Göttliche Komödie (Streckfuß 1876)/Inferno
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[5] Die Hölle.
(Abfassungszeit ca. 1300–1310 od. 1314.)
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Erster Gesang.
Eingang: Der Wald. Die Thiere. Virgil.
1
Auf halbem Weg des Menschenlebens fand [1]Ich mich in einen finstern Wald verschlagen, 4
Wie schwer ist’s doch, von diesem Wald zu sagen,Wie wild, rauh, dicht er war, voll Angst und Noth; [6] 7
Nur wenig bitterer ist selbst der Tod;Doch um vom Heil, das ich drin fand, zu kunden, 10
[7] Nicht weiß ich, wie ich mich hineingewunden,So war ich ganz vom tiefem Schlaf berückt, 13
Doch bis zum Fuß des Hügels vorgerückt,[2]Dort, wo die Grenze war von jenem Thale, 16
Schaut’ ich empor, und sah, den Rücken maleIhm der Planet, der uns auf jeder Bahn 19
Da fingen Angst und Furcht zu schwinden an,Die mir des Herzens Blut erstarren machten, 22
Und so wie athemlos, nach Angst und Schmachten,[3]Schiffbrüchige, noch von der Fluth durchnäßt, 25
So kehrt’ auch ich, noch schwer das Herz gepreßt,Mich jetzt zurück, nach jenem Passe sehend, 28
Den Leib gestärkt durch Ruhe, weiter gehend,Wählt’ ich bergan den Weg der Wildniß mir, 31
Sieh, beim Beginn des steilen Weges, schierBedeckt mit buntgeflecktem Fell die Glieder,[4] 34
Nicht wich’s von meinem Angesichte wieder,Und also hemmt’ es meinen weitern Lauf, 37
Am Morgen war’s, die Sonne stieg herauf,[5]Von jenen Sternen, so wie einst umgeben, 40
[9] Die schöne Welt berief zu Sein und Leben;So ward durch jenes Thier mit buntem Haar 43
Zu solcher Stund’, im süßen, jungen Jahr –Wenn Grund zur Furcht mir alsbald nicht erregte[6] 46
Es schien, daß er sich gegen mich bewegte,Erhobnen Haupt’s und mit des Hungers Wuth, 49
Auch eine Wölfin, welche jede Glut [7]Der Gier durch Magerkeit mir schien zu zeigen, 52
Vor dieser mußte so mein Muth sich neigen,Aus Furcht, die bei dem Anblick mich durchbebt, 55
Wie der, der eifrig zu gewinnen strebt,Wenn zum Verlieren nun die Zeit gekommen, 58
So machte dieses Unthier mich beklommen;Von ihm gedrängt, mußt’ ich mich rückwärts ziehn, 61
Indessen ich zur Tiefe stürzt’ im Fliehn,Da zeigte meinem Blicke dort sich Einer,[8] 64
„„Wer du auch seist,““ so rief ich, als ich seinerGewahrt in großer Wüste, „„nenn’ ich dich 67
Und jener sprach: „Nicht bin, doch Mensch war ich;Lombarden waren die, so mich erzeugten, 70
Spät, als die Römer sich dem Julius beugten,[9]Sah ich das Licht, sah des Augustus Thron, 73
Ich war Poet und sang Anchises Sohn,Der Troja floh, besiegt durch Feindestücke, 76
[11] Und du – du kehrst zu solchem Gram zurücke?Was bleibt die freud’ge Höhe nicht dein Ziel, 79
„„So bist du,““ rief ich, „„bist du der Virgil,Der Quell, dem reich der Rede Strom entflossen?““ 82
„„O Ehr’ und Licht der andern Kunstgenossen,[10]Vergilt jetzt große Lieb’ und langer Fleiß, 85
Mein Meister, Vorbild! dir gebührt der Preis,Den ich durch schönen Stil davongetragen,[11] 88
Sieh dieses Thier, o sieh mich’s rückwärts jagen,Berühmter Weiser, sei vor ihm mein Hort, 91
„Du mußt auf einem andern Wege fort,“[12]Sprach er zu mir, den ganz der Schmerz bezwungen, 94
Denn dieses Thier, das dich mit Graun durchdrungen,Läßt Keinen ziehn auf seines Weges Spur, 97
Es ist von böser, tückischer Natur,Und nimmer fühlt’s die wilde Gier ermatten, 100
Mit vielen Thieren sieht man es sich gatten,[13]Bis daß die edle Dogge kommt, die kühn[14] 103
Nicht wird nach Land und Erz ihr Hunger glühn,Doch wird sie nie an Lieb’ und Weisheit darben; 106
Zu Welschlands Heil, deß Ruhm und Glück verdarben,Obwohl vordem Camilla für dies Land,[15] 109
Nicht wird sie ruhn, bis sie dies Thier verbannt;Sie wird es wieder in die Hölle senken, 112
Du folg’ jetzt mir zu deinem Heil – mein Denken[17]Und Urtheil ist’s – ich will dein Führer sein 115
Dort wirst du hören der Verzweiflung Schrei’n, (Hölle)Wirst alte Geister schau’n, die brünstig flehen 118
Wirst Jene dann im Feu’r zufrieden sehen (Fegfeuer),Weil sie verhoffen, zu dem sel’gen Chor, (Paradies) 121
Und willst du auch zu diesem dann empor,[18]Würd’ger als ich, wird eine Seel’ erscheinen, 124
[13] Denn Jener, der dort oben herrscht, läßt Keinen (Gott)Eingehn, von mir geführt, vor seinen Thron, 127
Allwärts gebeut er; doch er trägt die Kron’Nur dort; dort ragen seines Sitzes Zinnen – 130
„„Laß, Dichter,““ rief ich, „„dich mein Flehn gewinnen!Bei jenem Gotte, den du nicht erkannt, 133
Bring’ an die Orte mich, die du genannt,[19]Und laß mich bald Sanct Petri Pforte sehen, 136
Er ging; ich säumte nicht, ihm nachzugehen.Zweiter Gesang.
Einleitung: Beatrix. Lucia.
1
Der Tag verging, das Dunkel brach herein,[20]Und Nacht entzog die Wesen auf der Erden 4
Mich zu dem harten Krieg und den BeschwerdenDes Wegs und Mitleids, und jetzt soll ihr Bild 7
O Mus’, o hoher Geist, jetzt helft mir mild!Erinn’rung, die du schriebst, was ich gesehen, 10
„„Jetzt, Dichter,““ fing ich an, „„bevor wir gehen,Erwäge meine Kraft und Tüchtigkeit! 13
Du sagst, daß Silvius’ Vater in der Zeit,[21]Im Körper noch, und noch ein sterblich Wesen 16
Doch da, der stets des Bösen Feind gewesen,In seinen Empyre’n zum Stifter ihn 19
Kann Jeder, dem Vernunft ihr Licht verliehn,Beim hocherhabnen Zweck es wohl ergründen, 22
Denn Rom und Reich, um Wahres zu verkünden,Gestiftet wurden sie, die heil’ge Stadt 25
Durch diesen Gang, den du besangest, hatEr Kunde deß, wodurch er siegt’, empfangen 28
Ist das erwählte Rüstzeug hingegangen,So stärkt’ es in dem Glauben dann die Welt, 31
Doch ich? warum? wer hat mir’s freigestellt?[22]Ich, Paul nicht noch Aeneas, dessen Schwäche 34
[15] Wenn ich dorthin zu kommen mich erfreche,So fürcht’ ich, daß mein Kommen thöricht sei. 37
Und wie, wer will und nicht will, mancherleiErwägt und prüft, und fühlt im bangen Schwanken, 40
So ich – das was ich leicht und ohne WankenBegonnen hatte, gab ich wieder auf, 43
„Verstand ich dich,“ so sprach der Schatten drauf,„So fühlst du Angst und Schrecken sich erneuen 46
Das Beste macht sie oft den Mann bereuen,Daß er zurücke springt von hoher That, 49
Doch hindre sie dich nicht am weitern Pfad,Drum höre jetzt, was ich zuerst vernommen, 52
Mich, nicht in Höll’ und Himmel aufgenommen,[23]Rief eine Frau, so selig und so schön,[24] 55
Mit Augen, gleich dem Licht an Himmelshöhn,Begann sie gegen mich gelind und leise, 58
O Geist, geboren einst zu Mantuas Preise,Deß Ruhm gedauert hat und dauern wird, 61
Mein Freund, doch nicht der Freund des Glückes, irrtIn Wildniß dort, weil Wahn im Weg’ ihn störte, 64
Schon irrte, fürcht’ ich, also der Bethörte,Daß ich zu spät zum Schutz mich aufgerafft, 67
Du geh; es sei durch deiner Rede Kraft,Durch das, was sonst ihm Noth, sein Leid geendet; 70
Beatrix bin ich, die ich dich gesendet;Mich trieb die Lieb’ und spricht aus meinem Wort. 73
Und steh’ ich erst vor meinem König dort,So werd’ ich oft dich loben und ihm preisen. – 76
Herrin der Tugend, Lehrerin der Weisen,[25]Durch die die Menschheit überraget weit 79
So freudig bin ich dir zum Dienst bereit,Daß, wär’ vollbracht auch jetzt schon dein Begehren, 82
Doch wolle jetzt vom Grunde mich belehren,[26]Weshalb du stiegst zum Mittelpunkt, vom Licht, 85
[17] Willst du es denn so tief ergründen, sprichtDie Hohe darauf, so will ich’s kürzlich sagen. 88
Vor solchem Uebel ziemt sich wohl zu zagen,Das mächtig ist und leicht uns Schaden thut, 91
Gott schuf mich so, daß ich in seiner HutDen Nöthen, die euch drücken, bin entrissen 94
Ein edles Weib dort, von den HindernissenDes Manns erweicht, zu dem ich dich gesandt, 97
Sie flehte zu Lucien hingewandt:Dein Treuer braucht dich jetzt im harten Streite, 100
Lucia, die sich ganz dem Mitleid weihte,Bewegte sich zum Orte, wo ich war, 103
Sie sprach: Beatrix, Gottes Preis fürwahr!Hilfst du ihm nicht, ihm, der aus großer Liebe 106
Als ob dein Ohr taub seinen Klagen bliebe,Als sähest du ihn nicht im Wirbel dort, 109
Nicht eilt so schnell auf Erden Einer fort,Den Gier nach Glück und Furcht vor Leid bethören, 112
Von meinem Sitz in jenen sel’gen Chören,Vertrau’nd auf deiner würd’gen Rede Macht, 115
Als nun Beatrix solches vorgebracht,Da wandte sie die Augenstern’ in Zähren, 118
So komm’ ich denn daher auf ihr Begehren,Das Unthier von dir scheuchend, dem’s gelang, 121
Was also ist dir? warum weilst du bang?Was herbergst du die Feigheit im Gemüthe? 124
Da sich drei heil’ge Himmelsfrau’n voll GüteFür dich bemüh’n, und dir mein Mund verspricht, 127
Gleichwie die Blum’ im ersten Sonnenlicht,Beim nächt’gen Reif gesunken und verschlossen, 130
So hob die Kraft, erst schmachtend und verdrossen,In meinem Herzen sich zu gutem Muth, 133
„O wie ist sie, die für mich sorgte, gut!Wie freundlich bist auch du, der den Befehlen 136
Mein Sehnen glüht – nicht wird die Kraft mir fehlen[27]Bei deinem Wort – schon fühl’ ich, nicht mehr bang, 139
Drum auf, in Beiden ist ein gleicher Drang,Herr, Führer, Meister, auf zum großen Wege!“ 142
Schritt ich daher auf waldig rauhem Stege.
Dritter Gesang.
Höllenthor. Vorhölle. Die Memmen. Cölestin V. Charon.
1
Durch mich geht’s ein zur Stadt der ew’gen Qualen,[28]Durch mich geht’s ein zum wehevollen Schlund, 4
Gerechtigkeit war der BewegungsgrundDeß, der mich schuf; mich gründend, that er offen 7
Nicht ward vor mir Geschaffnes angetroffen,Als Ewiges; und ewig daur’ auch ich. 10
Die Inschrift zeigt in dunkler Farbe sichGeschrieben dort am Gipfel einer Pforte, 13
Er, als Erfahrner, sprach dann diese Worte:„Hier sei jedweder Argwohn weggebannt, 16
Wir sind zur Stelle, die ich dir genannt.Hier wirst du jene Jammervollen schauen, 19
Er faßte meine Hand, daher VertrauenDurch sein Gesicht voll Muth auch ich gewann. 22
Dort hob Geächz’, Geschrei und Klagen an,Laut durch die sternenlose Luft ertönend, 25
Verschied’ne Sprachen, Worte, gräßlich dröhnend,Faustschläge, Klänge heiseren Geschreis, 28
Dies Alles wogte tosend stets, als sei’sSandwirbel, von den Stürmen umgeschwungen, 31
Und ich, im Ungewissen und von Schau’r durchdrungen,Sprach: „„Meister, welch Geschrei, das sich erhebt? 34
Und Er: „Der Klang, der durch die Lüfte bebt,[31]Kommt von dem Jammervolk, geweiht dem Spotte, 37
Sie sind gemischt mit jener schlechten RotteVon Engeln, die für sich nur blieb im Strauß, 40
Die Himmel trieben sie als Mißzier aus,Und da durch sie der Sünder Stolz erstünde, 43
Ich drauf: „„Was füllt ihr Wehlaut diese Gründe?Was ist das Leiden, das so hart sie drückt?““ 46
Des Todes Hoffnung ist dem Volk entrückt,Im blinden Leben, trüb und immer trüber, 49
Sie kamen lautlos aus der Welt herüber,Von Recht und Gnade werden sie verschmäht. 52
Ich schaute hin und sah, im Kreis geweht,Ein Fähnlein ziehn, so eilig umgeschwungen, 55
[21] In langer Reihe folgten ihm, gezwungen,So viele Leute, daß ich kaum geglaubt, 58
Und hier erblickt’ ich manch bekanntes Haupt,Auch Jenes Schatten, der aus Angst und Zagen[32] 61
Ich war sogleich gewiß, auch hört’ ich sagen,Dies sei der Schlechten jämmerliche Schaar, 64
Dies Jammervolk, das niemals lebend war,War nackend und von Flieg’ und Wesp’ umflogen, 67
Thränen und Blut aus ihren Wunden zogenIn Streifen durch das Antlitz bis zum Grund, 70
Drauf, als ich weiter blickt’ im düstern Schlund,Erblickt’ ich Leut’ an einem Stromgestade, 73
Von welcher Art sind die, die so gerade,[33]Wie ich beim düstern Dämmerlicht ersehn, 76
Und Er darauf: „Dir wird genug geschehnAm Acheron – dort wird sich Alles zeigen, 79
Da zwang mich Scham, die Augen tief zu neigen,Aus Furcht, daß ihm mein Fragen lästig sei, 82
Und sieh, es kam ein Mann zu Schiff herbei,Ein Greis, bedeckt mit schneeig weißen Haaren. 85
„Nicht hofft, den Himmel jemals zu gewahren.Ich komm’, euch jenseits hin an das Gestad, 88
Und du, lebend’ge Seele, die genaht,Mußt dich von diesen, die gestorben, trennen!“ – 91
„Hier kann ich dir den Uebergang nicht gönnen,[34]Für dich geziemen andre Wege sich, 94
Virgil drauf: „Charon, nicht erboße dich.Dort, wo der Wille Macht ist, ward’s verhangen; (bei Gott) 97
Hierauf ließ ruhen die bewollten WangenDes fahlen Sumpfs erzürnter Steuermann, 100
Da hob graunvolles Zähneklappen an,Und es entfärbten sich die Tiefgebeugten, 103
[23] Sie fluchten Gott, und denen, die sie zeugten,Dem menschlichen Geschlecht, dem Vaterland, 106
Dann drängten sie zusammen sich am Strand,Dem schrecklichen, zu welchem Alle kommen, 109
Charon, mit Augen, die wie Kohlen glommen,Winkt ihnen, und schlug mit dem Ruder los, 112
Gleich wie im Herbste bei des Nordwinds StoßEin Blatt zum andern fällt, bis daß sie alle 115
So stürzen, hergewinkt, in jähem FalleSich Adams schlechte Sprossen in den Kahn, 118
Durch schwarze Fluten geht des Nachens Bahn,Und eh sie noch das Ufer dort erreichen, 121
„Mein Sohn,“ sprach mild der Meister, „die erbleichenIn Gottes Zorne, werden alle hier 124
Man scheint zur Ueberfahrt sehr eilig dir,Doch die Gerechtigkeit treibt diese Leute 127
Kein guter Geist macht diese Fahrt; und dräute[37] Dir Charon, weil du hier dich eingestellt, 130
Hier wankte so mit Macht das dunkle Feld,Daß mich noch jetzt Schweißtropfen überthauen, 133
Ein Windstoß fuhr aus den bethränten Auen,Er blitzt ein rothes Licht, das jeden Sinn[38] 136
Und wie vom Schlaf befallen, stürzt’ ich hin –
Vierter Gesang.
