem Sündervolk zuwider.

97
Zum Grab kehrt Jeder, wo sein Körper haust,

Wird neu mit Fleisch und mit Gestalt umgeben
Und hört, was ewig wiederhallend braust.“ –

100
Indem langsamen Schritt’s wir weiter streben,

Durch’s wüst’ Gemisch von Schatten und von Flut.
Besprachen wir, doch kurz, das künft’ge Leben.

103
Drum ich: „„Mein Meister, wird der Qualen Wuth[76]
[40]

 Sich nach dem großen Urtheilsspruch vermehren?
Vermindert sich, bleibt sich nur gleich die Glut?““

106
Und Er: „Gedenk’ an deines Weisen Lehren (Aristoteles):

Je mehr ein Ding vollkommen ist, je mehr
Wird sich’s im Glücke freun, im Schmerz verzehren.

109
Und kann gleich der Verdammten zahllos Heer

Vollkommenheit, die wahre, nie erringen,
So harrt es doch in jener Zeit auf mehr.“

112
Wir fuhren fort, im Kreise vorzudringen,

Mehr sprechend, als zu sagen gut erscheint,
Bis hin zum Platz, wo Stufen niedergingen,

115
Und fanden Plutus dort, den großen Feind.



Siebenter Gesang.

Plutus. IV. Kreis. Lastenwälzende Geizige und Verschwender.
V. Kreis. Jähzornige im Styx.


1
Aleph, Pape Satan, Pape Satan![77]

Erhob nun Plutus seine rauhe Stimme.
Und er, der alles wohl verstand, begann:

4
„Getrost, nicht fürchte dich vor seinem Grimme,

Durch alle seine Macht wird’s nicht verwehrt,
Daß ich mit dir den Felsen niederklimme.“

7
Und dann, zu dem geschwollnen Mund gekehrt,

Rief er: „Wolf, schweige, du Vermaledeiter!
Von deiner Wuth sei in dir selbst verzehrt!

10
Wir gehn nicht ohne Grund zur Tiefe weiter,

Dort will man’s, dort, wo einst des Stolzes Schmach
Gezüchtigt Michael, der Himmelsstreiter.“

13
Gleichwie die Segel, wenn der Mast zerbrach,

Erst aufgebläht, zum Knäuel niederrollen,
So fiel das Unthier, als er’s drohend sprach.

16
[41] So ging’s zum vierten Kreis im schmerzenvollen[78]

Unsel’gen Schacht, der alle Schuld umfängt,
Von welcher je im Weltall Kund’ erschollen.

19
Gerechter Gott! Wer häuft, weß Walten drängt:

So neue Müh’n zusammen, solche Plagen!
O blinde Schuld, die hier den Lohn empfängt!

22
Wie der Charybdis Wogen sich zerschlagen,[79]

Zum Gegenstoß gewälzt von Süd und Nord,
So muß sich hier das Volk im Wirbel jagen.

25
Noch nirgend war die Schaar so groß, wie dort.

Laut heulend kamen sie von beiden Enden,
Und wälzten Lasten mit den Brüsten fort.

28
Und stießen sich, um sich beim Prall zu wenden,

Und dann zurück im Bogenlauf zu ziehn,
Und schrien sich zu: Was kargen? – Was verschwenden?

31
So durch den Kreis, in dem kein Lichtstrahl schien,
[42]

Ging’s beiderseits dann nach der andern Seite,
Indem sie beid’ ihr schändlich Schmähwort schrien.

34
Dann wandte Jeder sich zum neuen Streite,

Sobald er seines Zirkels Hälft’ umkreist;
Und ich, der ich den Armen Mitleid weihte,

37
Sprach: „„Treuer Meister; weise meinem Geist:

Wer ist dies Volk? die, links hier, scheinen Pfaffen!
Ist’s Jeder, der uns eine Glatze weist?““

40
Und Er: „Dies sind die Blinden, Geistes-Schlaffen.

Sie wußten in der Welt zum Geben nie,
Und nie zum Sparen sich ein Maß zu schaffen.

43
Und dies erhellt’ aus dem, was Jeder schrie,

Wenn sie im Kreis gelangt zu zweien Orten,
Wo trennt der Gegensatz des Lasters sie.

46
Die mit den Glatzen waren Pfaffen dorten:

Auch giebt’s hier manchen Papst und Cardinal,
Der einst dem Geiz aufthat des Herzens Pforten.

49
Drauf sprach ich: „„Meister, kenn’ in dieser Zahl[80]

Ich Keinen, der im Schmutz so eitlen Strebens
Sich hier erworben hat die ew’ge Qual?““

52
Und Er zu mir: „Dein Suchen ist vergebens,

Unkenntlich macht sie ihr verdientes Loos,
Die Lichtentfremdung ihres schmutz’gen Lebens.

55
So kommen stets zum Stoß und Gegenstoß,

Bis sie erstehn – die mit verschnittnen Haaren,
Die mit geschlossner Faust – dem Grabes-Schooß.

58
Versetzt hat sie schlecht Geben und schlecht Sparen

Von jener heitern Welt in diesen Zwist;
Nicht sag’ ich welchen, denn du kannst’s gewahren.

61
Sieh hier, mein Sohn, welch eitles Ding es ist

Um jenes Gut Fortunens, das die Leute
Zum Kampfe reizt und zu Gewalt und List.

64
[43] Gieb diesen Müden alles Gold zur Beute,

Das jemals war und ist auf eurer Welt,
Und keine Stunde Ruh giebt’s ihnen heute.“

67
Und ich: „„Mein Meister, sprich, wenn dir’s gefällt,

Wer ist Fortuna doch, die, wie ich hörte,
In ihren Klau’n der Erde Güter hält?““

70
Und er zu mir: „O Arme, Trugbethörte!

Unwissende, zum Schlimmsten stets geneigt!
O daß mein Spruch jetzt deinen Wahn zerstörte!

73
Er, dessen Weisheit Alles übersteigt,[81]

Erschuf die Himmel und gab ihnen Leitung,
Daß jeder Theil sich jedem leuchtend zeigt,

76
Durch seines Lichts gleichmäßige Verbreitung.

So gab er schaffend auch die Dienerin
Dem Erdenglanz zur Führung und Begleitung.

79
Von Volk zu Volk, von Blut zu Blute hin,

Bringt sie das eitle Gut, das nirgends dauert,
Und kümmert nicht sich um der Menschen Sinn.

82
Dies Volk befiehlt, ein andres dient und trauert,

Wie jene Führerin das Urtheil spricht,
Die, wie die Schlang’ im Gras, verborgen lauert.

85
Nichts gegen sie hilft eurer Weisheit Licht.

Sie sorgt, erkennt, vollzieht in ihrem Reiche,
Und weicht darin den andern Göttern nicht.

88
Nie haben Stillstand ihre Wechselstreiche;

So macht sie, von Nothwendigkeit gejagt,
Aus Reichen Arme, dann aus Armen Reiche.

91
Sie ist’s, die ihr an’s Kreuz oft wüthend schlagt,

Von der ihr oft, wenn ihr, anstatt zu schmollen,
Sie loben solltet, fälschlich Böses sagt.

94
Doch sie, die Sel’ge, hört nicht euer Grollen;
[44]

In andrer Erstgeschaffnen Seligkeit
Läßt sie, nichts achtend, ihre Sphäre rollen. –

97
Doch eilig weiter jetzt zu größerm Leid!

Die Stern’, aufsteigend, als ich fortgeschritten,[82]
Gehn abwärts jetzt, und unser Weg ist weit.“

100
Am andern Rand ward nun der Kreis durchschnitten,[83]

An einem Quell, der siedend dort entspringt,
Deß Wellen fort durch einen Graben glitten.

103
Schwärzer als Eisen seine Flut, sie bringt,

Wenn man ihr folgt, hinab zu rauhen Wegen,
Durch die man mit Beschwerde niederdringt.

106
Dann qualmt ein Sumpf, mit Namen Styx, entgegen,

Dort, wo der traur’ge Fluß vom Laufe ruht,
Am Fuß des gräulichen Gestads gelegen.

109
Dort stand ich nun und sah nach jener Flut

Und sah im Sumpfe Leute, koth’ge, nackte,
Zugleich des Jammers Bilder und der Wuth.

112
Man schlug sich nicht mit Fäusten nur, man hackte

Mit Haupt und Brust und Füßen auf sich ein,
Indem man wild sich mit den Zähnen packte.

115
Mein Meister sprach: „Sohn, sieh in dieser Pein

Die Seelen derer, so der Zorn bezwungen.
Auch unter’m Wasser müssen viele sein;

118
Und wenn ein Seufzer ihnen sich entrungen

Dann steigen Blasen auf von ihrer Noth,
[45] Drum sieh von Kreisen diese Flut durchschwungen.

121
Und immer rufen sie, versenkt im Koth:

Wir waren elend einst im Sonnenschimmer,
Das Herz voll Feu’r und Tücke bis zum Tod,

124
Und jetzt im Schlamm’ noch plagen wir uns immer.

Dies Lied klingt gurgelnd vor aus ihrem Schlund,
Stets schluckend, enden sie die Worte nimmer.

127
So gingen, zwischen Pfuhl und festem Grund,

Wir an dem schmutz’gen Teich in weitem Bogen,
Den Blick gewandt zum Volk mit Schlamm im Mund,

130
Bis wir zu eines Thurmes Fuß gezogen.



Achter Gesang.

Ueberfahrt. Filippo Argenti. Zum VI. Kreis. Kampf um den Eingang zur Stadt Dis.


1
Lang’ eh wir noch, so fahr’ ich fort zu sagen,[84]

Dem Fuß des hohen Thurms uns konnten nahn,[85]
War unser Blick zur Zinn emporgeschlagen,

4
Weil wir zwei Flämmchen dort entzünden sahn,

Als Rücksignal ein andres, so entlegen,
Daß es das Auge kaum noch konnt’ erfahn.

7
Da kehrt’ ich meinem Weisen mich entgegen:

„„Was ist dies? welch ein Zeichen wohl bezweckt
Das dritte Feu’r? Wer sind sie, die’s erregen?““

10
Und Er zu mir: „Sieh hin, dein Aug’ entdeckt.

Was unsrer harrt, dort auf den schmutz’gen Wogen,
Wenn dir’s der Qualm des Sumpfes nicht versteckt.“

[46]
13
Und schnell, wie ich den leichten Pfeil vom Bogen

Je fortgeschnellt durch hohe Lüfte sah,
Kam durch das Moor ein kleiner Kahn gezogen.

16
Bald war er uns am grauen Strande nah,

Obwohl von einem Rudrer nur gefahren,
Der schrie: „Verruchte Seele, bist du da?“[86]

19
„Phlegias, Phlegias, du magst dein Schreien sparen,“[87]

So sprach mein Herr, „umsonst ist’s angestimmt;
Wir sind nur dein, so lang wir überfahren.“

22
Wie wer von einem großen Trug vernimmt,

Den man ihm angethan zu Schmach und Schaden,
So zeigte Phlegias wild sich und ergrimmt.

25
Mein Führer stieg ins Schiff von den Gestaden,

Und zu sich setzen hieß er mich sodann,
Und als ich drin war, schien es erst beladen.[88]

28
Sobald wir beid’ uns eingesetzt, begann

Des Nachens Fahrt und furchte tiefre Zeilen,
Als er mit andrer Bürde furchen kann.

31
Indessen wir die todte Moorflut theilen,

Kommt Einer, kothbedeckt, vor mich, und spricht.
„Wer heißt dich vor der Zeit herniedereilen?“

34
„„Ich komme,““ sprach ich, „„aber bleibe nicht.

Doch wer bist du, so widrig und abscheulich?““ –
„Ein Heulender, dies sagt dir dein Gesicht.“

37
Und ich zu ihm: „„mit Heulen, unerfreulich,

[47] Verfluchter Geist, verbleib’ an diesem Ort!
Ich kenne dich, ob auch besudelt gräulich.““

40
Die Hände nun voll Gier legt’ er an Bord,

Und mit Gewalt mußt’ ihn mein Herr verjagen,
Der sprach: „Zu andern Hunden, weiche fort!“

43
Drauf hielt er seinen Arm um mich geschlagen,

Und küßte mich und sprach: „Erzürnter Geist,[89]
Beglückt die Mutter, welche dich getragen!

46
Stolz war im Leben dieser – Niemand preis’t

Von ihm nur einen guten Zug auf Erden,
Daher er hier sich noch in Wuth zerreißt.

49
Viel Fürsten gibt’s, die dort sich stolz geberden,

Die, Schmach nur hinterlassend, wie die Sau’n
Im Schlamme hier auf ewig wühlen werden.“

52
Und ich: „„Begierig wär’ ich wohl, zu schau’n,

Wie er in diesem Schlamm versinken müßte,
Eh’ wir verlassen diesen See voll Grau’n.““

55
Und er zu mir: „Bevor sich noch die Küste

Dir sehen läßt, erfreut dich der Genuß,
Befriedigung gebühret dem Gelüste.“

58
Bald sah ich, wie zu Qual ihm und Verdruß

Die Kothigen mit ihm beschäftigt waren.
Drob ich Gott loben noch und danken muß.

61
Frisch auf, Philipp Argenti! schrien die Schaaren;[90]

Dann sah ich, selbst sich beißend, auf sie los
Den tollen Geist des Florentiners fahren.

64
Und dies erzähl’ ich nur von seinem Loos.

Ich ließ ihn dort, und hört’ ein Schmerzens-Brüllen,
Und macht’, um vorzuschau’n, die Augen groß.

[48]
67
„Bald wird sich, Sohn, dir jene Stadt enthüllen,"

So sprach mein guter Meister, „Dis genannt,
Die schaarenweis’ unsel’ge Bürger füllen.“

70
Und ich: „„Mein Meister, deutlich schon erkannt

Hab’ ich im Thale jener Stadt Moscheen,[91]
Glutroth, als ragten sie aus lichtem Brand.““

73
Drauf sprach mein Führer: „Ew’ge Flammen wehen

In ihrem Innern, drum im rothen Schein
Sind sie in diesem Höllengrund zu sehen.“

76
Bald fuhren wir in tiefe Gräben ein,

Den Zugang sperrend zu dem grausen Orte;
Die Mauer schien von Eisen mir zu sein.

79
Dann aber hörten wir des Steurers Worte

Nachdem vorher wir auf dem Pfuhle weit
Umhergekreuzt: „Steigt aus, hier ist die Pforte.“[92]

82
Wohl tausend standen auf dem Thor bereit,

Vom Himmel hergestürzt. Es schrien die Frechen
„Wer wagt’s, noch lebend, voll Verwegenheit

85
In’s tiefe Reich der Todten einzubrechen?“

[49] Mein Meister aber ihnen winkend lud
Sie klüglich ein, ihn erst geheim zu sprechen.

88
Da legte sich ein wenig ihre Wuth.

Sie sprachen: „Komm allein, laß gehn den Thoren,
Der hier hereindrang mit so keckem Muth.

91
Find’ er den Weg, den sich sein Wahn erkoren,[93]

Allein zurück! – erprob’ er doch, wie Er
Sich durch die Nacht führt, wenn er dich verloren!“

94
Und nun bedenk’, o Leser, wie so schwer

Mich der Verdammten Rede niederdrückte,
Denn ich verzweifelt’ an der Wiederkehr.

97
„„Mein theurer Führer, du, durch den mir’s glückte,

Daß ich gerettet ward schon siebenmal,[94]
Deß Schutz mich drohender Gefahr entrückte,

100
Verlaß mich““, sprach ich, „„nicht in dieser Qual,

Und darf ich auch nicht weiter vorwärts dringen,
So komm mit mir zurück durch’s dunkle Thal.““

103
Und Er, befehligt, mich hierher zu bringen,

Sprach: „Fürchte nichts; erlaubt hat unsern Gang
Er, dem nichts wehrt, drum wird er wohl gelingen.

106
Hier harre mein, und ist die Seele bang,

So magst du sie mit guter Hoffnung speisen,
Denn nicht verlass’ ich dich in solchem Drang.“

109
So ging er. – Ich, getrennt von meinem Weisen,

Dem süßen Vater, fühlte Ja und Nein[95]
Beim Zweifelkampf in meinem Haupte kreisen.

112
Nicht hört’ ich, was sein Antrag mochte sein,

Allein er blieb bei jenem Volk nicht lange,
Denn Alle rannten in die Stadt hinein,

115
Und schlugen ihm das Thor im wilden Drange

Vorm Antlitz zu, und sperrten ihn heraus.
Da kehrt’ er sich zu mir mit schwerem Gange,

118
Den Blick gesenkt, die Stirn’ verstört und kraus,
[50]

Ließ er in Seufzern diese Worte hören:
„Wer schließt mich von der Stadt der Schmerzen aus?“

121
Und dann zu mir: „Nicht mög’ es dich verstören,

Wenn du mich zürnen siehst – ich siege doch,
Wie keck sie auch dort drinnen sich empören.

124
Schon früher stieg ihr kecker Muth so hoch,

An einem Thor, nicht so geheim gelegen,[96]
Und ohne Schloß und Riegel heute noch,

127
Am Thor, von dem die schwarze Schrift entgegen

Dem Wandrer droht, – doch diesseits schon von dort
Kommt, ohne Leitung, auf den dunkeln Wegen

130
Ein Andrer her und öffnet uns den Ort.“



Neunter Gesang.

Die Engelserscheinung. Eintritt in die Stadt Dis, den VI. Kreis der Gottesläugner und Ketzer in glühenden Särgen.


1
Weil ich vor Angst und banger Furcht erblich,

Als ich den Herrn sah sich zurückbewegen,
Verschloß Virgil die eigne Furcht in sich.

4
Aufmerksam stand er dort, wie Horcher pflegen,

Denn, weit zu schaun, war ihm die Dunkelheit
Der schwarzen Luft und Nebelqualm entgegen.

7
Er sprach: „Wir siegen doch in diesem Streit –[97]

Wenn nicht – doch hab’ ich nicht sein Wort vernommen?
Er säumt fürwahr doch gar zu lange Zeit.“

10
Ich sah es deutlich ein, zurückgenommen

[51] Sei durch der Rede Folge der Beginn,
Da beide mir verschieden vorgekommen.

13
Drum lauscht’ ich sorgenvoll und zagend hin,

Denn ich erklärte mir vielleicht noch schlimmer,
Als er es war, des halben Wortes Sinn.

16
„„Kommt wohl ein Geist in diese Tiefe nimmer

Vom ersten Grad, wo nichts zur Qual gereicht,
Als daß erstorben jeder Hoffnungs-Schimmer?““

19
So fragt’ ich ihn, und jener sprach: „Nicht leicht

Geschieht’s, daß auf dem Weg, den wir durchliefen,
Ein andrer meines Grads dies Land erreicht.

22
Wahr ist’s, daß ich vordem in diesen Tiefen[98]

Durch der Erichtho Zauberei’n erschien,
Die oft den Geist zum Leib zurückberiefen.

25
Kaum war mein Fleisch des Geistes baar, als ihn

Die Zauberin beschwor in diese Mauer,
Um eine Seel’ aus Judas Kreis zu ziehn.[99]

28
Dort ist die tiefste Nacht, der bängste Schauer,

Am fernsten von des Himmels ew’gem Licht.
Ich weiß den Weg – drum scheuche Furcht und Trauer.

31
Der Sumpf hier, welcher Stank verhaucht, umflicht

Die qualenvolle Stadt, durch deren Pforten
Man ohne Zorn die Bahn sich nimmer bricht.“

34
Mehr sprach er, doch mich zog von seinen Worten

Der hohe Thurm und bannte mit Gewalt
Den Blick ans Feuer auf dem Gipfel dorten.

37
Drei Höllenfurien sah ich dort alsbald,

Die blutbefleckt, grad’ aufgerichtet stunden,
Und Weibern gleich an Haltung und Gestalt,

40
Mit grünen Hydern statt des Gurts umbunden,

Mit kleinern Schlangen aber, wie mit Haar,
Und Ottern rings die grausen Schläf umwunden.

43
Und Jener, dem bekannt ihr Anblick war,

Der Sclavinnen der Fürstin ew’ger Plagen, (Hekate)
Sprach: „Die Erinnyen nimm’, die wilden, wahr.

[52]
46
Zur linken Seite sieh Megären ragen,

Inmitten ist Tisiphone zu schau’n,
Und rechts Alecto in Geheul und Klagen.“

49
Die Brust zerriß sich jede mit den Klau’n,

Und sie zerschlugen sich mit solchem Brüllen,
Daß ich mich an den Dichter drängt’ aus Grau’n.

52
„Medusa’s Haupt! auf, laßt es uns enthüllen,“

Sie riefen’s, niederbückend, allzugleich
„Was wir versäumt an Theseus zu erfüllen.“[100]

55
„Wende dich um, die Augen schließe gleich!

Wenn sie bei Gorgo’s Anblick offen ständen,
Du kehrtest nimmer in des Tages Reich!“

58
Er sprach’s und eilte, selbst mich umzuwenden

Verließ sich auch auf meine Hände nicht,
Und schloß die Augen mir mit seinen Händen.

61
Ihr, die erhellt gesunden Geistes Licht,

Bemerkt die Lehre, die, vom Schlei’r umzogen,
In sich verbirgt dies seltsame Gedicht.

64
Schon kam’s inmitten jener trüben Wogen[101]

Mit Dröhnen eines Donners voll von Graus,
Erschütternd beide Ufer, hergezogen!

67
Nicht anders war’s, als wie des Sturm’s Gebraus –

Wenn Glut mit Kühlung ringt sich auszugleichen –
Den Wald zerpeitscht, die Aeste reißt heraus,

70
[53] Sie hinwirft und die Blüten raubt den Zweigen,

Und wälzt sich stolz in Staubeswirbeln vor,
Daß Hirt’ und Heerden schreckensvoll entweichen.

73
Die Augen löst er mir. „Jetzt schau empor,

Dorthin, wo du den schärfsten Rauch entquellen
Dem Schaume siehst auf diesem alten Moor.

76
Wie Frösche, sich zerstreuend, durch die Wellen

Vor ihrem Feind, der Wasserschlange, fliehn,
Bis sie am Strand in Schaaren sich gesellen,

79
So sah ich schnell, als Einer dort erschien,

Das Thor von den zerstörten Seelen leeren,
Und ihn mit trocknem Fuß den Styx durchziehn.

82
Er schien den Qualm vom Antlitz abzuwehren,

Vor sich bewegend seine linke Hand,
Und dieser Dunst nur schien ihn zu beschweren.

85
Ich sah’s, er sei vom Himmel hergesandt.

Zum Meister kehrt’ ich mich, doch auf ein Zeichen,
Neigt’ ich mich schweigend, Jenem zugewandt.

88
Mir schien er einem Zornigen zu gleichen.

Er kam zum Thore, das sein Stab erschloß,
Und ohne Widerstreben sah ich’s weichen.

91
„O ihr verachteter, vestoßner Troß!“

Begann er an dem Thor, dem schreckenvollen,
„Woher die Frechheit, die hier überfloß?

[54]
94
Was seid ihr wiederspenstig jenem Wollen,

Das nimmermehr sein Ziel verfehlen kann?
Wird Er die Qual, wie oft, euch mehren sollen?

97
Was kämpft ihr gegen das Verhängniß an,

Obwohl eu’r Cerberus, ihr mögt’s bedenken,
Mit kahlem Kinn und Halse nur entrann?“

100
Dann sah ich ihn zurück die Schritte lenken.

Uns sagt’ er nichts, und achtlos ging er fort,
Als müss’ er ernst auf andere Sorgen denken,

103
Als die um kleine Ding’ am nächsten Ort.

Worauf wir beide nach der Festung schritten,
Nun völlig sicher durch das heil’ge Wort.

106
Auch ward der Eingang uns nicht mehr bestritten;

Und, ich, des Wunsches voll mich umzusehn
Nach dieser Stadt Verhältniß, Art und Sitten,

109
Ließ, drinnen kaum, das Aug’ im Kreise gehn,

Und rechts und links war weites Feld zu schauen,
Von Martern voll und ungeheuren Weh’n.

112
Gleichwie wo sich der Rhone Wogen stauen,

Bei Arles, und bei Pola dort am Meer,
Das Welschland schließt, und netzt der Grenze Gauen,

115
Grabhügel sind im Lande rings umher,

Wo auf unebnem Grunde Todte modern;
So hier, doch schreckte dieser Anblick mehr;

118
Denn zwischen Gräbern sieht man Flammen lodern,[102]

Und alle sind so durch und durch entflammt,
Daß Künste keine mehr vom Eisen fodern.[103]

121
[55] Halb offen ihre Deckel allesammt,

Und draus erklingen solche Klagetöne,
Daß man erkennt, wer drinnen, sei verdammt.

124
„„Wer, Meister,““ fragt’ ich, „„sind die Unglückssöhne,

Die, hier begraben, sonder Ruh noch Rast
Vernehmen lassen solch’ ein Schmerzgestöhne?““

127
Und Er: „Hauptketzer hält der Ort umfaßt,

Und die den Sekten angehangen haben,
In größrer Zahl als du gerechnet hast.

130
Denn Gleiche sind zu Gleichen hier begraben,

Und mehr und minder glüht jedwedes Maal.“
Er sprach’s, worauf wir rechtshin uns begaben,

133
Fortschreitend zwischen hoher Mau’r und Qual.



Zehnter Gesang.

VI. Kreis, Fortsetzung. — Farinata, Cavalcante, Friedrich II.


1
Fort ging nun, hier die Mauer, dort die Pein,

Auf still verborgnem Pfad der edle Weise,
Er mir voraus und ich ihm hinterdrein.

4
„„Der du mich führst durch die verruchten Kreise,““

Sprach ich, „„ich wünsche, daß, wenn dir’s gefällt,

[56]

Dein Wort auch ferner hier mich unterweise.

7
Darf man die sehn, die jedes Grab enthält?

Die Deckel, offen schon, sind nicht dawider,
Auch ist zur Wache Niemand aufgestellt.““

10
„Jedweder Deckel sinkt geschlossen nieder,“

Sprach Er, „wenn sie gekehrt von Josaphat,[104]
Mitbringend ihre dort gelassnen Glieder.

13
Wiss’, Epicurus liegt an dieser Statt,

Sammt seinen Jüngern, die vom Tode lehren,
Daß er so Seel’ als Leib vernichtet hat.

16
Befriedigung soll also dem Begehren,[105]

Daß du entdecktest, dies Begräbniß hier,
So wie dem Wunsch, den du verschwiegst, gewähren.“

19
Und ich: „„Mein Herz verberg’ ich nimmer dir,[106]

Nur redet’ ich in bündig kurzem Worte,
Und nicht nur jetzt empfahlst du solches mir.““

22
„Toscaner, du, der lebend durch die Pforte

Der Feuerstadt, so ehrbar sprechend, drang,
Verweil’, ich bitte dich, an diesem Orte.

25
O, ich erkenn’ an deiner Sprache Klang,

Du seist dem edlen Vaterland entsprungen,
Dem ich, ihm nur zu lästig, auch entsprang.“

28
Urplötzlich war dies einem Sarg entklungen,

Drum trat ich etwas näher meinem Hort,
Denn wieder war mein Herz von Furcht durchdrungen.

31
„Was thust du? Wende dich!“ rief er sofort,

[57] „Sieh grad’ empor den Farinata ragen,[107]
Vom Gürtel bis zum Haupte sieh ihn dort!“

34
Ich, auf sein Angesicht den Blick geschlagen,

Sah, wie er hoch mit Brust und Stirne stand,
Als lach’ er nur der Höll’ und ihrer Plagen.

37
Mein Führer, der mich schnell an muth’ger Hand

Durch Gräberreih’n bis zu ihm mit genommen,
Sprach: „Was er fragt, das mach’ ihm klar bekannt.“

40
Er sah mich, als ich bis zum Grab gekommen,

Ein wenig an. „Wer deine Väter? sprich!“
So fragt’ er mich und schien von Zorn entglommen.

43
Gern fügt’ ich dem Befehl des Meisters mich,

Ihm alles unverstellt zu offenbaren,
Da hoben etwas seine Brauen sich.

46
Er sprach darauf: „Furchtbare Gegner waren

Sie meinen Ahnen, mir und meinem Theil,
Und zweimal drum vertrieb ich sie in Schaaren.[108]

49
„„Wenn auch vertrieben, kehrten sie in Eil,““

Sprach ich, „„zweimal zurück von ihrem Fliehen
Doch nicht den Euren war die Kunst zum Heil.““[109]

52
Hier hob’ das Haupt aus seines Grabes Glühen

Ein andrer Schatten plötzlich bis zum Kinn,[110]
Empor sich raffend, schien es, auf den Knieen.

[58]
55
Er blickt’ um mich nach beiden Seiten hin,

Als woll’ er sehn, ob Jemand mich begleite,
Doch floh der Irrthum bald aus seinem Sinn,

58
Und weinend sprach er dann: „Wenn dein Geleite

Des Geistes Hoheit ist durch diese Nacht,
Wo ist mein Sohn? warum nicht dir zur Seite?“ –

61
„„Nicht eigner Geist hat mich hierher gebracht.[111]

Der dort harr’, führte mich ins Land der Klagen,
Dein Guido hatte sein vielleicht nicht Acht.““

64
So ich – beim Wort und bei der Art der Plagen

Könnt’ ich wohl seines Namens sicher sein,
Und drum ihm auch so sicher Antwort sagen.

67
Schnell richtet’ er sich auf mit lautem Schrei’n:[112]

Er hatte, sagst du? ist er nicht am Leben.
Saugt nicht sein Auge mehr den süßen Schein?“

70
Und da ich nun, statt Antwort ihm zu geben,

Noch zauderte, so fiel er rücklings hin,
Um fürder sich nicht wieder zu erheben.

73
Doch jener Andre mit dem stolzen Sinn,

Der mich gerufen, blieb auf seiner Stätte
Starr, ungebeugt und trotzig wie vorhin.

76
Dann, neu verknüpfend seiner Rede Kette:

„Ward jene Kunst zu Theil den Meinen nicht?
[59] Dies martert mehr mich noch als dieses Bette.

79
Doch wird nicht funfzigmal sich das Gesicht[113]

Der Herrin dieses Dunkels neu entzünden,
So wirst du fühlen dieser Kunst Gewicht.

82
Sprich, willst du je zurück aus diesen Gründen,[114]

Wie gegen mein Geschlecht mag solche Wuth
Das Volk in jeglichem Gesetz verkünden?“

85
Ich sprach: „„Das große Morden ist’s, das Blut,

Das rothgefärbt der Arbia klare Wogen,
Das eu’r Geschlecht mit solchem Fluch belud.““

88
Er seufzt’ und schüttelte das Haupt: „Vollzogen

Hab’ ich allein nicht diese blut’ge That,
Und Alle hat uns trift’ger Grund bewogen.

91
Doch ich allein war’s, der dem grausen Rath:

Es müsse bis zum Grund Florenz verschwinden,
Mit offnem Angesicht entgegentrat.“

94
„„Soll euer Same jemals Ruhe finden,““

So sprach ich bittend, „„löst die Schlingen hier,
Die noch, mein Urtheil hemmend, mich umwinden.

97
Versteh’ ich recht, so scheint es wohl, daß ihr

Erkennen mögt, was künft’ge Zeiten bringen,
Doch mit der Gegenwart scheint’s anders mir.““

100
Er sprach: „Uns trägt der Blick nach fernen Dingen,

Wie’s öfters wohl der schwachen Sehkraft geht,[115]
Denn soweit läßt der höchste Herr uns dringen.

[60]
103
[60] Doch naht sich und erscheint, was wir erspäht,

Weg ist das Wissen, und nur durch Berichte
Erfahren wir, wie’s jetzt auf Erden steht.

106
Darum begreifst du: einst beim Weltgerichte,

Wenn sich der Zukunft Thor auf ewig schließt,
Ganz wird dann unser Willen sein zu nichte.“

109
Drauf ich: „„Wie jetzt mein Fehler mich verdrießt![116]

O sagt dem Hingesunknen, Trostentblößten,
Daß noch sein Sohn das heitre Licht genießt.

112
Und war ich vorhin säumig, ihn zu trösten,

So sagt ihm, daß ich Raum dem Irrthum gab,
Den eben jetzt mir eure Worte lösten.““

115
Hier rief mein Meister schon mich wieder ab,

Drum bat ich schnell den Geist, mir zu erzählen,
Wer noch verborgen sei in seinem Grab.

118
Er sprach: „Hier liegen mehr als tausend Seelen,

Der Kardinal, der zweite Friederich[117]
Und Andre, die’s nicht Noth thut, aufzuzählen.“

121
Und er versank, ich aber kehrte mich

Zum alten Dichter, jene Red’ erwägend,
Die einer Unglücks-Prophezeiung glich.[118]

124
Er aber ging und sprach, sich vorbewegend,

Zu mir gewandt: „Was bist du so verstört?“
Ich that’s ihm kund, die Angst im Herzen hegend.

127
„Behalte, was du Widriges gehört,“

Sprach mit erhobnem Finger jener Weise,
„Und merk’ jetzt auf, daß dich kein Trug bethört.

130
[61] Bist du dereinst in Ihrem Strahlenkreise,

Die mit dem schönen Auge Alles sieht,
Dann deutet sie dir deine Lebensreise.“

133
Nun ging es links ins höllische Gebiet,

Um von der Mau’r der Mitte zuzuschreiten,
Wo sich der Pfad nach einem Thale zieht,

136
Von dem Gestank und Qualm sich weit verbreiten.



Eilfter Gesang.

Papst Anastasius. Eintheilung der weitern Kreise.


1
Am äußern Saum von einem hohen Strande,

Umkreist von Felsentrümmern ohne Zahl,
Gelangten wir zu einem grausern Lande.

4
Dort bargen wir vor des Gestankes Qual,[119]

Der gräßlich dampft aus jenen tiefen Gründen,
Uns hinter eines hohen Grabes Maal.

7
Wir sahn den Inhalt diese Schrift verkünden:

Hier liegt Papst Anastasius, den Photin [120]
Vom rechten Pfad verführt zu Schmach und Sünden.

[62]
10
„Wir müssen,“ sprach er, „langsam abwärts zieh’n;

Erträglicher wird nach und nach den Sinnen
Der schlechte Dunst, der unerträglich schien.“

13
„„So laß uns etwas,““ sprach ich drauf, „„beginnen,

Das uns die hier verbrachte Zeit ersetzt.““
„Du siehst,“ erwiedert’ er, „darauf mich sinnen.“

16
„Mein Sohn, du wirst in diesen Felsen jetzt,“[121]

[63] So fuhr er fort, „drei kleinre Kreise zählen,
Nach Stufen, wie die andern fortgesetzt.

19
Erfüllt sind alle von verdammten Seelen,

Doch weil du selbst sie sehn wirst, so vernimm,
Wie und warum sie sich hier unten quälen.

22
Jedwede Bosheit weckt des Himmels Grimm,

Der Unrecht Zweck ist, denn sie macht es immer
Durch Trug und durch Gewalt mit Andern schlimm.

25
Doch Trug, des Menschen eigne Sünd’, ist schlimmer

Und die Betrüger bannt des Herrn Geheiß
Drum tiefer hin, zu schmerzlicherm Gewimmer.

28
Gewaltthat wird bestraft im ersten Kreis,[122]

Doch, nach dreifacher Gattung von Vergehen,
In dreien Binnenkreisen stufenweis.