I. Abtheilung. I. Kreis. Ungetaufte; Erzväter; Dichter, Helden, Philosophen der Heidenzeit.
1
Mir brach den Schlaf im Haupt ein DonnerkrachenSo schwer, daß ich zusammenfuhr dabei, 4
Ich warf umher das Auge wach und frei,Emporgerichtet spähend, daß ich sähe 7
So fand ich mich am Thalrand, in der Nähe[39]Des qualenvollen Abgrunds, dessen Kluft 10
[25] Tief war er, dunkel, nebelhaft die Luft,Drum wollte nichts sich klar dem Blicke zeigen, 13
„Laß uns zur blinden Welt hinuntersteigen,Ich bin der Erste, du der Zweite dann.“ 16
Ich, sehend, wie die Bläss’ ihn überrann,Sprach: „„Scheust du selber dich, wie kann ich’s wagen, 19
Und er zu mir: “Des tiefen Abgrunds PlagenEntfärben mir durch Mitleid das Gesicht, 22
Fort, zaudern läßt des Weges Läng’ uns nicht.“So ging er fort und rief zum ersten Kreise 25
Mir schien, nach meinem Ohr, des Klanges Weise, Der durch die Luft hier bebt im ewigen Thal,[40] 28
Und dieses kam vom Leiden ohne QualDer Kinder, Männer und der Frau’n, in Schaaren, 31
Da sprach der Meister: „Willst du nicht erfahren:Zu welchen Geistern du gekommen bist? 34
Daß sie nicht sündigten; doch gnügend mißtNicht ihr Verdienst, da sie der Tauf’ entbehrten, 37
Und lebten sie vor Christo auch, so ehrtenSie doch den Höchsten nicht, wie sich’s gebührt;[41] 40
Nur dies, nichts Andres hat uns hergeführt.[42]Daß wir in Sehnsucht ohne Hoffnung leben, 43
Groß war mein Schmerz, als er dies kund gegeben,Denn Leute großen Werthes zeigten sich, 46
Und ich begann: „„Mein Herr und Meister, sprich,[43](Ich wollte mich in jenem Glauben stärken, 49
[27] Kam Keiner je durch Kraft von eignen Werken,Durch fremd Verdienst von hier zur Seligkeit?““ – 52
Und sprach: „Ich war noch neu in diesem Leid,Da ist ein Mächtiger hereingedrungen. 55
Der hat des Urahns Geist der Höll’ entrungen,Auch Abel’s, Noah’s; und auch Moses hat, 58
Abram und David folgten seinem Pfad,Jakob, sein Vater, seine Söhne schieden, 61
Sie und viel’ Andre führt er ein zum Frieden,Und wissen sollst du nun: Vor diesem war 64
Obwohl er sprach, ging’s vorwärts immerdar,So daß wir unterdeß den Wald durchdrangen, 67
Nicht weit von oben waren wir gegangen,[44]Als ich ein Feu’r in lichten Flammen sah, 70
Zwar waren wir dem Ort nicht völlig nah,Doch einen Kreis von ehrenhaften Leuten, 73
„„Du, deß sich Wissenschaft und Kunst erfreuten,Beliebe, wer sie sind, und was sie ehrt 76
Ich sprach’s, und Er: „Für hochgepries’nen Werth,Der oben wiederklingt in deinem Leben, 79.
Da hört’ ich eine Stimme sich erheben:Der hohe Dichter, auf, jetzt zum Empfang![46] 82
Sobald die Stimme, die dies sprach, verklang,Sah ich heran vier große Geister schreiten, 85
Da sprach der gute Meister mir zur Seiten:„Sieh diesen, in der Hand das Schwert, voran 88
Du siehst Homer, den Dichterkönig, nahn;Ovid der Dritt’, als letzter kommt Lukan. 91
Im Namen, den die eine Stimm’ erhoben,[47]Kommt mit mir selber Jeder überein, 94
So war die schöne Schul’ hier im VereinDes hohen Herrn der höchsten Sangesweise, 97
Ein Weilchen sprachen sie im trauten Kreise,Doch als sie grüßend sich zu mir gekehrt, 100
Allein noch höher ward ich dort geehrt,Indem sie mich in ihrer Schaar empfingen, 103
Inzwischen wir bis zu dem Lichte gingen,Sprechend, wovon ich schicklich schweigen muß, 106
Bald kamen wir an eines Schlosses Fuß,[48]Von siebenfacher hoher Mau’r umfangen, 109
Als wir mit trocknem Fuße durchgegangen,[49]Ging’s weiter dann durch sieben Thore fort, 112
[29] Wir fanden Leute strengen Blickes dort,Mit großer Würd’ in Ansehn, Gang und Mienen 115
Und wir ersahn dort seitwärts nah bei ihnenFrei eine Höh’ hellem Lichte glühn, 118
Dort gegenüber auf dem sammtnen GrünSah ich die großen, ewig Denkenswerthen, 121
Elektren sah ich dort mit viel Gefährten,Aeneas, Hektorn hatt’ ich bald erkannt, 124
Camillen und Penthesileen fandIch dort; zur andern Seite auch Latinen, 127
Ich sah den Brutus, der verjagt Tarquinen,Lucrezien, Julien, Marzien, und, allein 130
Dann, höher blickend, sah im hellen ScheinIch auch den Meister derer, welche wissen,[50] 133
Sie all’ ihn hoch zu ehren sehr beflissen;Den Plato ihm zunächst und Sokrates, 136
Den Anaxagoras, Diogenes,Den Demokrit, deß Welt der Zufall machte, 139
Ihn, der ans Licht der Pflanzen Kräfte brachte, Den Dioskorides, den Orpheus dann, 142
Auch Ptolemäus kam, Euklid heran,Tullius (Cicero), Averrhoes, der, seinen Weisen 145
Doch nicht vermag ich Jeden hier zu preisen,[51]Denn also drängt des Stoffes Größe mich, 148
Um zwei verminderte die Sechszahl sich;Mich führt’ auf anderm Weg mein weiser Leiter 151
Und dorthin, wo nichts leuchtet, schritt ich weiter.
Fünfter Gesang.
II. Abtheilung. II. Kreis. Sünden der Liebe. Minos; Semiramis, Paris; Franziska und Paolo.
1
So ging’s hinab vom ersten Kreis zum zweiten,Der kleinern Raum, doch größres Weh umringt,[52] 4
Graus steht dort Minos, fletscht die Zähn’ und bringt[54]Die Schuld ans Licht, wie tief sie sich verhehle, 7
Ich sage, wenn die schlechtgeborne SeeleIhm vorkommt, beichtet sie der Sünden Last; 10
[31] Sieht, welcher Ort des Abgrunds für sie paßt,Und schickt sie so viel Grad hinab zur Hölle, 13
Von vielem Volk ist stets besetzt die SchwelleUnd nach und nach kommt Jeder zum Gericht, 16
„Du, der du kommst zur Schmerzenswohnung,“ sprichtMinos zu mir, sobald er mich ersehen, 19
„Schau’, wem du traust! leicht ist’s hineinzugehen,Und weit das Thor – nicht täusche dich dein Drang!“ 22
Nicht hindre den von Gott gebotnen Gang,Dort will man’s, wo das Können gleich dem Wollen. 25
Bald hört’ ich nun, wie Jammertön’ erschollen,Denn ich gelangte nieder zum Gefild 28
Hier schweigt das Licht; der dunkle Raum erbrüllt, [55]So wie die See, wenn Stürme sich erhoben, 31
Der Höllenwindsbraut unaufhörlich Toben[56]Reißt wirbelnd die gequälten Geister fort 34
Da hört man Wehgeheul und Klagewort,Wenn sie sich nah’n des Abgrunds Felsenklüften, 37
Daß Fleisches-Sünder dies erdulden müßten,Vernahm ich, die, verlockt vom Sinnentrug, 40
So wie zur Winterszeit mit irrem Flug[57]Ein dichtgedrängter breiter Troß von Staaren, 43
Hierhin und dort, hinauf, hinunter fahren,Gestärkt von keiner Hoffnung, mindres Leid, 46
Wie Kraniche, zum Streifen lang gereiht,In hoher Luft die Klagelieder krächzen, 49
Die Schatten hergeweht mit bangem Aechzen.„„Wer sind die, Meister, welche her und hin 52
So ich – und Er: „Des Zuges Führerin,Von welchem du gewünscht Bericht zu hören, 55
Sie ließ von Wollust also sich bethören,Daß sie für das Gelüst Gesetz’ erfand.[58] 58
Sie ist Semiramis, wie allbekannt,Nachfolgerin des Ninus, ihres Gatten, 61
Dann sie, die, ungetreu Sichäus Schatten,Aus Liebe selber sich geweiht dem Tod, 64
Auch Helena, die Ursach’ großer Noth,Im Sturme sah ich den Achill sich heben, 67
[33] Den Paris sah ich dort, den Tristan schweben,Und tausend Andre zeigt’ und nannt’ er dann, 70
Lang’ hört’ ich den Bericht des Lehrers an,Von diesen Rittern und den Frau’n der Alten, 73
„„Mit diesen Zwei’n, die sich zusammen halten,Die, wie es scheint, so leicht im Sturme sind 76
Und er darauf: „Gib Achtung, wenn der WindSie näher führt, dann bei der Liebe flehe, 79
Kaum waren sie geweht in unsre Nähe,Als ich begann: „„Gequälte Geister, weilt, 82
Gleich wie ein Taubenpaar die Lüfte theilt,Wenn’s mit weit ausgespreizten steten Schwingen 85
So sah ich Dido’s Schwarm sie sich entringen,Bewegt vom Ruf der heißen Ungeduld, 88
„Du, der du uns besuchst voll Güt’ und Huld[60]In purpurschwarzer Nacht, uns, die die Erde Vordem mit Blut getüncht durch ihre Schuld, 91
Gern bäten wir, daß Fried’ und Ruh’ dir werde,Wär’ uns der Fürst des Weltenalls geneigt, 94
Wie ihr zur Red’ und Hören Lust bezeigt,So reden wir, so leihn wir euch die Ohren, 97
Ich ward am Meerstrand in der Stadt geboren,[61]Wo seinen Lauf der Po zur Ruhe lenkt, 100
Die Liebe, die in edles Herz sich senkt,Fing diesen durch den Leib, den Liebreiz schmückte, 103
Die Liebe, die Geliebte stets berückte,Ergriff für diesen mich mit solchem Brand, 106
Die Liebe hat uns in ein Grab gesandt –Kaina harret deß, der uns erschlagen.“[62] 109
Vernehmend der bedrängten Seelen KlagenNeigt’ ich mein Angesicht und stand gebückt. 112
„„Weh,““ sprach ich, „„welche Glut, die sie durchzückt,Welch süßes Sinnen, liebliches Begehren 115
Drauf säumt’ ich nicht zu Jener mich zu kehren,„„Franziska,““ so begann ich jetzt, „„dein Leid 118
Doch sage mir: In süßer Seufzer Zeit,Wodurch und wie verrieth die Lieb’ euch Beiden, 121
Und Sie zu mir: „Wer fühlt wohl größres Leiden,Als der, dem schöner Zeiten Bild erscheint 124
[35] Doch da dein Wunsch so warm und eifrig scheint,Zu wissen, was hervor die Liebe brachte, 127
Wir lasen einst, weil’s Beiden Kurzweil machte,[64]Von Lancelot, wie ihn die Lieb’ umschlang. 130
Das Buch regt’ in uns auf des Herzens Drang,Trieb unsre Blick’ und macht’ uns oft erblassen, 133
Als wir von dem ersehnten Lächeln lasen,Auf das den Mund gedrückt der Buhle hehr, 136
Da küßte zitternd meinen Mund auch Er. –Ein Kuppler war das Buch, und der’s verfaßte – [65] 139
Der eine Schatten sprach’s, der andre faßteSich kaum vor Weinen, und mir schwand der Sinn 142
Und wie ein Leichnam hinfällt, fiel ich hin. Sechster Gesang.
III. Kreis. Die Schlemmer. Cerberus. Ciacco weissagt.
1
Bei Rückkehr der Erinn’rung, die sich schloß[66]Vor Mitleid um die Zwei, das so mich quälte, 4
Erblickt’ ich neue Qualen und GequälteRings um mich her, ob den, ob jenen Pfad, 7
Dies war der dritte Kreis, den ich betrat,[67]Von ew’gem, kaltem, maledeitem Regen 10
Schnee, dichter Hagel, dunkle Fluten pflegenDie Nacht dort zu durchziehn in wildem Guß; 13
Ein Unthier, wild und seltsam, Cerberus,[68]Bellt, wie ein böser Hund, aus dreien Kehlen 16
Schwarz, feucht der Bart, die Augen rothe Höhlen,Mit weitem Bauch, die Tatzen scharf beklaut, 19
Sie heulen, wie die Hund’, im Regen laut,Und sie verschaffen sich durch öft’res Drehen 22
Der große Höllenwurm, der uns ersehen,Riß auf die Rachen, zeigt’ uns ihr Gebiß, 25
Virgil streckt’ aus die offnen Händ’ und rißErd’ aus dem Grund, die in die gier’gen Rachen 28
Wie’s pflegt ein keifig böser Hund zu machen,Deß Bellen schweigt, wenn er den Fraß erbeißt, 31
[37] So jetzt mit schmutz’gen Schlünden jener Geist,Der so durchdröhnt die armen Leidensmatten, 34
Wir gingen über die gequälten Schatten,Indem wir auf ihr Nichts, das Körper schien,[69] 37
Sie lagen allesamt am Boden hin,Nur Einen sahn wir sich zum Sitzen heben, 40
Er sprach: „Der du zur Hölle dich begeben,Erkenne mich, dafern dir’s möglich ist; 43
Und ich zu ihm: „„Die Qual, in der du bist,Entzieht vielleicht dich meinem Angedenken; 46
Wer bist du? sprich, was konnte dich versenkenIn eine Qual, die, gibt’s auch größre Pein, 49
„In eurer Stadt,“ so sprach er, „die alleinDer Neid erfüllt, und bis zum Ueberfließen, 52
Ich bin’s, den Ciacco eure Bürger hießen;[70]Zur Qual für schnöde Schuld des Gaumens muß, 55
Und mich allein nicht züchtigt dieser Guß.Nein, alle diese leiden gleiche Plagen 58
Und ich: „„Mich haben, Ciacco, deine Klagen,Zum Mitleid und zu Thränen fast gerührt. 61
Wohin noch unsrer Stadt Parteiung führt?[71]Ob wer gerecht ist? was in diesen Zeiten 64
Und Er darauf zu mir: „Nach langem Streiten[72]Kommt’s dort zu Blut, dann treibt die Waldpartei 67
Doch in drei Sonnen ist’s mit ihr vorbei,Neu günstig sind der andern die Gestirne, 70
Hoch hebt sie dann auf lange Zeit die StirneUnd drückt den Feind, ob auch, zur Wuth empört, 73
Zwei sind gerecht dort, aber nicht gehört.[73]Neid, Geiz und Hochmuth – diese drei sind Gluten, 76
[39] Als hier des Schatten Jammertöne ruhten,Sprach ich zu ihm: „„Noch weiteren Bericht 79
Tegghiajo, Farinata, treu der Pflicht,Arrigo, Rusticucci, Mosca – sage! – 82
Wo sind sie? welches ist ihr Loos? Ich trageVerlangen, hier ihr Schicksal zu erspähn, 85
Und Er: „Sie stürzte mancherlei VergehnZu schwärzern Seelen nach den tiefern Gründen. 88
Kehrst du zur süßen Welt aus diesen Schlünden,Bring’ ins Gedächtniß dann der Menschen mich. 91
Scheel ward sein grades Aug’ und wandte sichNach mir; dann sank er mit dem Haupte nieder, 94
Drauf sprach mein Führer: „Nie erwacht er wieder,Bis er vor englischer Posaun’ ergraust,[75] 97
Zum Grab kehrt Jeder, wo sein Körper haust,Wird neu mit Fleisch und mit Gestalt umgeben 100
Indem langsamen Schritt’s wir weiter streben,Durch’s wüst’ Gemisch von Schatten und von Flut. 103
Drum ich: „„Mein Meister, wird der Qualen Wuth[76] Sich nach dem großen Urtheilsspruch vermehren? 106
Und Er: „Gedenk’ an deines Weisen Lehren (Aristoteles):Je mehr ein Ding vollkommen ist, je mehr 109
Und kann gleich der Verdammten zahllos HeerVollkommenheit, die wahre, nie erringen, 112
Wir fuhren fort, im Kreise vorzudringen,Mehr sprechend, als zu sagen gut erscheint, 115
Und fanden Plutus dort, den großen Feind.
Siebenter Gesang.
Plutus. IV. Kreis. Lastenwälzende Geizige und Verschwender.
V. Kreis. Jähzornige im Styx. 1
Aleph, Pape Satan, Pape Satan![77]Erhob nun Plutus seine rauhe Stimme. 4
„Getrost, nicht fürchte dich vor seinem Grimme,Durch alle seine Macht wird’s nicht verwehrt, 7
Und dann, zu dem geschwollnen Mund gekehrt,Rief er: „Wolf, schweige, du Vermaledeiter! 10
Wir gehn nicht ohne Grund zur Tiefe weiter,Dort will man’s, dort, wo einst des Stolzes Schmach 13
Gleichwie die Segel, wenn der Mast zerbrach,Erst aufgebläht, zum Knäuel niederrollen, 16
[41] So ging’s zum vierten Kreis im schmerzenvollen[78]Unsel’gen Schacht, der alle Schuld umfängt, 19
Gerechter Gott! Wer häuft, weß Walten drängt:So neue Müh’n zusammen, solche Plagen! 22
Wie der Charybdis Wogen sich zerschlagen,[79]Zum Gegenstoß gewälzt von Süd und Nord, 25
Noch nirgend war die Schaar so groß, wie dort.Laut heulend kamen sie von beiden Enden, 28
Und stießen sich, um sich beim Prall zu wenden,Und dann zurück im Bogenlauf zu ziehn, 31
So durch den Kreis, in dem kein Lichtstrahl schien,Ging’s beiderseits dann nach der andern Seite, 34
Dann wandte Jeder sich zum neuen Streite,Sobald er seines Zirkels Hälft’ umkreist; 37
Sprach: „„Treuer Meister; weise meinem Geist:Wer ist dies Volk? die, links hier, scheinen Pfaffen! 40
Und Er: „Dies sind die Blinden, Geistes-Schlaffen.Sie wußten in der Welt zum Geben nie, 43
Und dies erhellt’ aus dem, was Jeder schrie,Wenn sie im Kreis gelangt zu zweien Orten, 46
Die mit den Glatzen waren Pfaffen dorten:Auch giebt’s hier manchen Papst und Cardinal, 49
Drauf sprach ich: „„Meister, kenn’ in dieser Zahl[80]Ich Keinen, der im Schmutz so eitlen Strebens 52
Und Er zu mir: „Dein Suchen ist vergebens,Unkenntlich macht sie ihr verdientes Loos, 55
So kommen stets zum Stoß und Gegenstoß,Bis sie erstehn – die mit verschnittnen Haaren, 58
Versetzt hat sie schlecht Geben und schlecht SparenVon jener heitern Welt in diesen Zwist; 61
Sieh hier, mein Sohn, welch eitles Ding es istUm jenes Gut Fortunens, das die Leute 64
[43] Gieb diesen Müden alles Gold zur Beute,Das jemals war und ist auf eurer Welt, 67
Und ich: „„Mein Meister, sprich, wenn dir’s gefällt,Wer ist Fortuna doch, die, wie ich hörte, 70
Und er zu mir: „O Arme, Trugbethörte!Unwissende, zum Schlimmsten stets geneigt! 73
Er, dessen Weisheit Alles übersteigt,[81]Erschuf die Himmel und gab ihnen Leitung, 76
Durch seines Lichts gleichmäßige Verbreitung.So gab er schaffend auch die Dienerin 79
Von Volk zu Volk, von Blut zu Blute hin,Bringt sie das eitle Gut, das nirgends dauert, 82
Dies Volk befiehlt, ein andres dient und trauert,Wie jene Führerin das Urtheil spricht, 85
Nichts gegen sie hilft eurer Weisheit Licht.Sie sorgt, erkennt, vollzieht in ihrem Reiche, 88
Nie haben Stillstand ihre Wechselstreiche;So macht sie, von Nothwendigkeit gejagt, 91
Sie ist’s, die ihr an’s Kreuz oft wüthend schlagt,Von der ihr oft, wenn ihr, anstatt zu schmollen, 94
Doch sie, die Sel’ge, hört nicht euer Grollen;In andrer Erstgeschaffnen Seligkeit 97
Doch eilig weiter jetzt zu größerm Leid!Die Stern’, aufsteigend, als ich fortgeschritten,[82] 100
Am andern Rand ward nun der Kreis durchschnitten,[83]An einem Quell, der siedend dort entspringt, 103
Schwärzer als Eisen seine Flut, sie bringt,Wenn man ihr folgt, hinab zu rauhen Wegen, 106
Dann qualmt ein Sumpf, mit Namen Styx, entgegen,Dort, wo der traur’ge Fluß vom Laufe ruht, 109
Dort stand ich nun und sah nach jener FlutUnd sah im Sumpfe Leute, koth’ge, nackte, 112
Man schlug sich nicht mit Fäusten nur, man hackteMit Haupt und Brust und Füßen auf sich ein, 115
Mein Meister sprach: „Sohn, sieh in dieser PeinDie Seelen derer, so der Zorn bezwungen. 118
Und wenn ein Seufzer ihnen sich entrungenDann steigen Blasen auf von ihrer Noth, 121
Und immer rufen sie, versenkt im Koth:Wir waren elend einst im Sonnenschimmer, 124
Und jetzt im Schlamm’ noch plagen wir uns immer.Dies Lied klingt gurgelnd vor aus ihrem Schlund, 127
So gingen, zwischen Pfuhl und festem Grund,Wir an dem schmutz’gen Teich in weitem Bogen, 130
Bis wir zu eines Thurmes Fuß gezogen.
Achter Gesang.
Ueberfahrt. Filippo Argenti. Zum VI. Kreis. Kampf um den Eingang zur Stadt Dis.
1
Lang’ eh wir noch, so fahr’ ich fort zu sagen,[84]Dem Fuß des hohen Thurms uns konnten nahn,[85] 4
Weil wir zwei Flämmchen dort entzünden sahn,Als Rücksignal ein andres, so entlegen, 7
Da kehrt’ ich meinem Weisen mich entgegen:„„Was ist dies? welch ein Zeichen wohl bezweckt 10
Und Er zu mir: „Sieh hin, dein Aug’ entdeckt.Was unsrer harrt, dort auf den schmutz’gen Wogen, 13
Und schnell, wie ich den leichten Pfeil vom BogenJe fortgeschnellt durch hohe Lüfte sah, 16
Bald war er uns am grauen Strande nah,Obwohl von einem Rudrer nur gefahren, 19
„Phlegias, Phlegias, du magst dein Schreien sparen,“[87]So sprach mein Herr, „umsonst ist’s angestimmt; 22
Wie wer von einem großen Trug vernimmt,Den man ihm angethan zu Schmach und Schaden, 25
Mein Führer stieg ins Schiff von den Gestaden,Und zu sich setzen hieß er mich sodann, 28
Sobald wir beid’ uns eingesetzt, begannDes Nachens Fahrt und furchte tiefre Zeilen, 31
Indessen wir die todte Moorflut theilen,Kommt Einer, kothbedeckt, vor mich, und spricht. 34
„„Ich komme,““ sprach ich, „„aber bleibe nicht.Doch wer bist du, so widrig und abscheulich?““ – 37
Und ich zu ihm: „„mit Heulen, unerfreulich,[47] Verfluchter Geist, verbleib’ an diesem Ort! 40
Die Hände nun voll Gier legt’ er an Bord,Und mit Gewalt mußt’ ihn mein Herr verjagen, 43
Drauf hielt er seinen Arm um mich geschlagen,Und küßte mich und sprach: „Erzürnter Geist,[89] 46
Stolz war im Leben dieser – Niemand preis’tVon ihm nur einen guten Zug auf Erden, 49
Viel Fürsten gibt’s, die dort sich stolz geberden,Die, Schmach nur hinterlassend, wie die Sau’n 52
Und ich: „„Begierig wär’ ich wohl, zu schau’n,Wie er in diesem Schlamm versinken müßte, 55
Und er zu mir: „Bevor sich noch die KüsteDir sehen läßt, erfreut dich der Genuß, 58
Bald sah ich, wie zu Qual ihm und VerdrußDie Kothigen mit ihm beschäftigt waren. 61
Frisch auf, Philipp Argenti! schrien die Schaaren;[90]Dann sah ich, selbst sich beißend, auf sie los 64
Und dies erzähl’ ich nur von seinem Loos.Ich ließ ihn dort, und hört’ ein Schmerzens-Brüllen, 67
„Bald wird sich, Sohn, dir jene Stadt enthüllen,"So sprach mein guter Meister, „Dis genannt, 70
Und ich: „„Mein Meister, deutlich schon erkanntHab’ ich im Thale jener Stadt Moscheen,[91] 73
Drauf sprach mein Führer: „Ew’ge Flammen wehenIn ihrem Innern, drum im rothen Schein 76
Bald fuhren wir in tiefe Gräben ein,Den Zugang sperrend zu dem grausen Orte; 79
Dann aber hörten wir des Steurers WorteNachdem vorher wir auf dem Pfuhle weit 82
Wohl tausend standen auf dem Thor bereit,Vom Himmel hergestürzt. Es schrien die Frechen 85
In’s tiefe Reich der Todten einzubrechen?“[49] Mein Meister aber ihnen winkend lud 88
Da legte sich ein wenig ihre Wuth.Sie sprachen: „Komm allein, laß gehn den Thoren, 91
Find’ er den Weg, den sich sein Wahn erkoren,[93]Allein zurück! – erprob’ er doch, wie Er 94
Und nun bedenk’, o Leser, wie so schwerMich der Verdammten Rede niederdrückte, 97
„„Mein theurer Führer, du, durch den mir’s glückte,Daß ich gerettet ward schon siebenmal,[94] 100
Verlaß mich““, sprach ich, „„nicht in dieser Qual,Und darf ich auch nicht weiter vorwärts dringen, 103
Und Er, befehligt, mich hierher zu bringen,Sprach: „Fürchte nichts; erlaubt hat unsern Gang 106
Hier harre mein, und ist die Seele bang,So magst du sie mit guter Hoffnung speisen, 109
So ging er. – Ich, getrennt von meinem Weisen,Dem süßen Vater, fühlte Ja und Nein[95] 112
Nicht hört’ ich, was sein Antrag mochte sein,Allein er blieb bei jenem Volk nicht lange, 115
Und schlugen ihm das Thor im wilden DrangeVorm Antlitz zu, und sperrten ihn heraus. 118
Den Blick gesenkt, die Stirn’ verstört und kraus,Ließ er in Seufzern diese Worte hören: 121
Und dann zu mir: „Nicht mög’ es dich verstören,Wenn du mich zürnen siehst – ich siege doch, 124
Schon früher stieg ihr kecker Muth so hoch,An einem Thor, nicht so geheim gelegen,[96] 127
Am Thor, von dem die schwarze Schrift entgegenDem Wandrer droht, – doch diesseits schon von dort 130
Ein Andrer her und öffnet uns den Ort.“
Neunter Gesang.
Die Engelserscheinung. Eintritt in die Stadt Dis, den VI. Kreis der Gottesläugner und Ketzer in glühenden Särgen.
1
Weil ich vor Angst und banger Furcht erblich,Als ich den Herrn sah sich zurückbewegen, 4
Aufmerksam stand er dort, wie Horcher pflegen,Denn, weit zu schaun, war ihm die Dunkelheit 7
Er sprach: „Wir siegen doch in diesem Streit –[97]Wenn nicht – doch hab’ ich nicht sein Wort vernommen? 10
Ich sah es deutlich ein, zurückgenommen[51] Sei durch der Rede Folge der Beginn, 13
Drum lauscht’ ich sorgenvoll und zagend hin,Denn ich erklärte mir vielleicht noch schlimmer, 16
„„Kommt wohl ein Geist in diese Tiefe nimmerVom ersten Grad, wo nichts zur Qual gereicht, 19
So fragt’ ich ihn, und jener sprach: „Nicht leichtGeschieht’s, daß auf dem Weg, den wir durchliefen, 22
Wahr ist’s, daß ich vordem in diesen Tiefen[98]Durch der Erichtho Zauberei’n erschien, 25
Kaum war mein Fleisch des Geistes baar, als ihnDie Zauberin beschwor in diese Mauer, 28
Dort ist die tiefste Nacht, der bängste Schauer,Am fernsten von des Himmels ew’gem Licht. 31
Der Sumpf hier, welcher Stank verhaucht, umflichtDie qualenvolle Stadt, durch deren Pforten 34
Mehr sprach er, doch mich zog von seinen WortenDer hohe Thurm und bannte mit Gewalt 37
Drei Höllenfurien sah ich dort alsbald,Die blutbefleckt, grad’ aufgerichtet stunden, 40
Mit grünen Hydern statt des Gurts umbunden,Mit kleinern Schlangen aber, wie mit Haar, 43
Und Jener, dem bekannt ihr Anblick war,Der Sclavinnen der Fürstin ew’ger Plagen, (Hekate) 46
Zur linken Seite sieh Megären ragen,Inmitten ist Tisiphone zu schau’n, 49
Die Brust zerriß sich jede mit den Klau’n,Und sie zerschlugen sich mit solchem Brüllen, 52
„Medusa’s Haupt! auf, laßt es uns enthüllen,“Sie riefen’s, niederbückend, allzugleich 55
„Wende dich um, die Augen schließe gleich!Wenn sie bei Gorgo’s Anblick offen ständen, 58
Er sprach’s und eilte, selbst mich umzuwendenVerließ sich auch auf meine Hände nicht, 61
Ihr, die erhellt gesunden Geistes Licht,Bemerkt die Lehre, die, vom Schlei’r umzogen, 64
Schon kam’s inmitten jener trüben Wogen[101]Mit Dröhnen eines Donners voll von Graus, 67
Nicht anders war’s, als wie des Sturm’s Gebraus –Wenn Glut mit Kühlung ringt sich auszugleichen – 70
[53] Sie hinwirft und die Blüten raubt den Zweigen,Und wälzt sich stolz in Staubeswirbeln vor, 73
Die Augen löst er mir. „Jetzt schau empor,Dorthin, wo du den schärfsten Rauch entquellen 76
Wie Frösche, sich zerstreuend, durch die WellenVor ihrem Feind, der Wasserschlange, fliehn, 79
So sah ich schnell, als Einer dort erschien,Das Thor von den zerstörten Seelen leeren, 82
Er schien den Qualm vom Antlitz abzuwehren,Vor sich bewegend seine linke Hand, 85
Ich sah’s, er sei vom Himmel hergesandt.Zum Meister kehrt’ ich mich, doch auf ein Zeichen, 88
Mir schien er einem Zornigen zu gleichen.Er kam zum Thore, das sein Stab erschloß, 91
„O ihr verachteter, vestoßner Troß!“Begann er an dem Thor, dem schreckenvollen, 94
Was seid ihr wiederspenstig jenem Wollen,Das nimmermehr sein Ziel verfehlen kann? 97
Was kämpft ihr gegen das Verhängniß an,Obwohl eu’r Cerberus, ihr mögt’s bedenken, 100
Dann sah ich ihn zurück die Schritte lenken.Uns sagt’ er nichts, und achtlos ging er fort, 103
Als die um kleine Ding’ am nächsten Ort.Worauf wir beide nach der Festung schritten, 106
Auch ward der Eingang uns nicht mehr bestritten;Und, ich, des Wunsches voll mich umzusehn 109
Ließ, drinnen kaum, das Aug’ im Kreise gehn,Und rechts und links war weites Feld zu schauen, 112
Gleichwie wo sich der Rhone Wogen stauen,Bei Arles, und bei Pola dort am Meer, 115
Grabhügel sind im Lande rings umher,Wo auf unebnem Grunde Todte modern; 118
Denn zwischen Gräbern sieht man Flammen lodern,[102]Und alle sind so durch und durch entflammt, 121
[55] Halb offen ihre Deckel allesammt,Und draus erklingen solche Klagetöne, 124
„„Wer, Meister,““ fragt’ ich, „„sind die Unglückssöhne,Die, hier begraben, sonder Ruh noch Rast 127
Und Er: „Hauptketzer hält der Ort umfaßt,Und die den Sekten angehangen haben, 130
Denn Gleiche sind zu Gleichen hier begraben,Und mehr und minder glüht jedwedes Maal.“ 133
Fortschreitend zwischen hoher Mau’r und Qual.
Zehnter Gesang.