31
An Gott, an sich, am Nächsten kann’s geschehen,

Daß man Gewalt verübt, an Leib und Gut.
Wie? sollst du jetzt mit klaren Gründen sehen: –

34
Gewaltthat an des Nächsten Leib und Blut

Geschieht durch Todtschlag und durch schlimme Wunden.
Am Gute durch Verwüstung, Raub und Glut.

37
Todtschläger werden, die, so schwer verwunden,

Verwüster, Räuber, drum hinabgebannt
Zur Pein im ersten Binnenkreis gefunden.

40
Gewalt übt man an sich mit eigner Hand,

Und seinem Gut. – Um fruchtlos zu bereuen,
Sind drum zum zweiten Binnenkreis gesandt,

43
Die selber sich zu tödten sich nicht scheuen;

Die, so im Spielhaus all’ ihr Gut verthan
Und dorten weinten, statt sich zu erfreuen.

[64]
46
Gewalt auch thut der Mensch der Gottheit an,

Im Herzen sie verleugnend, und nicht achtend,
Was er durch Güte der Natur empfahn.

49
Du wirst, den klein’ren Binnenkreis betrachtend,

Drum die von Sodom und von Cahors schau’n,[123]
Und Volk, im Herzen seinen Gott verachtend. –

52
Trug, des Gewissens Qual, ist am Vertrau’n

Und ist auch oft verübt an solchen worden,
Die nicht als Freund’ auf den Betrüger bau’n.

55
Die letzte Art scheint das Band zu morden,

Das die Natur aus Lieb’ um Alle flicht,
Drum nisten in dem zweiten Kreis die Horden

58
Der Heuchler, Schmeichler, die, so falsch Gewicht

Gebrauchen, Simonisten, Zaubrer, Diebe,
Und Kuppler und dergleichen Schandgezücht.

61
Dagegen mit der allgemeinen Liebe

Zerreißt die erset Art auch noch das Band,
Das Treue fordert aus besonderm Triebe:

64
Zum Mittelpunkt des All’s, wo seinen Stand

Dis selber hat, zum letzten, kleinsten Kreise
Sind die Verräther drum zur Qual verbannt.“

67
Und ich: „„Du stellt nach deiner klaren Weise

Wohl abgetheilt den Höllenschlund mir dar
Und welche Sünder jedes Rund umkreise;

70
Doch sprich: Das Volk, das dort im Sumpfe war,

Die, so der Wind führt und die Regen schlagen,
Die mit Geschrei sich stoßen immerdar,

73
Wie kommt’s, wenn sie den Zorn des Himmels tragen,

Daß nicht die Feuerstadt ihr Strafort wird?
Wenn nicht, was leiden sie doch solche Plagen?““

76
Und er darauf zu mir: „Was schweift verwirrt

Dein Geist hier ab von den gewohnten Wegen?
Wo andershin hat sich dein Sinn verirrt?

79
Willst du nicht deine Sittenlehr’ erwägen,[124]

Die Kunde von drei Neigungen verleiht,
[65] Die Gottes Zorn und seinen Haß erregen,

82
Von Tollwuth, Bosheit, Unenthaltsamkeit?

Die dritt’ ist, da sie minderes Verachten
Des Herrn verräth, von mindrer Strafbarkeit.

85
Willst du den Spruch bedenken und betrachten,

Wer jene sind, die vor der Stadt voll Glut,
Dort oben, ihre Straf’ erduldend, schmachten,

88
So wirst du sehn, wie sie von dieser Brut

Geschieden sind, und minder sie beschwerend
Auf ihnen das Gericht des Himmels ruht.“

91
„„O Sonne, du, die trübsten Blicke klärend,

Wie Wissen, so erfreut der Zweifel mich,
Vernehm’ ich dich ihn lösend, mich belehrend;

94
Drum wend’ ein wenig,““ sprach ich, „„rückwärts dich.

Du sagst: die Wuchrer Gottes Gab’ verletzen,
Jetzt sage mir, wie löst dies Räthsel sich?"

97
„Weltweisheit,“ sprach er, „lehrt in mehrern Sätzen,[125]

Daß nur aus Gottes Geist und Kunst und Kraft
Natur entstand mit allen ihren Schätzen;

100
Und überdenkst du deine Wissenschaft

Von der Natur, so wirst du bald erkennen,
Daß eure Kunst, mit Allem, was sie schafft,

103
Nur der Natur folgt, wie nach bestem Können
[66]

Der Schüler geht auf seines Meisters Spur;
Drum ist sie Gottes Enkelin zu nennen.

106
Vergleiche nun mit Kunst und mit Natur

Die Genesis, wo’s also lautet: Leben
Sollst du im Schweiß des Angesichtes nur. –

109
Weil Wuchrer nun nach anderm Wege streben,

Schmähn sie Natur und ihre Folgerin,
Indem sie andrer Hoffnung sich ergeben.

112
Doch folge mir, denn vorwärts strebt mein Sinn,[126]

Da schon die Fisch’ empor am Himmel springen;
Schon auf den Caurus sinkt der Wagen hin,

115
Und weit ist’s noch, eh’ wir zur Tiefe dringen.



Zwölfter Gesang.

III. Abtheilung. VII. Kreis 1. Ring. Gewaltsame gegen Andere; Centauren, Chiron, Attila und andere Tyrannen und Mörder.


1
Rauhfelsig war der Steig am Strand hernieder,

Ob deß, was sonst dort war, der Schauer groß,[127]
Und jedem Auge drum der Ort zuwider.

4
Dem Bergsturz gleich bei Trento – in den Schooß[128]

Der Etsch ist seitwärts Trümmerschutt geschmissen,
Durch Unterwühlung oder Erdenstoß –

7
Wo von dem Gipfel, dem er sich entrissen,

Der Fels so schräg ist, daß zum ebnen Land,
Die oben sind, den Steg nicht ganz vermissen:

10
So dieses Abgrunds Hang, und dort am Rand

War’s, wo von Felsentrümmern überhangen,
Sich ausgestreckt die Schande Kreta’s fand,[129]

13
Einst von dem Scheinbild einer Kuh empfangen.

[67] Sich selber biß er, als er uns erblickt,
Wie innerlich von wildem Grimm befangen.

16
Mein Meister rief: „Bist du vom Wahn bestrickt,

Als säh’st du hier den Theseus vor dir stehen,
Der dich von dort zur HöIl’ herabgeschickt?

19
Fort, Unthier, fort. Den Weg, auf dem wir gehn,

Nicht deine Schwester hat ihn uns gelehrt,
Doch dieser kommt, um eure Qual zu sehen.“

22
So wie der Stier, vom Todesstreich versehrt,

Emporsetzt und nicht gehen kann, nur springen,
Und Satz um Satz hierhin und dorthin fährt,

25
So sahen wir den Minotaurus ringen;

Drum rief Virgil: „Jetzt weiter ohne Rast;
Indeß er tobt, ist’s gut, hinab zu dringen.“

28
So klommen wir, von Trümmern rings umfaßt,

Auf Trümmern sorglich fort, und oft bewegte
Ein Stein sich unter mir der neuen Last.

31
Ich ging, indem ich sinnend überlegte;

Und Er: „Du denkst an diesen Schutt, bewacht
Von Zornwuth, die vor meinem Wort sich legte.

34
Vernimm jetzt, als ich in der Hölle Nacht

Zum erstenmal so tief herabgedrungen,[130]
War dieser Fels noch nicht herabgekracht;

37
Doch kurz, eh’ jener sich herabgeschwungen

Vom höchsten Kreis des Himmels, der dem Dis
So edler Seelen großen Raub entrungen,

40
Erbebte so die grause Finsterniß,

Daß ich die Meinung faßte, Liebe zücke[131]

[68]

Durchs Weltenall und stürz’ in mächt’gem Riß

43
Ins alte Chaos neu die Welt zurücke.

Der Fels, der seit dem Anfang fest geruht,
Ging damals hier und anderwärts in Stücke.[132]

46
Doch blick’ ins Thal; schon naht der Strom von Blut,[133]

In welchem Jeder siedet, der dort oben
Dem Nächsten durch Gewaltthat wehe thut.

49
O blinde Gier, o toller Zorn! eu’r Toben,[134]

Es spornt uns dort im kurzen Leben an,
Und macht uns ewig dann dies Bad erproben. –

52
Hier ist ein weiter Graben, der den Plan

Ringshin umfaßt im weiten runden Bogen,
Wie mir mein weiser Führer kundgethan.

55
Centauren, rennend, pfeilbewaffnet, zogen,

Sich folgend zwischen Fluß und Felsenwand,
Wie in der Welt, wenn sie der Jagd gepflogen.

58
Als sie uns klimmen sahn, ward Stillestand;

Drei traten vor mit ausgesuchten Pfeilen,
Und schußbereit den Bogen in der Hand.

61
Und einer rief von fern: „Ihr müßt verweilen!

Zu welcher Qual kommt ihr an diesen Ort?
Von dort sprecht, sonst soll euch mein Pfeil ereilen!“

64
„Dem Chiron sagen wir dort nah ein Wort,“

Sprach drauf Virgil; „zum Unheil dich verführend,
Riß vorschnell stets der blinde Trieb dich fort.“

67
[69]Nessus ist dieser,“ sprach er, mich berührend,[135]

„Der starb, als Dejaniren er geraubt,
Doch aus sich selbst die Rache noch vollführend;

70
Der in der Mitt’ ist, mit gesenktem Haupt,

Der große Chiron, der Achillen nährte;[136]
Dort Pholus, welcher stets vor Zorn geschnaubt.[137]

73
Am Graben rings gehn tausend Pfeilbewehrte,

Und schießen die, so aus dem Pfuhl herauf
Mehr tauchen, als der Richterspruch gewährte.“

76
Wir beide nahten uns dem flinken Hauf,

Chiron nahm einen Pfeil und strich vom Barte
Das Haar nach hinten sich mit seinem Knauf.

79
Als nun der große Mund sich offenbarte,

Sprach er: „Bemerkt: der hinten kommt, bewegt,[138]
Was er berührt, wie ich es wohl gewahrte.

82
Und wie’s kein Todtenfuß zu machen pflegt.“

Da trat ihm an die Burst mein weiser Leiter,
Wo Mensch und Roß sich einigt und verträgt.

85
„Lebendig ist,“ so sprach er, „der Begleiter,

Der dieses dunkle Thal mit mir bereist;
Nothwendigkeit, nicht Schaulust zieht uns weiter.

88
Von dort, wo Gott ihr Halleluja preist,

Kam Eine her, dies Amt mir aufzutragen.
Er ist kein Räuber, ich kein böser Geist.

91
Doch, bei der Kraft, durch die ich sonder Zagen

Auf wildem Pfad im Schmerzensland erschien,
Gib einen uns von diesen, die hier jagen.

[70]
94
Daß er die Furt uns zeig’ und jenseits ihn

Trag auf dem Kreuz ans andere Gestade;
Denn er, kein Geist, kann durch die Luft nicht ziehn.“

97
„Auf Nessus! leite sie auf ihrem Pfade,“

Rief Chiron rechts gewandt, „bewahre sie,
Daß sonst kein Trupp der Unsern ihnen schade.“

100
Da solch Geleit uns Sicherheit verlieh,

So gingen wir am rothen Sud von hinnen.
Aus dem die Rotte der Gesottnen schrie.

103
Bis zu den Brauen waren Viele drinnen.

Tyrannen sind’s, erpicht auf Gut und Blut,“
So hört’ ich den Centauren nun beginnen.

106
„Hier weinen sie ob mitleidloser Wuth.

Den Alexander sieh und Dionysen,[139]
Der auf Sicilien Schmerzensjahre lud.

109
Die schwarzbehaarte Stirn sieh neben diesen,

Den Ezzelin – und jener Blonde dort[140]
Ist Obiz Este, der, wie’s klar erwiesen,[141]

112
Vertilgt ward durch des Rabensohnes Mord.“

Den Dichter sah ich an, der sprach: „der zweite[142]
Bin ich, der erste der, merk’ auf sein Wort.“

115
Und weiter gab uns Nessus das Geleite

Und stand bei Andern, welche bis zum Rand
Des Munds der Richterspruch vom Sud befreite.

118
Und seitwärts zeigt’ er einen mit der Hand:

[71]Der macht’ einst am Altar das Herz verbluten,[143]
Das man noch jetzt verehrt am Themse- Strand.“

121
Und Viele hielten aus den heißen Fluten[144]

Das ganze Haupt, dann Brust und Leib gestreckt,
Auch kannt’ ich Manchen in den nassen Gluten.

124
Stets seichter ward das Blut, so daß bedeckt

Am Ende nur der Schatten Füße waren,
Und dorten ward des Grabens Furt entdeckt.

127
Da sagte der Centaur: „Du wirst gewahren,

Wie immer seichter hier das Blut sich zeigt.
Jetzt aber, will ich, sollst du auch erfahren,

130
Daß dort der Grund je mehr und mehr sich neigt,

Bis wo die Flut verrinnt in jenen Tiefen,
Woraus das Seufzen der Tyrannen steigt.

133
Gerechter Zorn und Rache Gottes riefen

Dorthin der Erde Geißel, Attila,[145]
Pyrrhus und Sextus; und von Thränen triefen,

136
Von Thränen, ausgekocht vom Blute, da

Die beiden Rinier, arge Raubgesellen,[146]
Die man die Straßen hart bekriegen sah –“

139
Hier wandt’ er sich, rückeilend durch die Wellen.[147]
[72]



Dreizehnter Gesang.[148]

VII. Kreis 2. Ring. Selbstmörder, als klagende Bäume, (der Kanzler Peter v. Vineis) und Spieler.


1
Noch war nicht Nessus jenseits am Gestade,

Da schritten wir in einen Wald voll Graun,
Und nirgend war die Spur von einem Pfade.

4
Nicht grün war dort das Laub, nur schwärzlich braun,

Nicht glatt ein Zweig, nur knotige, verwirrte,
Nicht Frucht daran, nur gift’ger Dorn zu schaun.

7
Nie bei Cornet und der Cecina irrte[149]

Damhirsch und Eber durch so dichten Hain,
Dies Wild, das nie die Saat des Feldes kirrte.

10
Hier aber nisten die Harpy’n sich ein,[150]

Die, von den Inseln Troja’s Volk zu scheuchen,
Es ängsteten mit Unglücks-Prophezein,

13
Mit breiten Schwingen, Federn an den Bäuchen,

Klau’n an den Füßen, menschlich von Gesicht,
Wehklagend aus den seltsamen Gesträuchen.

16
„Bevor du eindringst, wisse, dich umflicht,“[151]

Sprach Er, „der zweite Binnenkreis; zu schauen
Indeß du weiter gehst, versäume nicht,

19
Bis daß wir kommen in des Sandmeer’s Grauen;

Und gieb wohl Acht, denn Allem, was ich sprach,
Wirst du dann durch den Augenschein vertrauen.“

22
[73] Schon hört’ ich rings Geheul und O und Ach,

Doch sah ich Keinen, der so ächzt’ und schnaubte,
So daß mein Knie mir fast vor Schauder brach.

25
Ich glaub’, er mochte glauben, daß ich glaubte,

Verborgne stöhnten aus dem dunkeln Raum,
Die mir zu sehn das Dickicht nicht erlaubte.

28
„Brich nur ein Zweiglein ab von einem Baum,“

Begann mein Meister, „und du wirst entdecken,
Was du vermuthest, sei ein leerer Traum.“

31
Da säumt’ ich nicht, die Finger auszustrecken,

Riß einen Zweig von einem großen Dorn,
Und plötzlich schrie der Stumpf zu meinem Schrecken:

34
„Warum mich brechen?“ drauf ein blut’ger Born

Aus ihm entquoll, und diese Wort’ erklangen:
„Was peinigt uns dein mitleidloser Zorn?

37
Uns, Menschen einst, von Rinden jetzt umfangen.

Wohl größre Schonung ziemte deiner Hand,
Und wären wir auch Seelen nur von Schlangen.“

40
Gleichwie ein grüner Ast, hier angebrannt,

Dort ächzt und sprüht, wenn aufgelöst in Winde,[152]
Der feuchte Dunst den Weg nach außen fand;

43
So drangen Wort und Blut aus Holz und Rinde,

Und mir entsank das Reis, daß ich geraubt;
Dann stand ich dort, als ob ich Furcht empfinde.

46
„Verletzte Seele, hätt’ er je geglaubt.[153]

Was früher schon ihm mein Gedicht entdeckte,“
So sprach Virgil, „nie hätt’ er sich’s erlaubt.

[74]
49
Wenn er die Hand nach deinem Aste streckte,

So reut’s mich jetzt, daß, weil’s unglaublich schien,
Ich Lust in ihm zu solcher That erweckte.

52
Doch sag ihm, wer du warst. Er wird, wenn ihn

Der Tag einst neu umfängt, den Fehl zu büßen,
Dort frisch ans Licht dein Angedenken ziehn.“

55
Der Stamm: „Lockspeise ist im Wort, dem süßen,[154]

Die mich zum Sprechen treibt; mag euch’s, wenn mich
Der Drang beim Reden festhält, nicht verdrießen.

58
Ich bin’s, der einst das Herz des Friederich

Mit zweien Schlüsseln auf- und zugeschlossen,
Und sie so sanft und leis gedreht, daß Ich,

61
Nur ich, sonst Keiner, sein Vertraun genossen –

Und bis ich ihm geopfert Schlaf und Blut,
Weiht’ ich dem hohen Amt mich unverdrossen.

64
Die Metze, die mit buhlerischer Glut[155]

Auf Cäsars Haus die geilen Blicke spannte,
Sie, aller Höfe Laster und Sünd’ und Wuth,

67
Schürt’ an, bis Alles gegen mich entbrannte,

Und Alle schürten Friedrichs Gluten an,
Daß heitrer Ruhm in düstres Leid sich wandte.

70
Da hat mein zornentbrannter Geist, im Wahn,

[75] Durch Sterben aller Schmach sich zu entwinden,
Mir, dem Gerechten, Unrecht angethan.

73
Bei diesen Wurzeln schwör’ ich, diesen Rinden:

Stets war’s um meine Treue wohl bestellt
Für ihn, der werth war, ew’gen Ruhm zu finden.

76
Kehrt einer je von euch zurück zur Welt,

So mög’ er dort mein Angedenken heben,
Das jener Streich des Neids noch niederhält.“

79
Hier hielt er an, ich aber schwieg mit Beben.

Da sprach der Dichter: „Ohne Zeitverlust
Frag’ ihn, er wird auf Alles Antwort geben.“

82
Ich aber: „„Frag’ ihn selbst. Dir ist bewußt,

Was mir ersprießlich sei, ihm abzufragen;
Ich könnt’ es nicht, denn Leid drückt meine Brust.““

85
Und Er: „Soll einst, was du ihm aufgetragen,

Er frei vollziehn, dann, o gefang’ner Geist,
Beliebe dir, zuvor uns anzusagen,

88
Wie dieser Stämme Band die Seel’ umkreist?

Und ob den Rinden, die sich um sie legen,
Gleich Gliedern, jemals eine sich entreißt?“

91
Und zischend schien es sich im Stamm zu regen,

Dann aber ward das Weh’n zu diesem Wort:
„In kurzer Rede sag’ ich dies dagegen:[156]

94
Wenn die vom Leib’ sich trennen, welche dort

Sich frevelhaft in wildem Grimm entleiben,
Schickt Minos sie zu diesem Schlunde fort.

97
Hier fallen sie, wie sie die Stürme treiben,

In diesem Wald nach Zufall, ohne Wahl,

[76]

Um wie ein Speltkorn wuchernd zu bekleiben.

100
So wachsen Büsch’ und Bäum’ in diesem Thal,

Und die Harpy’n, die sich vom Laube weiden,
Sie machen Qual, und Luft auch für die Qual.

103
Einst eilen wir nach unserm Leib, doch kleiden

Uns nie darein; denn was man selbst sich nahm,
Will Gott uns nimmer wieder neu bescheiden.

106
Wir schleppen ihn in diesen Wald voll Gram,

Und jeder Leib wird an den Baum gehangen,
Den hier zur ew’gen Haft sein Geist bekam.“ –

109
Wir horchten auf den Stamm noch voll Verlangen,[157]

Mehr zu vernehmen, als urplötzlich schnell
Schrei’n und Getos zu unsern Ohren drangen,

112
Als ob hier Eber, Hund und Jagdgesell,

Die ganze Jagd, heran laut tosend brauste
Mit Waldes-Rauschen, Schreien und Gebell. –

115
Und sieh, linksher, zwei Nackende, Zerzauste,

Fortstürmen, wie vom Aeußersten bedroht,
Daß das Gezweig zertrümmert kracht’ und sauste.

118
Der Vordre schrie: „Zu Hilfe, komm’, o Tod!“

Dem Andern schien’s, daß es mehr Eile brauche;
Lan,“ rief er, „dort bei Toppo in der Noth[158]

121
Schien nicht dein Fußwerk gut zu dem Gebrauche.“

Dann, weil erschöpft vielleicht des Odems Rest,
Macht’ er ein Knäul aus sich und einem Strauche.

124
[77] Sieh schwarze Hunde, durchs Gestrüpp gepreßt,

Schnell hinterdrein, die wild die Läufe streckten,
Wie Doggen, die man von der Kett’ entläßt!

127
Sie schlugen ihre Zähn’ in den Versteckten,

Zerrissen ihn und trugen stückweis dann
Die Glieder fort, die frischen, blutbefleckten.

130
Mein Führer faßte bei der Hand mich an

Und führte mich zum Busche, der vergebens
Aus Rissen klagte, welchen Blut entrann.

133
Er sprach: „Was machtest du doch eitlen Strebens,[159]

O Jakob, meinen Busch zu deiner Hut?
Trag’ ich die Schulden deines Lasterlebens?“

136
Mein Meister, dessen Schritt bei ihm geruht,

Sprach: „Wer bist du? Warum aus so viel Rissen
Hauchst du zugleich die Schmerzensred’ und Blut?“

139
Und Er: „Ihr Seelen, die ihr kommt, zu wissen,

Wie harte Schmach ich hier erdulden muß,
Zu sehn, wie man mir so mein Laub entrissen,

142
O sammelt’s an des traur’gen Stammes Fuß.

Ich bin aus jener Stadt, die statt des alten[160]

[78]

Den Täufer wählt als Schutzherrn. Voll Verdruß

145
Wird jener drum als Feind ihr grausam walten,

Und hätte man nicht noch sein Bild geschaut,
Das dort sich auf der Arnobrück’ erhalten,

148
Die Bürger, die sie wieder aufgebaut

Vom Brand des Attila, aus Schutt und Grause,
Sie hätten ihrer Müh’ umsonst vertraut.

151
Den Galgen macht’ ich mir aus meinem Hause.“



Vierzehnter Gesang.

VII. Kreis 3. Ring. Lästerer, Wucherer, Unnatürliche, im glühenden Sand. Kapaneus. Der Greis von Kreta. 3ter Höllenfluß.


1
Weil ich der Vaterstadt mit Rührung dachte,

Las ich das Laub, das ich, das Herz soll Leid,
Zurück zum Stamm, der kaum noch ächzte, brachte.

4
Drauf kamen wir zur Grenz’ in kurzer Zeit

Vom zweiten Binnenkreis, und sahn im dritten
Ein grauses Kunstwerk der Gerechtigkeit.[161]

7
Denn dort eröffnete vor unsern Schritten

Und unsern Blicken sich ein ebnes Land,
Deß Boden nimmer Pflanz’ und Gras gelitten.

10
Und wie sich um den Wald der Graben wand,[162]

[78] War dieses von dem Schmerzenswald umwunden.
Hier weilten wir an beider Kreise Rand.

13
Dort ward ein tiefer, dürrer Sand gefunden,

Der dem, den Cato’s Füße stampften, glich,[163]
Wie wir vernehmen aus den alten Kunden.

16
O Gottes Rache! Jeder fürchte dich,

Dem, was ich sah’ mein Lied wird offenbaren,
Und wende schnell vom Lasterwege sich.

19
Denn nackte Seelen sah ich dort in Schaaren,

Die, alle klagend jämmerlich und schwer,
Doch sich nicht gleich in ihren Strafen waren.

22
Die lagen rücklings auf der Erd’ umher,

Die sah ich sich zusammenkrümmend kauern,
Noch Andre gingen immer hin und her.

25
Die Mehrzahl mußt’ im Gehn die Straf’ erdauern.

Der Liegenden war die gering’re Zahl,
Doch mehr gedrängt zum Klagen und zum Trauern.

28
Langsamen Falls sah ich mit rothem Strahl

Hernieder breite Feuerflocken wallen,
Wie Schnee bei stiller Luft im Alpenthal.

31
Wie Alexander einstens Feuerballen,

Fest bis zur Erde, sah auf seine Schaar
In jener heißen Gegend Indiens fallen,

34
Daher sein Volk, vorbeugend der Gefahr,

Den Boden stampfen mußt’, um sie zu tödten,
Weil einzeln sie zu tilgen leichter war;[164]

37
So sah ich von der Glut den Boden röthen;

Wie unterm Stahle Schwamm, entglomm der Sand,
Wodurch die Qualen zwiefach sich erhöhten.

40
Nie hatten hier die Hände Stillestand,

Und hier- und dorthin sah ich sie bewegen,
Abschüttelnd von der Haut den frischen Brand.

43
Da sprach ich: „„Du, dem Alles unterlegen,

Bis auf die Geister, die sich dort voll Wuth
Am Thor zur Wehr gestellt und dir entgegen,

[80]
46
Wer ist der Große, welcher, diese Glut

Verachtend, liegt, die Blicke trotzig hebend,
Noch nicht erreicht von dieser Feuerflut?““

49
Und jener rief, mir selber Antwort gebend,

Weil er gemerkt, daß ich nach ihm gefragt,
Uns grimmig zu: „Todt bin ich, wie einst lebend.

52
Sei auch mit Arbeit Jovis Schmied geplagt,[165]

Von welchem Er den spitzen Pfeil bekommen,
Den er zuletzt in meine Brust gejagt;

55
Sei auch zu Hilf’ die ganze Schaar genommen,

Die rastlos schmiedet in des Aetna Nacht;
Hilf, hilf, Vulkan! so schrei er zornentglommen,

58
Wie er bei Phlägra that in jener Schlacht,

und machtvoll sei auf mich sein Blitz geschwungen: –
Er wiss’, daß nie ihm frohe Rache lacht –“

61
Da hob so stark, wie sie mir nie erklungen,

Mein Meister seine Stimm’, ihm zuzuschrei’n:
„O Kapaneus, daß ewig unbezwungen[166]

64
Dich Hochmuth nagt, ist deine wahre Pein,

Denn keine Marter, als dein eignes Wüthen,
Kann deiner Wuth vollkommne Strafe sein.“

67
Drauf schien des Meisters Zorn sich zu begüten.

Von jenen Sieben war er, sagt’ er mir,
Die Theben zu erobern sich bemühten.

70
Er höhnt, so scheint’s, noch Gott in wilder Gier,

Und, wie ich sprach, sein Stolz bleibt seine Schande,
Sein Trotz des Busens wohlverdiente Zier.

73
Jetzt folge mir, doch vor dem heißen Sande

Verwahr’ im Gehen sorglich deinen Fuß,
Und halte nah dich an des Waldes Rande.

76
[81] Ich ging und schwieg, und einen kleinen Fluß,

Sah ich diesseits des Waldes sprudelnd quellen,
Vor dessen Röth’ ich jetzt noch schaudern muß.

79
Dem Bach aus jenem Sprudel gleichzustellen,[167]

Der Buhlerinnen schändlichem Verein,
Floß er den Sand hinab mit dunklen Wellen.

82
Und Grund und Ufer waren dort von Stein,

Auch beide Ränder, die den Fluß umfassen,
Drum mußte hier der Weg hinüber sein.

85
„Von allem, was ich noch dich sehen lassen,

Seit wir durch jenes Thor hier eingekehrt,
Das uns, wie Alle, ruhig eingelassen,

88
War noch bis jetzt nichts so bemerkenswerth,

Als dieser Fluß, zu dem du eben ziehest,
Der über sich die Flämmchen schnell verzehrt.“

91
So Er zu mir, und ich darauf: „Du siehest[168]
[82]

Mich lüstern schon genug, drum speist’ ich gern;
Gib Kost nur, wie du Essenslust verliehest.““

94
Und Er: „Wüst liegt ein Land im Meere fern,

Das Kreta hieß, und Keuschheit hat gewaltet,
Als noch die Welt stand unter seinem Herrn.

97
Ein Berg dort, Ida, war einst schön gestaltet,

Mit Quellen, Laub und Bäumen reich geschmückt,
Jetzt ist er öd, verwittert und veraltet.

100
Dorthin hat Rhea ihren Sohn entrückt,

Und, alle Späher listig hintergehend,
Des Kindes Schrei’n durch Lärmen unterdrückt.

103
Ein hoher Greis ist drin, grad’ aufrecht stehend,

Den Rücken nach Damiette hingewandt,
Nach Rom hin, wie in seinen Spiegel, sehend;

106
Das Haupt von feinem Gold; Brust, Arm und Hand

Von reinem Silber; weiter dann hernieder
Von Kupfer nur bis an der Hüften Rand;

109
Von tücht’gem Eisen bis zur Sohle nieder;

Nur von gebranntem Ton der rechte Fuß,
Doch ruht auf diesem meist die Last der Glieder

112
Das Gold allein ist von gediegnem Guß;

Die andern haben Spalt und träufeln Zähren,
Und diese brechen durch die Grott’ als Fluß,

115
Um ihren Lauf nach diesem Thal zu kehren,

Als Acheron, als Styx, als Phlegethon,
Und bilden, wenn sie zu den tiefsten Sphären

118
Durch diesen engen Graben hingeflohn,

Dort den Cocyt; doch nahst du diesem Teiche
Bald selber dich, drum hier nichts mehr davon.“

121
Und ich zu ihm: „„Wenn auf der Erd’, im Reiche

Des Tages, schon der kleine Fluß entstund,
Wie kommt es, daß ich ihn erst hier erreiche?““

124
Und Er zu mir: „Du weißt, der Ort ist rund,

Und ob wir gleich schon tief hernieder drangen,
Doch haben wir, da wir uns links zum Grund

127
[83] Herabgewandt, den Kreis nicht ganz umgangen,

Und wenn du auch noch manches Neue siehst,
Mag Staunen drum dein Auge nicht befangen.“

130
„„Sprich noch, wo Phlegethon, wo Lethe fließt?

Du schweigst von der; von jenem hört’ ich sagen,
Daß er aus diesem Regen sich ergießt.““

133
So ich; und Er: „Gern hör’ ich deine Fragen,

Doch sollte wohl des rothen Wassers Sud[169]
Auf jene selbst die Antwort in sich tragen.

136
Nicht in der Hölle fließt der Lethe Flut,[170]

Dort siehst du sie beim großen Seelenbade,
Wenn die bereute Schuld auf ewig ruht.“

139
Und drauf: „Jetzt weg vom Wald, und komm gerade[171]

Denselben Weg, den meine Spur dich lehrt;
Die Ränder, nicht entzündet, bilden Pfade,

142
Und über ihnen wird der Dunst verzehrt.“



Fünfzehnter Gesang.

VII. Kreis. 3. Ring. Sodomiter. Brunetto, Dante’s Lehrer.


1
Wir gehen nun auf hartem Rand zusammen,

Und feuchter Dampf, den Bach umnebelnd, schützt
Das Wasser und die Dämme vor den Flammen.

[84]
4
So wie sein Land der Flandrer unterstützt,

Bang vor der Springflut Ansturz, die vom Baue
Des festen Damms rückprallend schäumt und spritzt;

7
Wie längs der Brenta Schloß und Dorf und Aue

Die Paduaner sorglich wohl verwahrt,
Bevor der Chiarentana Frost erlaue;[172]

10
So war der Damm auch hier von gleicher Art,

Nur daß in minder hohen, dicken Massen
Vom Meister dieser Bau errichtet ward.

13
Schon weit zurück hatt’ ich den Wald gelassen,[173]

So daß der Blick, nach ihm zurückgewandt,
Nicht mehr vermögend war, ihn zu erfassen.

16
Da kam am Fluß des Damms ein Schwarm gerannt,

Und wie am Neumond bei des Abends Grauen
Nach dem und jenen man die Blicke spannt,

19
So sahn wir sie auf uns nach oben schauen;

Und wie der alte Schneider nach dem Oehr,[174]
So spitzten sie nach uns die Augenbrauen.

22
Und wie sie alle gafften, faßte Wer,

Mich bei dem Saum, indem er mich erkannte,
Und rief erstaunt: „Welch Wunder! Du? Woher?“

25
Als er nach mir den Arm ausstreckte, wandte

Ich ihm den Blick aufs Angesicht, das schier
Geröstet war; doch zeigte das verbrannte

28
[85] Sogleich die wohlbekannten Züge mir;

Ich neigte drum mein Antlitz zu dem seinen,
Und rief: „Ach, Herr Brunetto, seid ihr hier?“[175]

31
Und Er: „Mein Sohn, nicht mag dir’s lästig scheinen,

Zurückzugehn, denn gern wohl spräch’ ich dich.
Laß die vorbeiziehn, die mit mir erscheinen.“

34
„„Ich bitt’ euch selbst darum,““ entgegnet’ ich,

„„Daher ich gern mit euch mich setzen werde,
Wenn’s dieser billigt, denn Er leitet mich.““

37
„Ach Sohn, wer stille steht von dieser Heerde,[176]

Muß unbeweglich hundert Jahr hernach
Daliegen, Glut erduldend, auf der Erde.

40
Drum geh’, ich folge deinem Tritte nach,

Bis wir aufs Neu zu meiner Rotte kommen,
Die ewig läuft, beweinend ihre Schmach.“

43
Gern wär’ ich neben ihn hinabgeklommen,

Doch wagt’ ichs nicht und ging, das Haupt geneigt,
Wie wer da geht von Ehrfurcht eingenommen.

46
„Du, welcher ver dem Tod herniedersteigt,“

Begann er nun, welch Schicksal führt dein Streben?

[86]

Und wer ist der, so dir die Pfade zeigt?“

49
„„Dort oben,““ sprach ich, „„in dem heitern Leben

War ich, eh’ reif mein Alter, ohne Rath
Verirrt und rings von einem Thal umgeben,

52
Aus dem ich eben gestern Morgens trat.

Schon kehrt’ ich mich zurück, da kam mein Leiter
Und führt’ mich wieder heim auf diesem Pfad.““

55
Drauf sprach Er: „Folgst du meinem Sterne weiter,[177]

Dann, wenn ich recht bemerkt im Leben, schafft
Er dich zum Hafen, ehrenvoll und heiter.

58
Und hätte mich der Tod nicht weggerafft,

Hätt’ ich, da dir so hold die Sterne waren,
Dich selbst zum Werk beseelt mit Muth und Kraft.

61
Doch jenem Volk von Schnöden, Undankbaren,

Das niederstieg von Fiësöle und fast[178]
Des Bruchsteins Härte noch scheint zu bewahren,

64
Ihm bist du, weil du wacker thust, verhaßt;

Mit Recht, weil übel stets zu Dorngewinden
Mit herber Frucht die süße Feige paßt,

67
Man heißt sie dort nach altem Ruf die Blinden,[179]

Voll Geiz, Neid, Hochmuth, faul an Schaal’ und Kern –
Laß rein dich stets von ihren Sitten finden!