VI. Kreis, Fortsetzung. — Farinata, Cavalcante, Friedrich II.
1
Fort ging nun, hier die Mauer, dort die Pein,Auf still verborgnem Pfad der edle Weise, 4
„„Der du mich führst durch die verruchten Kreise,““Sprach ich, „„ich wünsche, daß, wenn dir’s gefällt, Dein Wort auch ferner hier mich unterweise. 7
Darf man die sehn, die jedes Grab enthält?Die Deckel, offen schon, sind nicht dawider, 10
„Jedweder Deckel sinkt geschlossen nieder,“Sprach Er, „wenn sie gekehrt von Josaphat,[104] 13
Wiss’, Epicurus liegt an dieser Statt,Sammt seinen Jüngern, die vom Tode lehren, 16
Befriedigung soll also dem Begehren,[105]Daß du entdecktest, dies Begräbniß hier, 19
Und ich: „„Mein Herz verberg’ ich nimmer dir,[106]Nur redet’ ich in bündig kurzem Worte, 22
„Toscaner, du, der lebend durch die PforteDer Feuerstadt, so ehrbar sprechend, drang, 25
O, ich erkenn’ an deiner Sprache Klang,Du seist dem edlen Vaterland entsprungen, 28
Urplötzlich war dies einem Sarg entklungen,Drum trat ich etwas näher meinem Hort, 31
„Was thust du? Wende dich!“ rief er sofort,[57] „Sieh grad’ empor den Farinata ragen,[107] 34
Ich, auf sein Angesicht den Blick geschlagen,Sah, wie er hoch mit Brust und Stirne stand, 37
Mein Führer, der mich schnell an muth’ger HandDurch Gräberreih’n bis zu ihm mit genommen, 40
Er sah mich, als ich bis zum Grab gekommen,Ein wenig an. „Wer deine Väter? sprich!“ 43
Gern fügt’ ich dem Befehl des Meisters mich,Ihm alles unverstellt zu offenbaren, 46
Er sprach darauf: „Furchtbare Gegner warenSie meinen Ahnen, mir und meinem Theil, 49
„„Wenn auch vertrieben, kehrten sie in Eil,““Sprach ich, „„zweimal zurück von ihrem Fliehen 52
Hier hob’ das Haupt aus seines Grabes GlühenEin andrer Schatten plötzlich bis zum Kinn,[110] 55
Er blickt’ um mich nach beiden Seiten hin,Als woll’ er sehn, ob Jemand mich begleite, 58
Und weinend sprach er dann: „Wenn dein GeleiteDes Geistes Hoheit ist durch diese Nacht, 61
„„Nicht eigner Geist hat mich hierher gebracht.[111]Der dort harr’, führte mich ins Land der Klagen, 64
So ich – beim Wort und bei der Art der PlagenKönnt’ ich wohl seines Namens sicher sein, 67
Schnell richtet’ er sich auf mit lautem Schrei’n:[112]„Er hatte, sagst du? ist er nicht am Leben. 70
Und da ich nun, statt Antwort ihm zu geben,Noch zauderte, so fiel er rücklings hin, 73
Doch jener Andre mit dem stolzen Sinn,Der mich gerufen, blieb auf seiner Stätte 76
Dann, neu verknüpfend seiner Rede Kette:„Ward jene Kunst zu Theil den Meinen nicht? 79
Doch wird nicht funfzigmal sich das Gesicht[113]Der Herrin dieses Dunkels neu entzünden, 82
Sprich, willst du je zurück aus diesen Gründen,[114]Wie gegen mein Geschlecht mag solche Wuth 85
Ich sprach: „„Das große Morden ist’s, das Blut,Das rothgefärbt der Arbia klare Wogen, 88
Er seufzt’ und schüttelte das Haupt: „VollzogenHab’ ich allein nicht diese blut’ge That, 91
Doch ich allein war’s, der dem grausen Rath:Es müsse bis zum Grund Florenz verschwinden, 94
„„Soll euer Same jemals Ruhe finden,““So sprach ich bittend, „„löst die Schlingen hier, 97
Versteh’ ich recht, so scheint es wohl, daß ihrErkennen mögt, was künft’ge Zeiten bringen, 100
Er sprach: „Uns trägt der Blick nach fernen Dingen,Wie’s öfters wohl der schwachen Sehkraft geht,[115] 103
[60] Doch naht sich und erscheint, was wir erspäht,Weg ist das Wissen, und nur durch Berichte 106
Darum begreifst du: einst beim Weltgerichte,Wenn sich der Zukunft Thor auf ewig schließt, 109
Drauf ich: „„Wie jetzt mein Fehler mich verdrießt![116]O sagt dem Hingesunknen, Trostentblößten, 112
Und war ich vorhin säumig, ihn zu trösten,So sagt ihm, daß ich Raum dem Irrthum gab, 115
Hier rief mein Meister schon mich wieder ab,Drum bat ich schnell den Geist, mir zu erzählen, 118
Er sprach: „Hier liegen mehr als tausend Seelen,Der Kardinal, der zweite Friederich[117] 121
Und er versank, ich aber kehrte michZum alten Dichter, jene Red’ erwägend, 124
Er aber ging und sprach, sich vorbewegend,Zu mir gewandt: „Was bist du so verstört?“ 127
„Behalte, was du Widriges gehört,“Sprach mit erhobnem Finger jener Weise, 130
[61] Bist du dereinst in Ihrem Strahlenkreise,Die mit dem schönen Auge Alles sieht, 133
Nun ging es links ins höllische Gebiet,Um von der Mau’r der Mitte zuzuschreiten, 136
Von dem Gestank und Qualm sich weit verbreiten.
Eilfter Gesang.
Papst Anastasius. Eintheilung der weitern Kreise.
1
Am äußern Saum von einem hohen Strande,Umkreist von Felsentrümmern ohne Zahl, 4
Dort bargen wir vor des Gestankes Qual,[119]Der gräßlich dampft aus jenen tiefen Gründen, 7
Wir sahn den Inhalt diese Schrift verkünden:Hier liegt Papst Anastasius, den Photin [120] 10
„Wir müssen,“ sprach er, „langsam abwärts zieh’n;Erträglicher wird nach und nach den Sinnen 13
„„So laß uns etwas,““ sprach ich drauf, „„beginnen,Das uns die hier verbrachte Zeit ersetzt.““ 16
„Mein Sohn, du wirst in diesen Felsen jetzt,“[121][63] So fuhr er fort, „drei kleinre Kreise zählen, 19
Erfüllt sind alle von verdammten Seelen,Doch weil du selbst sie sehn wirst, so vernimm, 22
Jedwede Bosheit weckt des Himmels Grimm,Der Unrecht Zweck ist, denn sie macht es immer 25
Doch Trug, des Menschen eigne Sünd’, ist schlimmerUnd die Betrüger bannt des Herrn Geheiß 28
Gewaltthat wird bestraft im ersten Kreis,[122]Doch, nach dreifacher Gattung von Vergehen, 31
An Gott, an sich, am Nächsten kann’s geschehen,Daß man Gewalt verübt, an Leib und Gut. 34
Gewaltthat an des Nächsten Leib und BlutGeschieht durch Todtschlag und durch schlimme Wunden. 37
Todtschläger werden, die, so schwer verwunden,Verwüster, Räuber, drum hinabgebannt 40
Gewalt übt man an sich mit eigner Hand,Und seinem Gut. – Um fruchtlos zu bereuen, 43
Die selber sich zu tödten sich nicht scheuen;Die, so im Spielhaus all’ ihr Gut verthan 46
Gewalt auch thut der Mensch der Gottheit an,Im Herzen sie verleugnend, und nicht achtend, 49
Du wirst, den klein’ren Binnenkreis betrachtend,Drum die von Sodom und von Cahors schau’n,[123] 52
Trug, des Gewissens Qual, ist am Vertrau’nUnd ist auch oft verübt an solchen worden, 55
Die letzte Art scheint das Band zu morden,Das die Natur aus Lieb’ um Alle flicht, 58
Der Heuchler, Schmeichler, die, so falsch GewichtGebrauchen, Simonisten, Zaubrer, Diebe, 61
Dagegen mit der allgemeinen LiebeZerreißt die erset Art auch noch das Band, 64
Zum Mittelpunkt des All’s, wo seinen StandDis selber hat, zum letzten, kleinsten Kreise 67
Und ich: „„Du stellt nach deiner klaren WeiseWohl abgetheilt den Höllenschlund mir dar 70
Doch sprich: Das Volk, das dort im Sumpfe war,Die, so der Wind führt und die Regen schlagen, 73
Wie kommt’s, wenn sie den Zorn des Himmels tragen,Daß nicht die Feuerstadt ihr Strafort wird? 76
Und er darauf zu mir: „Was schweift verwirrtDein Geist hier ab von den gewohnten Wegen? 79
Willst du nicht deine Sittenlehr’ erwägen,[124]Die Kunde von drei Neigungen verleiht, 82
Von Tollwuth, Bosheit, Unenthaltsamkeit?Die dritt’ ist, da sie minderes Verachten 85
Willst du den Spruch bedenken und betrachten,Wer jene sind, die vor der Stadt voll Glut, 88
So wirst du sehn, wie sie von dieser BrutGeschieden sind, und minder sie beschwerend 91
„„O Sonne, du, die trübsten Blicke klärend,Wie Wissen, so erfreut der Zweifel mich, 94
Drum wend’ ein wenig,““ sprach ich, „„rückwärts dich.Du sagst: die Wuchrer Gottes Gab’ verletzen, 97
„Weltweisheit,“ sprach er, „lehrt in mehrern Sätzen,[125]Daß nur aus Gottes Geist und Kunst und Kraft 100
Und überdenkst du deine WissenschaftVon der Natur, so wirst du bald erkennen, 103
Nur der Natur folgt, wie nach bestem KönnenDer Schüler geht auf seines Meisters Spur; 106
Vergleiche nun mit Kunst und mit NaturDie Genesis, wo’s also lautet: Leben 109
Weil Wuchrer nun nach anderm Wege streben,Schmähn sie Natur und ihre Folgerin, 112
Doch folge mir, denn vorwärts strebt mein Sinn,[126]Da schon die Fisch’ empor am Himmel springen; 115
Und weit ist’s noch, eh’ wir zur Tiefe dringen.
Zwölfter Gesang.
III. Abtheilung. VII. Kreis 1. Ring. Gewaltsame gegen Andere; Centauren, Chiron, Attila und andere Tyrannen und Mörder.
1
Rauhfelsig war der Steig am Strand hernieder,Ob deß, was sonst dort war, der Schauer groß,[127] 4
Dem Bergsturz gleich bei Trento – in den Schooß[128]Der Etsch ist seitwärts Trümmerschutt geschmissen, 7
Wo von dem Gipfel, dem er sich entrissen,Der Fels so schräg ist, daß zum ebnen Land, 10
So dieses Abgrunds Hang, und dort am RandWar’s, wo von Felsentrümmern überhangen, 13
Einst von dem Scheinbild einer Kuh empfangen.[67] Sich selber biß er, als er uns erblickt, 16
Mein Meister rief: „Bist du vom Wahn bestrickt,Als säh’st du hier den Theseus vor dir stehen, 19
Fort, Unthier, fort. Den Weg, auf dem wir gehn,Nicht deine Schwester hat ihn uns gelehrt, 22
So wie der Stier, vom Todesstreich versehrt,Emporsetzt und nicht gehen kann, nur springen, 25
So sahen wir den Minotaurus ringen;Drum rief Virgil: „Jetzt weiter ohne Rast; 28
So klommen wir, von Trümmern rings umfaßt,Auf Trümmern sorglich fort, und oft bewegte 31
Ich ging, indem ich sinnend überlegte;Und Er: „Du denkst an diesen Schutt, bewacht 34
Vernimm jetzt, als ich in der Hölle NachtZum erstenmal so tief herabgedrungen,[130] 37
Doch kurz, eh’ jener sich herabgeschwungenVom höchsten Kreis des Himmels, der dem Dis 40
Erbebte so die grause Finsterniß,Daß ich die Meinung faßte, Liebe zücke[131] Durchs Weltenall und stürz’ in mächt’gem Riß 43
Ins alte Chaos neu die Welt zurücke.Der Fels, der seit dem Anfang fest geruht, 46
Doch blick’ ins Thal; schon naht der Strom von Blut,[133]In welchem Jeder siedet, der dort oben 49
O blinde Gier, o toller Zorn! eu’r Toben,[134]Es spornt uns dort im kurzen Leben an, 52
Hier ist ein weiter Graben, der den PlanRingshin umfaßt im weiten runden Bogen, 55
Centauren, rennend, pfeilbewaffnet, zogen,Sich folgend zwischen Fluß und Felsenwand, 58
Als sie uns klimmen sahn, ward Stillestand;Drei traten vor mit ausgesuchten Pfeilen, 61
Und einer rief von fern: „Ihr müßt verweilen!Zu welcher Qual kommt ihr an diesen Ort? 64
„Dem Chiron sagen wir dort nah ein Wort,“Sprach drauf Virgil; „zum Unheil dich verführend, 67
[69] „Nessus ist dieser,“ sprach er, mich berührend,[135]„Der starb, als Dejaniren er geraubt, 70
Der in der Mitt’ ist, mit gesenktem Haupt,Der große Chiron, der Achillen nährte;[136] 73
Am Graben rings gehn tausend Pfeilbewehrte,Und schießen die, so aus dem Pfuhl herauf 76
Wir beide nahten uns dem flinken Hauf,Chiron nahm einen Pfeil und strich vom Barte 79
Als nun der große Mund sich offenbarte,Sprach er: „Bemerkt: der hinten kommt, bewegt,[138] 82
Und wie’s kein Todtenfuß zu machen pflegt.“Da trat ihm an die Burst mein weiser Leiter, 85
„Lebendig ist,“ so sprach er, „der Begleiter,Der dieses dunkle Thal mit mir bereist; 88
Von dort, wo Gott ihr Halleluja preist,Kam Eine her, dies Amt mir aufzutragen. 91
Doch, bei der Kraft, durch die ich sonder ZagenAuf wildem Pfad im Schmerzensland erschien, 94
Daß er die Furt uns zeig’ und jenseits ihnTrag auf dem Kreuz ans andere Gestade; 97
„Auf Nessus! leite sie auf ihrem Pfade,“Rief Chiron rechts gewandt, „bewahre sie, 100
Da solch Geleit uns Sicherheit verlieh,So gingen wir am rothen Sud von hinnen. 103
Bis zu den Brauen waren Viele drinnen.„Tyrannen sind’s, erpicht auf Gut und Blut,“ 106
„Hier weinen sie ob mitleidloser Wuth.Den Alexander sieh und Dionysen,[139] 109
Die schwarzbehaarte Stirn sieh neben diesen,Den Ezzelin – und jener Blonde dort[140] 112
Vertilgt ward durch des Rabensohnes Mord.“Den Dichter sah ich an, der sprach: „der zweite[142] 115
Und weiter gab uns Nessus das GeleiteUnd stand bei Andern, welche bis zum Rand 118
Und seitwärts zeigt’ er einen mit der Hand:[71] „Der macht’ einst am Altar das Herz verbluten,[143] 121
Und Viele hielten aus den heißen Fluten[144]Das ganze Haupt, dann Brust und Leib gestreckt, 124
Stets seichter ward das Blut, so daß bedecktAm Ende nur der Schatten Füße waren, 127
Da sagte der Centaur: „Du wirst gewahren,Wie immer seichter hier das Blut sich zeigt. 130
Daß dort der Grund je mehr und mehr sich neigt,Bis wo die Flut verrinnt in jenen Tiefen, 133
Gerechter Zorn und Rache Gottes riefenDorthin der Erde Geißel, Attila,[145] 136
Von Thränen, ausgekocht vom Blute, daDie beiden Rinier, arge Raubgesellen,[146] 139
Hier wandt’ er sich, rückeilend durch die Wellen.[147]
Dreizehnter Gesang.[148]
VII. Kreis 2. Ring. Selbstmörder, als klagende Bäume, (der Kanzler Peter v. Vineis) und Spieler.
1
Noch war nicht Nessus jenseits am Gestade,Da schritten wir in einen Wald voll Graun, 4
Nicht grün war dort das Laub, nur schwärzlich braun,Nicht glatt ein Zweig, nur knotige, verwirrte, 7
Nie bei Cornet und der Cecina irrte[149]Damhirsch und Eber durch so dichten Hain, 10
Hier aber nisten die Harpy’n sich ein,[150]Die, von den Inseln Troja’s Volk zu scheuchen, 13
Mit breiten Schwingen, Federn an den Bäuchen,Klau’n an den Füßen, menschlich von Gesicht, 16
„Bevor du eindringst, wisse, dich umflicht,“[151]Sprach Er, „der zweite Binnenkreis; zu schauen 19
Bis daß wir kommen in des Sandmeer’s Grauen;Und gieb wohl Acht, denn Allem, was ich sprach, 22
[73] Schon hört’ ich rings Geheul und O und Ach,Doch sah ich Keinen, der so ächzt’ und schnaubte, 25
Ich glaub’, er mochte glauben, daß ich glaubte,Verborgne stöhnten aus dem dunkeln Raum, 28
„Brich nur ein Zweiglein ab von einem Baum,“Begann mein Meister, „und du wirst entdecken, 31
Da säumt’ ich nicht, die Finger auszustrecken,Riß einen Zweig von einem großen Dorn, 34
„Warum mich brechen?“ drauf ein blut’ger BornAus ihm entquoll, und diese Wort’ erklangen: 37
Uns, Menschen einst, von Rinden jetzt umfangen.Wohl größre Schonung ziemte deiner Hand, 40
Gleichwie ein grüner Ast, hier angebrannt,Dort ächzt und sprüht, wenn aufgelöst in Winde,[152] 43
So drangen Wort und Blut aus Holz und Rinde,Und mir entsank das Reis, daß ich geraubt; 46
„Verletzte Seele, hätt’ er je geglaubt.[153]Was früher schon ihm mein Gedicht entdeckte,“ 49
Wenn er die Hand nach deinem Aste streckte,So reut’s mich jetzt, daß, weil’s unglaublich schien, 52
Doch sag ihm, wer du warst. Er wird, wenn ihnDer Tag einst neu umfängt, den Fehl zu büßen, 55
Der Stamm: „Lockspeise ist im Wort, dem süßen,[154]Die mich zum Sprechen treibt; mag euch’s, wenn mich 58
Ich bin’s, der einst das Herz des FriederichMit zweien Schlüsseln auf- und zugeschlossen, 61
Nur ich, sonst Keiner, sein Vertraun genossen –Und bis ich ihm geopfert Schlaf und Blut, 64
Die Metze, die mit buhlerischer Glut[155]Auf Cäsars Haus die geilen Blicke spannte, 67
Schürt’ an, bis Alles gegen mich entbrannte,Und Alle schürten Friedrichs Gluten an, 70
Da hat mein zornentbrannter Geist, im Wahn,[75] Durch Sterben aller Schmach sich zu entwinden, 73
Bei diesen Wurzeln schwör’ ich, diesen Rinden:Stets war’s um meine Treue wohl bestellt 76
Kehrt einer je von euch zurück zur Welt,So mög’ er dort mein Angedenken heben, 79
Hier hielt er an, ich aber schwieg mit Beben.Da sprach der Dichter: „Ohne Zeitverlust 82
Ich aber: „„Frag’ ihn selbst. Dir ist bewußt,Was mir ersprießlich sei, ihm abzufragen; 85
Und Er: „Soll einst, was du ihm aufgetragen,Er frei vollziehn, dann, o gefang’ner Geist, 88
Wie dieser Stämme Band die Seel’ umkreist?Und ob den Rinden, die sich um sie legen, 91
Und zischend schien es sich im Stamm zu regen,Dann aber ward das Weh’n zu diesem Wort: 94
Wenn die vom Leib’ sich trennen, welche dortSich frevelhaft in wildem Grimm entleiben, 97
Hier fallen sie, wie sie die Stürme treiben,In diesem Wald nach Zufall, ohne Wahl, Um wie ein Speltkorn wuchernd zu bekleiben. 100
So wachsen Büsch’ und Bäum’ in diesem Thal,Und die Harpy’n, die sich vom Laube weiden, 103
Einst eilen wir nach unserm Leib, doch kleidenUns nie darein; denn was man selbst sich nahm, 106
Wir schleppen ihn in diesen Wald voll Gram,Und jeder Leib wird an den Baum gehangen, 109
Wir horchten auf den Stamm noch voll Verlangen,[157]Mehr zu vernehmen, als urplötzlich schnell 112
Als ob hier Eber, Hund und Jagdgesell,Die ganze Jagd, heran laut tosend brauste 115
Und sieh, linksher, zwei Nackende, Zerzauste,Fortstürmen, wie vom Aeußersten bedroht, 118
Der Vordre schrie: „Zu Hilfe, komm’, o Tod!“Dem Andern schien’s, daß es mehr Eile brauche; 121
Schien nicht dein Fußwerk gut zu dem Gebrauche.“Dann, weil erschöpft vielleicht des Odems Rest, 124
[77] Sieh schwarze Hunde, durchs Gestrüpp gepreßt,Schnell hinterdrein, die wild die Läufe streckten, 127
Sie schlugen ihre Zähn’ in den Versteckten,Zerrissen ihn und trugen stückweis dann 130
Mein Führer faßte bei der Hand mich anUnd führte mich zum Busche, der vergebens 133
Er sprach: „Was machtest du doch eitlen Strebens,[159]O Jakob, meinen Busch zu deiner Hut? 136
Mein Meister, dessen Schritt bei ihm geruht,Sprach: „Wer bist du? Warum aus so viel Rissen 139
Und Er: „Ihr Seelen, die ihr kommt, zu wissen,Wie harte Schmach ich hier erdulden muß, 142
O sammelt’s an des traur’gen Stammes Fuß.Ich bin aus jener Stadt, die statt des alten[160] Den Täufer wählt als Schutzherrn. Voll Verdruß 145
Wird jener drum als Feind ihr grausam walten,Und hätte man nicht noch sein Bild geschaut, 148
Die Bürger, die sie wieder aufgebautVom Brand des Attila, aus Schutt und Grause, 151
Den Galgen macht’ ich mir aus meinem Hause.“
Vierzehnter Gesang.
VII. Kreis 3. Ring. Lästerer, Wucherer, Unnatürliche, im glühenden Sand. Kapaneus. Der Greis von Kreta. 3ter Höllenfluß.
1
Weil ich der Vaterstadt mit Rührung dachte,Las ich das Laub, das ich, das Herz soll Leid, 4
Drauf kamen wir zur Grenz’ in kurzer ZeitVom zweiten Binnenkreis, und sahn im dritten 7
Denn dort eröffnete vor unsern SchrittenUnd unsern Blicken sich ein ebnes Land, 10
Und wie sich um den Wald der Graben wand,[162][78] War dieses von dem Schmerzenswald umwunden. 13
Dort ward ein tiefer, dürrer Sand gefunden,Der dem, den Cato’s Füße stampften, glich,[163] 16
O Gottes Rache! Jeder fürchte dich,Dem, was ich sah’ mein Lied wird offenbaren, 19
Denn nackte Seelen sah ich dort in Schaaren,Die, alle klagend jämmerlich und schwer, 22
Die lagen rücklings auf der Erd’ umher,Die sah ich sich zusammenkrümmend kauern, 25
Die Mehrzahl mußt’ im Gehn die Straf’ erdauern.Der Liegenden war die gering’re Zahl, 28
Langsamen Falls sah ich mit rothem StrahlHernieder breite Feuerflocken wallen, 31
Wie Alexander einstens Feuerballen,Fest bis zur Erde, sah auf seine Schaar 34
Daher sein Volk, vorbeugend der Gefahr,Den Boden stampfen mußt’, um sie zu tödten, 37
So sah ich von der Glut den Boden röthen;Wie unterm Stahle Schwamm, entglomm der Sand, 40
Nie hatten hier die Hände Stillestand,Und hier- und dorthin sah ich sie bewegen, 43
Da sprach ich: „„Du, dem Alles unterlegen,Bis auf die Geister, die sich dort voll Wuth 46
Wer ist der Große, welcher, diese GlutVerachtend, liegt, die Blicke trotzig hebend, 49
Und jener rief, mir selber Antwort gebend,Weil er gemerkt, daß ich nach ihm gefragt, 52
Sei auch mit Arbeit Jovis Schmied geplagt,[165]Von welchem Er den spitzen Pfeil bekommen, 55
Sei auch zu Hilf’ die ganze Schaar genommen,Die rastlos schmiedet in des Aetna Nacht; 58
Wie er bei Phlägra that in jener Schlacht,und machtvoll sei auf mich sein Blitz geschwungen: – 61
Da hob so stark, wie sie mir nie erklungen,Mein Meister seine Stimm’, ihm zuzuschrei’n: 64
Dich Hochmuth nagt, ist deine wahre Pein,Denn keine Marter, als dein eignes Wüthen, 67
Drauf schien des Meisters Zorn sich zu begüten.Von jenen Sieben war er, sagt’ er mir, 70
Er höhnt, so scheint’s, noch Gott in wilder Gier,Und, wie ich sprach, sein Stolz bleibt seine Schande, 73
Jetzt folge mir, doch vor dem heißen SandeVerwahr’ im Gehen sorglich deinen Fuß, 76
[81] Ich ging und schwieg, und einen kleinen Fluß,Sah ich diesseits des Waldes sprudelnd quellen, 79
Dem Bach aus jenem Sprudel gleichzustellen,[167]Der Buhlerinnen schändlichem Verein, 82
Und Grund und Ufer waren dort von Stein,Auch beide Ränder, die den Fluß umfassen, 85
„Von allem, was ich noch dich sehen lassen,Seit wir durch jenes Thor hier eingekehrt, 88
War noch bis jetzt nichts so bemerkenswerth,Als dieser Fluß, zu dem du eben ziehest, 91
So Er zu mir, und ich darauf: „Du siehest[168]Mich lüstern schon genug, drum speist’ ich gern; 94
Und Er: „Wüst liegt ein Land im Meere fern,Das Kreta hieß, und Keuschheit hat gewaltet, 97
Ein Berg dort, Ida, war einst schön gestaltet,Mit Quellen, Laub und Bäumen reich geschmückt, 100
Dorthin hat Rhea ihren Sohn entrückt,Und, alle Späher listig hintergehend, 103
Ein hoher Greis ist drin, grad’ aufrecht stehend,Den Rücken nach Damiette hingewandt, 106
Das Haupt von feinem Gold; Brust, Arm und HandVon reinem Silber; weiter dann hernieder 109
Von tücht’gem Eisen bis zur Sohle nieder;Nur von gebranntem Ton der rechte Fuß, 112
Das Gold allein ist von gediegnem Guß;Die andern haben Spalt und träufeln Zähren, 115
Um ihren Lauf nach diesem Thal zu kehren,Als Acheron, als Styx, als Phlegethon, 118
Durch diesen engen Graben hingeflohn,Dort den Cocyt; doch nahst du diesem Teiche 121
Und ich zu ihm: „„Wenn auf der Erd’, im ReicheDes Tages, schon der kleine Fluß entstund, 124
Und Er zu mir: „Du weißt, der Ort ist rund,Und ob wir gleich schon tief hernieder drangen, 127
[83] Herabgewandt, den Kreis nicht ganz umgangen,Und wenn du auch noch manches Neue siehst, 130
„„Sprich noch, wo Phlegethon, wo Lethe fließt?Du schweigst von der; von jenem hört’ ich sagen, 133
So ich; und Er: „Gern hör’ ich deine Fragen,Doch sollte wohl des rothen Wassers Sud[169] 136
Nicht in der Hölle fließt der Lethe Flut,[170]Dort siehst du sie beim großen Seelenbade, 139
Und drauf: „Jetzt weg vom Wald, und komm gerade[171]Denselben Weg, den meine Spur dich lehrt; 142
Und über ihnen wird der Dunst verzehrt.“
Fünfzehnter Gesang.
VII. Kreis. 3. Ring. Sodomiter. Brunetto, Dante’s Lehrer.
1
Wir gehen nun auf hartem Rand zusammen,Und feuchter Dampf, den Bach umnebelnd, schützt 4
So wie sein Land der Flandrer unterstützt,Bang vor der Springflut Ansturz, die vom Baue 7
Wie längs der Brenta Schloß und Dorf und AueDie Paduaner sorglich wohl verwahrt, 10
So war der Damm auch hier von gleicher Art,Nur daß in minder hohen, dicken Massen 13
Schon weit zurück hatt’ ich den Wald gelassen,[173]So daß der Blick, nach ihm zurückgewandt, 16
Da kam am Fluß des Damms ein Schwarm gerannt,Und wie am Neumond bei des Abends Grauen 19
So sahn wir sie auf uns nach oben schauen;Und wie der alte Schneider nach dem Oehr,[174] 22
Und wie sie alle gafften, faßte Wer,Mich bei dem Saum, indem er mich erkannte, 25
Als er nach mir den Arm ausstreckte, wandteIch ihm den Blick aufs Angesicht, das schier 28
[85] Sogleich die wohlbekannten Züge mir;Ich neigte drum mein Antlitz zu dem seinen, 31
Und Er: „Mein Sohn, nicht mag dir’s lästig scheinen,Zurückzugehn, denn gern wohl spräch’ ich dich. 34
„„Ich bitt’ euch selbst darum,““ entgegnet’ ich,„„Daher ich gern mit euch mich setzen werde, 37
„Ach Sohn, wer stille steht von dieser Heerde,[176]Muß unbeweglich hundert Jahr hernach 40
Drum geh’, ich folge deinem Tritte nach,Bis wir aufs Neu zu meiner Rotte kommen, 43
Gern wär’ ich neben ihn hinabgeklommen,Doch wagt’ ichs nicht und ging, das Haupt geneigt, 46
„Du, welcher ver dem Tod herniedersteigt,“Begann er nun, welch Schicksal führt dein Streben? Und wer ist der, so dir die Pfade zeigt?“ 49
„„Dort oben,““ sprach ich, „„in dem heitern LebenWar ich, eh’ reif mein Alter, ohne Rath 52
Aus dem ich eben gestern Morgens trat.Schon kehrt’ ich mich zurück, da kam mein Leiter 55
Drauf sprach Er: „Folgst du meinem Sterne weiter,[177]Dann, wenn ich recht bemerkt im Leben, schafft 58
Und hätte mich der Tod nicht weggerafft,Hätt’ ich, da dir so hold die Sterne waren, 61
Doch jenem Volk von Schnöden, Undankbaren,Das niederstieg von Fiësöle und fast[178] 64
Ihm bist du, weil du wacker thust, verhaßt;Mit Recht, weil übel stets zu Dorngewinden 67
Man heißt sie dort nach altem Ruf die Blinden,[179]Voll Geiz, Neid, Hochmuth, faul an Schaal’ und Kern – 70
So großen Ruhm bewahrt dir noch dein Stern,[180][87] Daß beide Theile hungrig nach dir ringen, 73
Das Fiesolaner Vieh mag sich verschlingen,Sich gegenseits, doch nie berühr’s ein Kraut, 76
In dem man neu belebt den Samen schautVon jenen Römern, welche dort geblieben, 79
„„War einst, was ich gewünscht, des Herrn Belieben““Entgegnet’ ich, „„gewiß, ihr wäret nicht 82
Das theure, gute Vater-Angesicht,Noch seh’ ich’s vor betrübtem Geiste schweben, 85
Gelehrt, wie Menschen ew’gen Ruhm erstreben,Und wie mir dies noch theuer ist und werth, 88
Was ihr von meiner Laufbahn mich gelehrt,Bewahr’ ich wohl. – Werd’ ich die Herrin schauen, 91
Dem aber, will ich, sollt ihr fest vertrauen:Ist’s nur mit dem Gewissen wohl bestellt,[182] 94
Mir ist nicht neu, was eure Red’ enthält,Doch mag der Bauer seine Hacke schwingen, 97
Rechts kehrte sich Virgil, indem wir gingen,Nach mir zurück und sah mich an und sprach: 100
Ich aber ließ drum nicht im Sprechen nach,Und wünschte die berühmtesten zu kennen Von den Genossen dieser Pein und Schmach 103
Drauf Herr Brunett: „Gut ist es, Ein’ge nennen,So wie von andern schweigen löblich scheint, 106
Gelehrte sind und Pfaffen hier vereintVon großem Ruf, die einst besudelt waren 109
Franz von Accorso geht in diesen Schaaren,[184]Auch Priscian, und war dir’s nicht zu schlecht,[185] 112
So sahst du Jenen, den der Knechte Knecht[186]Zwang, nach Vicenz vom Arno aufzubrechen, 115
Gern sagt’ ich mehr – doch mit dir gehn und sprechenDarf ich nicht länger, denn schon hebt sich dicht 118
Auch naht hier Volk, von dem mich das GerichtGeschieden hat – Mein Schatz sei dir empfohlen, 121
Hier wandt’ er sich, die Andern einzuholen,Wie nach dem Ziel mit grünem Tuch geziert, 124
Und schien, wie wer gewinnt, nicht wer verliert.[187]
Sechszehnter Gesang.