70
So großen Ruhm bewahrt dir noch dein Stern,[180]

[87] Daß beide Theile hungrig nach dir ringen,
Doch dieses Kraut bleibt ihrem Schnabel fern.

73
Das Fiesolaner Vieh mag sich verschlingen,

Sich gegenseits, doch nie berühr’s ein Kraut,
– Kann noch sein Mist hervor ein solches bringen –

76
In dem man neu belebt den Samen schaut

Von jenen Römern, welche dort geblieben,
Als man dies Nest der Bosheit auferbaut.

79
„„War einst, was ich gewünscht, des Herrn Belieben““

Entgegnet’ ich, „„gewiß, ihr wäret nicht
Noch aus der menschlichen Natur vertrieben.

82
Das theure, gute Vater-Angesicht,

Noch seh’ ich’s vor betrübtem Geiste schweben,
Noch denk’ ich, wie ihr mich im heitern Licht

85
Gelehrt, wie Menschen ew’gen Ruhm erstreben,

Und wie mir dies noch theuer ist und werth,
Soll kund, so lang’ ich bin, die Zunge geben.

88
Was ihr von meiner Laufbahn mich gelehrt,

Bewahr’ ich wohl. – Werd’ ich die Herrin schauen,
Nebst anderm Text wird mir auch dies erklärt.[181]

91
Dem aber, will ich, sollt ihr fest vertrauen:

Ist’s nur mit dem Gewissen wohl bestellt,[182]
Dann macht kein Schicksal, wie’s auch sei, mir Grauen.

94
Mir ist nicht neu, was eure Red’ enthält,

Doch mag der Bauer seine Hacke schwingen,
Und seinen Kreis das Glück, wie’s ihm gefällt.““

97
Rechts kehrte sich Virgil, indem wir gingen,

Nach mir zurück und sah mich an und sprach:
„Recht hören, die’s behalten und vollbringen.“[183]

100
Ich aber ließ drum nicht im Sprechen nach,

Und wünschte die berühmtesten zu kennen

[88]

Von den Genossen dieser Pein und Schmach

103
Drauf Herr Brunett: „Gut ist es, Ein’ge nennen,

So wie von andern schweigen löblich scheint,
Auch müssen wir zu bald uns wieder trennen.

106
Gelehrte sind und Pfaffen hier vereint

Von großem Ruf, die einst besudelt waren
Mit jenem Fehl, den Jeder nun beweint.

109
Franz von Accorso geht in diesen Schaaren,[184]

Auch Priscian, und war dir’s nicht zu schlecht,[185]
Vorhin so schnöden Aussatz zu gewahren,

112
So sahst du Jenen, den der Knechte Knecht[186]

Zwang, nach Vicenz vom Arno aufzubrechen,
AIIwo der Tod sein toll Gelüst gerächt.

115
Gern sagt’ ich mehr – doch mit dir gehn und sprechen

Darf ich nicht länger, denn schon hebt sich dicht
Ein neuer Rauch auf jenen sand’gen Flächen.

118
Auch naht hier Volk, von dem mich das Gericht

Geschieden hat – Mein Schatz sei dir empfohlen,
Ich leb’ in ihm noch – mehr begehr ich nicht.“

121
Hier wandt’ er sich, die Andern einzuholen,

Wie nach dem Ziel mit grünem Tuch geziert,
Der Veroneser läuft mit flücht’gen Sohlen

124
Und schien, wie wer gewinnt, nicht wer verliert.[187]



Sechszehnter Gesang.

3. Ring, Forts. Guido Guerra. Rusticucci. Zum 8. Kreis.


1
Von fernher hallte schon des Falles Brausen,[188]

Der mächtig stürzte in das nächste Thal,
[89] Gleich eines Bienenschwarmes dumpfem Sausen.

4
Da rannten Schatten her, drei an der Zahl,

Und trennten sich von einer größern Bande,
Die hinlief durch des Feuerregens Qual,

7
Und schrien: „Halt du, wir sehn es am Gewande

Dir deutlich an, du bist hierher versetzt
Aus unserm eignen schnöden Vaterlande.“

10
Ach, alt’ und neue Wunden, eingeätzt

Von Flammen, sah ich nun in ihrem Fleische,
Und denk’ ich dran, so jammert’s mich noch jetzt.

13
Mein Meister horcht’ auf dieses Schmerzgekreische,

Und sah mich an und sprach: „Hier harren wir!
Bedenke jetzt, was Höflichkeit erheische.

16
Denn wäre nicht der Feuerregen hier,

Nach der Natur des Orts, so sagt’ ich: „Eile
Gezieme jetzo, mehr als ihnen, dir.“[189]

19
Ich stand und hörte neu ihr alt Geheule;

Zu uns gekommen, faßten Alle nun,
Sich an, im Rad sich drehend ohne Weile.

22
Wie nackende gesalbte Kämpfer thun,

Die Griff und Vortheil zu erforschen pflegen,
Indessen noch die Püff’ und Stöße ruhn;

25
So sah ich sie im Kreise sich bewegen,

Mir immerdar das Antlitz zugewandt,
Und Hals und Fuß an Richtung sich entgegen.[190]

[90]
28
Und Einer sprach: „Wenn dieser lockre Sand

Und unsre Noth uns auch verächtlich machte
Und unser Anseh’n, elend und verbrannt,

31
Doch unsres Namens halb’ das Fleh’n beachte;

Sprich, wer du bist? wie lebend hier erscheinst?
Und was dich sicher her zur Hölle brachte?

34
Der, welchem du mich folgen siehst, war einst,

Muß er auch nackt hier und geschunden rennen,
Von höherm Range wohl, als du vermeinst.

37
Wer hörte nicht Gualdradas’ Enkel nennen,

Der guten? – Guidoguerra, dessen Geist
Und Rath wie Schwert wir all’ als tüchtig kennen?[191]

40
Der hinter mir den lockern Sand durchkreist,

Tegghiajo ist’s, deß Rat man noch auf Erden,[192]
Obwohl man ihm nicht folgt’, als heilsam preist.

43
Ich, ihr Genoß in schrecklichen Beschwerden,

Bin Jacob Rusticucci, und mich ließ[193]
Mein böses, wildes Weib so elend werden.“ –

46
Wenn irgend was vor’m Feuer Schutz verhieß,

So stürzt’ ich gern mich unter sie hernieder,
Auch litt, so glaub’ ich, wohl mein Meister dies.

49
[91] Allein verbrannt hätt’ ich auch meine Glieder,

Drum unterdrückte Furcht in mir die Lust,
Die Jammervollen zu umarmen, wieder.

52
„„Nicht der Verachtung bin ich mir bewußt,““

Begann ich, „„nur des Leids für euch Geplagte,
Und schwer verwinden wird es meine Brust.

55
Ich fühlt’ es, als mein Herr mir Worte sagte,

Durch welche mir es deutlich ward und klar,
Daß, wer hier komme, hoch auf Erden ragte.

58
Ich bin aus eurer Stadt, und nimmerdar

Wird eures Thuns ruhmvoll Gedächtniß schwinden,
Das immer mir auch lieb und theuer war.

61
Ich lies die Gall’, um süße Frucht zu finden,[194]

Die mein wahrhafter Führer prophezeit,
Doch muß ich erst zum Mittelpunkt mich winden.““[195]

64
„Soll lang noch deine Seele das Geleit

Der Glieder sein,“ so sprach nun Er dagegen,
„Soll leuchten noch dein Ruf nach deiner Zeit,

67
So sage mir, bewohnen, wie sie pflegen,

Wohl unsre Stadt noch Kraft und Edelmuth?
Sind sie verbannt und völlig unterlegen?

70
Denn Borsiere, welcher diese Glut[196]

Seit Kurzem theilt, und dort mit Andern schreitet,
Erzählt’ uns Manches, was uns wehe thut! –“

73
„„Neu Volk und schleuniger Gewinn verleitet[197]
[92]

Zu Unmaß dich und Stolz, der dich bethört,
Florenz, und dir viel Leiden schon bereitet!““

76
Ich rief’s, das Aug’ emporgewandt, verstört.

Starr sahn die Drei sich an bei meinen Reden,
Wie man sich anstarrt, wenn man Wahrheit hört.

79
„Wenn dir’s gelingt, daß du so, wie uns, Jeden[198]

Befried’gen kannst,“ war Aller Gegenwort,
„Dann bist du glücklich, also frei zu reden.

82
Entkommst du einst aus diesem dunklen Ort,

Und siehst den Sternenglanz, den schönen, süßen,
Und sagst dann froh und heiter: Ich war dort,

85
Vergiß dann nicht, die Welt von uns zu grüßen!“ –

Hier aber brachen sie den Kreis und flohn
Voll Eil’ und wie mit Flügeln an den Füßen.

88
Eh’ man ein Amen ausspricht, waren schon

Sie alle drei aus meinem Blick verschwunden,
Drum ging sogleich mein Meister auch davon.

91
Ich folgt’ ihm nach, um weitres zu erkunden,

Worauf uns bald des Stroms Gebraus erklang,
So nah, daß wir uns sprechend kaum verstunden.

94
Gleich jenem Flusse mit dem eignen Gang,[199]

Deß Fluten ostwärts vom Berg Veso toben
Entströmt dem linken Apenninenhang,

97
– Das stille Wasser heißt er erst dort oben,

Dann senkt er sich und wird bei Forli bald
Des ersten Namens wiederum enthoben –

100
Deß Sturz dort ob Sanct Benedict erschallt,

Wo seine Wellen in den Abhang brausen,
[93] Der groß für Tausend ist zum Aufenthalt:[200]

103
So brach von einem Felsenhang voll Grausen[201]

Der dunkelfarb’ge Fluß sich brüllend Bahn,
Und kaum ertrug das Ohr sein wildes Sausen.

106
Mit einem Stricke war ich umgethan,[202]

Und manches Mal mit diesem Gurte dachte
Ich das gefleckte Panthertier zu fahn.

109
Nachdem ich los von mir den Gürtel machte,

Wie ich vom Führer mir geboten fand,
Macht’ ich ein Knäuel draus, das ich ihm brachte.

112
Er aber kehrte dann sich rechter Hand

Und schleuderte zum tiefen Felsenschlunde
Das Knäul hinunter ziemlich weit vom Rand.

115
„„Entsprechend““ dacht’ ich, „„muß die neue Kunde

Dem neuen Wink und diesem Blicke sein,
Womit mein Meister schaut zum tiefen Grunde.““

118
O wie behutsam sollten wir doch sein[203]

Mit solchen, die des Herzens Sinn erspähen,
Und nicht sich halten an die That allein.

121
Er sprach: „Bald werden wir auftauchen sehen,

Was ich erwart’; und das, was du gedacht,
Wird deutlich bald vor deinen Blicken stehen.“

124
Bei Wahrheit, die der Lüge gleicht, habt Acht,

So viel ihr könnt, euch nimmer auszusprechen,

[94]

Sonst werdet ihr ohn’ eure Schuld verlacht.

127
Doch kann ich mich zu reden nicht entbrechen,

Und schwör’, o Leser, dir, bei dem Gedicht,
Dem nimmer möge Huld und Gunst gebrechen:

130
Ich sah durch jene Lüfte schwarz und dicht

Ein Bild nach oben schwimmend, sich erheben,
Dem Kühnsten wohl ein wunderbar Gesicht,

133
Wie Jemand kehrt, der sich hinab begeben,[204]

Den Anker, der im Felsenrisse steckt,
Zu lösen, wenn er sich beim Aufwärtsstreben

136
Von unten einzieht und nach oben streckt.



Siebzehnter Gesang.

Geryon. Letzte des 3. Rings: Wucherer. Abfahrt.


1
„Sieh hier das Unthier mit dem spitzen Schwanze,[205]

Der Berge spaltet, Mauer bricht und Thor!
[95] Sieh, was mit Stank erfüllt das große Ganze!“

4
So hob mein Führer seine Stimm’ empor,

Und rief mit seinem Wink das Thier zum Rande,
Bis nah zu unserm Marmorpfade vor.[206]

7
Da kam des Truges Gräuelbild zum Lande,

Und schob den Kopf und dann den Rumpf heran,
Doch zog es nicht den scharfen Schweif zum Strande.

10
Von Antlitz glich es einem Biedermann,

Und ließ von außen Mild und Huld gewahren,
Doch dann fing die Gestalt des Drachen an,

13
Mit zweien Tatzen, die bedeckt mit Haaren,

Und Rücken, Brust und Seiten, die bemalt
Mit Knoten und mit kleinen Schnörkeln waren;

16
Vielfarbig, wie kein Werk Arachne’s strahlt,

Wie, was auch Türk’ und Tatar je gewoben,
So bunt doch nichts an Grund und Muster prahlt.

19
Wie man den Kahn, im Wasser bald, bald oben,

Am Lande sieht an unsrer Flüsse Strand,
Und wie, zum Kampf den Vorderleib erhoben,

22
Der Biber in der deutschen Fresser Land;[207]

So sah ich jetzt das Ungeheuer, ragend
Und vorgestreckt auf unsers Dammes Rand,

25
Wild zappelnd, mit dem Schweif durch’s Leere schlagend,

Und, mit der Scorpionen Wehr versehn,
Die Gabel windend, und sie aufwärts tragend.

28
Mein Führer sprach: „Jetzt müssen wir uns drehn,

Und auf gewundnem Pfad zum Ungeheuer,
Dorthin, wo’s jetzo liegt, hinuntergehn.“

31
Nun führte rechter Hand mich mein Getreuer[208]
[96]

Nur wenig Schritt hinab am Rande fort,
Den heißen Sand vermeidend und das Feuer.

34
Und unten angelangt, erkannt’ ich dort

Noch etwas vorwärts auf dem Sande Leute,
Nah sitzend an des Abgrunds dunklem Bord.

37
Mein Meister sprach: „Erkennen sollst du heute

Den ganzen Binnenkreis mit seiner Pein,
Drum geh’ und sieh, was jenes Volk bedeute.

40
Doch kurz nur dürfen deine Worte sein.

Ich will indeß mich mit dem Thier vernehmen,
Den starken Rücken uns zur Fahrt zu leihn.“

43
So mußt’ ich einsam mich zu gehn bequemen

Am Rand des siebenten der Kreis’ und nahm
Den Weg zum Sitze der betrübten Schemen.

46
Aus jedem Auge starrte Schmerz und Gram,

Indeß die Hand, jetzt vor dem heißen Grunde,
Jetzt vor dem Dunst dem Leib zu Hülfe kam.

49
So scharren sich zur Sommerzeit die Hunde,

Wenn Floh’ sie oder FIieg’ und Wespe sticht,
Jetzt mit dem einen Fuß, jetzt mit dem Munde.

52
Die Augen wandt’ ich Manchem in’s Gesicht,

Der dort im Feuer saß und heißer Asche;
Und Keinen kannt’ ich, doch entging mir nicht,

55
Vom Halse hänge Jedem eine Tasche,

Bezeichnet und bemalt, und wie voll Gier
Nach diesem Anblick noch ihr Auge hasche.

58
Ich sah, wie ich genaht, ein blaues Thier

Auf gelbem Beutel, wie auf einem Schilde,
Das schien ein Leu an Kopf und Haltung mir.

61
[87] Dann blickt’ ich weiter durch dies Qualgefilde,

Und sieh, ein andrer Beutel, blutig roth,
Zeigt’ eine butterweiße Gans im Bilde.

64
Ein blaues Schwein auf weißem Sacke bot

Sich dann dem Blick, und seine Stimm’ erheben
Hört’ ich den Träger: „Du hier vor dem Tod?

67
Fort! fort! doch wisse, weil du noch am Leben,

Bald findet mir mein Nachbar Vitalian,
Zur Linken seinen Sitz, hier gleich daneben.

70
Oft schrein mich diese Florentiner an,

Mich Paduaner, mir zum größten Schrecken:
Möcht aller Ritter Ausbund endlich nahn!

73
Wo mag doch die Drei-Schnabel-Tasche stecken?“ –

Hier zerrt’ er’s Maul schief und die Zunge zog
Er vor, gleich Ochsen, so die Nase lecken.[209]

76
Schon fürchtet ich, da ich so lang verzog,

Den Zorn des Meisters, der auf Eil’ gedrungen,
Daher ich schnell mich wieder rückwärts bog.

79
Auch fand ich, daß er schon sich aufgeschwungen

Und auf das Kreuz des Ungethüms gesetzt.
Er sprach: „Stark sei dein Muth und unbezwungen!

82
Hinunter geht’s auf solchen Leitern jetzt.

Steig’ vorn nur auf, ich wills inmitten fassen,
Daß dich des Schwanzes Stachel nicht verletzt.“

85
Wie Einer, dem die Nägel schon erblassen

Beim Wechselfieber-Anfall – der nicht wagt,
Ob zitternd schon, den Schatten zu verlassen;[210]

[98]
88
So war ich jetzt bei dem, was er gesagt,

Doch machte mich die Scham, gleich einem Knechte,
Wenn ihm ein güt’ger Herr droht, unverzagt.

91
Drum setzt’ ich auf dem Unthier mich zurechte.

Und bitten wollt’ ich (doch erstarb der Ton),
Daß er mich fest mit seinem Arm umflechte.

94
Doch Er, der oft bei der Dämonen Drohn

Mich unterstützt und der Gefahr entzogen,
Umfaßte mich mit seinen Armen schon.

97
Und sprach: „Geryon, auf! Nun fortgeflogen!

Allein bedenke, wen dein Rücken trägt,[211]
Drum steige sanft hinab in weiten Bogen.“

100
Wie rückwärts sich vom Strand der Kahn bewegt,[212]

Schob sich’s vom Damm, doch, kaum hinabgeklommen,
Ward dann im freien Spielraum umgelegt.

103
Als, wo die Brust war, nun der Schweif gekommen,

Ward dieser, wie ein Aalschweif ausgestreckt,
Und mit dem Tatzenpaar die Luft durchschwommen.

106
So, glaub’ ich, war nicht Phaëton erschreckt,

Als einst die Zügel seiner Hand entgingen,
Beim Himmelsbrand, deß Spur man noch entdeckt;[213]

109
Noch Icarus, als von erwärmten Schwingen

Das Wachs herniedertropft’, bei Dädal’s Schrei’n:
„Dein Weg ist schlecht, dein FIug wird nicht gelingen;“ –

112
[99] Wie ich, nichts sehend, als das Thier allein,

Und rings umher von öder Luft umfangen,
Wo nie entglomm des Lichtes heitrer Schein.

115
Daß wir uns langsam, langsam niederschwangen,

Im Bogenflug, bemerkt’ ich nur beim Wehn
Der Luft von unten her an Stirn und Wangen.

118
Rechts hört’ ich schon das Wirbeln und das Drehn

Des Wasserfalls und sein entsetzlich Brausen,
Und bog mich vorwärts, um hinabzusehn.

121
Doch schüchtern wieder bei des Abgrunds Sausen,

Bei Klag’ und Glut, die ich vernahm und sah,
Duckt’ ich mich hin und zitterte vor Grausen.

124
Was ich erst nicht gesehn, das sah ich da:

Wie wir im weiten Kreis hinunterstiegen,
Und sah mich überall den Qualen nah.

127
Gleichwie ein Falk, wenn er nach langem Wiegen

In hoher Luft nicht Raub noch Lockbild sieht,
Und ihn der Falkner ruft, herabzufliegen,

130
So schnell er stieg, so langsam niederzieht,

Dann, zürnend seinem Herrn, auf luft’gen Pfaden
Im Bogenflug zum fernsten Baume flieht;

133
So setzt’ uns an den steilen Felsgestaden

Geryon ab und flog in großer Eil’,
Sobald er nur sich unsrer Last entladen,

136
Hinweg, gleich einem abgeschnellten Pfeil.



Achtzehnter Gesang.

VIII. Kreis. 1. u. 2. Bulge. Kuppler und Schmeichler.


1
Ein Ort der Hölle, namens Uebelsäcken,[214]

Ist eisenfarbig, ganz erbaut von Stein,

[100]

So auch die Dämme, die ringsum ihn decken.

4
Grad in der Mitte dieses Lands der Pein

Gähnt hohl ein Brunnen, weit, mit tiefem Schlunde,
Von dem wird seines Orts die Rede sein.

7
Und zwischen Höhl’ und Felswand gehn im Runde

Rings so die Dämme, daß der Thäler zehn
Abschnitte bilden in dem tiefen Grunde.

10
Wie um ein Schloß mehrfache Gräben gehn,

Dahinter wohlverwahrt die Mauern ragen,
Und sicherer den Feinden widerstehn:

13
So war umgürtet dieser Ort der Plagen;

Und wie man Brücken pflegt zum andern Strand
Aus solcher festen Schlösser Thor zu schlagen,

16
So sprangen Zacken aus der Felsenwand,

Durchschnitten Wäll’ und Gräben erst und gingen
Wie Räderspeichen bis zum Brunnenrand.

19
Kaum konnten wir vom Kreuz Geryons springen,[215]

So ging links hin mein Meister, und befahl
Auch mir, auf seinen Spuren vorzudringen.

22
Und ganz erfüllt sah ich das erste Thal

Rechts, wohin Klagen meine Blicke riefen,
Von neuen Peinigern und neuer Qual.

25
Es waren nackte Sünder in den Tiefen,[216]

[101] Getheilt, denn hier zog gegen uns die Schaar,
Und dort mit uns, nur daß sie schneller liefen:

28
Gleichwie man jüngst in Rom beim Jubeljahr

Zum Uebergang die Brücke herzurichten
Gewußt, ob großen Andrangs, also zwar,

31
Daß hier gewendet sind mit den Gesichten,

Die zu Sanct Peter wallen, nach dem Schloß –
Die Andern dort sich nach dem Berge richten.

34
Auf schwarzem Stein sprang hier und dort ein Troß

Von Teufeln nach, von schrecklichen, gehörnten,
Die schlugen wild auf sie von hinten los.

37
Wie sie beim ersten Schlage laufen lernten!

Wie sie, nicht wartend auf den zweiten Hieb,
Mit jähen langen Sprüngen sich entfernten!

40
So fiel auf Einen, den die Geißel trieb,

Mein Auge jetzt hinab, bei dem ich dachte,
Daß er nicht fremd mir auf der Erde blieb.

43
Scharf blickt’ ich hin, damit ich ihn betrachte,

Auch hielt mein Führer an, der’s zugestand,
Daß ich zurück erst ein’ge Schritte machte.

46
Zwar sucht’ er, bodenwärts den Blick gewandt,

Mir mit Gestalt und Angesicht zu geizen,
Doch rief ich, da ich dennoch ihn erkannt:

49
„„Wenn deine Züge nicht zum Irrthum reizen,

So mein’ ich, daß Venedigo du seist;[217]
Doch weshalb steckst du so in scharfen Beizen?““

[102]
52
„Nur ungern sag’ ich’s,“ sprach er drauf, „doch reißt

Die helle Stimm’ mich hin, die mich bezwungen,
Und alte Zeit zurückführt meinem Geist.

55
Ich bin’s, der in Ghifolen so gedrungen,

Daß sie nach des Markgrafen Willen that,
Wie ganz entstellt auch das Gerücht erklungen.

58
Und aus Bologna ist auf gleichem Pfad

An diesen Qualort so viel Volk gekommen,
Als jetzo diese Stadt kaum Bürger hat.[218]

61
Und sollte dir hierbei ein Zweifel kommen,

So denk’, um sicher auf mein Wort zu bau’n,
Wie Habsucht uns die Herzen eingenommen.“

64
Sprach’s, und ein Teufel kam, um einzuhau’n,

Mit hochgeschwungner Geißel her und sagte:
„Fort, Kuppler, fort, hier giebt’s nicht feile Frau’n.“

67
Zum Führer ging ich, da ich bebt’ und zagte,

Und bald gelangten wir an einen Ort,
Wo aus der Wand ein Felsen vorwärts ragte.

70
Und dieser Zacken dient’ als Brücke dort.

Leicht klommen beide wir hinauf und zogen
Rechtshin aus jenen ew’gen Kreisen fort.

73
Bald dort, wo unter uns der Fels als Bogen

Sich höhlt’ und Durchgang der Gepeitschten war,[219]
Sprach Er: „In gleicher Richtung fortgezogen,[220]

76
Sind wir bis jetzt mit jener zweiten Schaar,

Drum konnten wir sie nicht von vorne sehen,
[103] Jetzt aber nimm die Angesichter wahr.“

79
Wir blieben nun am Rand der Brücke stehen

Und sahn den Schwarm, der uns entgegen sprang,
Denn eilig hieß die Geißel Alle gehen.

82
Da sprach mein Hort: „Sieh, noch mit Stolz im Gang,[221]

Den Großen, der sich keine Klag’ erlaubte,
Dem aller Schmerz noch keine Thrän’ entrang,

85
So königlich noch an Gestalt und Haupte!

Der Jason ist’s, der durch Verstand und Muth
Das Widdervließ dem Volk von Kolchis raubte.

88
Nach Lemnos kam er, als in ihrer Wuth

Die Frau’n, die glühend Eifersucht durchzückte,
Vergossen hatten aller Männer Blut;

91
Wo er durch Worte täuschend ausgeschmückte,

Berückt HypsipyIen das junge Herz,
Die alle Frau’n von Lemnos erst berückte.

94
Dort ließ er schwanger sie in ihrem Schmerz.

Dies bracht’ ihn her; und gleiche Straf’ erheischen
Medea’s Leiden, einst ihm Spiel und Scherz.

97
Auch gehn mit ihm, die gleicher Weise täuschen.

Allein dies sei vom ersten Thal genug,
Und denen, so die Geißeln drin zerfleischen.“[222]

100
Im Kreuz den zweiten Damm durchschneidend, trug
[104]

Der Felspfad uns, der, auf den Widerlagen
Der Dämme hier den andern Bogen schlug.

103
Dort, aus dem zweiten Sack, klang dumpfes Klagen,[223]

Und Leute sahn wir tief im Grunde sich
Laut schnaufend mit den flachen Händen schlagen.

106
Der Dämme Seiten waren schimmelig

Vom untern Dunste, der wie Teig dort klebte,
Für Aug’ und Nase feindlich widerlich;

109
Doch vor dem Blick, so sehr ich forschte, schwebte

Noch dunkle Nacht, weil tief der Abgrund ist,
Bis ich des Felsenbogens Höh’ erstrebte.

112
Von hier, wo erst der Blick die Tiefe mißt,

Sah ich viel Leut’ im tiefen Kothe stecken,
Wie in dem Abort er zu finden ist.

115
Ich forscht’ und sah ein Haupt sich vorwärts strecken,

Doch ganz beschmutzt mit Koth, drum konnt’ ich nicht,
Ob’s Lai’, ob Pfaffe sei, genau entdecken.

118
Da schrie er her: „Was bist du so erpicht,

Mich mehr, als andre Schmutz’ge, zu gewahren?“
Und ich: „„Weil, ist mir recht, ich dein Gesicht

121
Bereits gesehn, allein mit trocknen Haaren.

Alex Interminei heißest du,[224]
Drum seh ich mehr auf dich, als jene Schaaren.““

124
Und er, die Stirn sich schlagend, rief mir zu:

„Mich stürzte Schmeichelei herab zur Hölle,
Die meine Zunge übte sonder Ruh.“

127
Da sprach zu mir mein guter Meister: „Stelle

Dich etwas vor, und in die Augen fällt
Dir eine schmutz’ge Dirn’ an jener Stelle.

130
Sieh die Zerzauste, die sich kratzt und krellt

Mit koth’gen Nägeln, jetzt aufs Neue greulich
[105] Im Mist versinkt und jetzt sich aufrecht stellt.

133
Die Hure Thais ist’s, jetzt so abscheulich.[225]

Fragt’ einst ihr Buhl: „Steh ich in Gunst bei dir?“
Versetzte sie: „Ei, ganz erstaunlich! Freilich!“

136
Doch sei gesättigt unsre Schaulust hier.“



Neunzehnter Gesang.

VIII. Kreis. 3. Bulge. Simonisten. Nikolos III. und andere Päpste.


1
O Simon Magus, ihr, o Arme, Blöde,[226]

Die, was der Tugend ihr vermählen sollt,

[106]

Die Gaben Gottes räuberisch und schnöde,

4
Ihr hingabt schnöd’ um Silber und um Gold,

Von euch soll jetzo die Posaun’ erschallen;
Euch zahlt der dritte Sack der Sünden Sold. –

7
Erstiegen hatten wir die Felsenhallen

Des Stegs, von welchem mitten in den Schooß
Des nächsten Schlunds die Blicke senkrecht fallen.

10
Allweisheit, wie ist deine Kunst so groß,

Im Himmel, auf der Erd’, im Höllenschlunde.
Und wie gerecht vertheilst du jedes Loos:

13
Ich sah dort an den Seiten und im Grunde

Viel Löcher im schwarzbläulichen Gestein,
Gleich weit und sämmtlich ausgehöhlt zum Runde.

16
Sie mochten so, wie jene, wo hinein[227]

Beim Taufstein Sanct Johanns die Täufer treten,
Und enger nicht, doch auch nicht weiter sein.

19
Eins dieser sprengt’ ich einst, weil ich in Nöthen

Ein halbersticktes Kindlein drin entdeckt:
So sei’s besiegelt, so will ich’s vertreten!

22
Ich sah, daß sich aus jedem Loch gestreckt,

Zwei Füß’ und Beine bis zum Dicken fanden,
Der andre Leib blieb innerhalb versteckt;

25
Sah wie die Sohlen beid’ in Flammen standen,

Und sah die Knorren zappeln und sich drehn,
So stark, daß sie wohl sprengten Kett und Banden;

28
Wie wir’s an ölgetränkten Dingen sehn,

Wo obenhin die Flammen flackernd rennen,
So von der Ferse dort bis zu den Zeh’n.

31
[107] „„Gern, Meister,““ sprach ich, „„möcht’ ich diesen kennen,

Der wilder zuckt, als die, so ihm gesellt,
Und dessen beide Sohlen röther brennen.““

34
Und Er: „Ich trage dich, wenn dir’s gefällt,

Am schiefen Hang hinab – Er wird dir zeigen,
Wer einst er war, und was im Loch ihn hält.“

37
Drauf Ich: „„Du bist der Herr, und mein Bezeigen

Folgt dem gern, was mir als dein Wille kund,
Und du verstehst mich auch bei meinem Schweigen.““

40
Drauf ging’s zum vierten Damm, und links zum Schlund[228]

Trug mich mein Herr hinab zu neuen Leiden
In den durchlöcherten und engen Grund.

43
Er ließ mich nicht von seiner Hüfte scheiden,[229]

Auf die er mich gesetzt, bis bei dem Ort
Deß, der da weinte mit den Füßen beiden.

46
„„Du, mit dem Obern unten,““ sprach ich dort,

„„Hier eingerammt gleich einem Pfahl, verkünde:
Wer bist du? sprich, ist dir vergönnt dies Wort.““

49
Ich stand, dem Pfaffen gleich, dem seine Sünde[230]

Der Mörder beichtet, welcher, schon im Loch,
Ihn rückruft, daß der Tod noch Aufschub finde.

52
Da schrie er: „Bonifaz, so kommst du doch,[231]
[108]

So kommst du doch schon jetzt, mich fortzusenden?
Und man versprach dir manche Jahre noch?

55
Schon satt des Guts, ob deß mit frechen Händen

Du trügerisch die schöne Frau geraubt,
Um ungescheut und frevelnd sie zu schänden?“

58
Ich stand verlegen, mit gesenktem Haupt,[232]

Wie wer nicht recht versteht, was er vernommen,
Und sich, beschämt kein Gegenwort erlaubt.[233]

61
Da sprach Virgil: „Was stehst du so beklommen?

Sag’ ihm geschwind, daß du nicht jener seist,
Den er gemeint!“ – Ich eilt’, ihm nachzukommen.

64
Die Füße nun verdrehte wild der Geist,

Und sprach mit Seufzern und mit dumpfen Klagen:
„Was also ist’s, das so dich fragen heißt?

67
Doch standest du nicht an, dich herzuwagen,

Um mich zu kennen, wohl, so sag’ ich dir,
Daß ich den hehren Mantel einst getragen.

70
Der Bärin wahrer Sohn war ich, voll Gier

Für’s Wohl der Bärlein, und für diese steckte
Ich in den Sack dort Gold, mich selber hier.

73
Auch unter meinem Haupt gibt’s viel Versteckte,

Fest eingerammt hier in dem Felsenspalt,
Sie, die vor mir die Simonie befleckte.

76
Und dort hinab versink’ auch ich, sobald

Der kommt, für welchen ich dich angesehen,
Und der mir folgt in diesem Aufenthalt.

79
[109] Doch wird er nicht so lang, als mir geschehen,

Die Füße brennend, köpflings eingesteckt,
Fest eingepfählt in diesem Loche stehen.

82
Denn nach ihm kommt, mit schlechterm Thun befleckt,[234]

Ein Hirt vom Westen, ein gesetzlos Wesen,
Der mich und ihn hinab zur Tiefe schreckt.

85
Ein neuer Jason ist’s, von dem zu lesen[235]

Im Maccabäer-Buch, dem Philipp wird,
Was diesem einst Antiochus gewesen.“

88
Ich weiß nicht, ob ich nicht zu sehr geirrt,[236]

Auf solche Red’ ihm dieses zu versetzen:
„„Sprich, was verlangt einst unser Herr und Hirt,

91
Zuerst von Petrus wohl an Gold und Schätzen,

Um ihm das Amt der Schlüssel zu verleihn?
„Komm, sprach er, um mein Werk nun fortzusetzen!“

94
Was trug’s dem Petrus und den Andern ein,[237]

Als man durch Loos einst den Matthias kürte,
Statt dessen, der ein Raub ward ew’ger Pein?

97
Nichts ward dir hier, als das, was sich gebührte!

Und hüte wohl das schlecht erworbne Geld,

[110]

Das gegen Karln zur Kühnheit dich verführte.[238]

100
Und nur, weil Ehrfurcht meine Zunge hält

Für jene Schlüssel, die du einst getragen,
Da du gewandelt in der heitern Welt,

103
Enthalt’ ich mich, dir Schlimmeres zu sagen:

Daß schlecht die Welt durch eure Habsucht ist,
Die Guten sinken, und die Schlechten ragen.

106
Euch Hirten meinte der Evangelist,[239]

Bei Ihr, die sitzend auf den Wasserwogen
Mit Königen zu buhlen sich vermißt.

109
Sie, mit den sieben Häuptern auferzogen,

Sie hatt’ in zehen Hörnern Kraft und Macht,
So lang’ der Tugend ihr Gemahl gewogen.

112
Eu’r Gott ist Gold und Silber, Glanz und Pracht,

Wohl besser sind die, so an Götzen hangen,
Die einen haben, wo ihr hundert macht.

115
Welch Unheil, Constantin, ist aufgegangen –[240]

Nicht, weil du dich bekehrt, nein, weil das Gut
Der erste reiche Papst von dir empfangen.““

118
Indeß ich also sprach mit keckem Muth,

Da, sei’s, daß Zorn ihn, daß ihn Reue nagte,
Verdreht’ er beide Bein’ in großer Wuth.

121
Doch schien’s, daß es dem Führer wohlbehagte;

So stand er dort, zufrieden, aufmerksam,
Als ich so nachdrucksvoll die Wahrheit sagte;

124
Worauf er mich mit beiden Armen nahm,

Und als er mich an seine Brust gewunden
Den Weg zurückestieg, auf dem er kam.

127
Er trug, nie matt, wie fest er mich umwunden,

Mich auf des Bogens Höhe sonder Rast,
[111] Durch den der viert’ und fünfte Damm verbunden.

130
Dort setzt er sanft zu Boden meine Last.

Sanft, ob der Fels auch, steil emporgeschossen,[241]
Zum Wege kaum für eine Ziege paßt;

133
Da ward ein andres Thal mir aufgeschlossen.



Zwanzigster Gesang.

VIII. Kreis. 4. Bulge. Zauberer. Tiresias, Manto etc.


1
Die neue Qual, zu der ich jetzt gewandelt,[242]

Sie gibt dem zwanzigsten Gesange Stoff
Des ersten Lieds, das von Verdammten handelt.

4
Ich stand auf jenem Felsen rauh und schroff,

Und spähte scharf hinab zum offnen Schlunde,
Der ganz von angsterpreßten Zähren troff.

7
Viel Leute gingen langsam in der Runde,

So, wie ein Wallfahrtszug die Schritte lenkt,
Stillschweigend, weinend in dem tiefen Grunde.

10
Als tiefer ich den Blick auf sie gesenkt,[243]
[112]

Sah ich – ein Wunder scheint es und erdichtet –
Vom Kinn sie bis zum Achselbein verrenkt,

13
Das Angesicht zum Rücken hin gerichtet;

Drum mußten sie gezwungen rückwärts gehn,
Und ihnen war das Vorwärts-Schau’n vernichtet.

16
So soll ein Schlagfluß wohl das Haupt verdrehn,

Wie man erzählt in wunderlichen Sagen,
Doch glaub’ ich’s nicht, da ich es nie gesehn.

19
Läßt Gott dein Lesen, Leser, Früchte tragen,

So frage selber dich, wie mir geschah,
Ob ich nicht weinen mußt und ganz verzagen,

22
Als ich des Menschen Ebenbild so nah

Verrenkt, verdreht, und von der Augen Thränen
Genetzt den Spalt der Hinterbacken sah?[244]

25
Wahr ist’s, auf eine von den Felsenlehnen

Stand ich gestützt, und weinte ganz verzagt;
Da sprach mein Herr: „Willst du, gleich Thoren, wähnen?

28
Fromm ist nur, wer das Mitleid hier versagt.[245]

Wer ist verruchter wohl, als wer zu schmähen
Durch sein Bedauern Gottes Urtheil wagt?

31
Empor das Haupt, empor! Den wirst du sehen,[246]

Den einst vor Thebens Blick der Grund verschlang;“
[113] Drob alle schrie’n: Wohin, was ist geschehen?

34
Amphiaraus, wird der Kampf zu lang? –

Doch stürzt’ er fort und fort im tiefen Schachte,
Bis Minos ihn, gleich anderm Volk, bezwang.

37
Schau, wie er ihm die Brust zum Rücken machte!

Schau, wie er rückwärts schreitet, rückwärts sieht,
Weil er zu weit voraus zu sehen dachte.

40
Tiresias sieh, der uns entgegenzieht.[247]

Er, erst ein Mann, ward durch des Zaubers Gabe
Verwandelt in ein Weib an jedem Glied.

43
Dann aber schlug er mit dem Zauberstabe

Zuvor auf zwei verwundne Schlangen ein,
Damit er wieder Mannsgestaltung habe.

46
Den Rücken ihm am Bauch, kommt hinterdrein,

Nah angedrängt an ihn, des Aruns Schatte,[248]
Der lebend einst in Luni’s Felsenreihn

49
Als Haus die weiße Marmorhöhle hatte,

Wohl ausgesucht, daß sie zum Meeresstrand
Und zu den Sternen freien Blick gestatte. –

52
Die mit den wilden Haaren ohne Band

Die Brüste deckt, die sich nach hinten kehren,
Was sonst am Leib ist, hinterwärts gewandt,

55
War Manto, die in Ländern und auf Meeren[249]

Umirrte bis zum Ort, der mich gebar.
Von dieser will ich näher dich belehren.

58
Nachdem der Welt entrückt ihr Vater war,

Und Bacchus Stadt verfiel in Sclavenbande,
Durchstreifte sie die Welt so manches Jahr.

[114]
61
Ein See liegt an des schönen Welschlands Rande,

Am Fuß des Alpgebirgs, das Deutschland schließt,
Benaco heißend, beim Tyroler Lande.[250]

64
Zwischen Camonica und Gard’ ergießt,

Und Apennin, sich Flut in tausend Bächen,
Die in besagtem See zusammenfließt.

67
Inmitten aber liegen ebne Flächen,

Und drei verschied’ne Hirten könnten dort[251]
Auf einem Gränzpunkt ihren Segen sprechen,

70
Hier liegt Peschiera dann, ein starker Ort,

Um Bergamo von Brescia abzuschneiden,
Und rings geht flacher dann die Gegend fort.

73
Hier muß sich von dem See das Wasser scheiden,

Das nicht mehr Raum in seinem Schooß gewinnt,
Und strömt als Fluß herab durch grüne Weiden.

76
Das Wasser, das hier seinen Lauf beginnt,

Heißt Mincio nun, und seine Wellen gleiten
Bis nach Governo, wo’s im Po verrinnt.

79
Nicht weit gelaufen, trifft es ebne Weiten,

Wo es sich ausdehnt und zum Sumpfe staut,
Der bösen Dunst verhaucht zu Sommerszeiten.

82
Als dort das rauhe Weib ein Land erschaut,

Das jenes Sumpfes Wogen rings umgaben,
Entblößt von Leuten und unangebaut,

85
Da blieb, um nichts von Menschen nah zu haben,

Sie mit den Dienern da, trieb Zauberei,
Und lebt’ und ward in diesem Land begraben.

88
Bald kamen Menschen, rings zerstreut, herbei,

Die, weil sie sich auf diesen Ort verließen,
Und sahn, daß durch das Moor kein Zugang sei,

91
Sich auf dem Grabe Manto’s niederließen,

Und dann nach ihr, die erst den Ort erwählt,
[115] Die Stadt, ohn’ andres Zeichen, Mantua hießen.

94
Sie hat vordem des Volkes mehr gezählt,

Eh’ Pinamont, den Thoren zu betrügen,[252]
Dem Cassalodi seinen Trug verhehlt.

97
Drum merke wohl, und sollt’ es je sich fügen,

Daß Mantua’s Ursprung man nicht so erklärt,
So laß der Wahrheit nichts entziehn durch Lügen.“

100
Und ich: „„Mein Meister, was dein Wort mich lehrt,

Ist mir gewiß und dient zu meinem Frommen,
All’ Andres ist nur todte Kohl’ an Werth.

103
Doch sprich, von diesen, die uns näher kommen,

Ist irgend wer bemerkenswerther Art?
Denn dies nur hat den Geist mir eingenommen.““

106
Und Er: „Des Augurs Trug hat der, des Bart[253]

Die braunen Schultern deckt, zur Zeit getrieben,
Als Griechenland so leer an Männern ward,

109
Daß Knaben kaum noch für die Wiegen blieben.

In Aulis sagt’ er da mit Kalchas wahr,
Zeit wär’s, daß sie das erste Tau zerhieben.

112
Kund thut mein tragisch Lied dir, wer er war.[254]

Du wirst dich des Eurypylus entsinnen,
Denn mein Gedicht ja kennst du ganz und gar.

115
Sieh Michael Scotto auch, den magern, dünnen,[255]

Der jeden Trug des Zaubers klug gelenkt,
Und solches Spiel verstanden zu gewinnen.

118
Bonatti sieh – Asdent, den’s jetzo kränkt,

Allein zu spät, daß er in eitlem Trachten

[116]

Doch nicht auf seinen Leisten sich beschränkt.

121
Sieh Vetteln, die statt Spill’ und Rad zu achten

Und Weberschiff, wie’s einem Weib gebührt,
Mit Kraut und Bildern Hexereien machten.

124
Jetzt komm! Indeß ich dich hierher geführt,[256]

Hat an der Gränze beider Hemisphären
Der Mond im Westen schon die Flut berührt.

127
Du sahst ihn gestern sich zum Rund verklären,

Und sahst ihn dir im dichtverwachsnen Wald[257]
Verschiedne Mal willkommnes Licht gewähren.“

130
Er sprach’s, doch gingen wir ohn’ Aufenthalt.



Einundzwanzigster Gesang.

VIII. Kreis 5. Bulge. Bestechliche im weiteren Sinn.


1
So ging’s von Brück’ auf Brück’, in manchem Wort,[258]

Das ich zu sagen nicht für nöthig halte;
Und oben, an des Bogens höchstem Ort,

4
Verweilten wir ob einer neuen Spalte,

[117] Und hörten draus den eitlen Laut der Qual,
Und sahn, wie unten tiefes Dunkel walte.

7
Gleich wie man in Venedigs Arsenal

Das Pech im Winter sieht aufsiedend wogen,
Womit das lecke Schiff, das manches Mal

10
Bereits bei Sturmgetos das Meer durchzogen,

Kalfatert wird – da stopft nun der in Eil’
Mit Werg die Löcher aus am Seitenbogen,

13
Der klopft am Vorder-, der am Hintertheil,

Der ist bemüht, die Segel auszuflicken,
Der bessert Ruder aus, der dreht ein Seil;

16
So ist ein See von Pech dort zu erblicken,

Das kocht durch Gottes Kunst und nicht durch Glut,
Deß Dünste sich am Strand zum Leim verdicken.

19
Ich sah den See, doch nichts in seiner Flut,

Die jetzt sich senkt’, und jetzt sich wieder blähte,
Als Blasen, ausgehaucht vom regen Sud.

22
Indeß ich scharfen Blicks hinunterspähte,

Zog mich, indem er rief: „Hab’ Acht! Hab’ Acht!“
Mein Meister zu sich hin von meiner Stätte.

[118]
25
Da wandt’ ich mich, gleich Einem, den mit Macht

Es zieht, das was er fliehen soll, zu sehen,
Und der, da jähe Furcht ihn schaudern macht,

28
Doch, noch im Schau’n, nicht zögert fortzugehen.

Und sieh, ein rabenschwarzer Teufel sprang
Uns hinterdrein auf jenen Felsenhöhen.

31
Ach, wie sein Ansehn mich mit Graus durchdrang,

Wie wild er schien, wie froh in Andrer Schaden!
Gespreizt die Schwingen, leicht und schnell den Gang,

34
Kam er, die Schultern hoch gespitzt, beladen

Rittlings mit einem armen Sünder schwer,
Und mit den Krallen packt’ er seine Waden.

37
Von Lucca bring’ ich einen Ratsherrn her,“[259]

Schrie er, „auf, taucht ihn unter, Grimmetatzen![260]
Gleich kehr’ ich um und hole andre mehr,

40
Denn jene Stadt ist voll davon zum Platzen;

Gauner sind Alle dort, nur nicht Bontur,[261]
Und machen Ja aus Nein für blanke Batzen.“

43
Hinunter warf er dann den Sünder nur,

Und rannte gleich zurück in solcher Eile,
Wie je der Hofhund nach dem Diebe fuhr.

46
Der Sünder sank, doch hob sich sonder Weile,

Da schrien die Teufel unten: „Fort mit dir,
Hier dient kein Heil’genbild zu deinem Heile.[262]

49
Ganz anders, als in Serchio, schwimmt man hier.[263]

Und sollen dich nicht unsre Haken packen,
So bleib’ im Peche nur, sonst fassen wir.“

52
[119] Gleich stießen sie mit hundert scharfen Zacken,

Und schrien: „Dein Tänzchen mache hier versteckt.
Such’ unten Einem etwas abzuzwacken.“

55
Nicht anders macht’s ein Koch, wenn er entdeckt,

Das Fleisch im Kessel komm’ emporgeschwommen,
Und schnell es mit dem Haken untersteckt.

58
Virgil sprach: „Geh, eh’ sie dich wahrgenommen,[264]

Und ducke dich bei jener Felsenbank;
Durch diese wirst du ein’gen Schirm bekommen.

61
Mir ist das Ding nicht fremd, drum bleibe frank

Von jeder Furcht, was man mir auch erzeige,
Denn früher war ich schon in solchem Zank.“[265]

64
Dann ging er jenseits auf dem Felsensteige,

Und wie er hingelangt zum sechsten Strand,
That’s Noth ihm, daß er sichre Stirne zeige.

67
Denn wie, in Sturm und Wuth hervorgerannt,

Die Haushund’ auf den armen Bettler fallen,
Wenn er am Haus, laut flehend, stille stand;

70
So stürzten Jen’ aus dunkeln Felsenhallen,

Und streckten All’ auf ihn die Haken hin,
Er aber schrie: „Zurück jetzt mit euch Allen,

73
Mich anzuhaken habt ihr wohl im Sinn?

Doch tret’ erst Einer vor, um mich zu sprechen,
Und dann bedenkt, ob ich zu packen bin.“

76
„Geh vor denn, Stachelschwanz!“ So schrien die Frechen,

Und Einer kam – die Andern blieben stehn –
Und fragte, „wie er wag’, hier einzubrechen?“

79
„Wie“, sprach mein Meister, „würdest du mich sehn,

Wie würd’ ich wagen, je hier einzudringen,
Bin ich auch sicher, euch zu widerstehn,

82
Wenn’s Gott und Schicksal also nicht verhingen?

Drum laß mich zieh’n, der Himmel will, ich soll

[120]

Als Führer Einen durch die Hölle bringen.“

85
Der Haken fiel, da dieses Wort erscholl,[266]

Ihm aus der Hand, so hatt’ ihn Furcht durchschauert.
„Gesellen,“ rief er aus, „laßt euren Groll!“

88
„Du, der dort zwischen Felsenstücken kauert,“

Rief nun mein Meister, „eile zu mir her,
Da jetzt kein Feind mehr auf dem Wege lauert.“

91
Und vorwärts trat ich und kam schnell daher,

Doch sah ich vorwärts auch die Teufel fahren,
Als gelte nichts die Uebereinkunft mehr;

94
Und war voll Schrecken, wie Caprona’s Schaaren,

Die, dem Vertrag zum Trotz, dem Tode nah,[267]
Als sie die Festung übergeben, waren.

97
Fest drängt’ ich mich an meinen Führer da,

Und hielt den Blick gespannt auf ihre Mienen,
Aus denen ich nichts Gutes mir ersah.

100
Und diese Rede hört’ ich zwischen ihnen:

„Den Haken ihm ins Kreuz? Was meinst du? sprich!“
Der Andre: „Ja, du magst ihn nur bedienen!“

103
Doch jener Geist, der mit dem Meister sich

Besprochen, wandte schleunig sich zurücke,
Und rief: „Still, Raufbold, ruhig halte dich.“

106
Und dann zu uns: „Auf diesem Felsenstücke[268]

[121] Kommt ihr nicht weiter, denn im tiefen Grund
Liegt längst zertrümmert schon die sechste Brücke.

109
Und wollt ihr fort, geht oben, längs dem Schlund,

Dann seht ihr vorwärts einen Felsen ragen,
Und kommt darauf bis zu dem nächsten Rund.

112
Denn gestern, um euch Alles anzusagen,

War’s grad zwölfhundert sechs und sechszig Jahr,
Seit jenen Weg ein Erdenstoß zerschlagen.

115
Dorthin entsend’ ich ein’ge meiner Schaar,

Um Sündern, die sich lüften, nachzuspüren;
Mit ihnen geht, und fürchtet nicht Gefahr.

118
Auf, ihr Gesellen, jetzt, euch frisch zu rühren!

Eistreter, Senkflug, Bluthund, kommt heran,
Du, Sträubebart, sollst alle Zehen führen.[269]

121
Auf Drachenblut, Kratzkrall’ und Eberzahn,

Scharfhaker, und auch du, Grimmroth der Tolle,
Und Fledermaus, schickt euch zum Wandern an.

124
Schaut, wer etwa im Pech auftauchen wolle,

Doch wißt, daß dieses Paar in Sicherheit
Bis zu der nächsten Brücke reisen solle.“

127
„„Ach, guter Meister,““ rief ich, „„welch’ Geleit?

Ich, meinerseits, ich will es gern entbehren,
Und bin mit dir allein zu gehn bereit.

[122]
130
Sieh nur, wie sie vor Grimm im Innern gähren,

Wie sie die Zähne fletschen und mit Drohn
Nach uns die tief gezognen Brauen kehren.““

133
Und er zu mir: „Nicht fürchte dich, mein Sohn,

Laß sie nur fletschen ganz nach Gutbedünken,
Sie thun dies nur zu der Verdammten Hohn.“

136
Sie schwenkten dann sich auf den Damm zur Linken,

Nachdem vorher die Zunge Jeder wies,
Hervorgestreckt, dem Hauptmann zuzuwinken,

139
Der mit dem hintern Mund zum Abmarsch blies.



Zweiundzwanzigster Gesang.

Fortsetzung. Die Teufelshetze.[270]


1
Oft sah ich Reiter aus dem Lager ziehn,

Die Mustrung machen, in die Feinde brechen,
Auch wohl sich schwenken und zurückefliehn,

4
Von Streifpartei’n sah ich in euren Flächen,[271]

Ihr Aretiner, einst euch hart bedrohn;
Sah Festturnier’ und große Lanzenstechen;

7
Trommeten hört’ ich, Trommeln, Glockenton,

Sah Rauch und Feuer auch als Kriegeszeichen,
Und fremd’ und heimische Signale schon;

10
Doch nimmer hieß ein Tonwerkzeug, dergleichen

Ich hier gehört, das Volk zu Roß und Fuß,
Zu Land und Meer, noch vorgehn oder weichen.

13
Mit zehen Teufeln ging ich, voll Verdruß,

Doch wußt’ ich, daß man Säufer in den Schenken,
Und Beter in den Kirchen suchen muß.

16
[123] Auch war zum Pfuhl gewandt mein ganzes Denken,

Um ganz des Orts Bewandtniß zu erspähn,
Und welche Leut’ in diese Glut versänken.

19
Wie die Delphine, die vor Sturmes-Wehn

Mit den gebognen Rücken oft verkünden,
Zeit sei’s, sich mit den Schiffen vorzusehn;

22
So, um Erleichterung der Qual zu finden,

Taucht’ oft ein Sünder-Rücken auf und schwand
Im Peche dann so schnell, wie Blitze schwinden.

25
Und wie die Frösch’ an eines Grabens Rand

Mit Beinen, Bauch und Brust im Wasser stecken,
Die Schnauzen nur nach außen hingewandt;

28
So, sah man Jen’ hervor die Mäuler strecken,

Allein, wenn sie den Sträubebart erschaut,
Sich schleunig in dem heißen Pech verstecken.[272]

31
Ich sah, und jetzt noch schaudert mir die Haut,

Nur Einen harren, wie, wenn all’ entsprangen.
Ein einz’ler Frosch noch aus dem Pfuhle schaut.

34
Kratzkralle, der am weitsten vorgegangen,

Schlug ihm den Haken ins bepichte Haar,
Und zog ihn auf, Fischottern gleich, gefangen.

37
Ich wußte schon, wie Jedes Name war

Seit ihrer Wahl, und daß mir nichts entfalle,[273]
Nahm ich der Namen dann im Sprechen wahr.

40
„Frisch, Grimmroth, mit den scharfen Klauen falle

Auf diesen Wicht und zieh ihm ab das Fell.“
So schrien zusammen die Verfluchten alle.

43
Und ich: „„Mein Meister, o erforsche schnell,

Wer hier in seiner Feinde Hand gerathe?
Wer ist wohl der unselige Gesell?““

46
Worauf mein Führer seiner Seite nahte,

Ihn fragend: wer er sei? wo sein Geschlecht?
„Ich bin gebürtig aus Navarra’s Staate.[274]

[124]
49
Die Mutter gab mich einem Herrn zum Knecht,

Weil sie von einem Prasser mich empfangen,
Der all sein Gut und auch sich selbst verzecht.

52
Dann in des Königs Thibaut Dienst gegangen,

Des guten, trieb ich Gaunerei:
Dem Lohn im Pfuhl hier bin ich nicht entgangen.“

55
Und Eberzahn, aus dessen Munde zwei

Hauzähne ragten, wie aus Schweinefratzen,
Bewies ihm jetzt, wie scharf der eine sei.

58
Die Maus war in den Krallen arger Katzen,

Doch Sträubebart umarmt’ ihn fest und dicht,
Und rief: „Ich halt’ ihn, fort mit euren Tatzen.“

61
Und zu dem Meister kehrt’ er das Gesicht:

„Willst du, bevor die Andern ihn zerreißen,
Noch etwas fragen, wohl, so zaudre nicht.“

64
Mein Führer: „Sprich, wie andere Sünder heißen

Dort unterm Pech? Sind auch Lateiner da?“[275]
Und jener sprach: „ja! noch eben unterm heißen

67
Pech dort war Einer jenes Lands mir nah!

O wär’ ich noch, wie er, vom Sud umgeben,
Da ich dort nichts von Klau’n und Haken sah!“

70
„Wir haben’s schon zu lange zugegeben!“

Scharfhaker schrie’s, und hakt’ auf ihn hinein,
Auch blieb ein Stück vom Arm am Haken kleben.

73
Schon zielte Drachenblut ihm nach dem Bein,[276]

Allein der Hauptmann blickt’ auf seine Schaaren
Im Kreis herum und schien ergrimmt zu sein.

76
Da wandte sich, sobald sie stille waren,

Mein Herr zu ihm, der auf sein wundes Glied
Herniedersah, um mehr noch zu erfahren.

79
[125] „Wer ist’s, von dem dein Mißgeschick dich schied,

Als du dich nach der Oberfläch’ erhoben?“ –
„Der von Gallura ist’s, der Mönch Gomit.[277]

82
Im Trug bestand er all’ und jede Proben,

Des Herrschers Feinde hielt er im Verließ,
Und that mit ihnen, was sie alle loben.

85
Geld nahm er, wie er selber sagt, und ließ

Sie sachte ziehn, Er, der in Amt und Ehren
Sonst auch als Schelm nicht klein, nein groß, sich wies;

88
Viel pflegt’ mit ihm Herr Zanche zu verkehren[278]

Von Logodor – sie schwatzen immerfort,
Als ob sie jetzt noch in Sardinien wären.

91
Ach, seht, wie fletscht die Zähne Jener dort!

Gern spräch’ ich mehr, doch würd’ ich mehr geschändet.
Er droht ja wüthend schon bei jedem Wort.“

94
Doch Sträubebart, zu Fledermaus gewendet,

Des Auge grimmig glotzte, schalt ihn sehr:
„Verdammter Vogel, fort! dein Lied geendet!“

97
„Willst du,“ begann der bange Wicht nunmehr,[279]

„Willst du Toscaner und Lombarden sehen?
Ich schaffe sie dir nach Belieben her,

100
Wenn nur die Grimmetatzen ferne stehen,

Und deren Rache sie nicht zittern macht.
Und ich, ich will nicht von der Stelle gehen,

[126]
103
Und locke doch dir leicht statt Eines acht,

Sobald ich pfeife, wie wir immer pflegen,
Um anzudeuten, daß kein Teufel wacht.“

106
Da streckt’ ihm Bluthund seine Schnauz’ entgegen,

Und schrie kopfschüttelnd: „Hört die Büberei!
Er will ins Pech, sobald wir uns bewegen.“

109
Allein der Sünder, reich an Schelmerei,

Sprach: „Wahrlich, bübisch wär’ ich wohl zu nennen,
Trüg’ zu der Meinen Mißgeschick ich bei.“

112
Da hielt sich Senkeflug nicht mehr gleich Jenen;

Im Widerspruch mit Allen hub er an:
„Spring nur hinab! Ich werd’ nicht nach dir rennen,

115
Nein, überm Pech, hasch ich im Flug dich dann!

Laßt Platz uns hinter diesem Damme nehmen,
Zu sehn, ob mehr als wir der Eine kann.“[280]

118
Jetzt werdet ihr ein neues Spiel vernehmen.

Die Blicke wandten sie und sehr bereit
War, der der Schlimmste schien, sich zu bequemen.

121
Doch wohl ersah der Gauner seine Zeit,

Stemmt’ ein die Füß’, und war mit einem Satze
Von dem, was sie ihm zugedacht, befreit.

124
Dort standen Alle mit verblüffter Fratze.

Und Jener, der die Schuld des Fehlers trug,
Flog nach und schrie: „Du bist in meiner Tatze!“

127
Umsonst! die Furcht war schneller als der Flug.

Das Pech verbarg bereits den Gauner wieder,
Und rückwärts nahm der Teufel seinen Zug.

130
So taucht die Ente vor dem Falken nieder,

Und dieser hebt, ergrimmt und matt, vom Teich
[127] Zur Luft empor das sträubende Gefieder.

133
Eistreter kam, wie jener sank, sogleich

Im schnellsten Fluge durch die Luft geschossen
Und fiel, erboßt von diesem Narrenstreich,

136
Mit seinen scharfen Klau’n auf den Genossen,

Und beide hielten überm Pech voll Wuth
In wilder Balgerei sich fest umchlossen.

139
Doch braucht’ auch Jener seine Krallen gut,

Und beide stürzten bald zu den Bepichten,
Die sie bewachten, in die heiße Flut.

142
Der Hitze ward es leicht, den Kampf zu schlichten,

Doch ganz bepicht das rasche Flügelpaar,
Vermochten sie es nicht, sich aufzurichten.

145
Und Sträubebart, der sehr betreten war,

Ließ vier der Seinen rasch zu Hilfe fliegen,
Die äußerst schnell mit ihren Haken zwar

148
Auf sein Geheiß zum Peche niederstiegen,

Wo Jeder den Gesott’nen Hilfe bot,
Doch sahn wir sie fest in der Rinde liegen,[281]

151
Und ließen sie in dieser großen Noth.



Dreiundzwanzigster Gesang.[282]

VIII. Kreis. 6.Bulge. Heuchler in glänzenden Bleimänteln. Kaiphas. Hannas u. A.


1
Wir gingen einsam, schweigend, unbegleitet,

Ich hinterdrein, der Meister mir voraus,
Wie auf dem Weg ein Minorite schreitet.

4
Mir mußte wohl der Teufel wilder Strauß

Aesopens Fabel ins Gedächtniß bringen,
Worin er spricht vom Frosch und von der Maus.[283]

[128]
7
Denn wer Beginn und Schluß von beiden Dingen

Mit reiflicher Erwägung wohl verglich,
Dem konnte Jetzt und Itzt nicht gleicher klingen.

10
Und wie aus einem der Gedanken sich

Der zweit’ entspinnt, so mußt’ ich weiter denken,
Und doppelt faßte Furcht und Schrecken mich.

13
Ich dachte so: Die sind in ihren Ränken

Durch uns gestört, beschädigt und geneckt,
Und müssen drob sich ärgern und sich kränken.

16
Wenn dies zur Bosheit noch den Zorn erweckt,

So werden sie uns nach im Fluge brausen,
Wie wild ein Hund sich nach dem Hasen streckt.

19
Schon fühlt’ ich mir das Haar gesträubt vor Grausen,

Und rückwärts lauschend, rief ich: „„Meister, flieh!
Verbirg uns wo in diesen Felsenklausen;

22
Die Grimmetatzen kommen schon; o sieh,

Sie kommen schon mit einem ganzen Heere!
Als ob sie da schon wären, hör’ ich sie!““

25
Und er zu mir: „Wenn ich ein Spiegel wäre,

Kaum faßt’ ich doch dein äußres Bild so klar,
Als ich dein inneres mir leicht erkläre.

28
Jetzt aber nimmst du auch mein Innres wahr,

Und kommst mir selber schon mit dem entgegen,
Was für uns Beid’ in mir beschlossen war.

31
Und ist der Abhang rechts nur so gelegen,

Daß man zum nächsten Schlund hinunter kann,
So sollen sie umsonst die Flügel regen.“

34
Kaum sprach er’s, als die Teufelsjagd begann,

Und mit gespreizter Schwing’, um uns zu fangen,
Kam, nicht gar fern, der wilde Zug heran.

37
Mein Führer eilte nun, mich zu umfangen,

Der Mutter gleich, die aufwacht beim Getos,
Und nahe sieht die Flammen aufgegangen,

40
[129] Ihr Kind erfaßt, und, nur um dessen Loos

Bekümmert, nicht um ihr’s, enteilt ins Weite
Entkleidet noch und bis aufs Hemde bloß.

43
Daß er herab am harten Felsen gleite,[284]

Streckt’ er sich rücklings an den steilen Hang,
Der jene Bulge sperrt von einer Seite.

46
Nie hat ein Mühlbach sich mit schnellerm Drang

Aufs Mühlenrad durch seine Rinn’ ergossen,
Als jetzt mein Meister, vor Verfolgung bang,

49
Von jenem Felsenhang herabgeschossen,

Mich mit sich nehmend, an die Brust gepreßt,
Und fest umstrickt, als Kind, nicht als Genossen.

52
Kaum stand sein Fuß am Rand der Tiefe fest,

So hörten wir sie über jenem Grunde.
Doch er blieb ohne Furcht; denn nimmer läßt

55
Die ew’ge Vorsicht, die im fünften Runde

Als Diener ihrer Macht sie eingesetzt,
Sie wieder vor aus diesem schmalen Schlunde.

58
Getünchte Leute sahn wir unten jetzt[285]

Im Kreise ziehn mit langsam schweren Tritten,
Matt und erschöpft, von Thränen ganz benetzt.

61
Verhüllt die Augen von Kapuzen, schritten

Sie träg dahin in Kutten, gleich der Tracht
Der Mönch’ im Kloster Clügny zugeschnitten;[286]

[130]
64
Gold außen, blendend durch des Glanzes Pracht,

Von innen Blei, schwer, daß von Stroh erscheinen,
Die Friedrich für den Hochverrath erdacht.[287]

67
O Mantel, lastend unter ew’gen Peinen!

Mit ihnen links aus wendend gingen mit[288]
Wir, horchend auf ihr jammervolles Weinen.[289]

70
Doch so erschwert war durch die Last ihr Tritt,

Daß neben uns, so oft wir vorwärts traten,
Ein neuer Sünder durch das Dunkel schritt.

73
Ich sprach: „„Oh sieh dich um! ist wohl durch Thaten

Und Namen mir von diesen wer bekannt?
Und sage mir’s, sobald wir Einem nahten!““

76
Und Einer, der Toscanisch wohl verstand,

Rief hinter uns: „O bleibt ein wenig stehen,
Ihr, die ihr rennt durch dieses dunkle Land.

79
Was du verlangst, kann wohl durch mich geschehen!“

Da wandte sich mein Herr und sprach: „Halt’ an,
Und suche langsam, wie er selbst, zu gehen.“

82
Ich stand und sah nun Zwei, die, um zu nahn,

Sich sehr anstrengten und sich weidlich plagten,
Gehemmt von schwerer Last und enger Bahn,

85
Dann, angelangt, mit keinem Worte fragten,

Vielmehr nach mir den scheelen Blick gedreht,
Sich unter sich besprechend, dieses sagten:

88
Der lebt, wie ihr am Zug des Odems seht,[290]

Und welcher Freibrief dient zu ihrem Schilde,
Daß der und jener ohne Bleirock geht?“

91
Zu mir dann: „Tusker, der du zu der Gilde

Der Heuchler kommst, zu ihrem trüben Leid,
Wer bist du? sag’ es uns mit Huld und Milde.“

94
Und ich: „„Mich hat die Stadt voll Herrlichkeit

[131] Am Arnostrand geboren und erzogen,
Und diesen Körper trug ich jederzeit.

97
Doch wer seid ihr, von deren Wang’ in Wogen

Ein Thränenstrom so schmerzlich niederrinnt?
Und was hat euch solch’ Uebel zugezogen?““

100
Und Einer sprach: „Die gelben Kutten sind

Von Blei, so schwer, daß ihr Gewicht der Wage,
Die’s trägt, ein heulend Knarren abgewinnt.[291]

103
Lustbrüder waren wir von gleichem Schlage,[292]

Ich Catalano, Loderingo Er,
Von deiner Stadt erwählt an einem Tage,

106
So wie man einen Einzigen vorher,

Als Friedenswahrer wählt’ – und wie wir waren,
Zeigt beim Gardingo noch sich ringsumher.“

109
Und ich begann: „„Das Leid, das ihr erfahren –““[293]

Doch schwieg und mußt’ an dreien Pfählen dort
Gekreuzigt Einen auf dem Grund gewahren.

112
Als er mich sah, verrenkt’ er sich sofort,

Und haucht in seinen Bart mit lautem Stöhnen,
Und Bruder Catalan sprach dieses Wort:

115
„Der Angepfählte, dessen Klagen tönen,
[132]

Gab einst den Pharisäern diesen Rath:
Mög’ Eines Tod fürs Volk den Zorn versöhnen!

118
Nun liegt er, nackt und quer auf unserm Pfad,

Und fühlen muß er, wenn wir drüber wallen,
Wie viel Gewicht von uns ein Jeder hat.

121
So wird sein Schwäher auch gestraft, mit Allen[294]

Vom Pharisäer-Rath, durch den so viel
Der schlimmen Saat für Juda’s Volk gefallen.“

124
Und, wie ich sah, so staunte selbst Virgil,[295]

Daß der, gestreckt am Kreuz an diesem Orte
So schmählich lag im ewigen Exil.

127
Zum Bruder richtet’ er dann diese Worte:

„Sagt, wenn ihr dürft, ist rechts die Straße frei,
Und ist wohl eine Schlucht dort, die als Pforte

130
Zu brauchen ist zum Ausgang für uns Zwei,

Ohn’ einen von den Teufeln erst zu bannen,
Daß er zum Weitergehn uns Führer sei?“

133
Und Jener drauf: „Ihr geht nicht weit von dannen,

So seht ihr einen Stein vom großen Rund
Als Steg sich über alle Thäler spannen.

136
Er ist nur eingestürzt ob diesem Schlund,[296]

Allein ihr könnt die Trümmer leicht ersteigen,[297]
Denn, schief sich lagernd, stehn sie aus dem Grund.“

139
Ich sah den Herrn das Haupt ein wenig neigen,

Drauf sprach er: „Mußte doch der Teufel hier[298]
[133] Sich wiederum in schlechtem Rathschlag zeigen.“

142
Und Jener: „In Bologna merkt’ ich’s mir,

Der Teufel sei ein Lügner stets, ein dreister,
Ja, aller Lügen Vater für und für.“

145
Nun ging davon mit großem Schritt mein Meister

Und schien ein wenig zornig und erboßt,
Und ich verließ die bleibeschwerten Geister,

148
Und folgte der theuren Spur getrost.



Vierundzwanzigster Gesang.

VII. Kreis.[299] 7. Bulge. Diebe als Schlangen. Fuccio.


1
In jenem Theil vom jugendlichen Jahre,[300]

Wo Nacht den halben Tag nur deckt und mild
Im Wassermann erglänzen Phöbus Haare,

4
Malt oft der Reif, wenn Nebel das Gefild

Am Abend deckt, bei scharfen Morgenlüften
Vom Bruder Schnee ein schnell verwischtes Bild.