3. Ring, Forts. Guido Guerra. Rusticucci. Zum 8. Kreis.
1
Von fernher hallte schon des Falles Brausen,[188]Der mächtig stürzte in das nächste Thal, 4
Da rannten Schatten her, drei an der Zahl,Und trennten sich von einer größern Bande, 7
Und schrien: „Halt du, wir sehn es am GewandeDir deutlich an, du bist hierher versetzt 10
Ach, alt’ und neue Wunden, eingeätztVon Flammen, sah ich nun in ihrem Fleische, 13
Mein Meister horcht’ auf dieses Schmerzgekreische,Und sah mich an und sprach: „Hier harren wir! 16
Denn wäre nicht der Feuerregen hier,Nach der Natur des Orts, so sagt’ ich: „Eile 19
Ich stand und hörte neu ihr alt Geheule;Zu uns gekommen, faßten Alle nun, 22
Wie nackende gesalbte Kämpfer thun,Die Griff und Vortheil zu erforschen pflegen, 25
So sah ich sie im Kreise sich bewegen,Mir immerdar das Antlitz zugewandt, 28
Und Einer sprach: „Wenn dieser lockre SandUnd unsre Noth uns auch verächtlich machte 31
Doch unsres Namens halb’ das Fleh’n beachte;Sprich, wer du bist? wie lebend hier erscheinst? 34
Der, welchem du mich folgen siehst, war einst,Muß er auch nackt hier und geschunden rennen, 37
Wer hörte nicht Gualdradas’ Enkel nennen,Der guten? – Guidoguerra, dessen Geist 40
Der hinter mir den lockern Sand durchkreist,Tegghiajo ist’s, deß Rat man noch auf Erden,[192] 43
Ich, ihr Genoß in schrecklichen Beschwerden,Bin Jacob Rusticucci, und mich ließ[193] 46
Wenn irgend was vor’m Feuer Schutz verhieß,So stürzt’ ich gern mich unter sie hernieder, 49
[91] Allein verbrannt hätt’ ich auch meine Glieder,Drum unterdrückte Furcht in mir die Lust, 52
„„Nicht der Verachtung bin ich mir bewußt,““Begann ich, „„nur des Leids für euch Geplagte, 55
Ich fühlt’ es, als mein Herr mir Worte sagte,Durch welche mir es deutlich ward und klar, 58
Ich bin aus eurer Stadt, und nimmerdarWird eures Thuns ruhmvoll Gedächtniß schwinden, 61
Ich lies die Gall’, um süße Frucht zu finden,[194]Die mein wahrhafter Führer prophezeit, 64
„Soll lang noch deine Seele das GeleitDer Glieder sein,“ so sprach nun Er dagegen, 67
So sage mir, bewohnen, wie sie pflegen,Wohl unsre Stadt noch Kraft und Edelmuth? 70
Denn Borsiere, welcher diese Glut[196]Seit Kurzem theilt, und dort mit Andern schreitet, 73
„„Neu Volk und schleuniger Gewinn verleitet[197]Zu Unmaß dich und Stolz, der dich bethört, 76
Ich rief’s, das Aug’ emporgewandt, verstört.Starr sahn die Drei sich an bei meinen Reden, 79
„Wenn dir’s gelingt, daß du so, wie uns, Jeden[198]Befried’gen kannst,“ war Aller Gegenwort, 82
Entkommst du einst aus diesem dunklen Ort,Und siehst den Sternenglanz, den schönen, süßen, 85
Vergiß dann nicht, die Welt von uns zu grüßen!“ –Hier aber brachen sie den Kreis und flohn 88
Eh’ man ein Amen ausspricht, waren schonSie alle drei aus meinem Blick verschwunden, 91
Ich folgt’ ihm nach, um weitres zu erkunden,Worauf uns bald des Stroms Gebraus erklang, 94
Gleich jenem Flusse mit dem eignen Gang,[199]Deß Fluten ostwärts vom Berg Veso toben 97
– Das stille Wasser heißt er erst dort oben,Dann senkt er sich und wird bei Forli bald 100
Deß Sturz dort ob Sanct Benedict erschallt,Wo seine Wellen in den Abhang brausen, 103
So brach von einem Felsenhang voll Grausen[201]Der dunkelfarb’ge Fluß sich brüllend Bahn, 106
Mit einem Stricke war ich umgethan,[202]Und manches Mal mit diesem Gurte dachte 109
Nachdem ich los von mir den Gürtel machte,Wie ich vom Führer mir geboten fand, 112
Er aber kehrte dann sich rechter HandUnd schleuderte zum tiefen Felsenschlunde 115
„„Entsprechend““ dacht’ ich, „„muß die neue KundeDem neuen Wink und diesem Blicke sein, 118
O wie behutsam sollten wir doch sein[203]Mit solchen, die des Herzens Sinn erspähen, 121
Er sprach: „Bald werden wir auftauchen sehen,Was ich erwart’; und das, was du gedacht, 124
Bei Wahrheit, die der Lüge gleicht, habt Acht,So viel ihr könnt, euch nimmer auszusprechen, Sonst werdet ihr ohn’ eure Schuld verlacht. 127
Doch kann ich mich zu reden nicht entbrechen,Und schwör’, o Leser, dir, bei dem Gedicht, 130
Ich sah durch jene Lüfte schwarz und dichtEin Bild nach oben schwimmend, sich erheben, 133
Wie Jemand kehrt, der sich hinab begeben,[204]Den Anker, der im Felsenrisse steckt, 136
Von unten einzieht und nach oben streckt.
Siebzehnter Gesang.
Geryon. Letzte des 3. Rings: Wucherer. Abfahrt.
1
„Sieh hier das Unthier mit dem spitzen Schwanze,[205]Der Berge spaltet, Mauer bricht und Thor! 4
So hob mein Führer seine Stimm’ empor,Und rief mit seinem Wink das Thier zum Rande, 7
Da kam des Truges Gräuelbild zum Lande,Und schob den Kopf und dann den Rumpf heran, 10
Von Antlitz glich es einem Biedermann,Und ließ von außen Mild und Huld gewahren, 13
Mit zweien Tatzen, die bedeckt mit Haaren,Und Rücken, Brust und Seiten, die bemalt 16
Vielfarbig, wie kein Werk Arachne’s strahlt,Wie, was auch Türk’ und Tatar je gewoben, 19
Wie man den Kahn, im Wasser bald, bald oben,Am Lande sieht an unsrer Flüsse Strand, 22
Der Biber in der deutschen Fresser Land;[207]So sah ich jetzt das Ungeheuer, ragend 25
Wild zappelnd, mit dem Schweif durch’s Leere schlagend,Und, mit der Scorpionen Wehr versehn, 28
Mein Führer sprach: „Jetzt müssen wir uns drehn,Und auf gewundnem Pfad zum Ungeheuer, 31
Nun führte rechter Hand mich mein Getreuer[208]Nur wenig Schritt hinab am Rande fort, 34
Und unten angelangt, erkannt’ ich dortNoch etwas vorwärts auf dem Sande Leute, 37
Mein Meister sprach: „Erkennen sollst du heuteDen ganzen Binnenkreis mit seiner Pein, 40
Doch kurz nur dürfen deine Worte sein.Ich will indeß mich mit dem Thier vernehmen, 43
So mußt’ ich einsam mich zu gehn bequemenAm Rand des siebenten der Kreis’ und nahm 46
Aus jedem Auge starrte Schmerz und Gram,Indeß die Hand, jetzt vor dem heißen Grunde, 49
So scharren sich zur Sommerzeit die Hunde,Wenn Floh’ sie oder FIieg’ und Wespe sticht, 52
Die Augen wandt’ ich Manchem in’s Gesicht,Der dort im Feuer saß und heißer Asche; 55
Vom Halse hänge Jedem eine Tasche,Bezeichnet und bemalt, und wie voll Gier 58
Ich sah, wie ich genaht, ein blaues ThierAuf gelbem Beutel, wie auf einem Schilde, 61
[87] Dann blickt’ ich weiter durch dies Qualgefilde,Und sieh, ein andrer Beutel, blutig roth, 64
Ein blaues Schwein auf weißem Sacke botSich dann dem Blick, und seine Stimm’ erheben 67
Fort! fort! doch wisse, weil du noch am Leben,Bald findet mir mein Nachbar Vitalian, 70
Oft schrein mich diese Florentiner an,Mich Paduaner, mir zum größten Schrecken: 73
Wo mag doch die Drei-Schnabel-Tasche stecken?“ –Hier zerrt’ er’s Maul schief und die Zunge zog 76
Schon fürchtet ich, da ich so lang verzog,Den Zorn des Meisters, der auf Eil’ gedrungen, 79
Auch fand ich, daß er schon sich aufgeschwungenUnd auf das Kreuz des Ungethüms gesetzt. 82
Hinunter geht’s auf solchen Leitern jetzt.Steig’ vorn nur auf, ich wills inmitten fassen, 85
Wie Einer, dem die Nägel schon erblassenBeim Wechselfieber-Anfall – der nicht wagt, 88
So war ich jetzt bei dem, was er gesagt,Doch machte mich die Scham, gleich einem Knechte, 91
Drum setzt’ ich auf dem Unthier mich zurechte.Und bitten wollt’ ich (doch erstarb der Ton), 94
Doch Er, der oft bei der Dämonen DrohnMich unterstützt und der Gefahr entzogen, 97
Und sprach: „Geryon, auf! Nun fortgeflogen!Allein bedenke, wen dein Rücken trägt,[211] 100
Wie rückwärts sich vom Strand der Kahn bewegt,[212]Schob sich’s vom Damm, doch, kaum hinabgeklommen, 103
Als, wo die Brust war, nun der Schweif gekommen,Ward dieser, wie ein Aalschweif ausgestreckt, 106
So, glaub’ ich, war nicht Phaëton erschreckt,Als einst die Zügel seiner Hand entgingen, 109
Noch Icarus, als von erwärmten SchwingenDas Wachs herniedertropft’, bei Dädal’s Schrei’n: 112
[99] Wie ich, nichts sehend, als das Thier allein,Und rings umher von öder Luft umfangen, 115
Daß wir uns langsam, langsam niederschwangen,Im Bogenflug, bemerkt’ ich nur beim Wehn 118
Rechts hört’ ich schon das Wirbeln und das DrehnDes Wasserfalls und sein entsetzlich Brausen, 121
Doch schüchtern wieder bei des Abgrunds Sausen,Bei Klag’ und Glut, die ich vernahm und sah, 124
Was ich erst nicht gesehn, das sah ich da:Wie wir im weiten Kreis hinunterstiegen, 127
Gleichwie ein Falk, wenn er nach langem WiegenIn hoher Luft nicht Raub noch Lockbild sieht, 130
So schnell er stieg, so langsam niederzieht,Dann, zürnend seinem Herrn, auf luft’gen Pfaden 133
So setzt’ uns an den steilen FelsgestadenGeryon ab und flog in großer Eil’, 136
Hinweg, gleich einem abgeschnellten Pfeil.
Achtzehnter Gesang.
VIII. Kreis. 1. u. 2. Bulge. Kuppler und Schmeichler.
1
Ein Ort der Hölle, namens Uebelsäcken,[214]Ist eisenfarbig, ganz erbaut von Stein, So auch die Dämme, die ringsum ihn decken. 4
Grad in der Mitte dieses Lands der PeinGähnt hohl ein Brunnen, weit, mit tiefem Schlunde, 7
Und zwischen Höhl’ und Felswand gehn im RundeRings so die Dämme, daß der Thäler zehn 10
Wie um ein Schloß mehrfache Gräben gehn,Dahinter wohlverwahrt die Mauern ragen, 13
So war umgürtet dieser Ort der Plagen;Und wie man Brücken pflegt zum andern Strand 16
So sprangen Zacken aus der Felsenwand,Durchschnitten Wäll’ und Gräben erst und gingen 19
Kaum konnten wir vom Kreuz Geryons springen,[215]So ging links hin mein Meister, und befahl 22
Und ganz erfüllt sah ich das erste ThalRechts, wohin Klagen meine Blicke riefen, 25
Es waren nackte Sünder in den Tiefen,[216][101] Getheilt, denn hier zog gegen uns die Schaar, 28
Gleichwie man jüngst in Rom beim JubeljahrZum Uebergang die Brücke herzurichten 31
Daß hier gewendet sind mit den Gesichten,Die zu Sanct Peter wallen, nach dem Schloß – 34
Auf schwarzem Stein sprang hier und dort ein TroßVon Teufeln nach, von schrecklichen, gehörnten, 37
Wie sie beim ersten Schlage laufen lernten!Wie sie, nicht wartend auf den zweiten Hieb, 40
So fiel auf Einen, den die Geißel trieb,Mein Auge jetzt hinab, bei dem ich dachte, 43
Scharf blickt’ ich hin, damit ich ihn betrachte,Auch hielt mein Führer an, der’s zugestand, 46
Zwar sucht’ er, bodenwärts den Blick gewandt,Mir mit Gestalt und Angesicht zu geizen, 49
„„Wenn deine Züge nicht zum Irrthum reizen,So mein’ ich, daß Venedigo du seist;[217] 52
„Nur ungern sag’ ich’s,“ sprach er drauf, „doch reißtDie helle Stimm’ mich hin, die mich bezwungen, 55
Ich bin’s, der in Ghifolen so gedrungen,Daß sie nach des Markgrafen Willen that, 58
Und aus Bologna ist auf gleichem PfadAn diesen Qualort so viel Volk gekommen, 61
Und sollte dir hierbei ein Zweifel kommen,So denk’, um sicher auf mein Wort zu bau’n, 64
Sprach’s, und ein Teufel kam, um einzuhau’n,Mit hochgeschwungner Geißel her und sagte: 67
Zum Führer ging ich, da ich bebt’ und zagte,Und bald gelangten wir an einen Ort, 70
Und dieser Zacken dient’ als Brücke dort.Leicht klommen beide wir hinauf und zogen 73
Bald dort, wo unter uns der Fels als BogenSich höhlt’ und Durchgang der Gepeitschten war,[219] 76
Sind wir bis jetzt mit jener zweiten Schaar,Drum konnten wir sie nicht von vorne sehen, 79
Wir blieben nun am Rand der Brücke stehenUnd sahn den Schwarm, der uns entgegen sprang, 82
Da sprach mein Hort: „Sieh, noch mit Stolz im Gang,[221]Den Großen, der sich keine Klag’ erlaubte, 85
So königlich noch an Gestalt und Haupte!Der Jason ist’s, der durch Verstand und Muth 88
Nach Lemnos kam er, als in ihrer WuthDie Frau’n, die glühend Eifersucht durchzückte, 91
Wo er durch Worte täuschend ausgeschmückte,Berückt HypsipyIen das junge Herz, 94
Dort ließ er schwanger sie in ihrem Schmerz.Dies bracht’ ihn her; und gleiche Straf’ erheischen 97
Auch gehn mit ihm, die gleicher Weise täuschen.Allein dies sei vom ersten Thal genug, 100
Im Kreuz den zweiten Damm durchschneidend, trugDer Felspfad uns, der, auf den Widerlagen 103
Dort, aus dem zweiten Sack, klang dumpfes Klagen,[223]Und Leute sahn wir tief im Grunde sich 106
Der Dämme Seiten waren schimmeligVom untern Dunste, der wie Teig dort klebte, 109
Doch vor dem Blick, so sehr ich forschte, schwebteNoch dunkle Nacht, weil tief der Abgrund ist, 112
Von hier, wo erst der Blick die Tiefe mißt,Sah ich viel Leut’ im tiefen Kothe stecken, 115
Ich forscht’ und sah ein Haupt sich vorwärts strecken,Doch ganz beschmutzt mit Koth, drum konnt’ ich nicht, 118
Da schrie er her: „Was bist du so erpicht,Mich mehr, als andre Schmutz’ge, zu gewahren?“ 121
Bereits gesehn, allein mit trocknen Haaren.Alex Interminei heißest du,[224] 124
Und er, die Stirn sich schlagend, rief mir zu:„Mich stürzte Schmeichelei herab zur Hölle, 127
Da sprach zu mir mein guter Meister: „StelleDich etwas vor, und in die Augen fällt 130
Sieh die Zerzauste, die sich kratzt und krelltMit koth’gen Nägeln, jetzt aufs Neue greulich 133
Die Hure Thais ist’s, jetzt so abscheulich.[225]Fragt’ einst ihr Buhl: „Steh ich in Gunst bei dir?“ 136
Doch sei gesättigt unsre Schaulust hier.“
Neunzehnter Gesang.
VIII. Kreis. 3. Bulge. Simonisten. Nikolos III. und andere Päpste.
1
O Simon Magus, ihr, o Arme, Blöde,[226]Die, was der Tugend ihr vermählen sollt, Die Gaben Gottes räuberisch und schnöde, 4
Ihr hingabt schnöd’ um Silber und um Gold,Von euch soll jetzo die Posaun’ erschallen; 7
Erstiegen hatten wir die FelsenhallenDes Stegs, von welchem mitten in den Schooß 10
Allweisheit, wie ist deine Kunst so groß,Im Himmel, auf der Erd’, im Höllenschlunde. 13
Ich sah dort an den Seiten und im GrundeViel Löcher im schwarzbläulichen Gestein, 16
Sie mochten so, wie jene, wo hinein[227]Beim Taufstein Sanct Johanns die Täufer treten, 19
Eins dieser sprengt’ ich einst, weil ich in NöthenEin halbersticktes Kindlein drin entdeckt: 22
Ich sah, daß sich aus jedem Loch gestreckt,Zwei Füß’ und Beine bis zum Dicken fanden, 25
Sah wie die Sohlen beid’ in Flammen standen,Und sah die Knorren zappeln und sich drehn, 28
Wie wir’s an ölgetränkten Dingen sehn,Wo obenhin die Flammen flackernd rennen, 31
[107] „„Gern, Meister,““ sprach ich, „„möcht’ ich diesen kennen,Der wilder zuckt, als die, so ihm gesellt, 34
Und Er: „Ich trage dich, wenn dir’s gefällt,Am schiefen Hang hinab – Er wird dir zeigen, 37
Drauf Ich: „„Du bist der Herr, und mein BezeigenFolgt dem gern, was mir als dein Wille kund, 40
Drauf ging’s zum vierten Damm, und links zum Schlund[228]Trug mich mein Herr hinab zu neuen Leiden 43
Er ließ mich nicht von seiner Hüfte scheiden,[229]Auf die er mich gesetzt, bis bei dem Ort 46
„„Du, mit dem Obern unten,““ sprach ich dort,„„Hier eingerammt gleich einem Pfahl, verkünde: 49
Ich stand, dem Pfaffen gleich, dem seine Sünde[230]Der Mörder beichtet, welcher, schon im Loch, 52
Da schrie er: „Bonifaz, so kommst du doch,[231]So kommst du doch schon jetzt, mich fortzusenden? 55
Schon satt des Guts, ob deß mit frechen HändenDu trügerisch die schöne Frau geraubt, 58
Ich stand verlegen, mit gesenktem Haupt,[232]Wie wer nicht recht versteht, was er vernommen, 61
Da sprach Virgil: „Was stehst du so beklommen?Sag’ ihm geschwind, daß du nicht jener seist, 64
Die Füße nun verdrehte wild der Geist,Und sprach mit Seufzern und mit dumpfen Klagen: 67
Doch standest du nicht an, dich herzuwagen,Um mich zu kennen, wohl, so sag’ ich dir, 70
Der Bärin wahrer Sohn war ich, voll GierFür’s Wohl der Bärlein, und für diese steckte 73
Auch unter meinem Haupt gibt’s viel Versteckte,Fest eingerammt hier in dem Felsenspalt, 76
Und dort hinab versink’ auch ich, sobaldDer kommt, für welchen ich dich angesehen, 79
[109] Doch wird er nicht so lang, als mir geschehen,Die Füße brennend, köpflings eingesteckt, 82
Denn nach ihm kommt, mit schlechterm Thun befleckt,[234]Ein Hirt vom Westen, ein gesetzlos Wesen, 85
Ein neuer Jason ist’s, von dem zu lesen[235]Im Maccabäer-Buch, dem Philipp wird, 88
Ich weiß nicht, ob ich nicht zu sehr geirrt,[236]Auf solche Red’ ihm dieses zu versetzen: 91
Zuerst von Petrus wohl an Gold und Schätzen,Um ihm das Amt der Schlüssel zu verleihn? 94
Was trug’s dem Petrus und den Andern ein,[237]Als man durch Loos einst den Matthias kürte, 97
Nichts ward dir hier, als das, was sich gebührte!Und hüte wohl das schlecht erworbne Geld, Das gegen Karln zur Kühnheit dich verführte.[238] 100
Und nur, weil Ehrfurcht meine Zunge hältFür jene Schlüssel, die du einst getragen, 103
Enthalt’ ich mich, dir Schlimmeres zu sagen:Daß schlecht die Welt durch eure Habsucht ist, 106
Euch Hirten meinte der Evangelist,[239]Bei Ihr, die sitzend auf den Wasserwogen 109
Sie, mit den sieben Häuptern auferzogen,Sie hatt’ in zehen Hörnern Kraft und Macht, 112
Eu’r Gott ist Gold und Silber, Glanz und Pracht,Wohl besser sind die, so an Götzen hangen, 115
Welch Unheil, Constantin, ist aufgegangen –[240]Nicht, weil du dich bekehrt, nein, weil das Gut 118
Indeß ich also sprach mit keckem Muth,Da, sei’s, daß Zorn ihn, daß ihn Reue nagte, 121
Doch schien’s, daß es dem Führer wohlbehagte;So stand er dort, zufrieden, aufmerksam, 124
Worauf er mich mit beiden Armen nahm,Und als er mich an seine Brust gewunden 127
Er trug, nie matt, wie fest er mich umwunden,Mich auf des Bogens Höhe sonder Rast, 130
Dort setzt er sanft zu Boden meine Last.Sanft, ob der Fels auch, steil emporgeschossen,[241] 133
Da ward ein andres Thal mir aufgeschlossen.