[134]
7
Wenn dann der Hirt, der Futter von den Triften

Gar nöthig braucht, aufsteht und jeden Ort
Schneeweiß erblickt, dann schlägt er sich die Hüften,

10
Und kehrt zum Haus, beklagt sich hier und dort,

Und weiß nicht, was zu thun vor großem Leide –
Doch frische Hoffnung faßt er dann sofort,

13
Denn schon erscheint die Welt in anderm Kleide;

Schnell kommt er nun mit seinem Stab herbei
Und treibt die muntern Schäflein auf die Weide.

16
So staunt’ ich, daß mein Meister zornig sei,

Daß ungewohnter Mißmuth ihn bedrücke;
So schnell auch kam zum Schmerz die Arzenei.

19
Denn kaum gelangt zu der verfallnen Brücke,

Kehrt ihm die Huld, mit der er zu mir trat
Am Fuß des Bergs, aufs Angesicht zurücke.[301]

22
Die Arme breitet’ er, nachdem er Rath[302]

Mit sich gepflogen, wohl den Schutt betrachtend,
Und dann erfaßt’ er mich mit rascher That.

25
Und wie ein Mann, der wohl auf Alles achtend,

Im Voran scharf erwägt, was er vermag,
Hob er mich auf ein Felsenstück, beachtend,

28
Daß nahe dort ein andrer Zacken lag,

Und sprach: Anklammre dich, doch wahrgenommen
Sei durch Versuch erst, ob’s dich tragen mag.

31
Kein Kuttenträger wär’ hinaufgekommen,

Da wir, ich fortgeschoben, Er so leicht,
Mit Mühe nur von Block zu Blocke klommen.

34
Auch hätt’ ich nimmermehr, und er vielleicht,

Wenn niedrer nicht, als jenseits diesem Grunde
Das Ufer war, des Dammes Höh’ erreicht,

37
Doch weil sich Uebelsäcken nach dem Munde[303]

Des tiefen Brunnens hin allmälig neigt,
So liegt’s von selbst im Bau von jedem Runde,

40
Daß hier der Damm sich senkt, dort höher steigt.

[135] Am Ende kamen wir bis zu der Spitze,
Wo sich der Felsentrümmer letzte zeigt.

43
Mir glühte Wang’ und Blut in solcher Hitze,

Daß ich, sobald ich mich hinaufgerafft,
Mich keuchend niederließ auf einem Sitze.

46
Mein Meister sprach: „Jetzt ziemt dir frische Kraft,

Denn nimmer kommt der Ruhm dem zugeflogen,
Der unter Flaum auf weichem Pfühl erschlafft;

49
Und wer durch’s Leben ruhmlos hingezogen,[304]

Der läßt nur so viel Spur in dieser Welt,
Wie in den Lüften Rauch, Schaum in den Wogen.

52
Drum auf! wenn Mattigkeit dich hier befällt,

Wird sie der Geist, wird jeden Feind besiegen,
Wenn ihn der schwere Leib nicht niederhält.

55
Erklimmen mußt du noch weit längre Stiegen;[305]

Nicht gnügt’s, von hier gerettet fortzuziehn;
Verstehe mich, so wirst du nie erliegen!“ –

58
Da stand ich auf; mehr, als ich’s fühlte, schien[306]

Mein Odem frei, die Brust der Bürd’ enthoben,
Auch rief ich: Fort, denn ich bin stark und kühn!

61
Wir gingen fort – der Fels war rauh, verschoben,[307]

Von Höckern voll und schwierig zu begehn,
Bei weitem steiler auch, als weiter oben.

64
Um frisch zu scheinen, sprach ich laut im Gehn,

Bis eine Stimm’ aus jenem Grund erschollen,
Verworren, wild und schwierig zu verstehn.

[136]
67
Nicht weiß ich, was die Stimme sagen wollen,

Obwohl ich auf des Bogens Höhe stand,
Doch schien, der sprach, zu zürnen und zu grollen.

70
Ich stand, das Angesicht zum Grund gewandt,

Doch drang kein Menschenblick in seine Schauer,
Drum sprach ich: „„Meister, komm zum nächsten Strand,[308]

73
Und führe mich hinab von dieser Mauer.

Hier hör’ ich zwar, doch ich verstehe nicht,
Und, sehend, unterscheid’ ich nichts genauer.““

76
„Die That“, sprach er mit freundlichem Gesicht,

„Sei Antwort dir, weil sich’s geziemt, mit Schweigen
Zu thun, was der verständ’gen Bitt’ entspricht.“

79
Wir eilten, bei der Brück’ hinabzusteigen,

Da, wo sie auf dem achten Damme ruht,[309]
Und hier begann die Tiefe sich zu zeigen.

82
Ich sah in Knäueln grause Schlangenbrut,

Und denk’ ich heut’ der ekeln, mannigfachen
Scheusale noch, so starrt vor Grau’n mein Blut.

85
[137] Nicht mag sich’s Libyen mehr zum Ruhme machen,

Daß es Blindschleichen, Nattern, Ottern hegt
Und Vipernbrut und gift’ge Wasserdrachen;

88
Und ganz Aethiopien solche Pest nicht trägt,[310]

Noch tönt am ganzen Strand kein solch’ Gezische,
An den die Flut des rothen Meeres schlägt.

91
Und unter diesem gräulichen Gemische

Lief eine nackte, schreckensvolle Schaar,
Nicht hoffend, daß sie je von dort entwische.[311]

94
Rücklings band die Händ’ ein Schlangenpaar,

Das Schwanz und Haupt durch Kreuz und Nieren steckte
Und vorn zu einem Knäul verschlungen war.

97
Da stürzt’ auf Einen, den ich dort entdeckte,

Ein Ungeheu’r, das ihm den Hals durchstach
Und aus dem Nacken vor die Zunge streckte.

100
Und eh’ man Amen sagt und O und Ach,

Sah ich, wie er, entzündet und in Flammen,
Auch schon als Staub in sich zusammenbrach.

103
Und wie die Glieder kaum in Nichts verschwammen,

So fügte sich, gesammelt, alsobald
Der Staub zur vorigen Gestalt zusammen.

106
So stirbt der Phönix fünf Jahrhundert’ alt,

(Die großen Weisen sagen’s), sich bekleidend
Mit neuerzeugter Jugend und Gestalt,

109
Sich nicht von Kräutern noch von Körnern weidend,

Von Weihrauchthränen und von Balsam nur,
Im Sterbebett aus Nard’ und Myrrhe scheidend.[312]

112
Und gleichwie der, der ohne Lebensspur
[138]

Zu Boden sank, vielleicht vom Krampf gebunden,
Vielleicht auch, weil in ihn ein Dämon fuhr,

115
Sich umschaut, wenn er sich emporgewunden,

Und um sich schauend stöhnt, verwirrt, entsetzt
Von großer Todesangst, die er empfunden;

118
So war der aufgestandne Sünder jetzt. –

O möge keiner Gottes Rach’ entzünden,
Der solche Streich’ in deinem Zorn versetzt!

121
Gebeten, seinen Namen zu verkünden,

Entgegnet’ er: „Ich bin seit Kurzem hier,
Von Tuscien hergestürzt nach diesen Schlünden,

124
Ich lebte nicht als Mensch, ich lebt’ als Thier,

Ich, Bastard Fucci, den man Vieh benannte.[313]
Und würd’ge Höhle war Pistoja mir.“

127
Ich sprach, indem ich mich zum Meister wandte:

„„Er weicht uns aus – doch frag’ ihn: weshalb kam
Er hierher, da er stets von Mordlust brannte?““

130
Aufrichtig ward er, als er dies vernahm,

Und Geist und Angesicht mir zugewendet,
Begann er nun, gedrückt von trüber Scham:

133
„Mehr schmerzt mich’s, daß dein Schicksal dich gesendet,

Um mich in diesem Jammerstand zu schau’n,
Als daß ich oben meinen Lauf geendet.

136
Doch was du fragtest, muß ich dir vertrau’n:

Daß ich im Heiligthum zu stehlen wagte,
Hat mich herabgestürzt in tiefres Grau’n,

139
Drob litten manche fälschlich Angeklagte. –

Daß du mich sahst, soll wenig dich erfreu’n,
Kommst du je fort von hier, wo’s nimmer tagte.

142
Drum hör’, um jetzt dein Hiersein zu bereu’n:

[139] Pistoja wird die Schwarzen erst verjagen,[314]
Und dann Florenz so Volk als Sitt’ erneu’n.[315]

145
Aus Nebeln, die auf Magra’s Thale lagen,

Zieht Mars den schweren Wetterdunst heraus,
Und Stürme tosen dann und Blitze schlagen

148
Auf dem Picener Feld im wilden Strauß,

Daß sich zerstreut die Nebel plötzlich senken,
Und alle Weißen fliehn in Angst und Graus.

151
Dies aber sagt’ ich dir, um dich zu kränken.“



Fünfundzwanzigster Gesang.

VII. Kreis.[316] 7. Bulge. Fortsetzung: Die Verwandlung.


1
Er sprach’s und hob die Händ’ empor mit Spott,

Ließ beide Daumen durch die Finger ragen,[317]
Und rief dann aus: „Nimm’s hin, dies gilt dir, Gott!“

4
Seitdem seh’ ich die Schlangen mit Behagen,[318]

Weil gleich um seinen Hals sich eine wand,
Als sagte sie: Du sollst nichts weiter sagen.

7
Die zweite schlang sich um die Arm’ und band

Sie vorn, sich selbst umwickelnd, so zusammen,
Daß er nicht Raum damit zu zucken fand.

10
„Was übergibst du dich nicht selbst den Flammen,
[140]

Pistoja, du, und tilgst dich in der Glut?
Sind Frevler Alle doch, die dir entstammen!“

13
Nie fand ich so verruchten Uebermuth.

Selbst Kapaneus gottlästerndes Erfrechen[319]
Erhob sich nicht zu dieses Diebes Wuth.

16
Er floh von dannen, ohn’ ein Wort zu sprechen,

Und ein Centaur kam rennend, pfeilgeschwind,
Und schrie voll Wuth: „Wo find’ ich diesen Frechen?“

19
Nicht glaub’ ich, daß so viel der Schlangen sind

An Tusciens Strand, als ihm am Kreuze hingen,
Bis wo die menschliche Gestalt beginnt.

22
Ein Drache hielt mit ausgespreizten Schwingen

Sich an den Schultern fest und spie mit Macht
Glut auf uns Alle, die vorübergingen.

25
Da sprach mein Meister: „Kakus ist’s, hab’ Acht![320]

Er ist es, der so oft zu blut’gen Teichen
Die Auen unterm Aventin gemacht.

28
Er geht nicht einen Weg mit Seinesgleichen,

Weil er als Dieb den schlauen Trug vollführt,
Mit jener großen Heerde zu entweichen.

31
Dafür ward ihm der Lohn, der ihm gebührt,

Weil Herkuls Keul’ ihn traf mit hundert Schlägen,[321]
Von welchen er vielleicht nicht zehn gespürt.“

34
Enteilt war Kakus schon, und uns entgegen

Her kamen Drei an jenem tiefen Ort,
Doch konnt’ uns erst ihr laut Geschrei bewegen

37
Auf sie hinab zu schau’n: „Wer seid ihr dort?“

Drum blieben wir in der Erzählung stehen,
[141] Und horchten hin nach dieser Schatten Wort.

40
Von ihnen hatt’ ich Keinen je gesehen,

Da rief den Andern einer dieser Drei
Und nannt’ ihn, wie’s durch Zufall oft geschehen.

43
„Wo bleibst du, Cianfa?“ rief er, „komm herbei!“[322]

Drum legt’ ich auf die Lippen meinen Finger,
Damit mein Führer horch’ und stille sei.

46
Meinst du jetzt, Leser, daß ich Hinterbringer

Von eitlen Fabeln sei, so staun’ ich nicht!
Ich sah’s, doch ist mein Zweifel kaum geringer.

49
Von vornher warf sich, wie ich das Gesicht[323]

Auf sie gekehrt, schnell eine von den Schlangen
Mit drei Paar Füßen her und packt’ ihn dicht.[324]

52
Der Bauch ward von dem mittlern Paar umfangen,

Indeß das vordre Paar die Arm’ umfing,
Dann schlug sie ihre Zähn’ in beide Wangen.

55
Wie an den Lenden drauf das hintre hing,

Schlug sie den Schwanz durch zwischen beiden Beinen
Und drückt’ ihn hinten an als engen Ring.

58
Kein Epheu kann dem Baum sich so vereinen,

Wie dieses Ungethüm sich wunderbar
Die Glieder ihm umrollte mit den seinen.

61
Zusammen klebte plötzlich dann dies Paar,

Wie warmes Wachs, die Farben so vermengend,
Daß keins von beiden mehr dasselbe war,

64
Gleichwie die Flammen, ein Papier versengend,

Bevor es brennt, mit Braun es überzieh’n,
Noch eh’ es schwarz wird, schon das Weiß verdrängend.

[142]
67
Die andern Beiden, ihn betrachtend, schrien:

„Weh dir, Agnel, du bist nicht Zwei, nicht Einer!
Doch sieh, dir ist ein andres Bild verliehn!“

70
Schon war vereint der Schlange Kopf und seiner,

Aus zwei Gestalten sah man ein’ entstehn,
Vermischt, verwirrt, doch gleich von Beiden keiner.

73
Vier Streifen bildeten der Arme zween,

Und Bauch und Brust und Beine sammt den Lenden,
Sie wurden Glieder, wie man nie gesehn.

76
Es schien, als ob die vor’gen ganz verschwänden.

Nicht Zwei, nicht Einer schien’s, und ganz entstellt
Sah ich das Bild sich langsam abwärts wenden.

79
Gleichwie die Eidechs öfters, wenn die Welt,[325]

Der Hundstern sticht, blitzschnell von Dorn zu Dorne,
Von Zaun zu Zaun quer durch die Straße schnellt,

82
So fuhr jetzt eine Schlang’ im wilden Zorne

Schnell den zwei Andern nach dem Wanste hin,
Bläulich und schwarz, gleich einem Pfefferkorne.

85
Und durch den Theil, der bei des Seins Beginn

Uns Nahrung zuführt, bohrte sie den Einen,
Dann fiel sie ausgestreckt vor ihm dahin.

88
An sah er starr sie, mit geschloss’nen Beinen,

Stillschweigend, gähnend, und er mußte mir
Wie schläfrig oder fieberhaft erscheinen.

91
Nach ihm hin sah die Schlang’ und er nach ihr,

Sie rauchend aus dem Maul, er aus der Wunde –
Es kreuzte sich der Dampf von dort und hier.

94
Still schweige jetzt Lucan mit seiner Kunde[326]

[143] Vom Unglück des Sabell und vom Nasid,
Und horchend häng’ er nur an meinem Munde.

97
Von Arethus’ und Kadmus schweig’ Ovid,

Denn wenn er ihn zum Drachen umgedichtet,
Und sie zum Quell, so neid’ ich nicht sein Lied;

100
Nie hat er von zwei Wesen uns berichtet,

Die umgetauscht Gestalt und Stoff und Sein,
Indem sie starr auf sich den Blick gerichtet.

103
Gleich ging die Wandlung fort in jenen Zwei’n.

Zur Gabel spaltete den Schwanz die Schlange,
Und dem Gestochnen klebte Bein an Bein.

106
Sie wuchsen an einander, und nicht lange

Hatt’ es gewährt, als auch die Fuge schwand
Verdrängt vom völligen Zusammenhange.

109
Der Lenden Form, die dort entwich, entstand

Am Gabelschweif; und ihre Haut erweichen;
Sah ich, die seine ringsum hart gespannt.

112
Ihm sag die Arm’ ich in die Schultern weichen,

Der Schlange kurze Vorderfüße dann,
Wie jene schwanden, weiter vorwärts reichen.

115
Wie drauf zu jedem Gliede, das der Mann,

Zu bergen pflegt die hintern sich verbanden,
So fing sich seins in zwei zu theilen an.

118
Und unterm Rauch, der beide deckt’, entstanden

Ganz neue Farben, sproßten Haare vor,
Und zeigten hier sich, wo sie dort verschwanden.

121
Er sank dahin, sie raffte sich empor,

Die Köpfe sahn sich an mit grimmen Blicken,
Dann trat in diesem jenes Form hervor:

124
An dem, der stand, schien er sich breit zu drücken,[327]

Auch sah man von dem Fleisch, das rückwärts drang,
Die Ohren seitwärts aus den Wangen rücken.

127
Aus dem, was vorn zurückeblieb, entsprang,

Wie solchem Antlitz sich’s gebührt, erhoben,
Ein Lippenpaar; die Nas’ auch zog sich lang.

[144]
130
An dem, der dort lag, trieb die Schnauz’ nach oben,[328]

Auch wurden nach der Schneckenhörner Brauch
Die Ohren in den Kopf zurück geschoben.

133
Die Zung’, erst ganz, zur Rede schnell, ward auch

Nunmehr getheilt, und ganz ward die getheilte
Im Mund des Andern, und es schwand der Rauch.

136
Der Geist, jetzt Schlange, zischte laut und eilte

Durch’s Thal davon – der Andre spuckt’ ihr nach,
Indem er noch, sie schmähend, dort verweilte.

139
Dann kehrt’ er ihr den Rücken zu und sprach:

„So schlüpfe Buoso nun durch diese Gründe,
Statt meiner, auf dem Bauch in Qual und Schmach.“

142
So mischt’ im siebenten der Lasterschlünde

Sich Bild und Bild, drum werde mir’s verziehn,
Wenn ich so Neues etwas breit verkünde,

145
Doch ob mir gleich der Blick geblendet schien,

Und kaum mein Geist vom Staunen sich ermannte,
Doch bargen jene sich nicht so im Fliehn,

148
Daß ich den Puccio nicht gar wohl erkannte,

Der einzig von den Drei’n, erst hier vereint,
Sich unverwandelt jetzt von dannen wandte.

151
Der Andre war’s, um den Gaville weint.[329]



Sechsundzwanzigster Gesang.

VIII. Kreis. 8. Bulge. Schlechte Rathgeber. Ulysses u. A.


1
Freu’ dich Florenz! Du bist so hoch und groß,[330]

Daß du die Flügel regst ob Land und Meere
Und selbst dein Nam’ erklingt im Höllenschooß!

4
[145] Fünf deiner Bürger fand ich, und verzehre

Mich drob vor Schamglut, bei den Dieben hier –
Und dir auch dient es nicht zu größrer Ehre!

7
Doch zeigt’ ein Morgentraum die Wahrheit mir,[331]

So wirst du großes Unglück bald empfinden,
Und Prato selbst, dein Nachbar, gönnt es dir.

10
Käm’s jetzt, man würd’ es nicht zur Unzeit finden;[332]

Und, da’s geschehn muß, möcht’ es jetzt doch sein!
Denn, älter, werd’ ich’s schwerer nur verwinden.

13
Wir stiegen nun auf zackigem Gestein,[333]

Das uns als Trepp’ herabgeführt, zurücke,
Mein Herr voraus und ich ihm hintendrein.

16
Durch Trümmer ging und rauhe Felsenstücke

Der öde Weg und nöthig war die Hand,
Damit der Fuß aufklimmend weiter rücke.

19
Tief schmerzte mich, was nun mein Auge fand;

Und jetzt noch fass’ ich, wenn ich dran gedenke,[334]

[146]

Des Geistes Zaum zu festerm Widerstand,

22
Damit ich nicht den Lauf vom Rechten lenke,

Nicht, was zu meinem Wohl mein Stern bezweckt,
Was höhre Huld, verderbend, selbst mich kränke. –
                              [Denn:]

25
So viel der Bau’r, am Hügel hingestreckt,

Zur Zeit, da Er, deß Blick die Erde lichtet,
Sein Antlitz uns am wenigsten versteckt,

28
Wenn sich die Fliege vor der Schnacke flüchtet,

Johanneswürmchen sieht im Thal entlang,
Wo er mit Hipp und Pflug sein Thun verrichtet;[335]

31
So viele Flammen sah den tiefen Gang

Des achten Thals mein Auge jetzt verklären,
Sobald ich dort war, wo’s zur Tiefe drang.

34
Wie der, der sich gerächt durch wilde Bären,[336]

Elias Wagen sah von dannen zieh’n,
Als das Gespann aufstieg zu Himmels-Sphären,

37
Umonst ihm mit dem Auge folgt’ und ihn

Gestaltlos nur als ferne Flamm’ erkannte,
Die wie ein leichtes Abendwölkchen schien:

40
So war’s, als wandelnd hier manch Flämmchen brannte,

Und keines doch, das seinen Raub mir wies,
Ob jegliches gleich einem Geist entwandte.

43
So vorgebeugt zum Grunde sah ich dies,[337]

Daß ich, hielt’ ich nicht fest an einem Blocke,
Zur Tiefe fuhr, ohn’ daß ich nur mich stieß.

46
Virgil, der sah, wie mich der Anblick locke,

Sprach nun: „Jedwedes Feu’r birgt einen Geist,
Und das, worin er brennt, dient ihm zum Rocke.“

49
[147] Drauf ich: „„Die Kunde, die du mir verleihst,[338]

Macht mich gewiß; schon glaubt’ ich’s zu erkennen,
Und fragen wollt’ ich schon, wie Jener heißt,

52
Deß Flamm’ ich seh in zwei sich oben trennen,

Als säh’ ich in des Scheiterhaufens Glut
Eteokles und seinen Bruder brennen.““[339]

55
Und er: „Sie dämpft Ulysseus Uebermuth

Und Diomeds. Sie laufen hier zusammen.
In ihrer Qual, wie einst in ihrer Wuth.

58
Um’s Trugroß klagen sie in diesen Flammen,[340]

Und um das Thor, das Ausgang Jenen bot,
Der Heldenschaar, von der die Römer stammen.

61
Die List beweinen sie, durch die, schon todt,
[148]

Noch Deidamia den Achill beklagte,[341]
Auch das Palladiums Raub rächt ihre Noth.“

64
„Vermögen sie noch hier zu sprechen,““ sagte

Ich drauf zum Meister, „„o dann bitt’ ich dich
Viel tausendmal, da ich sie gern befragte,

67
Laß mich, bis die getheilte Flamme sich

Zu uns hierher bewegt, ein wenig weilen.
Sieh, hin zu ihr zieht die Begierde mich.““

70
„Der Bitte,“ sprach er, „muß ich Lob ertheilen,

Wie sie verdient; sie sei darum gewährt,
Doch laß die Sprechlust nicht dich übereilen.

73
Laß mir das Wort; ich weiß, was du begehrt.

Spröd blieben sie gewiß bei deinem Worte,[342]
Denn Griechen sind sie, stolz auf ihren Werth.“

76
Als nun die Flamme nah war unserm Orte,

Da hört’ ich diese Red’, als Ort und Zeit
Er für geeignet hielt, von meinem Horte:

79
„Ihr, die ihr zwei in einer Flamme seid,

Wenn ich euch jemals Grund gab, mich zu lieben,
Da ich dem Ruhm der Helden mich geweiht,

82
Und in der Welt das hohe Lied geschrieben,

So weilt bei mir und sag’ Ulyß mir an,
Wo auf der Irrfahrt sein Gebein geblieben.“

85
Der alten Flamme größres Horn begann

Zu flackern erst und murmelnd sich zu regen,
Als wäre sie vom Wind gefaßt, und dann

88
Rasch hin und her die Spitze zu bewegen,

Gleich einer Zung’, und deutlich tönt’ und klar
Dann aus der Flamm’ uns dieses Wort entgegen:

91
[149] „Als ich von Circen schied, die mich ein Jahr[343]

Und länger bei Gaëta festgehalten,[344]
Eh’s so benannt noch von Aeneas war,

94
Da ließ ich nicht das Mitleid für den alten[345]

Gebeugten Vater, nicht die Gattin Huld,
Noch Vaterzärtlichkeit im Herzen walten.

97
Nicht tilgten sie in mir die Ungeduld,

Die Welt zu sehn und Alles zu erkunden,
Was drin der Mensch besitzt an Werth und Schuld.

100
Drum warf ich mich, kaum meiner Haft entbunden,

In einem einz’gen Schiff ins offne Meer,
Sammt einem Häuflein, das ich treu erfunden.

103
Nach Spanien führt’ und Libyen hin und her

Ich meine wackre Schaar, als kühner Leiter,
Und jedem Eiland jenes Meers umher.

106
Alt war ich schon und schwer, auch die Begleiter,

Da war mein Schiff am engen Schlunde dort,[346]
Wo Herkuls Säulenpaar gebeut: Nicht weiter!

109
Als hinter uns nun rechts Sevilla’s Bord,

Und linker Hand die Zinnen Ceuta’s waren,
Sprach ich zu den Gefährten dieses Wort:

112
O Brüder, die durch tausend von Gefahren

Ihr hier im Westen kühn euch eingestellt,
Verwendet jetzt, um Neues zu erfahren,

115
Weil Seele noch und Leib zusammenhält,

Den kurzen Rest von eurem Erdenleben
Der Sonne nach zur unbewohnten Welt![347]

[150]
118
Bedenkt, wozu dies Dasein euch gegeben!

Nicht um dem Viehe gleich zu brüten, nein,
Um Wissenschaft und Tugend zu erstreben.

121
Den Meinen schien dies Wort ein Sporn zu sein,

Hätt’ ich gewollt, nicht konnt’ ich mehr sie zwingen,
Und rastlos ging’s ins weite Meer hinein.

124
Und morgenwärts gewandt das Steuer, gingen[348]

Wir, tollen Flugs, dann immer linker Hand,
Und unsrer Eil’ verliehn die Ruder Schwingen.

127
Schon wurden jetzt vom Blick der Nacht erkannt[349]

Des andren Poles Stern’ und unsre klommen
Kaum übers Meer noch an des Himmels Rand,

130
Schon fünfmal war entzündet und verglommen

Des Mondes Licht, seit wir, dem Glück vertraut,
Durch den verhängnisvollen Paß geschwommen,

133
Als uns ein Berg erschien, von Dunst umgraut

Vor weiter Fern’, und schien so hoch zu ragen,
Wie ich noch keinen auf der Erd’ erschaut.

136
Erst jubeln ließ er uns, dann bang verzagen,

Denn einen Wirbelwind’ fühlt’ ich entstehn
[151] Vom neuen Land, und unsern Vorbord schlagen;

139
Er macht’ uns dreimal mit den Fluten drehn,

Dann, als der hintre Theil emporgeschossen,
Nach höh’rem Spruch, den vordern untergehn,

142
Bis über uns die Wogen sich verschlossen.“



Siebenundzwanzigster Gesang.

VIII. Kreis. 8. Bulge. Forsetzung. Guido von Montefeltro. Strafrede wider das Papstthum.


1
Schon aufrecht stand und still der Flamme Haupt,

Und sie entfernte sich in tiefem Schweigen,
Nachdem der süße Dichter ihr’s erlaubt.[350]

4
Wir sahn nach ihr sich eine zweite zeigen,

Und ein verwirrt Gestöhn’ das ihr entquoll,
Macht’ unsern Blick zu ihrer Spitze steigen.

7
Gleichwie Siciliens Stier – der jammervoll[351]

Erstmals von seines Bildners Schrei’n erbrüllte
(Und so war’s Recht!) – von dessen Stimm’ erscholl,

[152]
10
Den er in seinem ehr’nen Bauch verhüllte,

Und so von eignem Schmerze schien durchbohrt,
Er, den nur Menschenangstruf bang erfüllte:

13
So schien zuerst das wehevolle Wort,

Eh’ es sich Weg und Ausgang hatt’ errungen,
Wie knisterndes Getön der Flamme dort.

16
Doch, als zur Spitze es emporgedrungen,

Und die Bewegungen der Zunge, sich
Mittheilend ihr, sie hin und her geschwungen,

19
Erklang dies Wort: „O du, an welchen ich[352]

Mich wende, der du mit lombard’schem Klange
Gesprochen: geh’ jetzt, ich entlasse dich! –

22
Obwohl ich etwas spät hierher gelange,

Doch weil’ und gib auf meine Fragen Acht,
Denn sieh, ich weile trotz der Gluten Drange.

25
Bist du zur Reif’ in diesen finstern Schacht

Erst jetzt vom süßen Latier-Land geschieden,
Von dem ich meine Schuld hierher gebracht,

28
So sprich: Hat Krieg Romagna oder Frieden?

Denn da das schöne Land auch mich erzeugt,
So kümmert mich sein Schicksal noch hienieden.“

31
Ich stand aufmerksam niederwärts gebeugt,

Da stieß Virgil mich leis’ und sagte: „Rede,
Ein Latier ist er, wie sein Wort bezeugt.“

34
Worauf ich, schon bereit zur Gegenrede,

Ihn also sonder Zögerung beschied:
„„O Seele, hier verborgen, sonder Fehde

37
War nimmer deines Vaterlands Gebiet,

Weil stets im Kampf der Zwingherrn Herzen wüthen;
Doch offenbar war keine, da ich schied.[353]

40
[153] Ravenna ist, wie’s war; dort pflegt zu brüten,[354]

So wie seit Jahren schon, Polenta’s Aar,
Deß Flügel unter sich auch Cervia hüten.

43
Die Stadt, die fest in langer Probe war,[355]

Wo jüngst ein Frankenhaus’ im Blut gelegen,
Beugt sich dem grünen Leu’n nun ganz und gar.

46
Verruchio’s alt und neuer Bluthund hegen[356]

Die Tück’ noch, die Montagna’s Tod erlauscht,
Und hauen noch die Zähn’ ein, wo sie pflegen.

49
Die Stadt, dran Lamon und Santerno rauscht,[357]

Läßt sich vom Leu’n im weißen Neste leiten,
Der die Partei mit jedem Mond vertauscht.

52
Sie, welchen Savio’s Flut benetzt die Seiten,[358]

Lebt zwischen Sclaverei und freiem Stand,
Wie zwischen dem Gebirg und ebnen Weiten.

55
Jetzt bitt’ ich, mach’ uns, wer du bist, bekannt;

Daß der Vergessenheit dein Nam’ enttauche,

[154]

So sei nicht härter, als ich andre fand.““

58
Da grunzt’ und braust es in der Flamme Bauche,

Wie Feuer braust; sie regte hin und her
Das spitze Haupt und gab dann diese Hauche:

61
„Spräch’ ich zu Einem, dessen Wiederkehr

Nach jener Welt ich jemals möglich glaubte,
So regte nie sich diese Flamme mehr.

64
Doch da dies Keinem je die Höll’ erlaubte,

So sag’ ich ohne Furcht vor Schand’ und Schmach,
Was mich hierher stieß und des Heils beraubte.

67
Ich war erst Kriegesmann und Mönch hernach,[359]

Um mich vom Fall durch Buß’ emporzurichten;
Gewiß geschah auch, was ich mir versprach.

70
Allein der Erzpfaff – mög’ ihn Gott vernichten –[360]

Er hat mich neu den Sündern beigesellt;
Wie und warum? das will ich jetzt berichten.

73
Als ich noch oben lebt’ in eurer Welt,

Da ward ich nimmer mit dem Leu’n verglichen,
Doch öfters wohl dem Fuchse gleichgestellt.

76
In allen Ränken und geheimen Schlichen

War ich geschickt, in ihrer Uebung schlau,
Und drum berühmt in allen Himmelsstrichen.

79
[155] Doch als die Zeit kam, da des Haares Grau

Uns dringend mahnt, das hohe Meer zu scheuen,
Und einzuziehn das Segel und das Tau,

82
Da mußt’ ich, was mir erst gefiel, bereuen,

Ward Mönch und that nun Buß’ am heil’gen Ort,
Ach, und noch konnt’ ich mich des Heils erfreuen!

85
Allein der neuen Pharisäer Hort –[361]

Im Krieg, mit Juden nicht und Türkenschaaren,
Vielmehr am Lateran und nahe dort,

88
(Weil alle seine Feinde Christen waren,

Die nicht bei Acri mitgesiegt, und nicht
Des Sultans Land als Schacherer befahren!) –

91
Nicht achtet’ er an sich die höchste Pflicht,

Und nicht den Strick, der meinen Leib umfangen,
Der Jeden mager macht, den er umflicht.

94
Wie Constantin Sylvestern angegangen,[362]

Ihm Hülf’ und Rath beim Aussatz zu verleihn,
So sollt’ ich jetzt als Arzt auf sein Verlangen

97
Vom Fieber seines Hochmuths ihn befrein.

Im Anfang wollt’ ich mich der Antwort schämen,
Denn eines Trunknen schien sein Wort zu sein.

100
Da sprach er: darfst nicht sorgen, noch dich grämen,

Ablaß ertheil’ ich dir, mich lehre du:
Wie fang ich’s an, Preneste wegzunehmen?

103
Du weißt, den Himmel schließ’ ich auf und zu,

Denn beide Schlüssel sind mir übergeben,
Die Cölestin vertauscht um träge Ruh.[363]

106
Nicht war so trift’gem Grund zu widerstreben,

Und da nun Schweigen mir das Schlimmste schien,
So sprach ich endlich: Vater, da du eben

109
Die Sünde, die ich thun soll, mir verziehn,
[156]

So wisse: Viel versprechen, wenig halten,[364]
Dadurch wird deinem Stuhl der Sieg verliehn. –

112
Sanct Franz wollt’, wie ich starb, sein Amt verwalten,

Mich heimzuführen; doch ein Teufel kam,
Und sprach: Halt’ ein, denn den muß ich erhalten.

115
Er kommt mit mir hinab zu ew’gem Gram,

Weil ich, seitdem er jenen Trug gerathen,
Ihn bei dem Schopf als meine Beute nahm.

118
Wer Ablaß will, bereu’ erst seine Thaten.

Doch wer bereut und Böses will, der muß
Wohl mit sich selbst in Widerspruch gerathen.

121
Ach! wie ich zuckt’ in Schrecken und Verdruß,

Als er mich faßt’ und, mich von dannen reißend,
Sprach: Meintest du, ich sei kein Logicus?

124
Zu Minos trug er mich, der, sich umkreisend[365]

Den harten Rücken, bei dem achten Mal
Ausrief, sich in den Schweif vor Ingrimm beißend:

127
Der wird der Flamme Raub im achten Thal!

Und also ward ich von dem Schlund verschlungen,
Und geh’ im Feuerkleid zu ew’ger Qual.“

130
Hier endet’ er, und als das Wort verklungen,

Da ging sogleich die Flamme jammernd fort,
Das Horn gedreht und hin und hergeschwungen.

133
Und weiter ging ich nun mit meinem Hort

Zur nächsten Brück’ auf rauhen Felsenpfaden,
[157] Und sah im Grund, den Lohn empfangend, dort

136
Die, Zwiespalt stiftend, sich mit Schuld beladen.



Achtundzwanzigster Gesang.

VIII. Kreis. 9. Bulge. Zwietrachtstifter, selbst zerfetzt. Muhamed u. A. Bertrand de Born.


1
Wer könnte je, auch mit dem frei’sten Wort,

Das Blut, das ich hier sah, die Wunden sagen,
Erzählt’ er auch die Kunde fort und fort.

4
Jedwede Zunge muß den Dienst versagen,

Da Sprach’ und Geist zu eng und schwach erscheint,
So Schreckliches zu fassen und zu tragen.

7
Und wären all’ die Tausende vereint,

Die, in Apulien’s Schicksalsau’n erschlagen
Von Römerhand, den eignen Tod beweint;

10
Auch die, die im Karthagerkrieg erlagen,

Wo man so große Beut’ an Ringen fand,
Wie Livius schreibt, der Wahrheit pflegt zu sagen;

13
Auch das Volk, das so harte Schläg’ empfand,

Weil’s gegen Robert Guiscard ausgezogen;
Auch das, deß Knochen modern dort im Land

16
Bei Ceperan, wo Pugliens Schaar gelogen;

Auch das von Tagliacozzo, wo Alard,
Der Greis, durch List die Waffen aufgewogen;[366]

[158]
19
Und zeigte der, wie er zerfetzt fort ward,

Der, wie verstümmelt: nicht wär’s zu vergleichen
Mit dieses neunten Schlundes Weis’ und Art.[367]

22
Ein Faß, von welchem Reif’ und Dauben weichen,

Ist nicht durchlöchert, wie hier Einer ging.
Durchhau’n vom Kinn bis zu Gefäß und Weichen,

25
Dem zwischen beiden Beinen abwärts hing[368]

Das Eingeweide, bis wo sich die Speise
Wandelt in Koth, und offen das Geschling.

28
Ich schaut’ ihn an und er mich gleicher Weise,

Dann riß er mit der Hand die Brust sich auf,
Und sprach zu mir: „Sieh, wie ich mich zerreiße.

31
Sieh hier das Ziel von Mahoms Lebenslauf![369]

Vor mir geht Ali, das Gesicht gespalten
Vom Kinn bis zu dem Scheitelhaar hinauf.

34
Sieh Alle, die, da sie auf Erden wallten,

Dort Aergerniß und Trennung ausgesät,
Zerfetzt hier unten ihren Lohn erhalten.

37
Ein wilder Teufel, der dort hinten steht,

Er ist’s, der Jeglichen zerreißt und schändet
[159] Mit scharfem Schwert, der dort vorübergeht,

40
Wenn wir den wehevollen Kreis vollendet;

Denn jede Wunde heilt, wie weit sie klafft,
Eh’ unser Lauf zu ihm zurück sich wendet.

43
Doch wer bist du, der dort hernieder gafft?

Weilst du noch zögernd über diesen Schlünden,
Wohin Geständniß dich und Urtheil schafft?

46
„Er ist nicht todt, noch hergeführt von Sünden,“

So sprach mein Meister drauf zu Mahoms Pein,
„Doch soll er, was die Höll’ umfaßt, ergründen,

49
Und ich, der todt bin, soll sein Führer sein.

Drum führ’ ich ihn hinab von Rund’ zu Runde,
Und Glauben kannst du meinem Wort verleihn.“

52
Jetzt blieben hundert wohl im tiefen Grunde,

Nach mir hinblickend, still verwundert stehn,
Vergessend ihre Qual bei dieser Kunde.

55
„Du wirst vielleicht die Sonn’ in Kurzem sehn,

Dann sage dem Dolcin, er soll mit Speisen,[370]
Eh’ ihn der Schnee belagert, sich versehn,

58
Wenn er nicht Lust hat, bald mir nachzureisen.

Allein vollbringt er, was ich rieth, so muß
Novara’s Heer ihn lang’ umsonst umkreisen.“

61
Zum Weitergehn erhoben einen Fuß,

Rief dieses Wort mir zu des Mahom Seele,
Und setzt’ ihn hin und ging dann voll Verdruß.

64
Dann sah ich Einen mit durchbohrter Kehle,

Die Nase bis zum Auge hin zerhau’n,
Und wohl bemerkt’ ich, daß ein Ohr ihm fehle.

67
Und staunend sah auf mich dies Bild voll Grau’n,
[160]

Und öffnete zuerst des Schlundes Röhre,
Von außen roth und blutig anzuschau’n.

70
„Du, nicht verdammt für Sünden, wie ich höre,

Den ich bereits im Latier-Lande sah,
Wenn ich durch Aehnlichkeit mich nicht bethöre,

73
Kommst du den schönen Ebnen wieder nah,[371]

Die von Vercell nach Marcabo sich neigen,
So denk’ an Pier von Medicina da.[372]

76
Du magst den Besten Fano’s nicht verschweigen,[373]

Dem Guid’ und Angiolell, daß, wenn nicht irrt
Mein Geist, dem sich der Zukunft Bilder zeigen,

79
Nah bei Cattolica, schlau angekirrt,

Vom schändlichsten der Wütheriche verrathen,
Das edle Paar ersäuft im Meere wird.

82
Noch nimmer hat Neptun so schnöde Thaten

Von Cypern bis Majorka hin geschaut,
Von Griechenschaaren nicht, noch von Piraten.

85
Der Bub’, auf einem Aug’ von Nacht umgraut,

Jetzt Herr des Stadt, von welchem mein Geselle
Hier neben wünscht, nie hätt’ er sie erschaut,

88
Ruft sie als Freund und gibt dann so Befehle,

Daß sie nicht brauchen fürder sich zu scheu’n,
Wie wild der Wind auch von Focara schwelle.“[374]

91
Drauf ich: „„Soll dein Gedächtniß sich erneu’n,

So magst du dich zu sagen nicht entbrechen,
[161] Wer muß den Anblick jenes Land’s bereu’n?““

94
Da griff er, um den Mund ihm aufzubrechen,

Nach eines Andern Kiefer hin und schrie:
„Sieh her, der ist’s, allein er kann nicht sprechen,

97
Er, der, verbannt, einst Cäsarn Muth verlieh,[375]

Und alle seine Zweifel scheucht’, ihm sagend:
Dem Kampfbereiten fromme Zögern nie.“

100
O wie jetzt Curio ganz verblüfft und zagend,

Die Zunge tief am Schlund verschnitten, stand,
Die Zung’, einst kühn und eilig Alles wagend –

103
Und abgeschnitten die und jene Hand,

Stand Einer, in die Nacht die Stümpf’ erhoben,
Das Antlitz blutbespritzt mir zugewandt,

106
Und rief: „Denkt man des Mosca noch dort oben?[376]

Ich bin’s, der meine Hand zum Morde bot,
Ob deß jetzt Tuscien die Partei’n durchtoben.“

109
„„Der Grund auch war zu deines Stammes Tod!““

Setzt’ ich hinzu – und, häufend Grau’n auf Grauen,
Zog er davon in höchster Angst und Noth.

112
Ich aber blieb, die Andern anzuschauen,

Und was ich sah, so furchtbar und so neu,
Nicht wagt’ ich’s unverbürgt euch zu vertrauen,

115
Fühlt’ ich nicht mein Gewissen rein und treu,

Dies gute feste Schild, den sichern Leiter,
Und so mein Herz befreit von Furcht und Scheu:

118
Ich sah – noch ist dies Schreckbild mein Begleiter –

Ein Rumpf ging ohne Haupt mit jener Schaar
Von Unglücksel’gen in der Tiefe weiter.

121
Er hielt das abgeschnittne Haupt beim Haar,
[162]

Und ließ es von der Hand als Leuchte hangen
Und seufzte tief, wie er uns nahe war.

124
So kam er Eins in Zwei’n dahergegangen,

Und leuchtet’ als Laterne sich mit sich –
Wie’s möglich, weiß nur der, der’s so verhangen.

127
Nachdem er bis zum Fuß der Brücke schlich,

Hob er, um näher mir ein Wort zu sagen,
Den Arm zusammt dem Haupte gegen mich,

130
Und sprach: „Hier sieh die schrecklichste der Plagen!

Du, der du athmend in der Höll’ erscheinst,
Sprich, ist wohl eine schwerer zu ertragen?

133
Jetzt horch, wenn du von mir zu künden meinst:

Beltram von Bornio bin ich, und Johannen,[377]
Dem König, gab ich bösen Rathschlag einst,

136
Darob dann Sohn und Vater Krieg begannen,

Wie zwischen David einst und Absalon,
Durch Ahitophel Fehden sich entspannen.

139
Mein Hirn nun muß ich zum gerechten Lohn

Getrennt von seinem Quell im Rumpfe sehen,
Weil ich getrennt den Vater und den Sohn,

142
Und so, wie ich gethan, ist mir geschehen.“



Neunundzwanzigster Gesang.

VIII. Kreis. 10. Bulge. Fälscher. Alchymisten.


1
Das viele Volk und die verschiednen Wunden,

Sie hatten so die Augen mir berauscht,
[163] Daß sie vom Schau’n mir ganz voll Zähren stunden.

4
Da sprach Virgil: „Was willst du noch? Was lauscht

Und starrt dein Auge so nach diesen Gründen,
Wo’s Gräuelbild um Gräuelbild vertauscht?

7
Nicht also thatst du in den andern Schlünden.

An zweiundzwanzig Miglien kreist dies Thal,[378]
Drum kannst du hier nicht Jegliches ergründen.

10
Schon unter unserm Fuß glänzt Lunens Strahl,[379]

Und wenig dürfen wir uns nur verweilen,
Denn noch zu sehn ist viel’ und große Qual.“

13
Ich sprach: „„Erlaubtest du, dir mitzutheilen,

Welch’ einen Grund ich hatt’, hinabzuspähn,
So würdest du wohl minder mich beeilen.““

16
Er ging, und ich ihm nach und gab im Gehn

Dem Meister von dem Grund des Forschens Kunde,
Und sprach: „„Wohl hab’ ich scharf hinabgesehn,

19
Denn eine Seele wohnt in diesem Schlunde

Von meinem Stamm, und sicher ist an ihr
Bestraft die Schuld durch manche schwere Wunde.““

22
Mein Meister sprach darauf: „Nicht mache dir

Noch länger Sorg’ um diesen Anverwandten;
An Andres denk’, er aber bleibe hier.

25
Ich sah ihn bei der Brücke den Bekannten

Dich zeigen, und dir mit dem Finger drohn

[164]

Und hörte, wie sie ihn del Bello nannten.[380]

28
Doch du bemerktest eben nichts davon,

Weil auf dem Beltram deine Blicke weilten;
Als dieser ging, war jener schon entflohn.“

31
„„Weil Rach’ und Schwert des Feindes ihn ereilten,““[381]

Sprach ich, „„und Keiner seinen Tod gerächt,
Von allen denen, so die Kränkung theilten,

34
Zürnt er auf mich und zürnt auf sein Geschlecht,

Und ging drum, ohne mich zu sprechen, weiter,
Und darin, glaub’ ich, hat der Arme Recht.““

37
Nun folgt’ ich hin zum Felsen meinem Leiter,[382]

Von wo man überblickt’ den nächsten Schlund,
Wär’ irgend nur von Licht die Tiefe heiter.

40
Von seiner Höh’ ward unserm Auge kund

Der letzte Klaus’ des Kreises Uebelsäcken,[383]
Und deren Ordensbrüder tief im Grund,

43
Und gleich den Pfeilen drangen, mir zum Schrecken,

Gespitzt durch Mitleid, Jammertön’ heraus,
[165] Und zwangen mich, die Ohren zu bedecken.

46
Wär’ aller Schmerz aus jedem Krankenhaus

Zur Zeit, da wild die Sommergluten flammen,
Und Valdichiana’s und Sardiniens Graus[384]

49
Und Seuch’ und Pest in einem Schlund beisammen:

Nicht ärger wär’s als hier, wo fauler Duft
Und Stank vom Eiter in den Lüften schwammen.

52
Wir stiegen auf den Rand der letzten Kluft[385]

Vom langen Felsen niederwärts zur Linken,
Und deutlicher erschien der Schooß der Gruft.

55
In diesem Grund läßt nach des Höchsten Winken

Die nimmer irrende Gerechtigkeit
Zur wohlverdienten Qual die Fälscher sinken.

58
Nicht in Aegina ist vor alter Zeit

Des Volkes Anblick trauriger gewesen,
Das krank darniedersank, dem Tod geweiht,

61
– Bis zu dem kleinsten Wurm jedwedes Wesen –

Durch tückisch böse Luft, worauf im Land,
Wie wir für sicher in den Dichtern lesen,

64
Ein neues Volk aus Aemsenbrut entstand:

Als hier zu sehn war, wie sich schwach und siechend
Das Geistervolk in manchem Haufen wand.

67
Die Einen auf der Andern Rücken liegend,
[166]

Die auf dem Bauch, und die von einem Ort
Zum andern hin auf allen Vieren kriechend.

70
Wir gingen Schritt um Schritt und schweigend fort,

Sahn Kranke dort, unfähig aufzustehen,
Und horchten auf ihr kläglich Jammerwort.

73
Sich gegenseitig stützend, saßen zween,[386]

Wie in der Küche Pfann’ an Pfanne lehnt,
Mit Grind gefleckt vom Kopf bis zu den Zehen.

76
Gleichwie ein Stallknecht, der nach Schlaf sich sehnt

Und bald sein Tagwerk hofft vollbracht zu haben,
Die Striegel eiligst führt, und öfters gähnt;

79
So sah ich sie sich mit den Nägeln schaben

Und hier und dort sich kratzen und geschwind,
So gut es ging, ihr wüthend Jücken laben.

82
Und schnell war unter ihren Klau’n der Grind

Wie Schuppen von den Barschen abgegangen,
Die unter’m Messer schneller Köche sind.

85
„Du, vor deß Fingern jetzt die Schuppen sprangen,“[387]

Begann Virgil zu Einem von den Zwei’n,
„Und der du sie auch oft gebrauchst wie Zangen,

88
Sprich, fanden sich auch hier Lateiner ein,

Und mögen dich zu kratzen und zu krauen,
Dafür dir ewig scharf die Nägel sein.“

91
„Lateiner kannst du in uns beiden schauen,“

[167] Erwidert Einer drauf, von Qual durchbebt,
„Doch wer du bist, magst du mir erst vertrauen.“

94
Mein Führer sprach: „Von Fels zu Felsen strebt

Mein Fuß hinab in diesen Finsternissen;
Die Höll’ zeig’ ich diesem, der da lebt.“

97
Da schien das Band, das Beide hielt, zerrissen;[388]

Und Jeder, dem’s der Rückhall kund gethan,
War zitternd nur mich anzuschau’n beflissen.

100
Dicht drängte sich an mich mein Meister an,

Und sprach: „Du magst sie nach Belieben fragen!“
Und ich, da Er es so gewollt, begann:

103
„„Soll dein Gedächtniß noch in späten Tagen

Auf unsrer Welt und in der Menschen Geist
Erhalten sein, so magst du jetzo sagen,

106
Wie du dich nennst und deine Heimath heißt?

Und, trotz der ekeln Qual, nimm dich zusammen,
Daß du in deinen Reden offen seist.““

109
„Mich zeugt’ Arezzo, und den Tod in Flammen[389]

Verschafft’ einst Albero von Siena mir,
Doch andrer Grund hieß Minos mich verdammen.

112
Wahr ist’s, ich sagt’ im Scherz: In’s Luftrevier,

Verstünd’ ich mich im Fluge hinzuschwingen.
Er, klein an Witz, und groß an Neubegier,

115
Bat mich, ihm diese Kenntniß beizubringen.

Und nur weil er durch mich kein Dädal ward,
Befahl sein Vater dann, mich umzubringen.

118
Doch Minos, dem sich Alles offenbart,

Hat, weil ich mich der Alchymie ergeben,
Im letzten Schlund der zehen mich verwahrt.“

121
Zum Dichter sagt’ ich: „„Sprich, ob man im Leben

So eitles Volk, wie die Sanesen fand?

[168]

Selbst die Franzosen sind ja nichts daneben.““

124
Der andre Grind’ge, welcher mich verstand,

Rief: „Mag nur Stricca ausgenommen bleiben,[390]
Der all’ sein Gut so klüglich angewandt;

127
Und Niccol’, dem die Ehre zuzuschreiben,

Daß er zuerst die Braten wohl gewürzt,
Dort, wo dergleichen Lehren wohl bekleiben;

130
Und jener Klub, der wohl die Zeit gekürzt,[391]

In dem Caccia d’Ascian sammt seinem Witze
Auch Wald und Weinberg durch den Schlund gestürzt.

133
Doch willst du wissen, wer dir half, so spitze[392]

Den Blick auf mich, und stelle dich dahin,
Gerade gegenüber meinem Sitze;

136
Dann wirst du sehn, daß ich Capocchio bin.[393]

Metall verfälscht’ ich, daß ich Gold erschaffe,
Und, sah ich recht, so ist dir’s noch im Sinn,

139
Ich war von der Natur ein guter Affe.“



Dreißigster Gesang.

Fortsetzung. Personen-Fälscher. Falschmünzer. Lügner. Meister Adam. Sinon.


1
Zur Zeit, da Juno’s Herz in Zorn gerathen[394]

Ob Semele’s, in Zorn auf Thebens Blut,
[169] Wie sie so manches Mal gezeigt durch Thaten,

4
Ergriff den Athamas so tolle Wuth,

Daß er, als auf sein Weib der Blick gefallen,
Das jeden Arm mit einem Sohn belud,

7
Den wilden Ruf des Wahnsinns ließ erschallen:

„Die Löwin sammt den Jungen sei gefaßt!“
Dann streckt’ er aus die mitleidlosen Krallen;

10
Und wie er einen, den Learch, mit Hast

Gepackt, geschwenkt und am Gestein zerschlagen,
Ertränkte sie sich mit der zweiten Last.

13
Und als das Glück, das Alles kühn zu wagen,

Die stolzen Troer trieb, sein Rad gewandt,
So daß zusammen Reich und Fürst erlagen,

16
Und Hekuba, gefangen und verbannt,[395]

Geopfert die Polyxena erblickte,
Und sie ihr Mißgeschick an Thraciens Strand

19
Zum Leichnam ihres Polydorus schickte:

Da bellte sie, wahnsinnig, wie ein Hund,
Weil Schmerz den Geist verkehrt’ und ganz bestrickte.

22
Doch nichts in Theben ward noch Troja kund

Von einer Wuth, die Vieh und Menschen packte,
Wie ich hier sah in diesem zehnten Schlund.[396]

[170]
25
Ein Paar von Geistern, todtenfahle, nackte,

Brach vor, so wie aus seinem Stall das Schwein,
Indem’s auf Alles mit den Zähnen hackte.

28
Der schlug sie in den Hals Capocchio’s ein,

Und schleppt’ ihn fort, und nicht gar sanft gerieben
Ward ihm dabei der Bauch am harten Stein.

31
Der Aretiner, der voll Angst geblieben,

Sprach: „Schicchi ist’s, der tolle Poltergeist,[397]
Der solch ein wüthend Spiel schon oft getrieben.“

34
„„Wie du geschützt vor Jenes Zähnen seist,““

Entgegnet’ ich, „„so sprich, eh’ er entronnen,
Wer dieser Schatten ist, und wie er heißt.““

37
„Die Myrrha ist’s, die schnöden Trug ersonnen,“[398]

Erwiedert’ er, „die mehr als sich gebührt,
Vor alter Zeit den Vater liebgewonnen,

40
Und die mit ihm das Werk der Lust vollführt,

Weil sie die fremde Form sich angedichtet;
Wie Jener, der Capocchio dort entführt,

43
Weil Simon ihn durch’s beste Roß verpflichtet,

Als falscher Buoso sich ins Bett gelegt
Und so für ihn ein Testament errichtet.“

46
Als nun die Tollen sich vorbeibewegt,

Ließ ich mein Auge durch die Tiefe streichen,
Und sah, was sonst der Schlund an Sündern hegt.

49
[171] Der Eine war der Laute zu vergleichen,[399]

Hätt’ ihm ein Schnitt die Gabel weggeschafft,
Die jeder Mensch hat abwärts von den Weichen.

52
Die Wassersucht, durch schlecht verkochten Saft

Ein Glied abmagernd und das andre blähend,
Die hart den Bauch macht, das Gesicht erschlafft,

55
Hielt ihm die beiden Lippen offenstehend,

Die nach dem Kinn, und die emporgekehrt,
Und dem Schwindsücht’gen gleich, vor Durst vergehend.

58
„Ihr, die ihr schmerzlos geht und unversehrt,

Wie? weiß ich nicht in diesen Schmerzens-Thalen,“
Er sprach’s, „o schaut und merkt und seid belehrt

61
Von Meister Adams schreckenvollen Qualen.

Kein Tröpflein, ach, stillt hier des Durstes Glühn;
Dort konnt’ ich, was ich nur gewünscht, bezahlen.

64
Die muntern Bächlein, die vom Hügelgrün

Des Casentin zum Arno niederrollen,[400]
Und kühl und lind des Bettes Rand besprühn,

67
Ach, daß sie mir sich ewig zeigen sollen,

Und nicht umsonst – mehr, als die Wassersucht,
Entflammt dies Bild den Durst des Jammervollen!

70
So nützt Gerechtigkeit, die mich verflucht,

Noch selbst den Ort, wo ich in Schuld verfallen,
Um zu vermehren meiner Seufzer Flucht.

[172]
73
Dort liegt Romena, wo ich mit Metallen

Geringern Werths verfälscht das gute Geld,
Weshalb ich dort der Flamm’ anheimgefallen.

76
Doch wäre Guido nur mir beigesellt,[401]

Und Jeder, der zum Laster mich verführte,
Ich gäbe drum den schönsten Quell der Welt.[402]

79
Zwar, wenn der Tolle Wahrheit sagt, so spürte

Er jüngst den Einen auf in dieser Nacht.
Doch da dies Uebel meine Glieder schnürte,

82
Was hilft es mir? Hätt’ ich nur so viel Macht,

Um im Jahrhundert einen Zoll' zu schreiten,
Ich hätte schon mich auf den Weg gemacht,

85
Ihn suchend durch dies Thal nach allen Seiten,

Mag’s in der Rund’ auch sich eilf Miglien ziehn,[403]
Und minder nicht als eine halbe breiten.

88
Bei diesen Krüppeln hier bin ich durch ihn,

Denn er hat mich verführt, daß ich den Gulden
An schlechterm Zusatz drei Karat verliehn.“

91
Und ich: „„Was mochten jene Zwei verschulden,

Die, dampfend, wie im Frost die nasse Hand
Fest an dir liegend, ihre Straf erdulden?““

94
Er sprach: „Sie liegen fest, wie ich sie fand,

Als ich hierher geschneit nach Minos Winken,
Und werden ewiglich nicht umgewandt.

97
Die ist das Weib des Potiphar; zur Linken

Liegt Sinon mir, berühmt durch Troja’s Roß.[404]
Im faulen Fieber liegen sie und stinken –“

100
Und dieser Letzte, den’s vielleicht verdroß,[405]

[173] Daß Meister Adams Wort ihn so verhöhnte,
Gab auf den harten Wanst ihm einen Stoß,

103
Daß dieser gleich der besten Trommel tönte.

Doch in das Angesicht des Andern warf
Herr Adam die gleich harte Faust und stöhnte:

106
„Ob ich mich gleich nicht fortbewegen darf,

Doch ist mein Arm noch, wie du eben spürtest,
Noch frei und flink zu solcherlei Bedarf.“

109
„Als du zum Feuer gingst,“ rief Sinon, „rührtest

Du nicht den Arm schnell, wie er eben war,
Doch schneller, da du einst den Stempel führtest.“

112
Der Wassersücht’ge: „Darin sprichst du wahr,

Doch stelltest du in Troja kein Exempel
Von einem so wahrhaft’gen Zeugniß dar.“

115
„Fälscht’ ich das Wort, so fälschtest du den Stempel.

Hier bin ich doch für einen Fehler nur,
Du aber dientest stets in Satans Tempel.“

118
So Sinon. „Denk’ an’s Roß, du Schelm!“ so fuhr

Ihn Jener an mit dem geschwollnen Bauche,
„Qual sei dir, daß es alle Welt erfuhr.“

121
„Und dir sei Qual“, der Grieche rief, „die Jauche,

Die stets zum Bollwerk blähet deinen Wanst,
Und Durst, der deine Zung’ in Flammen tauche!“

124
Der Münzer: „Der du stets auf Lügen sannst,

Dein Maul zerreiße dir für solch Erfrechen!
Wenn du mich dürstend, schwellend sehen kannst,

127
Mög’ dich die Hitze quälen, Kopfweh stechen.

Spräch’ Einer kurz: Sauf’ aus den ganzen Bach!
Du würdest dessen wohl dich nicht entbrechen.“

130
Ich horchte stumm, was Der und Jener sprach,

Da rief Virgil: „Nun, wirst du endlich kommen?
Zu lange sah’ ich schon der Neugier nach.“

133
Als ich des Meisters Wort voll Zorn vernommen,

Wandt’ ich voll Scham zu ihm das Angesicht,
Und fühle jetzt noch mich von Scham entglommen.

[174]
136
Wie man im schreckenvollen Traumgesicht

Zu wünschen pflegt, daß man nur träumen möge,
Und das, was ist, ersehnt, als wär’ es nicht;

139
So bangt’ ich, daß mir Scham das Wort entzöge;[406]

Entschuld’gen wollt’ ich mich – Entschuld’gung kam,
Indem ich glaubte, daß ich’s nicht vermöge.

142
Es sprach mein guter Meister: „Mindre Scham

Wäscht größern Fehler ab, als du begangen;
Darum entlaste dich von jedem Gram;

145
Doch wenn wir je zu solchem Streit gelangen,

So denke stets, daß ich dir nahe bin,
Und bleibe nicht daran voll Neugier hangen,

148
Denn drauf zu horchen, zeigt gemeinen Sinn.“



Einunddreißigster Gesang.

Zum IX. Kreis. Der Brunnen. Die Giganten. Antäus setzt sie auf den Grund.


1
Dieselbe Zunge, die mich erst verletzte[407]

Und beide Wangen überzog mit Roth,
War’s, die mich dann mit Arzeneien letzte.

4
So, hör’ ich, hat der Speer Achills gedroht,

Und seines Vaters, der mit einem Zücken
Verletzt’ und mit dem andern Hülfe bot.

7
Wir kehrten nun dem Jammerthal den Rücken,[408]

Den Damm durchschneidend, der es rings umlag,
[175] Um, schweigend, mehr nach innen vorzurücken.

10
Dort war’s nicht völlig Nacht, nicht völlig Tag,

Daher die Blicke wenig vorwärts gingen;
Doch tönt’ ein Horn. Der stärkste Donner mag

13
Bei solchem Ton kaum hörbar noch erklingen,

Drum sucht’ ich nur, entgegen dem Gebraus,
Mit meinem Blick zu seinem Quell zu dringen.

16
Nicht tönte nach dem unglücksel’gen Straus,[409]

Der Karls des Großen heil’gen Plan vernichtet,
Des Grafen Roland Horn mit solchem Graus.

19
Wie ich mein Auge nun dorthin gerichtet,

Glaubt’ ich, viel hohe Thürme zu ersehn,
Und sprach: „„Ist eine Veste dort errichtet?““

22
Mein Meister drauf: „Weil du zu weit zu spähn

Versuchst in diesen nachterfüllten Räumen,
Mußt du dich selber öfters hintergehn.

25
Dort siehst du, daß, wie oft, zu eitlen Träumen

Aus der Entfernung das Geschaute schwoll;[410]
Drum schreite vorwärts ohne lang zu säumen.“

28
Dann faßt’ er bei der Hand mich liebevoll,

Und sprach: „Ich will dir die Bewandtniß sagen,
Weil’s nah dann minder seltsam scheinen soll.

31
Ob’s Thürme wären, wolltest du mich fragen?

Nein, Riesen sind’s, die rings am Brunnenrand
Vom Nabel aufwärts in die Lüfte ragen.“

34
Wie wenn der Nebel fortzieht, der das Land

In Dunst gehüllt, allmälig unsre Blicke
Das klar erkennen, was er erst umwand;

37
So, spähend durch die Luft, die trübe dicke,

Scheucht’ ich den Wahn, genaht dem tiefen Schlund,
Doch fühlte, daß mich neu die Furcht bestricke.

[176]
40
Gleichwie Montereggione’s Zinnen-Rund[411]

Zahlreiche Thürme ringsum mächtig krönen:
Thürmten sich, halb aufragend aus dem Grund,

43
Die Leiber von den wilden Erdensöhnen,

Von den Giganten, denen Jovis Droh’n
Noch immer gilt, wenn seine Donner dröhnen.

46
Vom nächsten sah das Angesicht ich schon,

Auch Schultern, Brust und großen Theil vom Bauche
Und hängend beide Arm’ abwärts davon.

49
Wenn die Natur nicht mehr nach altem Brauche

Dergleichen Wesen schafft, so thut sie recht,
Damit nicht Mars sie mehr als Schergen brauche.

52
Schafft sie den Walfisch auch und das Geschlecht

Der Elephanten noch, doch sicher findet,
Wer reiflich urtheilt, sie hierin gerecht,

55
Weil, wenn die Ueberlegung sich verbindet

Mit bösem Willen und mit großer Macht,
Jedwede Schutzwehr dann dem Volke schwindet.

58
Das Antlitz schien mir lang und ungeschlacht,

Sanct Peters Pinienzapfen zu vergleichen,[412]
[177] Und jedes Glied nach solchem Maß gemacht.

61
Es mochten wohl vom Strand, der von den Weichen

Ihn abwärts barg, der oberen Gestalt
Drei Friesen ausgestreckt nicht dahin reichen,[413]

64
Wo seine Stirn das borst’ge Haar umwallt,

Denn aufwärts maß er dreißig große Palmen,
Bis zu dem Ort, wo man den Mantel schnallt.

67
Raphel mai amech zabi almen!“[414]

So tönt’ es aus den dicken Lippen vor,
Die nicht sich eigneten für sanftre Psalmen.

70
Mein Führer rief: „Nimm doch dein Horn, du Thor,

Und magst du Zorn und andern Trieb empfinden,
So sprudl’ ihn flugs durch seinen Bauch hervor.

73
Du kannst an deinem Hals den Riemen finden,

Verwirrter Geist, der’s angebunden hält.
Sieh doch ihn dort die dicke Brust umwinden!“

76
Darauf zu mir: „Sich selbst verklagt der Held;

Der Nimrod ist’s, durch dessen toll Vergehen
Man nicht mehr eine Sprach’ übt in der Welt.

79
Mit ihm ist nicht zu sprechen. Mag er stehen!

Kein Mensch versteht von seiner Sprach’ ein Wort,
Und er kann keines Andern Wort verstehen.“

82
Wir gingen nun zur Linken weiter fort,

Und fanden schon in Bogenschusses Weite
Den zweiten größern, wildern Riesen dort.

85
Nicht weiß ich, wem’s gelang, daß er im Streite

Ihn fing und band; doch vorn geschnürt erschien
Sein linker Arm und hinterwärts der zweite!

88
Denn eine Kett’ umwand vom Nacken ihn,
[178]

Um, was von seinem Leib nach oben ragte,
Nach unten hin fünfmale zu umziehn.

91
Da sprach mein Meister: „Mit dem Donn’rer wagte

Sein kühner Stolz des großen Kampfes Loos.
Hier aber sieh den Preis, den er erjagte.

94
Ephialtes ist’s. Sein Thun war kühn und groß[415]

Im Riesenkampfe, zu der Götter Schrecken;
Nun ist sein droh’nder Arm bewegungslos.“

97
Und ich zu ihm: „„Den ungeheuren Recken,

Den Briareus, wenn dies geschehen kann,[416]
Möcht’ ich wohl gern in diesem Thal entdecken.““

100
Mein Führer drauf: „Du siehst hier neben an[417]

Antäus stehn. Er spricht, ist ungebunden,
Und setzt uns nieder in den tiefsten Bann.

103
Der, den du suchst, wird weiterhin gefunden,

Gleich diesem hier, nur schrecklicher zu schau’n,
Allein wie er mit Ketten fest umwunden.“

106
Hier schüttelt’ Ephialtes sich, und traun!

Kein Erdenstoß, von dem die Thürme schwanken,
War heftiger, erregte tiefres Grau’n.

109
Ich glaubte schon dem Tode zuzuwanken,

Und sah ich nicht, wie ihn die Kett’ umschloß,
So gnügten mich zu tödten die Gedanken.

112
Wir gingen weiter, ich und mein Genoß,

Und sahn Antäus, der dem tiefen Bronnen,
Fünf Ellen bis zum Haupte hoch, entsproß.

115
„Der du im Thal, das ew’gen Ruhm gewonnen,

[179] Weil Hannibal in ihm, der kühne Feind,
Mit seiner Schaar vor Scipio’s Muth entronnen,

118
Einst tausend Löwen fingst! – wenn du, vereint

Mit deinen Brüdern kühn den Arm geschwungen
Im hohen Krieg, so hätten, wie man meint,

121
Die Erdensöhne doch den Sieg errungen.

Jetzt setz’ uns dort hinab, wo, fern dem Licht,
Die starre Kälte den Cocyt bezwungen.

124
Zu Tityus noch Typhäus schick’ uns nicht,[418]

Das, was man hier ersehnt, kann dieser geben,
Verzerre drum nicht also dein Gesicht!

127
Er kann auf Erden deinen Ruf erheben.

Er lebt und hofft, wenn ihn nicht vor der Zeit
Die Gnade zu sich ruft, noch lang zu leben.“

130
Er sprach’s, und Jener, schnell zum Griff bereit,

Streckt’ aus die Hand, um auf ihn loszufahren,
Die Hand, die Herkul fühlt’ im großen Streit.

133
Virgil, kaum konnt’ er sich gepackt gewahren,[419]

Rief: „Komm hierher, wo dich mein Arm umstrickt!“
Drauf macht’ er’s, daß wir Zwei ein Bündel waren.

136
Wie Carisend’, von unten her erblickt,[420]
[180]

Sich vorzubeugen scheint und selbst zu regen,
Wenn Wolken ihr den Wind entgegenschickt:

139
So schien Antäus jetzt sich zu bewegen,

Als er sich niederbog, und großen Hang
Empfand ich, fortzugehn auf andern Wegen.

142
Doch leicht zum Grund, der Lucifern verschlang

Und Judas, setzt’ er nieder unsre Last,
Und, so geneigt, verweilt’ er dort nicht lang,

145
Und schnellt’ empor, als wie im Schiff der Mast.[421]



Zweiunddreißigster Gesang.

IX. Kreis des ewigen Eises. 1. Kaina. Bluts-Verräther. 2. Antenora. Vaterlandsverräther.


1
O hätt’ ich Reime von so heiserm Schalle,

So rauh, wie sie erheischt dies Loch voll Graus,
Auf welchem ruhn die andern Felsen alle,[422]

4
Dann drückt’ ich, was ich will, vollkommner aus,

Doch, sie nicht habend, geh’ ich nur mit Bangen
Jetzt an die Rede, wie zum harten Straus.

7
Denn nicht ein Spiel ist ja mein Unterfangen,

Den Grund des Alls dem Liede zu vertrau’n,[423]
[181] Und nicht mit Kinderlallen auszulangen.

10
Doch fördern meine Reim’ jetzt jene Frau’n,[424]

Amphions Hülf’ an Thebens Mau’r und Thoren,
Dann wohl entspricht mein Lied der Tat an Grau’n.[425]

13
O schlecht’ster Pöbel, an dem Ort verloren,

Der hart zu schildern ist, oh wär’st du doch,
In unsrer Welt als Zieg’ und Schaf geboren!

16
Wir waren nun im dunkeln Brunnenloch[426]
[182]

Tief unterm Riesen, näher schon der Mitte,
Und nach der hohen Mauer sah ich noch.

19
Da hört’ ich sagen: „Schau’ auf deine Schritte,

Daß du den Armen nicht im Weiterziehn
Die Häupter stampfen magst mit deinem Tritte.“

22
Drum wandt’ ich mich, und vor mir hin erschien

Und unter meinen Füßen auch, ein Weiher,
Der durch den Frost Glas, und nicht Wasser, schien.