Zwanzigster Gesang.
VIII. Kreis. 4. Bulge. Zauberer. Tiresias, Manto etc.
1
Die neue Qual, zu der ich jetzt gewandelt,[242]Sie gibt dem zwanzigsten Gesange Stoff 4
Ich stand auf jenem Felsen rauh und schroff,Und spähte scharf hinab zum offnen Schlunde, 7
Viel Leute gingen langsam in der Runde,So, wie ein Wallfahrtszug die Schritte lenkt, 10
Als tiefer ich den Blick auf sie gesenkt,[243]Sah ich – ein Wunder scheint es und erdichtet – 13
Das Angesicht zum Rücken hin gerichtet;Drum mußten sie gezwungen rückwärts gehn, 16
So soll ein Schlagfluß wohl das Haupt verdrehn,Wie man erzählt in wunderlichen Sagen, 19
Läßt Gott dein Lesen, Leser, Früchte tragen,So frage selber dich, wie mir geschah, 22
Als ich des Menschen Ebenbild so nahVerrenkt, verdreht, und von der Augen Thränen 25
Wahr ist’s, auf eine von den FelsenlehnenStand ich gestützt, und weinte ganz verzagt; 28
Fromm ist nur, wer das Mitleid hier versagt.[245]Wer ist verruchter wohl, als wer zu schmähen 31
Empor das Haupt, empor! Den wirst du sehen,[246]Den einst vor Thebens Blick der Grund verschlang;“ 34
Amphiaraus, wird der Kampf zu lang? –Doch stürzt’ er fort und fort im tiefen Schachte, 37
Schau, wie er ihm die Brust zum Rücken machte!Schau, wie er rückwärts schreitet, rückwärts sieht, 40
Tiresias sieh, der uns entgegenzieht.[247]Er, erst ein Mann, ward durch des Zaubers Gabe 43
Dann aber schlug er mit dem ZauberstabeZuvor auf zwei verwundne Schlangen ein, 46
Den Rücken ihm am Bauch, kommt hinterdrein,Nah angedrängt an ihn, des Aruns Schatte,[248] 49
Als Haus die weiße Marmorhöhle hatte,Wohl ausgesucht, daß sie zum Meeresstrand 52
Die mit den wilden Haaren ohne BandDie Brüste deckt, die sich nach hinten kehren, 55
War Manto, die in Ländern und auf Meeren[249]Umirrte bis zum Ort, der mich gebar. 58
Nachdem der Welt entrückt ihr Vater war,Und Bacchus Stadt verfiel in Sclavenbande, 61
Ein See liegt an des schönen Welschlands Rande,Am Fuß des Alpgebirgs, das Deutschland schließt, 64
Zwischen Camonica und Gard’ ergießt,Und Apennin, sich Flut in tausend Bächen, 67
Inmitten aber liegen ebne Flächen,Und drei verschied’ne Hirten könnten dort[251] 70
Hier liegt Peschiera dann, ein starker Ort,Um Bergamo von Brescia abzuschneiden, 73
Hier muß sich von dem See das Wasser scheiden,Das nicht mehr Raum in seinem Schooß gewinnt, 76
Das Wasser, das hier seinen Lauf beginnt,Heißt Mincio nun, und seine Wellen gleiten 79
Nicht weit gelaufen, trifft es ebne Weiten,Wo es sich ausdehnt und zum Sumpfe staut, 82
Als dort das rauhe Weib ein Land erschaut,Das jenes Sumpfes Wogen rings umgaben, 85
Da blieb, um nichts von Menschen nah zu haben,Sie mit den Dienern da, trieb Zauberei, 88
Bald kamen Menschen, rings zerstreut, herbei,Die, weil sie sich auf diesen Ort verließen, 91
Sich auf dem Grabe Manto’s niederließen,Und dann nach ihr, die erst den Ort erwählt, 94
Sie hat vordem des Volkes mehr gezählt,Eh’ Pinamont, den Thoren zu betrügen,[252] 97
Drum merke wohl, und sollt’ es je sich fügen,Daß Mantua’s Ursprung man nicht so erklärt, 100
Und ich: „„Mein Meister, was dein Wort mich lehrt,Ist mir gewiß und dient zu meinem Frommen, 103
Doch sprich, von diesen, die uns näher kommen,Ist irgend wer bemerkenswerther Art? 106
Und Er: „Des Augurs Trug hat der, des Bart[253]Die braunen Schultern deckt, zur Zeit getrieben, 109
Daß Knaben kaum noch für die Wiegen blieben.In Aulis sagt’ er da mit Kalchas wahr, 112
Kund thut mein tragisch Lied dir, wer er war.[254]Du wirst dich des Eurypylus entsinnen, 115
Sieh Michael Scotto auch, den magern, dünnen,[255]Der jeden Trug des Zaubers klug gelenkt, 118
Bonatti sieh – Asdent, den’s jetzo kränkt,Allein zu spät, daß er in eitlem Trachten Doch nicht auf seinen Leisten sich beschränkt. 121
Sieh Vetteln, die statt Spill’ und Rad zu achtenUnd Weberschiff, wie’s einem Weib gebührt, 124
Jetzt komm! Indeß ich dich hierher geführt,[256]Hat an der Gränze beider Hemisphären 127
Du sahst ihn gestern sich zum Rund verklären,Und sahst ihn dir im dichtverwachsnen Wald[257] 130
Er sprach’s, doch gingen wir ohn’ Aufenthalt.
Einundzwanzigster Gesang.
VIII. Kreis 5. Bulge. Bestechliche im weiteren Sinn.
1
So ging’s von Brück’ auf Brück’, in manchem Wort,[258]Das ich zu sagen nicht für nöthig halte; 4
Verweilten wir ob einer neuen Spalte,[117] Und hörten draus den eitlen Laut der Qual, 7
Gleich wie man in Venedigs ArsenalDas Pech im Winter sieht aufsiedend wogen, 10
Bereits bei Sturmgetos das Meer durchzogen,Kalfatert wird – da stopft nun der in Eil’ 13
Der klopft am Vorder-, der am Hintertheil,Der ist bemüht, die Segel auszuflicken, 16
So ist ein See von Pech dort zu erblicken,Das kocht durch Gottes Kunst und nicht durch Glut, 19
Ich sah den See, doch nichts in seiner Flut,Die jetzt sich senkt’, und jetzt sich wieder blähte, 22
Indeß ich scharfen Blicks hinunterspähte,Zog mich, indem er rief: „Hab’ Acht! Hab’ Acht!“ 25
Da wandt’ ich mich, gleich Einem, den mit MachtEs zieht, das was er fliehen soll, zu sehen, 28
Doch, noch im Schau’n, nicht zögert fortzugehen.Und sieh, ein rabenschwarzer Teufel sprang 31
Ach, wie sein Ansehn mich mit Graus durchdrang,Wie wild er schien, wie froh in Andrer Schaden! 34
Kam er, die Schultern hoch gespitzt, beladenRittlings mit einem armen Sünder schwer, 37
„Von Lucca bring’ ich einen Ratsherrn her,“[259]Schrie er, „auf, taucht ihn unter, Grimmetatzen![260] 40
Denn jene Stadt ist voll davon zum Platzen;Gauner sind Alle dort, nur nicht Bontur,[261] 43
Hinunter warf er dann den Sünder nur,Und rannte gleich zurück in solcher Eile, 46
Der Sünder sank, doch hob sich sonder Weile,Da schrien die Teufel unten: „Fort mit dir, 49
Ganz anders, als in Serchio, schwimmt man hier.[263]Und sollen dich nicht unsre Haken packen, 52
[119] Gleich stießen sie mit hundert scharfen Zacken,Und schrien: „Dein Tänzchen mache hier versteckt. 55
Nicht anders macht’s ein Koch, wenn er entdeckt,Das Fleisch im Kessel komm’ emporgeschwommen, 58
Virgil sprach: „Geh, eh’ sie dich wahrgenommen,[264]Und ducke dich bei jener Felsenbank; 61
Mir ist das Ding nicht fremd, drum bleibe frankVon jeder Furcht, was man mir auch erzeige, 64
Dann ging er jenseits auf dem Felsensteige,Und wie er hingelangt zum sechsten Strand, 67
Denn wie, in Sturm und Wuth hervorgerannt,Die Haushund’ auf den armen Bettler fallen, 70
So stürzten Jen’ aus dunkeln Felsenhallen,Und streckten All’ auf ihn die Haken hin, 73
Mich anzuhaken habt ihr wohl im Sinn?Doch tret’ erst Einer vor, um mich zu sprechen, 76
„Geh vor denn, Stachelschwanz!“ So schrien die Frechen,Und Einer kam – die Andern blieben stehn – 79
„Wie“, sprach mein Meister, „würdest du mich sehn,Wie würd’ ich wagen, je hier einzudringen, 82
Wenn’s Gott und Schicksal also nicht verhingen?Drum laß mich zieh’n, der Himmel will, ich soll Als Führer Einen durch die Hölle bringen.“ 85
Der Haken fiel, da dieses Wort erscholl,[266]Ihm aus der Hand, so hatt’ ihn Furcht durchschauert. 88
„Du, der dort zwischen Felsenstücken kauert,“Rief nun mein Meister, „eile zu mir her, 91
Und vorwärts trat ich und kam schnell daher,Doch sah ich vorwärts auch die Teufel fahren, 94
Und war voll Schrecken, wie Caprona’s Schaaren,Die, dem Vertrag zum Trotz, dem Tode nah,[267] 97
Fest drängt’ ich mich an meinen Führer da,Und hielt den Blick gespannt auf ihre Mienen, 100
Und diese Rede hört’ ich zwischen ihnen:„Den Haken ihm ins Kreuz? Was meinst du? sprich!“ 103
Doch jener Geist, der mit dem Meister sichBesprochen, wandte schleunig sich zurücke, 106
Und dann zu uns: „Auf diesem Felsenstücke[268][121] Kommt ihr nicht weiter, denn im tiefen Grund 109
Und wollt ihr fort, geht oben, längs dem Schlund,Dann seht ihr vorwärts einen Felsen ragen, 112
Denn gestern, um euch Alles anzusagen,War’s grad zwölfhundert sechs und sechszig Jahr, 115
Dorthin entsend’ ich ein’ge meiner Schaar,Um Sündern, die sich lüften, nachzuspüren; 118
Auf, ihr Gesellen, jetzt, euch frisch zu rühren!Eistreter, Senkflug, Bluthund, kommt heran, 121
Auf Drachenblut, Kratzkrall’ und Eberzahn,Scharfhaker, und auch du, Grimmroth der Tolle, 124
Schaut, wer etwa im Pech auftauchen wolle,Doch wißt, daß dieses Paar in Sicherheit 127
„„Ach, guter Meister,““ rief ich, „„welch’ Geleit?Ich, meinerseits, ich will es gern entbehren, 130
Sieh nur, wie sie vor Grimm im Innern gähren,Wie sie die Zähne fletschen und mit Drohn 133
Und er zu mir: „Nicht fürchte dich, mein Sohn,Laß sie nur fletschen ganz nach Gutbedünken, 136
Sie schwenkten dann sich auf den Damm zur Linken,Nachdem vorher die Zunge Jeder wies, 139
Der mit dem hintern Mund zum Abmarsch blies.
1
Oft sah ich Reiter aus dem Lager ziehn,Die Mustrung machen, in die Feinde brechen, 4
Von Streifpartei’n sah ich in euren Flächen,[271]Ihr Aretiner, einst euch hart bedrohn; 7
Trommeten hört’ ich, Trommeln, Glockenton,Sah Rauch und Feuer auch als Kriegeszeichen, 10
Doch nimmer hieß ein Tonwerkzeug, dergleichenIch hier gehört, das Volk zu Roß und Fuß, 13
Mit zehen Teufeln ging ich, voll Verdruß,Doch wußt’ ich, daß man Säufer in den Schenken, 16
[123] Auch war zum Pfuhl gewandt mein ganzes Denken,Um ganz des Orts Bewandtniß zu erspähn, 19
Wie die Delphine, die vor Sturmes-WehnMit den gebognen Rücken oft verkünden, 22
So, um Erleichterung der Qual zu finden,Taucht’ oft ein Sünder-Rücken auf und schwand 25
Und wie die Frösch’ an eines Grabens RandMit Beinen, Bauch und Brust im Wasser stecken, 28
So, sah man Jen’ hervor die Mäuler strecken,Allein, wenn sie den Sträubebart erschaut, 31
Ich sah, und jetzt noch schaudert mir die Haut,Nur Einen harren, wie, wenn all’ entsprangen. 34
Kratzkralle, der am weitsten vorgegangen,Schlug ihm den Haken ins bepichte Haar, 37
Ich wußte schon, wie Jedes Name warSeit ihrer Wahl, und daß mir nichts entfalle,[273] 40
„Frisch, Grimmroth, mit den scharfen Klauen falleAuf diesen Wicht und zieh ihm ab das Fell.“ 43
Und ich: „„Mein Meister, o erforsche schnell,Wer hier in seiner Feinde Hand gerathe? 46
Worauf mein Führer seiner Seite nahte,Ihn fragend: wer er sei? wo sein Geschlecht? 49
Die Mutter gab mich einem Herrn zum Knecht,Weil sie von einem Prasser mich empfangen, 52
Dann in des Königs Thibaut Dienst gegangen,Des guten, trieb ich Gaunerei: 55
Und Eberzahn, aus dessen Munde zweiHauzähne ragten, wie aus Schweinefratzen, 58
Die Maus war in den Krallen arger Katzen,Doch Sträubebart umarmt’ ihn fest und dicht, 61
Und zu dem Meister kehrt’ er das Gesicht:„Willst du, bevor die Andern ihn zerreißen, 64
Mein Führer: „Sprich, wie andere Sünder heißenDort unterm Pech? Sind auch Lateiner da?“[275] 67
Pech dort war Einer jenes Lands mir nah!O wär’ ich noch, wie er, vom Sud umgeben, 70
„Wir haben’s schon zu lange zugegeben!“Scharfhaker schrie’s, und hakt’ auf ihn hinein, 73
Schon zielte Drachenblut ihm nach dem Bein,[276]Allein der Hauptmann blickt’ auf seine Schaaren 76
Da wandte sich, sobald sie stille waren,Mein Herr zu ihm, der auf sein wundes Glied 79
[125] „Wer ist’s, von dem dein Mißgeschick dich schied,Als du dich nach der Oberfläch’ erhoben?“ – 82
Im Trug bestand er all’ und jede Proben,Des Herrschers Feinde hielt er im Verließ, 85
Geld nahm er, wie er selber sagt, und ließSie sachte ziehn, Er, der in Amt und Ehren 88
Viel pflegt’ mit ihm Herr Zanche zu verkehren[278]Von Logodor – sie schwatzen immerfort, 91
Ach, seht, wie fletscht die Zähne Jener dort!Gern spräch’ ich mehr, doch würd’ ich mehr geschändet. 94
Doch Sträubebart, zu Fledermaus gewendet,Des Auge grimmig glotzte, schalt ihn sehr: 97
„Willst du,“ begann der bange Wicht nunmehr,[279]„Willst du Toscaner und Lombarden sehen? 100
Wenn nur die Grimmetatzen ferne stehen,Und deren Rache sie nicht zittern macht. 103
Und locke doch dir leicht statt Eines acht,Sobald ich pfeife, wie wir immer pflegen, 106
Da streckt’ ihm Bluthund seine Schnauz’ entgegen,Und schrie kopfschüttelnd: „Hört die Büberei! 109
Allein der Sünder, reich an Schelmerei,Sprach: „Wahrlich, bübisch wär’ ich wohl zu nennen, 112
Da hielt sich Senkeflug nicht mehr gleich Jenen;Im Widerspruch mit Allen hub er an: 115
Nein, überm Pech, hasch ich im Flug dich dann!Laßt Platz uns hinter diesem Damme nehmen, 118
Jetzt werdet ihr ein neues Spiel vernehmen.Die Blicke wandten sie und sehr bereit 121
Doch wohl ersah der Gauner seine Zeit,Stemmt’ ein die Füß’, und war mit einem Satze 124
Dort standen Alle mit verblüffter Fratze.Und Jener, der die Schuld des Fehlers trug, 127
Umsonst! die Furcht war schneller als der Flug.Das Pech verbarg bereits den Gauner wieder, 130
So taucht die Ente vor dem Falken nieder,Und dieser hebt, ergrimmt und matt, vom Teich 133
Eistreter kam, wie jener sank, sogleichIm schnellsten Fluge durch die Luft geschossen 136
Mit seinen scharfen Klau’n auf den Genossen,Und beide hielten überm Pech voll Wuth 139
Doch braucht’ auch Jener seine Krallen gut,Und beide stürzten bald zu den Bepichten, 142
Der Hitze ward es leicht, den Kampf zu schlichten,Doch ganz bepicht das rasche Flügelpaar, 145
Und Sträubebart, der sehr betreten war,Ließ vier der Seinen rasch zu Hilfe fliegen, 148
Auf sein Geheiß zum Peche niederstiegen,Wo Jeder den Gesott’nen Hilfe bot, 151
Und ließen sie in dieser großen Noth.