25
Die Donau bleibt im Frost vom Eise freier,

Und nah dem Pol selbst in der längsten Nacht
Deckt nicht den Tanais ein so dichter Schleier.

28
Und wäre Tabernik herabgekracht

Und Pietrapan, nicht hätte nur am Saume[427]
Bei ihrem Sturz dies harte Eis gekracht.

31
Wie Abends, wenn die Bäuerin im Traume

Noch Aehren liest – die Schnauze vorgestreckt,
Der Frösche Volk quäkt aus dem nassen Raume;

34
Also, bis wo das Schamroth sich entdeckt, (bis zum Nacken)

Fahl, mit dem Ton des Storchs die Zähne schlagend,
War elend Geistervolk im Eis versteckt,

37
Zur Tiefe hingewandt das Antlitz tragend,

Vom Froste mit dem Mund, und von den Weh’n
Des Herzens mit den Augen Zeugniß sagend.

40
Als ich ein Weilchen erst mich umgesehn,

Schaut’ ich zum Boden hin und sah von oben
Zwei, eng umfaßt, vermischt das Haupthaar, stehn.

43
„„Ihr, die ihr drängend Brust an Brust geschoben,

Wer seid ihr?““ sprach ich; dann, als sie auf mich,
Die Hälse rückend, ihre Blick’ erhoben,

46
Sah ich die Augen, feucht erst innerlich,

Von Thränen träufeln, die, noch kaum ergossen,
Zu Eis erstarrten; und sie schlossen sich,

49
Fest, wie nie Klammern Holz an Holz geschlossen;

Drum stießen sich im Grimme wilden Streits,
Gleich zweien Böcken, diese Qualgenossen.

52
Und einer, der sein Ohrenpaar bereits

Durch Frost verlor, brach, stets gebückt, das Schweigen:
„Was hängst du so am Schauspiel unsres Leids?

55
[183] Soll ich, wer diese beiden sind, dir zeigen?[428]

Das Thal, das des Bisenzio Flut benetzt,
War ihnen einst und ihrem Vater eigen.

58
Ein Leib gebar sie, und durchsuche jetzt

Kaina ganz, du findest sicher Keinen
Mit besserm Grund in dieses Eis versetzt –

61
Nicht ihn, deß Brust und Schatten einst durch einen[429]

Stoß seines Speers durchbohrt des Artus Hand,
Focaccia nicht, noch ihn, deß Kopf den meinen[430]

64
So deckt, daß mir die Aussicht gänzlich schwand,

Den, hörst du Sassol Mascheroni nennen,[431]
Du ein Toskaner, sicher leicht erkannt.

67
Jetzt hör’, um mir nur schleunig Ruh zu gönnen,

Ich, Camicion, hoff’ bald Carlin zu schau’n,[432]
Und werde neben ihm mich brüsten können!“

70
Und Hunden gleich, vom Froste blau und braun,

Sah tausend Fratzen ich empor sich heben,
Weshalb noch jetzt mir jedes Eis macht Grau’n.

73
– Und weiter ging’s zum Mittelpunkt zu streben,[433]
[184]

Auf welchem ruht des ganzen Alls Gewicht;
Selbst wandelt’ ich durch ew’gen Frost voll Beben.

76
War’s Vorsatz, war’s Geschick – ich weiß es nicht,

Genug, es stieß mein Fuß, beim Weitergehen
Durch viele Häupter, eins ins Angesicht.

79
„Was trittst du mich?“, so hört’ ich’s heulend schmähen,

„Rächst du noch schärfer Montapert an mir?[434]
Wenn aber nicht, weswegen ist’s geschehen? –“

82
„„Mein Meister,““ sprach ich, „„harr’ ein wenig hier,

Denn gern belehrt’ ich mich von diesem näher,
Dann folg’ ich, wie dir’s gut dünkt, eilig dir.““

85
Still stand, wie ich gewünscht, der hohe Seher,

Und Jener fluchte noch so wild wie erst,
Da sprach ich: „„Wer bist du, du arger Schmäher?““

88
„Und du, der du durch Antenora fährst,“

Sprach er, „wer du, der so stößt Andrer Wangen,
Daß es zu arg wär’, wenn du lebend wärst?“

91
„„Ich lebe,““ sagt’ ich. „„Hättest du Verlangen

Nach Ruf, so wird er dir durch mich zu Theil,
Drum wirst du wohl mit Freuden mich empfangen.““

94
Drauf Er: „Ich wünsche nur das Gegentheil,

Drum packe dich – in diesen Eisesmassen
Verspricht solch Schmeichelwort ein schlechtes Heil.“[435]

97
Da griff ich nieder, ihn beim Schopf zu fassen,

Und sagt’ ihm: „„Nöthig wird’s, daß du dich nennst,
Soll ich ein Haar auf deinem Kopfe lassen.““

100
Und Er: „Ob du mich zausen magst, du kennst

Mich dennoch nicht – nichts sollst du hier erkunden,
Wenn du mir tausendmal ins Antlitz rennst.“

103
Ich hielt sein Haar um meine Hand gewunden,

[185] Und ob schon ausgerauft manch Büschel war,
Schaut’ er hinab, und bellte gleich den Hunden.

106
Da rief ein Andrer: „Bocca, nun fürwahr,

Du ließest schon genug die Kiefern klingen,
Jetzt bellst du noch? Plagt dich der Teufel gar?“

109
„„Dich““, rief ich, „„mag ich nicht zum Reden zwingen,

Verräther du, allein zu deiner Schmach
Will ich zur Erde wahre Nachricht bringen.““

112
„Erzähle, was du willst, doch hintennach,“

Rief Bocca, „magst du diesen nur nicht schonen,
Der eben jetzo so geläufig sprach.

115
Sieh ihn für’s Gold der Franken hier belohnen,

Und sage, daß Duera da nicht fehlt,[436]
Wo ziemlich kühl und frisch die Sünder wohnen.

118
Und fragt man noch, wen sonst dies Eis verhehlt,

Dort siehst du Becheria’s Augen triefen,[437]
Den jüngst die Florentiner abgekehlt.

121
Auch wohnt Soldanier jetzt in diesen Tiefen,

Gan, Tribaldello, der Faënza’s Thor
Den Feinden aufschloß, da noch Alle schliefen.“[438]

124
Wir gingen fort und, etwas weiter vor

War Haupt auf Haupt gedrückt, ein Paar zu finden,
Das fest in einem Loch zusammenfror.

127
Wie man aus Hunger nagt an harten Rinden,

So fraß der Obre hier den Untern an,
Da wo sich Nacken und Gehirn verbinden.

130
Wie in die Schläfe Menalipps den Zahn[439]
[186]

Ein Tideus voll von wilder Wuth geschlagen,
So ward von ihm dem Schädel hier gethan.

133
„„O du, der du mit viehischem Behagen

Den Haß an diesem stillst, an dem du nagst,
Weshalb,““ begann ich, „„magst du dich beklagen?

136
Und hör’ ich, daß du dich mit Recht beklagst,

Und wer er sei, und was dein Nagen räche,
So lohn’ ich’ dorten dir, wo du erlagst,

139
Wenn diese nicht verdorrt, mit der ich spreche.““[440]



Dreiunddreißigster Gesang.

IX. Kreis. 2. u. 3. Antenora und Ptolemäa. Vaterlands- und Freundes-Verräther.


1
Den Mund erhob vom schaudervollen Schmaus

Der Sünder jetzt und wischt’ ihn mit den Locken
Des angefressnen Hinterkopfes aus.

4
Er sprach: „Du willst zum Reden mich verlocken:

Verzweiflungsvollen Schmerz soll ich erneu’n,
Bei deß Erinnrung schon die Pulse stocken?

7
Doch dient mein Wort, um Saaten auszustreu’n,

Die Frucht der Schande dem Verräther bringen,[441]
Nicht Reden werd’ ich dann, noch Thränen scheu’n.

10
Zwar, wer du bist, wie dir hieher zu dringen

Gelungen, weiß ich nicht, doch schien vorhin
Wie Florentiner-Laut dein Wort zu klingen.

13
Du höre jetzt: Ich war Graf Ugolin,[442]

[187] Erzbischof Roger Er, den ich zerbissen.
Nun horch, warum ich solch ein Nachbar bin.

16
Daß er die Freiheit tückisch mir entrissen,

Als er durch Arglist mein Vertraun bethört
Und mich getödtet hat, das wirst du wissen.

19
Vernimm darum, was du noch nicht gehört,

Noch haben kannst – den Tod voll Graus und Schauer,
Und fass’ es, wie sich noch mein Herz empört.

22
Ein enges Loch in des Verließes Mauer,

Durch mich benannt vom Hunger, wo gewiß
Man Manchen noch verschließt zu bittrer Trauer,

25
Es zeigte kaum nach nächt’ger Finsterniß

Das erste Zwielicht, als ein Traum voll Grauen
Der dunklen Zukunft Schleier mir zerriß.

28
Er jagt’, als Herr und Meister, durch die Auen

Den Wolf und seine Brut zum Berg hinaus,

[188]

Der Pisa hindert, Lucca zu erschauen.[443]

31
Mit Hunden, mager, gierig und zum Straus

Wohleingeübt, entsendet’ er Sismunden,
Lanfranken sammt Gualanden sich voraus.

34
Bald schien im Lauf des Wolfes Kraft geschwunden

Und seiner Jungen Kraft, und bis zum Tod
Sah ich von scharfen Zähnen sie verwunden.

37
Als ich erwacht’ im ersten Morgenroth,

Da jammerten, halb schlafend noch, die Meinen,
Die bei mir waren, und verlangten Brod.

40
Theilst du nicht meinen Schmerz, so theilst du keinen;

Theilst du, was bang zu ahnen ich begann,
Und weinest nicht, wann pflegst du dann zu weinen?

43
Schon wachten wir, die Stunde naht’ heran,

Wo man uns sonst die Speise bracht’, und Jeden
Weht’ ob des Traumes Unglücksahnung an.

46
[189] Da hört’ ich riegeln unter mir den öden,

Graunvollen Thurm – und in’s Gesicht sah ich
Den Kindern allen, ohn’ ein Wort zu reden.[444]

49
Ich weinte nicht, so starrt’ ich innerlich;

Sie weinten, und mein Anselmuccio fragte:
Du blickst so, Vater! ach, was hast du? sprich!

52
Doch weint’ ich nicht, und diesen Tag lang sagte

Ich nichts, und nichts die Nacht, bis abermal
Des Morgens Licht der Welt im Osten tagte.

55
Als in mein jammervoll Verließ sein Strahl

Ein wenig fiel, da schien es mir, ich fände
Auf vier Gesichtern mein’s und meine Qual.

58
Ich biß vor Jammer mich in beide Hände,

Und Jene, wähnend, daß ich es aus Gier
Nach Speise thät’, erhoben sich behende

61
Und schrien: Iß uns, und minder leiden wir!

Wie wir von dir die arme Hüll’ erhalten,
Oh, so entkleid’ uns, Vater, auch von ihr.

64
Da sucht ich ihrethalb mich still zu halten,[445]

Stumm blieben wir den Tag, den andern noch.
Und du, o Erde, konntest dich nicht spalten?

67
Als wir den vierten Tag erreicht, da kroch[446]

Mein Gaddo zu mir hin mit leisem Flehen:
Was hilfst du nicht? Mein Vater, hilf mir doch!

70
Dort starb er – und so hab’ ich sie gesehen,

Wie du mich siehst, am fünften, sechsten Tag,
Jetzt den, jetzt den hinsinken und vergehen,

73
Schon blind, tappt’ ich dahin, wo jeder lag.
[190]

Rief sie drei Tage, seit ihr Blick gebrochen;
Dann that der Hunger, was kein Schmerz vermag.“[447]

76
Und scheelen Blickes fiel er, dies gesprochen,

Den Schädel an, den er zerriß, zerbrach,
Mit Zähnen, wie des Hundes, stark für Knochen.

79
O Pisa, du, des schönen Landes Schmach,

In dem das Si erklingt mit süßem Tone,
Sieht träg dein Nachbar deinen Freveln nach,

82
So schwimme her Capraja und Gorgone,[448]

Deß Arno Mund zu stopfen, daß die Flut
Dich ganz ersäuf’ und keiner Seele schone.

85
Denn, wenn auch Ugolino’s Frevelmuth,

Wie man gesagt, die Schlösser dir verrathen,
Was schlachtete die Kinder deine Wuth?

88
O neues Theben, war an solchen Thaten

Nicht ohne Schuld das zarte Knabenpaar,
Das ich genannt? nicht Hugo samt Brigaten? –

91
Wir gingen nun zu einer andern Schaar,[449]

Die, statt wie jene, sich hinabzukehren,
Das Antlitz aufwärts, eingefroren war.

94
Die Zähren selber hemmen hier die Zähren,

Drum wälzt der Schmerz, der nicht nach außen kann,
Sich ganz nach innen, um die Angst zu mehren.

97
Denn, was zuerst dem trüben Aug’ entrann,

Das war zum Klumpen von Krystall verdichtet,
[191] Und füllte ganz die Augenhöhlen an.

100
Und ob vom Frost, der solches Eis geschichtet,

Mein Antlitz wie bedeckt mit Schwielen schien,
Und deshalb jegliches Gefühl vernichtet,

103
Doch fühlt’ ich, schien’s, mir Luft entgegenziehn;

Drum sprach ich: „„Herr, wie mag hier Luft sich regen,
Wo nie die Sonne, dunstentwickelnd, schien?““

106
Und Er: „Du gehst der Antwort schnell entgegen,

Und siehst, wenn wir noch weiter fort gereist,
Aus welchem Grund die Lüfte sich bewegen.““

109
Da rief ein eisumstarrter armer Geist:

„Grausame Seelen, ihr, die jetzt vom Lichte
Zu dieser letzten Stelle Minos weist,[450]

112
Hebt mir den harten Schleier vom Gesichte,

Damit ich lüfte meines Herzens Weh’n,
Eh neu die Thräne sich zu Eis verdichte.“

115
Ich sprach: „„Soll dir’s nach deinem Wunsch geschehn,

So nenne dich, und wenn ich’s nicht erzeige,
So will ich selbst zum Grund des Eises gehn.““

118
Drauf Er: "Ich bin’s, der Frucht vom bösen Zweige[451]

Als Bruder Alberich dort angeschafft,
Und speise hier die Dattel für die Feige.“[452]

121
„„Oh,““ rief ich, „„hat der Tod dich hingerafft?““

Und Er zu mir: „Ob noch mein Leib am Leben,
Davon bekam ich keine Wissenschaft.

124
Denn Ptolemäa hat den Vorzug eben,

Daß oft die Seele stürzt in dies Gebiet,
Eh’ ihr den Anstoß Atropos gegeben.[453]

127
Und daß du lieber mir vom Augenlid
[192]

Verglas’te Thränen nehmest, sollst du wissen:
Sobald die Seele den Verrath vollzieht,[454]

130
Wie ich gethan, wird ihr der Leib entrissen

Von einem Teufel, der dann drin regiert
Bis an den Tod, indeß in Finsternissen

133
Des kalten Brunnens sie sich selbst verliert.

Vielleicht ist oben noch der Körper dessen,
Der hinter mir in diesem Eise friert.

136
Kommst du von dort, so magst du’s selbst ermessen.

Herr Branca d’Oria ist’s, der jämmerlich[455]
Schon manches Jahr im Eise fest gesessen.“

139
„„Ich glaube,““ sprach ich, „„du betrügest mich,

Denn Branca d’Oria ist noch nicht begraben,
Und ißt und trinkt und schläft und kleidet sich.““

142
Und Er darauf: „Es konnte jenen Graben,

An dem beim Pech die Schaar von Teufeln wacht,
Noch nicht erreicht Herr Michel Zanche haben,

145
Da war sein Leib schon in des Dämons Macht.

So ging’s auch dem von d’Oria’s Geschlechte,
Der den Verrath zugleich mit ihm vollbracht.

148
Jetzt aber strecke zu mir her die Rechte,

Und nimm das Eis hinweg“ – doch that ich’s nicht,
Denn gegen ihn war Schlechtsein nur das Rechte;[456]

151
[193] O Genua, Feindin jeder Sitt’ und Pflicht,[457]

Ihr Genueser, jeder Schuld Genossen,
Was tilgt euch nicht des Himmels Strafgericht?

154
Ich fand mit der Romagna schlimmsten Sprossen

Der Euren Einen, für sein Thun belohnt,
Die Seel’ in des Cocytus Eis verschlossen,

157
Deß Leib bei euch noch scheinbar lebend wohnt.



Vierunddreißigster Gesang.

IX. Kreis. 4. Judecca. Erzverräther. Judas, Brutus, Cassius, Satan. Rückkehr zum Licht.


1
„Uns naht des Höllenköniges Panier!

Schau hin, ob du vermagst ihn zu erspähen.“[458]
So sprach mein edler Meister jetzt zu mir,

4
Und wie, wenn dichte Nebel uns umwehen,

Wie in der Dämmerung, vom fernen Ort,
Windmühlenflügel aussehn, die sich drehen,

7
So sah ich jetzo ein Gebäude dort,

Und da ich nichts, mich vor dem Wind zu decken,
Sonst fand, drängt’ ich mich hinter meinen Hort.

10
Dort war ich, wo – ich sing’ es noch mit Schrecken –[459]

Die Geister, in durchsicht’ges Eis gebannt,
Ganz drin, wie Splitterchen im Glase, stecken.

13
Der lag darin gestreckt, und Mancher stand,
[194]

Der aufrecht, jener auf dem Kopf; der bückte
Sich bogengleich, das Haupt zum Fuß gewandt.

16
Als hinter ihm ich so weit vorwärts rückte,

Daß es dem Meister nun gefällig schien,
Mir Den zu zeigen, den einst Schönheit schmückte,

19
Da trat er weg von mir, hieß mich verziehn,

Und sprach zu mir: „Bleib, um den Dis zu schauen
Und hier laß nicht dir Muth und Kraft entfliehn.“

22
Wie ich da starr und sprachlos ward vor Grauen,

Darüber schweigt, o Leser, mein Bericht,
Denn keiner Sprache läßt sich dies vertrauen.

25
Nicht starb ich hier, auch lebend blieb ich nicht;

Nun denke, was dem Zustand dessen gleiche,
Dem Tod und Leben allzugleich gebricht.

28
Der Kaiser von dem thränenvollen Reiche

Entragte mit der halben Brust dem Glas,
Und wie ich eines Riesen Maß erreiche,[460]

31
Erreicht’ ein Riese seines Armes Maß.

Nun siehst du selbst das ungeheure Wesen,
Dem solch ein Glied verhältnismäßig saß.

34
Ist er, wie häßlich jetzt, einst schön gewesen,

Und hat den güt’gen Schöpfer doch bedroht,
So muß er wohl der Quell sein alles Bösen.

37
O Wunder, das sein Kopf dem Auge bot!

Mit drei Gesichtern sah ich ihn erscheinen,[461]
[195] Von diesen aber war das vordre roth.

40
Anfügten sich die andern zwei dem einen,

Gerad’ ob beiden Schultern hingestellt,
Um oben sich beim Kamme zu vereinen;

43
Das Antlitz rechts weißgelblich – ihm gesellt,

Das links, gleich dem der Leute, die aus Landen
Von jenseits kommen, wo der Nilus fällt

46
Groß, angemessen solchem Vogel, standen[462]

Zwei Flügel unter jedem weit heraus,
Die wir den Segeln gleich, nur größer fanden,

49
Und federlos, wie die der Fledermaus.

Sie flatterten ohn’ Unterlaß und gossen
Drei Winde nach verschiedner Richtung aus.

52
Dadurch ward der Cocyt mit Eis verschlossen.

Sechs Augen waren nie von Thränen frei,
Die auf drei Kinn’ in blut’gem Geifer flossen.

55
Und einen armen Sünder malmt’ entzwei

Und kaute jeder Mund, daher zerbissen,
Flachsbrechen gleich, die scharfen Zähne drei.

58
Der vordre Mund schien sanft in seinen Bissen,

Verglichen mit den scharfen Klau’n, zu sein,
Die oft die Haut vom Fleisch des Sünders rissen.

61
Da sprach Virgil: „Sieh hier die größte Pein!

Ischarioths Kopf steckt zwischen scharfen Fängen,[463]
Und außen zappelt er mit Arm und Bein.

64
Zwei Andre sieh den Kopf nach unten hängen;[464]
[196]

Hier Brutus an der schwarzen Schnauze Schlund
Sich ohne Laute winden, drehn und drängen;

67
Dort Cassius, kräftig, wohlbeleibt und rund. –

Doch naht die Nacht, drum sei jetzt fortgegangen,
Denn ganz erforscht ist nun der Hölle Grund.“

70
Jetzt winkte mir, den Hals ihm zu umfangen,

Und Zeit und Ort ersah sich mein Gesell,
Und, als sich weit gespreizt die Flügel schwangen,

73
Hing er sich an die zott’ge Seite schnell,

Griff Zott’ auf Zott’, um sich herabzusenken
Inmitten eis’ger Rind’ und rauhem Fell.

76
Dort angelangt, wo in den Hüftgelenken[465]

Des Riesen sich der Lenden Kugel drehn,
Eilt’ er, mit Müh’ und Angst, sich umzuschwenken.

79
Wo erst der Fuß war, kam das Haupt zu stehn;

Die Zotten fassend, klomm er aufwärts weiter,
Als sollten wir zurück zur Hölle gehn.

82
„Hier halte fest dich; denn auf solcher Leiter

Entkommt man nur so großem Leid,“ so sprach
Tief keuchend, wie ein Müder, mein Begleiter,

85
[197] Worauf er Bahn sich durch ein Felsloch brach,

Dann setzt’ er mich auf einen Rand daneben,
Und klomm mit mir den Fuß behutsam nach.

88
Ich blickt’ empor, und glaubte, wie ich eben

Den Dis gesehn, so stell’ er noch sich dar;
Doch seine Füße sah ich sich erheben.

91
Wenn nun mein jäher Schreck’ nicht wäre klar,

Den hät’ ich, daß sie erst erkennen lerne,
Durch welchen Punkt ich jetzt gedrungen war.

94
Da sprach Virgil: „Jetzt auf, das Ziel ist ferne,

Der Weg auch schwierig, den du vor dir hast;
Und Sol, aufsteigend, scheucht bereits die Sterne.“

97
Nicht war’s ein Gang durch einen Prachtpalast,

Der vor mir lag; er lief auf rauhem Grunde
Durch eine Felsschlucht, völlig dunkel fast.

100
Ich, aufrecht stehend, sprach: „„Eh aus dem Schlunde

Der Weg, den du mich leitest, mich entläßt,
Reiß aus dem Irrthum mich und gieb mir Kunde:

103
Wo ist das Eis? Wie steckt Dis köpflings fest?

Und wie hat Sol so schnell aus solchen Weiten[466]
Die Ueberfahrt gemacht zum Ost vom West?““

106
„Du glaubst dich auf des Centrums andrer Seiten,

Wo du am Wurme, der die Erde kränkt
Und sie durchbohrt, mich sahst herniedergleiten.

109
Du warst’s, so lang’ ich mich hinabgesenkt;

Allein den Punkt, der anzieht alle Schwere,
Durchdrangest du, da ich mich umgeschwenkt.

112
Jetzt kamst du zu der andern Hemisphäre,

Entgegen der, die großes trocknes Land
Bedeckt, und unter deren Zelt der Hehre[467]

[198]
115
So fehllos lebt’ und starb wie er entstand,

Du stehest jetzo auf dem kleinen Kreise,
Der hier Judecca’s andre Seit’ umspannt.

118
Und hier beginnt der Sonne Tagesreise,

Wenn sie dort endet, und im Brunnen steckt
Noch immer Lucifer nach alter Weise.

121
Vom Himmel ward er hier herabgestreckt.[468]

Das Land, das erst hier ragte, hat sich droben
Aus Furcht vor ihm im Meeresgrund versteckt,

124
Und sich auf jenem Halbkreis dort erhoben.

Um ihn zu flieh’n, drang auch die Erde vor
Aus dieser Höhl’ und drängte sich nach oben.“

127
So sprach Virgil – und sieh, vom Dis empor

Ging eine Schlucht, tief, wie die ganze Hölle,
Zwar nicht erkannt vom Auge, doch vom Ohr;

130
Denn rauschend lief ein Bach, deß rasche Welle[469]

[199] Sich Bahn durch Felsen brach, mit sanftem Hang
Und vielgewunden, bis zu jener Stelle.

133
Nun trat mein Führer auf verborgnem Gang

Den Rückweg an entlang des Baches Windung;
Und wie ich, rastlos folgend, aufwärts drang,

136
Da blickte durch der Felsschlucht ob’re Ründung[470]

Der schöne Himmel mir aus heitrer Ferne,
Und wir entstiegen aus der engen Mündung

139
Und traten vor zum Wiedersehn der Sterne.

  1. 1. [Da der erste und zweite Gesang die Einleitung und Exposition des ganzen Werkes bilden, so sei über die göttliche Komödie im Allgemeinen zur Orientirung des Lesers Folgendes vorausbemerkt. Der seltsame Name des so ernsten Gedichtes stammt von Dante selbst gemäß alterthümlicher Eintheilung der Poesie, welche „Commedia“ ein Gedicht nennt, welches nach ernstem Anfang heiter endet. Dies trifft nun allerdings zu, wie wir gleich sehen werden. „Divina“ „die göttliche“ ist ein Beiname der bewundernden Nachwelt. –

    Der äußere Gang und Inhalt des Gedichts nun ist dieser. Dante macht eine Phantasie-Wanderung durch die Hölle, das Fegfeuer und das Paradies. Dabei begleiten ihn zwei Geister-Gestalten, erst Virgil, der röm. Dichter, dann Beatrix, seine eigene Jugendgeliebte. Es werden jene drei unsichtbaren Orte vom Dichter mit Insassen aller Art und aller Zeiten der Weltgeschichte, auch seine eigenen Gegenwart, bevölkert und Stufe für Stufe durchgangen und besichtigt bis hinauf vor Gottes Thron. Dabei werden im Verlauf Gespräche geführt, Strafgerichte verkündet, Seligkeiten zuerkannt, Lehren und Zeitbetrachtungen gegeben. – Daß eine solche Wanderung durch die ganze Welt, eine Art mittelalterlicher Faust, – daß eine solche visionäre Reise, wir wollen nicht sagen eine trockene Allegorie, nein, ein lebensvolles Sinnbild höherer geistiger Gedanken sein müsse, das wird sich jeder Leser selbst sagen. Welches sind aber diese Gedanken? Dieselben müssen natürlich im Gedankenkreis des Dichters, in seiner Welt- und Zeitanschauung liegen, welche Dante zum Glück in andern Werken deutlich genug niedergelegt hat. („Neues Leben“ „Vom Staat“ etc.).

    Hiernach war es vor allem ein Jugendgelöbniß von ihm, seiner frühentrissenen Geliebten und dem reinigenden, beseligenden Einfluß ihrer Liebe ein poetisches Denkmal zu stiften. Wir sehen ihn darum seine Höllen-, Fegfeuer- und Paradieses-Wanderung Schritt für Schritt [6] selbst innerlich miterleben, ein Sinnbild seiner eigenen Rettung aus der Sünde, seiner eigenen Buße (Hölle), Läuterung (Fegfeuer) u. Erhebung in die Seligkeit (Paradies). Dabei hält er aber dieses selbe Selbsterlebniß auch der Menschheit überhaupt als Spiegel ihres allgemeinen, ewigen Heilswegs vor. Wie er, so müssen wir alle gerettet, stufenweise innerlich zur Vollendung gebracht werden. Dies ist die persönliche Beziehung und der allgemein-moralische Sinn der göttl. Komödie. Man wird finden, daß Dante dabei auf dem Standpunkt eines gläubigen Christen, aber auch eines reformatorisch helldenkenden Katholiken steht. Letzteres ist für unsre Tage besonders interessant zu sehen. Man lese z. B. Hölle Gs. 19, 91 ff. 27. 87 ff. Fegfeuer 16 94 ff. Paradies 11. 12. 22, 76 ff. 29, 88 ff. – lauter
    Strafreden wider Papstthum und Mönchswesen! – Wie nun diese beiden eben dargelegten Beziehungen der göttl. Kom. stets miteinander Hand in Hand gehen, so fügt sich ihnen endlich eine dritte organisch ein. Dies ist die zeitgeschichtlich-politische Beziehung des Gedichts. Dante, aus einer angesehenen florentinischen Familie 1265 geboren und sorgfältig erzogen und gebildet in allem damaligen Wissen, lebte also in dem 13. Jahrhundert, in welchem Italien aus einer Menge kleiner selbstständiger Stadtgebiete und Regierungen bestand, welche genöthigt waren zu ihrer Stütze sich theils dem Papst, theils der deutschen Kaiserpartei anzuschließen. So fiel sein ganzes Dasein in diesen Kampf des Welfen- und Ghibellinenthums hinein, zumal als er im Jahre 1300 einer der „Prioren“, der politischen Leiter der Vaterstadt ward. In Florenz besonders bestanden neben jenen großen Hauptparteien noch zwei adelige Stadtparteienm, die Weißen und Schwarzen, von denen die ersteren mehr kaiserlich, die letzteren mehr welfisch waren. Dante, in all’ diese Kämpfe hineingezogen, zog endlich, als Karl von Valois unter dem Schutz von Bonifaz VIII. in Florenz einzog und die Ghibellinen stürzte, 1302 ins Elend und in die Verbannung, aus der er bis zu seinem Tod 1321 nie wiederkehrte. Aber beugen oder umstimmen ließ er sich dadurch nicht. Ein Patriot und Staatsmann vom Scheitel bis zur Sohle, ein glühender Ghibelline dabei, welcher die Rettung seiner zerklüfteten Zeit einzig von Heinrich VII. Zug nach Italien (1310–1313), vom deutschen Weltkaiserthum erwartet, welches unabhängig neben dem Papstthum bestehen müsse, hat er, der Ersten einer, am Ende des 13. Jahrhunderts schon, den modernen Staatsgedanken erfaßt. Es versteht sich und ist neuerdings allgemein anerkannt, daß er auch diesen denn predigen will in seinem Gedicht. Ja, nach seiner Anschauung gibt es für die Menschheit auch kein ewiges Heil ohne die zeitliche Bedingung einer bürgerlichen Wohlordnung. Unter dem Elend, woraus Dante retten will, unter der Hölle, die er sieht, dem Führer, der ihn geleitet, der Läuterung und Freiheit, die er (Fgf. 27, 127 ff.) erlangt, den Rettungsmitteln und der Rettung, wovon er spricht, hat also der [7] aufmerksame Leser immer neben 1. dem Persönlichen und 2. Allgemein-Menschlichen, was damit gemeint ist, auch 3. das politische Elend etc. die politische Rettung jener Zeit miteinzubegreifen. Indessen wird der unter 1. und 2. genannte ideale Gehalt des Gedichts immerhin für unsre Zeit der wichtigste bleiben und der Leser mag sich demgemäß an folgende Summa halten: Grundgedanke der göttlichen Komödie ist die Rettung, Erhebung und Beseligung des Menschenherzens, wie sie bei Dante und seinen Zeitgenossen unter gewissen persönlichen und zeitgeschichtlichen Bedingungen, im Wesentlichen aber für alle auf dieselbe Weise, durch denselben Stufengang sich vollzieht – Begründung, sowie nähere Durchführung dieser Idee der göttl. Komödie nebst einleitender Uebersicht über das ganze Werk und Biographie seines Dichters findet der Leser in des Herausgebers Schrift „Die göttliche Komödie nach Inhalt und Gedankengang übersichtlich dargestellt mit biographischer Einleitung, Stuttgart 1871.“

    Nach dem Bisherigen deuten sich nun mit Leichtigkeit die Allegorien, welchen der Leser sofort im ersten Gesang begegnen wird und welche zum Voraus hier besprochen seien. Der „finstre Wald“, von dem Dante ausgeht, ist seine eigene Jugendverirrung; ist seine und des Menschen Sinnlichkeit, Sündhaftigkeit überhaupt: ist schließlich, speciell auf des Dichters Gegenwart angewendet, die von ihm so sehr verabscheute staatlich-kirchliche Mißordnung, die Kaiserlosigkeit und Papstübermacht. Alle diese Gesichtspunkte liegen ineinander. Es bedarf keiner Worte, was also „der rechte Weg“ bedeutet, welchen Dante, welchen seine Zeit im Schlaf verloren. Aber mitten in dieser Irre glänzt dem Dichter, dem Menschen auch eine ferne „selige Höhe V. 13 ff.“ entgegen, das höhere Leben, die Erhebung zu Gott und seiner Weltordnung. Er kann aus eigenem Antrieb diesem Ziel entgegenstreben (V. 19–30). Aber drei Thiere V. 31–61, d. h. die sinnlichen Triebe hemmen den Weg. Er kann das Ziel nicht allein und nicht direct erreichen. Von oben, von Beatrix, d. h. der göttlichen Gnade, gesendet, muß ihm Hilfe kommen, ein Führer, Virgil. Er ist gewählt, als ein bekannter Liebling des Mittelalters. Er ist die Vernunft, die natürliche Gottesahnung, zugleich die politische Einsicht und führt den Dichter erst durch Hölle und Fegfeuer. Durch Sündenerkenntniß und Läuterung bekommt er so die Heilsgrundlage. Aus Virgils Hand übernimmt ihn Beatrix, die Gnade, die himmlische Weisheit zur Heilsvollendung im Himmel. Dies ist der klare Gang der Wanderung, welche aber Dante poetisch und um desto besser als Prophet auftreten zu können, „auf halbem Weg des Menschenlebens“, in sein 35stes Jahr setzt, sieben Tage, vom Charfreitag Nacht bis wieder zum Freitag des Jahre 1300 dauern läßt und welche wir nun mit ihm antreten.]
  2. 13 ff. [Emporschauend auch aus der Nacht des Irrthums sieht der Mensch immer die Höhe des Heils von der Sonne der Wahrheit beschienen.]
  3. 22 ff. 28. [Der erste Rückblick auf das entronnene Verderben gibt Muth zum langsamen, vorsichtigen, Fuß für Fuß setzenden Weiterschreiten.]
  4. 32–36. Aber noch sollen wir nicht ungestört emporklimmen. Die Lust der Sinne – der Panther – tritt zuerst und so lange der Körper noch jugendlich frisch ist, uns feindlich entgegen, und hemmt unsere Fortschritte zu dem Höheren. Droht sie auch den bessern Vorsatz in uns zu vernichten, so erscheint sie doch in minder abschreckender Gestalt, ja anziehend durch Munterkeit und Frische.
  5. 37–43. Aber wenn nun eben die Sonne der Wahrheit uns den [9] Morgen hat tagen lassen, wenn wir die Welt in neuem Glanze liegen sehen, dann schöpfen wir Muth, das Höhere zu erreichen. (Die Reise des Dichters wird, wie bedacht, in der heiligen Woche, im Beginne des Frühlings unternommen, in der Jahreszeit, in welcher das erneute Leben der Natur in uns selbst Muth und Hoffnung erneuert, und in welcher, wie der Dichter V. 38–40 vorausgesetzt, Gott die Welt erschaffen hat. Die Sonne steht zu dieser Zeit im Widder.)
  6. 44. Wenn die sinnliche Begier der Jugend sich auch mindert, so ist es der Ehrgeiz (der Löwe), welcher die kräftigeren Naturen von dem wahren Ziele echt menschlicher Bildung, von dem Streben nach dem einzig Wahren und Göttlichen ableitet – in seinem Uebermaße die mächtigste, furchtbarste der Leidenschaften, besonders in Zeiten politischer Parteiung, sei es, daß der Mensch selbst sie in sich empfindet, oder daß er ihr Opfer wird.
  7. 49–60. Endlich erscheint die Habsucht – die Wölfin –, welche alles irdische Gut an sich zu reißen strebt, und um so weniger befriedigt ist, je mehr sie verschlingt. Keine schlechte Leidenschaft, kein Laster ist, mit welchen sie sich nicht verbände, zu welchen sie nicht führte (vergl. V. 97–100). Sie, die gemeinste Leidenschaft, nie rastend, weil es ihr nie an einem Gegenstande fehlt, ist es, die dem Menschen auf dem Wege zum höhern Ziele am gefährlichsten wird, die dem [10] Dichter alle Hoffnung, es zu erreichen, raubt, und ihn zur Tiefe zurückstürzt. [Man denke hier auch an politische Beziehungen, an Rom’s alles an sich reißende Gier!]
  8. 62 ff. Da macht endlich die Vernunft sich geltend, welche aus dem, was von den Sinnen wahrgenommen, vom Verstand erfaßt ist, folgerecht weiter schließend, uns der Dinge Wesen zeigt, uns Falsches und Wahres erkennen läßt, und uns den Weg zeigt, jenes abzuwerfen und dieses uns anzueignen. Aber auch sie kann, wenn sie lang in uns geschwiegen, nicht sofort beim ersten Wiedererwachen klar und deutlich zu uns sprechen, sie scheint heiser durch zu langes Schweigen.

    Die Vernunft 1. im Allgemeinen sehen wir in dem klaren, gemäßigten und besonnenen Virgil personificirt. Wenn auch der Genius desselben ohne Zweifel dem unsers Dichters weit untergeordnet und die dichterische Art und Weise Beider unendlich verschieden, ja sich in vieler Beziehung entgegensetzt ist, so finden wir doch in der großen Verehrung, welche das Mittelalter diesem Dichter widmete, die Stellung hinreichend erläutert, welche Dante demselben in seinem Gedichte anweist. Fand man doch in einigen Versen desselben selbst die prophetische Verkündigung des Christenthums (vergl. Fegefeuer Ges. 22 V. 70–72). Um so mehr war er geneigt, die Vernunft darzustellen, welche als Führerin zum Höhern erscheint und, das Höchste vorahnend, uns demselben so nahe bringt, als dies ohne den Glauben möglich ist. [Sodann 2. war Virgil für Dante, als Sänger der Aeneis, der Verkündiger des heil. röm. Kaiserthums deutscher Nation, seines politischen Lieblingsgedankens und vertritt daher, wie schon S. 6 u. 7 gesagt, die Vernunft im Besonderen zugleich, d. h. die rechte politische Einsicht und Weltordnung, welche für Dante ebenfalls zu lang „überhört, durch zu langes Schweigen heiser“ – war.]
  9. 70. Spät, 70 v. Ch., als es mit dem Heidenthum und seinen falschen Göttern zu Ende ging, aber noch vor Cäsars Dictatur.
  10. 82. Sämmtliche Schriften des Dichters beweisen, daß er, ungeachtet der Verschiedenheit ihrer Naturen, die Werke Virgils zum Gegenstand seines fleißigsten Studiums gemacht hatte. Vielleicht hat Virgils zierliche Einfachheit und Klarheit dazu beigetragen, ihn von dem Schwulst entfernt zu halten, welchen andere Dichter jenes Zeitalters hevorbrachten, und insofern verdient er wohl auch die Namen des Vorbildes und Meisters (vgl. Fegefeuer Ges 21. V. 49–63).
  11. 86. Dante’s gerechtes Selbstgefühl, als Schöpfers der italienischen Schriftsprache!
  12. 91. D. h. auf dem Wege durch die Hölle, die Buße allein kannst du zur Höhe des Heils kommen.
  13. 100. Sich gatten. Vgl. Anm zu 49 – 60.
  14. 101. [In Verona herrschte das hochgeehrte Ghibellinengeschlecht der Skaliger in seinem jüngsten, hochbegabten Sprossen Cane della Scala, [12] genannt Can grande. Auf ihn, den 1311 Heinrich VII. sogar zu seinem Stellvertreter in der Lombardei ernannt, richteten sich die Blicke aller Ghibellinen. Er ist zweifelsohne auch in dieser prophetischen, aber vielleicht erst später von Dante eingeschobenen Stelle unter „dem edlen Windhund“ gemeint, welcher zwischen Feltro im Piavethal und dem sog. Feltrischen Gebiet am nordöstlichen Appenninenhang aufstehen solle. Denn dies war eben Can grande’s Herrschaft. – Man sieht zugleich, wie unter der Wölfin, welcher C. grande den Garaus machen soll, vornehmlich politische, zeitgeschichtliche Beziehungen versteckt liegen. S. zu 46–60 Schluß. Derselbe Fürst hat später den verbannten Dante, 1317–20, aufgenommen, worauf sich die ehrenden Worte Parad. 17, 76–10 beziehen.]
  15. 107. 108. Camilla und Turnus starben, nach der Aeneide, bei der Vertheidigung, Euryalus und Nisus, bei der Eroberung Latiums.
  16. 111. „Der erste Neid“ der Satan. Weisheit 2, 24.
  17. 112 ff. [Um aus dem dunkeln Wald der Irrthümer und Sünden heraus zur Buße, zur Erkenntniß und zeitliche Glückseligkeit zu gelangen, reicht die Vernunft, zugleich die rechte politische Einsicht und Weltordnung aus, indem sie uns das Laster, den falschen Zustand und seine Folgen zeigt (Hölle) und uns dadurch selbst reinigt und läutert (Fegfeuer).]
  18. Weiter aber reicht die Vernunft nicht. Das Göttliche, die [13] ewige Glückseligkeit, nach welcher der gereinigte Geist strebt, und welche die Ahnung ihm verspricht, läßt uns nur der Glaube, und nur der christliche Glaube erkennen. Virgil, welchem dieser Glaube fremd geblieben, vermag daher nicht, den Dichter bis in die Stadt Gottes zu leiten. Er wird ihn, wenn er ihn, so weit die Vernunft reicht, gebracht hat, der Führung der Beatrix übergeben, unter welcher wir uns die himmlische Gnade, auch die beseligende Erkenntniß, das Anschauen Gottes im Gemüthe selbst – denken dürfen.
  19. 133. Dem heiligen Petrus sind die Schlüssel übergeben, welche die Pforte der Seligkeit aufschließen. Es ist gleichgültig, ob der Dichter unter dem Thore Petri den unmittelbaren Eingang des Paradieses oder das im Fegefeuer Ges. 9 V. 73 Beschriebene gemeint habe, da diejenigen, die durch das letztere gehen, der Seligkeit gewiß sind.
  20. II. 1–13. Ueber den Erwägungen der Vernunft ist der Tag verflossen. Die Nacht kommt und mit ihr neuer Zweifel; denn die [14] Entschließungen, die aus der Vernunft hervorgegangen, schwanken; nur der Glaube ist sicher. Der Dichter fragt: ob er auch tüchtig sei für den großen Zweck?
  21. 13–30. Wie der Dichter, um seine großen Ideen dem Geiste durch die Sinne einzuprägen, Bilder und Gleichnisse, wie sie sich darbieten, aus den Mythen des heidnischen Alterthums und aus der heiligen Schrift nimmt, so stellt er auch hier aus Beiden Beispiele solcher zusammen, die lebend in die Reiche der Todten versetzt wurden. Aeneas wurde in die Unterwelt geführt, um dort Nachrichten zu empfangen, welche die Gründung Roms, mithin des römischen Reichs und des päpstlichen Stuhles förderten. (Beiläufig möge nicht unbemerkt bleiben, daß der Dichter, so streng er auch allenthalben die Verdorbenheit der Päpste und ihr Streben nach weltlicher Herrschaft straft, doch V. 22 bis 24 wie überall vor dem Institute des Papstthums selbst, vor dem monarchischen Princip in der Kirche die größte Ehrfurcht zeigt.) Paulus ward in den Himmel entzückt, um durch das, was er dort sah, den Glauben auszubreiten und zu befestigen.
  22. 31–42. Aeneas und Paulus wurden, lebend noch, in die Reiche, [15] die jenseits des Lebens und seiner Irrthümer liegen, geführt, weil die Vorsehung durch Beide hohe Zwecke fördern wollte. Aber kann der Dichter dasselbe hoffen?
  23. 52. [Wörtlich „bei den unentschiedenen Seelen“ d. h. bei den tugendhaften Heiden wohnend, deren milder Aufenthaltsort, außerhalb der Hölle, sogleich im 4. Gesang beschrieben ist.]
  24. [53–57. Dante legt hier dem Virgil die Erzählung des ursprünglichsten Anlaßes seines ganzen Gedichtes in den Mund: Verherrlichung Beatricens, als seiner geistigen Retterin aus dem Verderben, aus der im „finstern Wald“ Gs. 1. 2 versinnbildlichten und schon S. 7 erwähnten Jugendverirrung. Man hat hierbei an des Dichters unbekehrte Jugend überhaupt, speciell vielleicht an eine Epoche zu denken, da er nach Beatricens frühem Tod sich in ein Leben des Genusses stürzte, aus dem ihn endlich die ideale Rückkehr zur Geliebten rettete. Er verheirathete sich dann ohne Neigung. – Beatrix also sendet aus alter Liebe dem Irrenden den Virgil. Dies ist zunächst die historische Bedeutung dieser Stelle. Immerhin liegt nebenbei auch der Sinn darin, daß auch die Vernunft, die natürliche Gottesahnung eine [16] Art Vorbotin der Gnade, eine Gabe des Himmels, uns erstmals nach oben zu weisen, sei. – Beiläufig sei hier kurz erwähnt, daß Beatrix Portinari aus Florenz als achtjähriges Mädchen von dem jungen Dante erstmals gesehen und von ihm mit idealster Liebe lebenslang in unauslöschlichem Andenken behalten wurde, wiewohl er sie nur zweimal wiedersah und sie niemals sprach!]
  25. 76–81. Der Glaube, nicht der Vernunft entgegen, aber über ihr stehend, beginnt seine Wirksamkeit da, wo die Vernunft aufhört. Sie selbst erkennt die Grenze, welche zu überschreiten ihr nicht gestattet ist. Deshalb folgt sie willig und eifrig dem Gebote, welches die höhere Macht ihr kund thut durch die Stimme des Herzens, in welchem Ahnung, Hoffnung und freudiges Vertrauen am Strahle göttlichen Lichts entzündet wurden.
  26. [82. ff. Mit dieser Frage, weshalb denn Beatrix vom ewigen [17] Licht herab zum kleinen Mittelpunkt der Welt, zur Erde, gestiegen sei, um Dante zu retten – wird schließlich wieder die persönliche Beziehung ins Allgemeine, Ewige erweitert. „Das edle Weib“, Maria, die ewige Liebe Gottes ist die letzte Ursächerin der Sendung der Gnade, welche hier etwas spitzfindig, in zwei Gestalten gespalten wird. Lucia ist die vergebende Gnade … Beatrix die eigentliche, thätige und vollendende Gnadenkraft und höchste Gotteserkenntniß. Lucia erscheint wieder Fegfeuer 9. Von ihr übernimmt dann Beatrix den Dante, ihn bis vor Gott geleitend. – Nach diesem tiefsinnigen Einblick in die Oeconomie des Ganzen kehrt die Schilderung mit V. 118 zu dem letzten Zuspruch des Virgil zurück, womit dieser den Dante nun zur sofortigen Höllenreise einlädt und anführt. Sie gelangen durch das Höllenthor zu den Halben, in die Vorhölle. Die Darstellung nimmt nun einen hinreißenden Schwung und entfaltet allmählich jene dichterische Erfindung, jene grandiose Plastik, wodurch sich Dante’s Höllengemälde so weit über alle ähnlichen mittelalterlichen Darstellungen erhebt, wenn auch leider selbst er öfters bis zum Unschönen und Gräßlichen geht.]
  27. 136–140. Herrliche Worte.
  28. [III. 1–9. Weltberühmte Lapidarschrift „per me si va nella città dolente“ mit dem gnomischen Schluß: lasciate ogni speranza voi ch’entrate! – Sinn: die Ewigkeit der Höllenstrafen ist ein Werk, ein Erforderniß der Gerechtigkeit (V. 4) des dreieinigen Gottes (V. 6 Allmacht, Allweisheit, Liebe – Vater, Geist, Sohn.)] –
  29. 18. Das wahre Licht ist Gott. Die Verdammten können nie zu dem Ziele gelangen, ihn anzuschauen.
  30. 21. d. h. durch das Thor in das hohle Erdgewölbe, welches den ganzen Höllenschlund überspannt: die Vorhölle.
  31. 34. Wir müssen hier, ehe wir weiter vorschreiten, zuvörderst die Ansicht des Dichters über die von ihm dargestellten Höllenstrafen erläutern. Im Fegefeuer Ges. 25, V. 88 u. ff. beschreibt er, wie der Scheinleib, der Schatten, welcher die Gestalt der Seelen darstellt, gebildet wird. Dieser Schatten folgt den Bewegungen der Seele, und verleiht jeder Empfindung derselben ein deutliches Bild. Seelenleiden also sind es, die wir in den körperlichen Qualen der Verdammten ausgedrückt sehen, und wir werden im weiteren Fortschreiten erkennen, wie diese Leiden dem Fehler und Laster entsprechen, zu dessen Bestrafung sie bestimmt sind. Hier also zuerst jene Werth- und Charakterlosen, jene Elenden, die im Leben weder gut noch böse gewesen, vermischt mit den Engeln, die im Kampfe des Satans gegen Gott sich neutral verhalten haben – das verächtliche Vergehen, besonders in Zeiten politischer Parteiung, wie die unsers Dichters waren. [21] Ausgestoßen aus dem Himmel, werden sie auch in der Hölle nicht aufgenommen, weil neben diesen Jämmerlichen die Verdammten selbst sich stolz fühlen würden (V. 40–42). Offenb. 3, 14. Ihr Zustand zwischen Hölle und Erde entspricht dem ihres Lebens. Ohne Rast und Haltung folgen sie einer Fahne, die jeder Windeshauch hier- und dorthin bewegt (V. 52–55). Kleine Leidenschaften stacheln und vereinigen sie immerfort, wie hier das Geschmeiß der Insekten, und was diese aus ihnen hervorbringen, fördert nur das Gemeinste und Schlechteste (67–69).
  32. [59. Cölestin V., welcher 1291, durch den dem Dante verhaßtesten Papst Bonifaz VIII. bewogen, dem heiligen Stuhl entsagte und in seine Einsiedelei zurückkehrte. Dante sah dies als ein sträfliches Vergraben seines Pfundes an.]
  33. 73–81. Dante fragte, von welcher Art die sind, die so eilig [22] zum Strome ziehen? Diese Frage läßt Virgil unbeantwortet, weil es Sünder aller Art sind, und sich das Nähere bald von selbst ergeben wird. Mit großer künstlerischer Geschicklichkeit läßt der Dichter den Augenschein sprechen, um V. 121 ff. weit kürzer und eindringlicher, als es hier möglich gewesen wäre, Auskunft zu geben. Wenn Dante in seiner Beschämung über die voreilige Frage und in der Folge in seinem ganzen Benehmen gegen Virgil ein menschlich schönes Verhältniß des Jüngers zum Meister trefflich darstellt, so verleiht dies dem wunderbaren, keiner Gattung angehörigen, aber alle Gattungen umfassenden, das Allgemeine und Besondere gleich tief und wahr ergreifenden Gedichte oft beiläufig den eigenthümlichen Reiz des Dramas.
  34. [91. – Es sei hier ein für allemal des reichlichen Gebrauchs [23] mythologischer Gestalten gedacht, den Dante besonders in der Hölle macht. Die Höllenflüsse der Alten, der Fährmann Charon, Cerberus, der Höllenhund, Plutos, Giganten etc. treten auf. Sie sind aber nicht blos poetische Bilder oder technische Ausschmückung, noch allegorische Symbole, sondern als wirkliche Dämonen, als gefallene Engel, frei aufgefaßt. Denn das Mittelalter sah in der Mythologie nicht bloße Phantasie, sondern eine verirrte Auffassung der wirklichen Wahrheit.]
  35. 93. Dante ist nicht, wie die andern, ein leichter Schatten, er bringt vielmehr den schweren Leib mit zum Acheron. Durch dessen Last würde der nur auf Schatten eingerichtete Kahn versinken. Wie wir überhaupt die große plastische Kunst des Dichters bewundern müssen, die oft durch einzelne scheinbar nur nebenbei angebrachte Verse ein lebendiges Bild vollendet, so sehen wir hier den zornig scheltenden Alten, der, sprechend, mit dem Munde zugleich Kinnladen, Wangen und Bart heftig bewegt, in dem Ruhen dieser Bewegung meisterhaft dargestellt, ohne daß jene Bewegungen beschrieben worden wären.
  36. 125. Was wir oben bei V. 34 u. ff. bemerkt, ist auch hier bestätigt. Das Gewissen selbst treibt den Sünder der Strafe entgegen, so sehr er sich vor ihr fürchtet. Und sollte der Trieb des Gewissens nicht kräftig genug sein, so weiß die Vorsehung den Charon zu finden, der auf die Säumigen mit dem Ruder losschlägt, um sie dem verdienten Lohne zuzutreiben (V 110 u. 111). Zwischen beiden Stellen ist nur beim ersten oberflächlichen Anblicke ein Widerspruch.
  37. [127. D. h. Kein wahrhafter Christ. Denn die edelsten Heiden müssen auch hinüber s. Ges. 4.]
  38. [133. Der Windstoß aus der Tiefe, der Lichtblitz – Vorahnungen der Hölle. Sie machen ihn bewußtlos. So allein kann er hinüberkommen, was daher auch nicht beschrieben wird. Denn die Weise, wie ein Lebender ins Todtenreich gelangt, bleibt ins Dunkel gehüllt.]
  39. [IV. 7. Dante ist also drüben, am Rand des Kraters. – Wir wollen dem Leser die Mühe ersparen, den Bau der Dante’schen Hölle erst allmälich aus dem Verlauf des Gedichts sich zusammenzusetzen und geben hier im Voraus ein Bild davon. Im Innern der Erde ist, nach der Vorstellung des Dichters, eine Höhle, die sich bis zum Mittelpunkt herabzieht. Sie geht trichterförmig, jedoch in amphitheatralischen Absätzen, abwärts und verengt sich zuletzt zum Brunnen. Jeder dieser Absätze, rund um die Höhle herumlaufend, bildet einen Kreis, in welchem eine Gattung von Sündern ihre Strafe findet. Daß diese Kreise nach oben hin von Felsenbänken, zum Theil von Felsendämmen eingeschlossen sind und nach unten hin an die Leere des Abgrundes grenzen, ist zwar nicht allenthalben bestimmt angegeben, jedoch aus vielen einzelnen Stellen ersichtlich. Die untersten dieser Kreise sind noch öfters [25] in mehrere Unterabteilungen, „Bulgen“, abgetheilt durch hohe Felsenringe, über die die Reisenden von einer zur andern herübersteigen müssen. Auch abwärts leitet sie an einer Stelle ein felsiger Pfad von Kreis zu Kreis hinab. Um an diese Stelle zu gelangen müssen Dante und Virgil also jedesmal ½–¾ der Terrasse durchwandeln, bei welcher Gelegenheit sie eben alle Inwohner betrachten können. Die Richtung des Ganges ist so, daß sie immer links die ansteigenden Wände, rechts den Abgrund haben. Gs. 14, 124 – 129. Der unterste Punkt, die Spitze des Trichters ist zugleich der Mittelpunkt der Erde, senkrecht unterhalb Jerusalem. Von Zeit zu Zeit geht’s über einen der vier, von Abhang zu Abhang niederstürzenden Höllenströme. (Gs. 14, 103 ff. 116 ff.) Man denke sich nun das riesige Rund, finster, dröhnend, dampferfüllt, flammendurchzuckt! – Aber so gewaltig, ins Große arbeitend sich hierin die Phantasie des Dichters zeigt, so fein und sublim offenbart sie sich dann in der moralischen Eintheilung der Hölle. Die räumliche Anordnung wird das äußere Abbild der sittlichen! Je schlimmer der Sünder, desto tiefer kommt er hinunter. Es werden im Ganzen dreierlei Sünderklassen unterschieden, wonach die Hölle drei Abtheilungen bekrmmt 1. unbewußte Sünder. Kreis 1, noch nicht zur eigentlichen Hölle gehörig: Die frommen Juden und Heiden. 2. Sünder der Unmäßigkeit; Kreis 2–6: Wollüstige, Schlemmer, Zornige, Geizige, Sinnenmenschen d. h. Epicureer, Gottesläugner. 3. Bosheitssünden, Kreis 7–9. – Die letzteren werden wir im 11. Gesang näher explicirt finden (s. dort). Zu den beiden ersten Abtheilungen gehen wir jetzt über und bemerken nur noch, daß der Leser sein beständiges Augenmerk auch auf die überaus zutreffend (oft freilich auch craß) erfundenen Strafen der Sünden richten möge, nicht vergessend übrigens, daß dieselben Seelenleiden abbilden.]
  40. 26. „Im ew’gen Thal.“ Alles in der Hölle ist ewig.
  41. 38. Diejenigen, die vor Christo gelebt, haben Gott nur dann gebührend geehrt, wenn sie an den künftigen Heiland geglaubt haben. Vgl. Paradies Gesang 32; auch Ges. 20, V. 103 f.
  42. 40. Diejenigen, die zwar menschlich würdig, aber ohne Glauben leben, können alles Irdische erlangen, nur die Ahnung und Hoffnung des höchsten Lichtes bleibt ihnen verschlossen. Und da Alles, was die Erde gibt, nie das Gemüth befriedigt, so verfließt ihr Leben in ewig ungestillter Sehnsucht nach einem unbekanntem Ziele. So finden wir die Seelen in diesem Kreise, welcher noch nicht zum eigentlichen Straforte gehört, sondern den Vorhof desselben bildet. Sie genießen die Schönheit der Erde wieder in dem Grün der Wiese und in dem schönen Flusse; sie genießen die Kunst, die das Leben verschönt; auch der Schein des Lichtes fehlt ihnen nicht, – aber es ist nicht das himmlische, und so bleiben sie in der Mitte aller von der Milde des Himmels ihnen gestatteten Genüsse, selbst im Bewußtsein eines würdigen Lebens, dennoch Verdammte.
  43. [46. Dante läßt durch Virgil, der ja selbst vor Christo starb, die Lehre von Christi Höllenfahrt vortragen, wodurch die dortigen Erzväter [27] auferstanden. Er nennt diese Lehre V. 47 eine Stärkung des Glaubens.
  44. 67. Nicht weit vom Abhang, der zwischen der Vorhölle und diesem ersten Kreis liegt.
  45. 69. Fast unübersetzbar. Eigentlich eine erleuchtete Halbkugel.
  46. 80. Virgil wird von den Andern begrüßt.]
  47. 91. Jedem gebührt der Name des hohen Dichters, welchen die Stimme V. 80 aussprach. Aber ein eigner Werth macht sie geneigt zur Anerkennung fremden Werthes. Daher die schöne Zwischenscene, daß sie Alle Dante huldigend in ihren Kreis aufnehmen.
  48. 106. Unter den sieben Mauern, welche das Schloß umringen, verstehen die Ausleger theils sieben Tugenden, welche man ohne Glauben erstreben kann, theils die sieben freien Künste.
  49. 109. Warum gehen die Dichter trocknen Fußes (im Original: wie auf harter Erde) durch den schönen Fluß? Vielleicht um anzudeuten, daß dieser Fluß nicht wahrhaft benetzt, erfrischt und erquickt, daß [29] also auch diese Zierde des Orts kein Wesen hat, wie alle Dinge, die nicht durch den Glauben in Zusammenhang mit dem Ganzen und Ewigen gebracht werden. – Die dem Uebersetzer bekannten Erklärungen der Ausleger sind nicht minder gewagt, als diese, aber theils völlig flach theils dem ganzen Inhalte des Gedichts wenig entsprechend.
  50. 131. Der Meister – Aristoteles. Die übrigen Namen der im Texte angeführten griechischen und römischen Männer und Frauen lassen wir ohne Bemerkung, welche dem Kundigen, da sie nur sehr kurz sein könnte, nicht nöthig ist, dem Unkundigen aber nichts nützen würde. Daß Sultan Saladin, als zu ihnen nicht gehörig, allein sitzt, erklärt sich von selbst.
  51. 145 – 151. Die Sechszahl. Die vier V. 88–90 benannten Dichter; Virgil und Dante, die beiden letzteren, trennen sich von ersteren und nahen dem eigentlichen Straforte, dessen Beschaffenheit im Gegensatze zu der des Vorhofs, in den beiden letzten Versen angedeutet ist.
  52. V. 2. Dieser Vers ist durch das, was oben über den Bau der Hölle gesagt ist, erläutert.
  53. 3. Im Vorhofe hört man nur Seufzer (Ges. 4, V. 25–27), hier lautes Wehklagen.
  54. 4. In dem mythologischen Minos, dem Richter der Todten, wie er hier vom Dichter ausgestattet ist, wird man wohl schwerlich eine tiefere allegorische Bedeutung finden. Genug, daß die mit großer plastischer Kunst uns dargestellte phantastische Gestalt ganz dem Schrecken des Orts entspricht.
  55. 28. [Wörtlich: „ein von allem Lichte stummer Ort.“ Berühmtes herrliches Bild!]
  56. 31. In diesem Kreise finden wir die fleischlichen Sünder bestraft. Wie im Leben der unbändige Trieb sie rastlos umherjagte und ihnen alle Ruhe raubte, so hier der höllische Wirbelwind. Wie dort die Stimme der Begier sie willenlos gegen Felsen und zu Abgründen führte, wo ihr geistiges, vielleicht auch ihr leibliches Leben unterging, so hier im Orte der ewigen Strafen. Und in der Nähe der Gefahr klagen sie nicht sich selbst an, daß sie die von Gott ihnen verliehene Vernunft und Willensfreiheit vom wilden blinden Triebe unterjochen ließen, sondern sie fluchen noch immer blind und thöricht der göttlichen Allmacht und Tugend (la virtù divina). Vielleicht läßt der Dichter sie eben hier, an den Felsentrümmern, diese Flüche ausstoßen, weil, wie wir weiter unten erfahren werden, der Fels durch [32] das Erdbeben beim Tode Christi zertrümmert wurde, sie daher dabei verzweifelnd an die Erlösung denken, die ihnen nicht zu Theil ward.
  57. 40. [Dem Leser sind die häufigen, ächt epischen Gleichnisse nicht entgangen, zu deren schönsten, wahrhaft homerischen, die folgenden zählen. Ebenso V. 82 ff. 13, 40 ff. 26, 25 u. a. m.]
  58. 56. Semiramis soll, um eine unerlaubte Neigung für ihren Sohn zu befriedigen, durch ein Gesetz die Ehe zwischen Mutter und Sohn erlaubt haben. In der Uebersetzung ist der Versuch gemacht worden, den Anklang zwischen dem libito und licito des Originals durch Gelüst und Gesetz wiederzugeben.
  59. 81. Niemand etc. d. h. Gott, dessen Name in der Hölle nicht genannt wird.
  60. 88. Der Schatten der hier spricht, ist Franziska, die Tochter Guido’s von Polenta, welcher den verbannten Dante aufnahm. Ihr Vater zwang ihr den Johann Malatesta betrüglicher Weise zum Gatten auf statt ihres Geliebten Paolo, des Bruders des Johann. Mit diesem überraschte sie Jener im Verbrechen und tödtete Beide. Wenn nach den Lehren der Kirche Jeder, der im Vergehen und ohne dasselbe vorher bereut zu haben, stirbt, verdammt ist, so mußte Dante die unglückliche Franziska für verdammt halten. Aber der strenge Geist des Dichters fühlt doch für die Tochter seines Wohlthäters eine Theilnahme, die um so rührender ist, je seltener wir ihn, wenigstens in diesem ersten Theile, von einem ähnlichen weichen Gefühle durchdrungen sehen. Uebrigens brauchen wir auf die große dichterische Schönheit dieser berühmten Darstellung eine Perle des ganzen Werks, wohl keinen Leser des Dante aufmerksam zu machen. Als bezeichnend für die Sitte der Zeit und den Charakter des Dichters muß es betrachtet werden, daß er kein Bedenken fand, noch bei Lebzeiten seines Wohlthäters und wohl jedenfalls nicht ohne Vorwissen desselben dies bekannt zu machen.
  61. 97. Die hier bezeichnete Stadt ist Ravenna, in deren Nähe der Po, nachdem er vorher viele kleine Flüsse aufgenommen, ins Meer fällt.
  62. 107. Kaina diejenige Abtheilung des letzten Kreises der Hölle, in welcher die Mörder und Verräther ihrer Verwandten bestraft werden. Als Dante dies schrieb, lebte wahrscheinlich Franziska’s Gemahl noch.
  63. 123. Unter dem Lehrer ist wahrscheinlich Boethius gemeint, in [35] der Stelle seines Buches de consolatione: in omni adversitate fortunae infelicissimum genus infortunii est, fui se felicem.
  64. 127. Lancelot, der Held eines zu seiner Zeit berühmten Ritter-Romans, einer der Ritter der Tafelrunde und Liebhaber der Königin Ginevra.
  65. 137. Eigentlich Galeotto. So hieß im Roman der Vermittler zwischen Lancelot und Ginevra. Zu Dante’s Zeit sollen die Unterhändler in Liebesangelegenheiten allgemein mit diesem Namen belegt worden sein.
  66. VI. 1–3. Dante beschreibt nicht, wie er vom zweiten Kreise in den dritten gekommen, wahrscheinlich um anzudeuten, daß er auch nach seinem Erwachen von der Ohnmacht sich noch zu tief erschüttert gefunden habe, als daß er auf den Weg Achtung hätte geben sollen. Erst die neuen Strafen ziehen seine Aufmerksamkeit auf sich.
  67. 7. Hier im dritten Kreise finden wir die Schlemmer, ewigem Regen ausgesetzt, der nichts erzeugt, als ekelhaften Schmutz, in welchem sie versinken. Erheben sie sich auch einen Augenblick, doch fallen sie bald wieder zurück, und zwar zuerst mit dem Haupte, dem Sitze der geistigen Kraft, welche durch wüßte Schwelgerei unterdrückt und zu Boden gezogen wird. (V. 91–93.)
  68. 13. Auch Cerberus ist ein Teufel. Er stellt aber zugleich mit seinem dreifachen Schlunde, seinem weiten Bauche und seiner hündischen Natur überhaupt, selbst ein Bild des Lasters dar, das hier bestraft wird, und der Begier, die schon im Leben den Schlemmer selbst bestraft (vgl. V. 24. 31–33). Der Schlamm, welchen Virgil ihm V. 25 in den Rachen wirft, deutet auf den Werth dessen hin, worin die Schlemmer im Leben ihre Befriedigung finden.
  69. 35. Wir haben oben bei Ges. 3. V. 34 bemerkt, wie Dante die Entstehung des Scheinleibes oder Schattens erklärt, durch welchen die Geister sich dem Auge erkennbar zeigen. Diesem entspricht auch im obigen Verse die Bezeichnung desselben als ein Nichts, das Körper scheint. Indessen werden wir in diesem ersten Theile Manches finden, was jener Erklärung zu widersprechen und auf eine wirkliche materielle Körperlichkeit hinzudeuten scheint. So hebt Virgil den Dichter empor, hält ihm die Augen zu, umschließt ihn beim Heruntergleiten vom Abhange; Dante selbst reißt einem Schatten die Haare aus. Dies scheint also darauf hinzudeuten, daß in der Hölle die Geister sich von der Erde nicht ganz haben losmachen können, daß sie noch mit gröberen Stoffen verbunden sind. Im Fegef. dagegen verfeinert sich dieser Scheinleib. Dante, der den Casella dreimal umarmen will, kehrt dreimal mit den Armen zur Brust zurück (Ges. 2, V. 80). Im Paradiese endlich ist kaum noch von einer Gestalt die Rede, da alle Seelen vom Lichte ihrer Wonne umgeben sind. Indessen bleibt sich der Dichter hierin nicht ganz treu, und wir werden in künftigen Bemerkungen auf einige Widersprüche aufmerksam machen.
  70. 52. Ciacco soll nach einigen Auslegern ein Florentiner von trefflichen Einfällen und ein guter Gesellschafter gewesen sein, wie Boccaccio [38] einen Mann gleichen Namens und Schlages in der achten Novelle des neunten Tages beschreibt. Nach andern hat Ciacco nichts weiter als ein Schwein bedeutet und ist ein allgemeiner Ehrenname der Schmarotzer gewesen.
  71. [61. Hier, wie oft, berührt Dante die politischen Verhältnisse, besonders seiner Vaterstadt, klagend, rügend und prophezeiend.]
  72. 64. Woher den Schatten die Fähigkeit kommt, Künftiges vorauszusehen, erfahren wir genauer, wenn auch Ges. 10. V. 100 über diese Fähigkeit gesprochen wird. Die Weißen (die Waldpartei) behielten nach der Zeit, in welche Dante seine heilige Reise verlegt, die Oberhand, bis durch Karl von Valois, der V. 69 bezeichnet ist, sie in den Jahren 1302 und 1303 unterlagen. Diese Stelle ist als Beweis gegen die Vermuthung aufgestellt worden, daß Dante die sieben ersten Gesänge vor seiner Verbannung gedichtet habe. Da sie aber leicht später eingeschaltet worden sein kann, so beweist sie nicht, was sie soll.
  73. 73. Wer unter den zwei Gerechten verstanden sei, ist nicht mit Gewißheit auszumitteln. [Genug, der Dichter kannte eben nur zwei gerechte, parteilose Männer in seiner Vaterstadt.]
  74. 93. Blinde d. h. am Geist.
  75. 95. Bis zum Weltgericht. Die Gewalt, die den Sündern zuwider (feindlich) ist, ist die des ewigen Richters. „Was ewig wiederhallend braust“ ist dessen Richterspruch.
  76. 103. Nach dem großen Urtheilsspruche beim Weltgerichte werden die Geister ihre Körper wieder erhalten. Sie werden also dann in der Verbindung beider Bestandtheile des Menschen, des Leibes und der Seele, vollkommener als jetzt, da sie nur Schatten sind, eben darum aber auch nach der Lehre des Meisters, des Aristoteles, größern Schmerz zu empfinden fähig sein. Auch die Verdammten erwarten dann vollkommener zu werden, folglich mehr zu leiden, da sie die wahre Vollkommenheit nicht erreichen können.
  77. VII. [1. Plutus, de Gott des Reichthums, steht billig diesem Kreise vor. – Seine verworrenen, unerklärbaren Worte sollen wohl eine Anrufung des Satans bedeuten.]
  78. 16. In diesem Kreise werden diejenigen