Dreiundzwanzigster Gesang.[282]
VIII. Kreis. 6.Bulge. Heuchler in glänzenden Bleimänteln. Kaiphas. Hannas u. A.
1
Wir gingen einsam, schweigend, unbegleitet,Ich hinterdrein, der Meister mir voraus, 4
Mir mußte wohl der Teufel wilder StraußAesopens Fabel ins Gedächtniß bringen, 7
Denn wer Beginn und Schluß von beiden DingenMit reiflicher Erwägung wohl verglich, 10
Und wie aus einem der Gedanken sichDer zweit’ entspinnt, so mußt’ ich weiter denken, 13
Ich dachte so: Die sind in ihren RänkenDurch uns gestört, beschädigt und geneckt, 16
Wenn dies zur Bosheit noch den Zorn erweckt,So werden sie uns nach im Fluge brausen, 19
Schon fühlt’ ich mir das Haar gesträubt vor Grausen,Und rückwärts lauschend, rief ich: „„Meister, flieh! 22
Die Grimmetatzen kommen schon; o sieh,Sie kommen schon mit einem ganzen Heere! 25
Und er zu mir: „Wenn ich ein Spiegel wäre,Kaum faßt’ ich doch dein äußres Bild so klar, 28
Jetzt aber nimmst du auch mein Innres wahr,Und kommst mir selber schon mit dem entgegen, 31
Und ist der Abhang rechts nur so gelegen,Daß man zum nächsten Schlund hinunter kann, 34
Kaum sprach er’s, als die Teufelsjagd begann,Und mit gespreizter Schwing’, um uns zu fangen, 37
Mein Führer eilte nun, mich zu umfangen,Der Mutter gleich, die aufwacht beim Getos, 40
[129] Ihr Kind erfaßt, und, nur um dessen LoosBekümmert, nicht um ihr’s, enteilt ins Weite 43
Daß er herab am harten Felsen gleite,[284]Streckt’ er sich rücklings an den steilen Hang, 46
Nie hat ein Mühlbach sich mit schnellerm DrangAufs Mühlenrad durch seine Rinn’ ergossen, 49
Von jenem Felsenhang herabgeschossen,Mich mit sich nehmend, an die Brust gepreßt, 52
Kaum stand sein Fuß am Rand der Tiefe fest,So hörten wir sie über jenem Grunde. 55
Die ew’ge Vorsicht, die im fünften RundeAls Diener ihrer Macht sie eingesetzt, 58
Getünchte Leute sahn wir unten jetzt[285]Im Kreise ziehn mit langsam schweren Tritten, 61
Verhüllt die Augen von Kapuzen, schrittenSie träg dahin in Kutten, gleich der Tracht 64
Gold außen, blendend durch des Glanzes Pracht,Von innen Blei, schwer, daß von Stroh erscheinen, 67
O Mantel, lastend unter ew’gen Peinen!Mit ihnen links aus wendend gingen mit[288] 70
Doch so erschwert war durch die Last ihr Tritt,Daß neben uns, so oft wir vorwärts traten, 73
Ich sprach: „„Oh sieh dich um! ist wohl durch ThatenUnd Namen mir von diesen wer bekannt? 76
Und Einer, der Toscanisch wohl verstand,Rief hinter uns: „O bleibt ein wenig stehen, 79
Was du verlangst, kann wohl durch mich geschehen!“Da wandte sich mein Herr und sprach: „Halt’ an, 82
Ich stand und sah nun Zwei, die, um zu nahn,Sich sehr anstrengten und sich weidlich plagten, 85
Dann, angelangt, mit keinem Worte fragten,Vielmehr nach mir den scheelen Blick gedreht, 88
„Der lebt, wie ihr am Zug des Odems seht,[290]Und welcher Freibrief dient zu ihrem Schilde, 91
Zu mir dann: „Tusker, der du zu der GildeDer Heuchler kommst, zu ihrem trüben Leid, 94
Und ich: „„Mich hat die Stadt voll Herrlichkeit[131] Am Arnostrand geboren und erzogen, 97
Doch wer seid ihr, von deren Wang’ in WogenEin Thränenstrom so schmerzlich niederrinnt? 100
Und Einer sprach: „Die gelben Kutten sindVon Blei, so schwer, daß ihr Gewicht der Wage, 103
Lustbrüder waren wir von gleichem Schlage,[292]Ich Catalano, Loderingo Er, 106
So wie man einen Einzigen vorher,Als Friedenswahrer wählt’ – und wie wir waren, 109
Und ich begann: „„Das Leid, das ihr erfahren –““[293]Doch schwieg und mußt’ an dreien Pfählen dort 112
Als er mich sah, verrenkt’ er sich sofort,Und haucht in seinen Bart mit lautem Stöhnen, 115
„Der Angepfählte, dessen Klagen tönen,Gab einst den Pharisäern diesen Rath: 118
Nun liegt er, nackt und quer auf unserm Pfad,Und fühlen muß er, wenn wir drüber wallen, 121
So wird sein Schwäher auch gestraft, mit Allen[294]Vom Pharisäer-Rath, durch den so viel 124
Und, wie ich sah, so staunte selbst Virgil,[295]Daß der, gestreckt am Kreuz an diesem Orte 127
Zum Bruder richtet’ er dann diese Worte:„Sagt, wenn ihr dürft, ist rechts die Straße frei, 130
Zu brauchen ist zum Ausgang für uns Zwei,Ohn’ einen von den Teufeln erst zu bannen, 133
Und Jener drauf: „Ihr geht nicht weit von dannen,So seht ihr einen Stein vom großen Rund 136
Er ist nur eingestürzt ob diesem Schlund,[296]Allein ihr könnt die Trümmer leicht ersteigen,[297] 139
Ich sah den Herrn das Haupt ein wenig neigen,Drauf sprach er: „Mußte doch der Teufel hier[298] 142
Und Jener: „In Bologna merkt’ ich’s mir,Der Teufel sei ein Lügner stets, ein dreister, 145
Nun ging davon mit großem Schritt mein MeisterUnd schien ein wenig zornig und erboßt, 148
Und folgte der theuren Spur getrost.
1
In jenem Theil vom jugendlichen Jahre,[300]Wo Nacht den halben Tag nur deckt und mild 4
Malt oft der Reif, wenn Nebel das GefildAm Abend deckt, bei scharfen Morgenlüften 7
Wenn dann der Hirt, der Futter von den TriftenGar nöthig braucht, aufsteht und jeden Ort 10
Und kehrt zum Haus, beklagt sich hier und dort,Und weiß nicht, was zu thun vor großem Leide – 13
Denn schon erscheint die Welt in anderm Kleide;Schnell kommt er nun mit seinem Stab herbei 16
So staunt’ ich, daß mein Meister zornig sei,Daß ungewohnter Mißmuth ihn bedrücke; 19
Denn kaum gelangt zu der verfallnen Brücke,Kehrt ihm die Huld, mit der er zu mir trat 22
Die Arme breitet’ er, nachdem er Rath[302]Mit sich gepflogen, wohl den Schutt betrachtend, 25
Und wie ein Mann, der wohl auf Alles achtend,Im Voran scharf erwägt, was er vermag, 28
Daß nahe dort ein andrer Zacken lag,Und sprach: Anklammre dich, doch wahrgenommen 31
Kein Kuttenträger wär’ hinaufgekommen,Da wir, ich fortgeschoben, Er so leicht, 34
Auch hätt’ ich nimmermehr, und er vielleicht,Wenn niedrer nicht, als jenseits diesem Grunde 37
Doch weil sich Uebelsäcken nach dem Munde[303]Des tiefen Brunnens hin allmälig neigt, 40
Daß hier der Damm sich senkt, dort höher steigt.[135] Am Ende kamen wir bis zu der Spitze, 43
Mir glühte Wang’ und Blut in solcher Hitze,Daß ich, sobald ich mich hinaufgerafft, 46
Mein Meister sprach: „Jetzt ziemt dir frische Kraft,Denn nimmer kommt der Ruhm dem zugeflogen, 49
Und wer durch’s Leben ruhmlos hingezogen,[304]Der läßt nur so viel Spur in dieser Welt, 52
Drum auf! wenn Mattigkeit dich hier befällt,Wird sie der Geist, wird jeden Feind besiegen, 55
Erklimmen mußt du noch weit längre Stiegen;[305]Nicht gnügt’s, von hier gerettet fortzuziehn; 58
Da stand ich auf; mehr, als ich’s fühlte, schien[306]Mein Odem frei, die Brust der Bürd’ enthoben, 61
Wir gingen fort – der Fels war rauh, verschoben,[307]Von Höckern voll und schwierig zu begehn, 64
Um frisch zu scheinen, sprach ich laut im Gehn,Bis eine Stimm’ aus jenem Grund erschollen, 67
Nicht weiß ich, was die Stimme sagen wollen,Obwohl ich auf des Bogens Höhe stand, 70
Ich stand, das Angesicht zum Grund gewandt,Doch drang kein Menschenblick in seine Schauer, 73
Und führe mich hinab von dieser Mauer.Hier hör’ ich zwar, doch ich verstehe nicht, 76
„Die That“, sprach er mit freundlichem Gesicht,„Sei Antwort dir, weil sich’s geziemt, mit Schweigen 79
Wir eilten, bei der Brück’ hinabzusteigen,Da, wo sie auf dem achten Damme ruht,[309] 82
Ich sah in Knäueln grause Schlangenbrut,Und denk’ ich heut’ der ekeln, mannigfachen 85
[137] Nicht mag sich’s Libyen mehr zum Ruhme machen,Daß es Blindschleichen, Nattern, Ottern hegt 88
Und ganz Aethiopien solche Pest nicht trägt,[310]Noch tönt am ganzen Strand kein solch’ Gezische, 91
Und unter diesem gräulichen GemischeLief eine nackte, schreckensvolle Schaar, 94
Rücklings band die Händ’ ein Schlangenpaar,Das Schwanz und Haupt durch Kreuz und Nieren steckte 97
Da stürzt’ auf Einen, den ich dort entdeckte,Ein Ungeheu’r, das ihm den Hals durchstach 100
Und eh’ man Amen sagt und O und Ach,Sah ich, wie er, entzündet und in Flammen, 103
Und wie die Glieder kaum in Nichts verschwammen,So fügte sich, gesammelt, alsobald 106
So stirbt der Phönix fünf Jahrhundert’ alt,(Die großen Weisen sagen’s), sich bekleidend 109
Sich nicht von Kräutern noch von Körnern weidend,Von Weihrauchthränen und von Balsam nur, 112
Und gleichwie der, der ohne LebensspurZu Boden sank, vielleicht vom Krampf gebunden, 115
Sich umschaut, wenn er sich emporgewunden,Und um sich schauend stöhnt, verwirrt, entsetzt 118
So war der aufgestandne Sünder jetzt. –O möge keiner Gottes Rach’ entzünden, 121
Gebeten, seinen Namen zu verkünden,Entgegnet’ er: „Ich bin seit Kurzem hier, 124
Ich lebte nicht als Mensch, ich lebt’ als Thier,Ich, Bastard Fucci, den man Vieh benannte.[313] 127
Ich sprach, indem ich mich zum Meister wandte:„„Er weicht uns aus – doch frag’ ihn: weshalb kam 130
Aufrichtig ward er, als er dies vernahm,Und Geist und Angesicht mir zugewendet, 133
„Mehr schmerzt mich’s, daß dein Schicksal dich gesendet,Um mich in diesem Jammerstand zu schau’n, 136
Doch was du fragtest, muß ich dir vertrau’n:Daß ich im Heiligthum zu stehlen wagte, 139
Drob litten manche fälschlich Angeklagte. –Daß du mich sahst, soll wenig dich erfreu’n, 142
Drum hör’, um jetzt dein Hiersein zu bereu’n:[139] Pistoja wird die Schwarzen erst verjagen,[314] 145
Aus Nebeln, die auf Magra’s Thale lagen,Zieht Mars den schweren Wetterdunst heraus, 148
Auf dem Picener Feld im wilden Strauß,Daß sich zerstreut die Nebel plötzlich senken, 151
Dies aber sagt’ ich dir, um dich zu kränken.“
1
Er sprach’s und hob die Händ’ empor mit Spott,Ließ beide Daumen durch die Finger ragen,[317] 4
Seitdem seh’ ich die Schlangen mit Behagen,[318]Weil gleich um seinen Hals sich eine wand, 7
Die zweite schlang sich um die Arm’ und bandSie vorn, sich selbst umwickelnd, so zusammen, 10
„Was übergibst du dich nicht selbst den Flammen,Pistoja, du, und tilgst dich in der Glut? 13
Nie fand ich so verruchten Uebermuth.Selbst Kapaneus gottlästerndes Erfrechen[319] 16
Er floh von dannen, ohn’ ein Wort zu sprechen,Und ein Centaur kam rennend, pfeilgeschwind, 19
Nicht glaub’ ich, daß so viel der Schlangen sindAn Tusciens Strand, als ihm am Kreuze hingen, 22
Ein Drache hielt mit ausgespreizten SchwingenSich an den Schultern fest und spie mit Macht 25
Da sprach mein Meister: „Kakus ist’s, hab’ Acht![320]Er ist es, der so oft zu blut’gen Teichen 28
Er geht nicht einen Weg mit Seinesgleichen,Weil er als Dieb den schlauen Trug vollführt, 31
Dafür ward ihm der Lohn, der ihm gebührt,Weil Herkuls Keul’ ihn traf mit hundert Schlägen,[321] 34
Enteilt war Kakus schon, und uns entgegenHer kamen Drei an jenem tiefen Ort, 37
Auf sie hinab zu schau’n: „Wer seid ihr dort?“Drum blieben wir in der Erzählung stehen, 40
Von ihnen hatt’ ich Keinen je gesehen,Da rief den Andern einer dieser Drei 43
„Wo bleibst du, Cianfa?“ rief er, „komm herbei!“[322]Drum legt’ ich auf die Lippen meinen Finger, 46
Meinst du jetzt, Leser, daß ich HinterbringerVon eitlen Fabeln sei, so staun’ ich nicht! 49
Von vornher warf sich, wie ich das Gesicht[323]Auf sie gekehrt, schnell eine von den Schlangen 52
Der Bauch ward von dem mittlern Paar umfangen,Indeß das vordre Paar die Arm’ umfing, 55
Wie an den Lenden drauf das hintre hing,Schlug sie den Schwanz durch zwischen beiden Beinen 58
Kein Epheu kann dem Baum sich so vereinen,Wie dieses Ungethüm sich wunderbar 61
Zusammen klebte plötzlich dann dies Paar,Wie warmes Wachs, die Farben so vermengend, 64
Gleichwie die Flammen, ein Papier versengend,Bevor es brennt, mit Braun es überzieh’n, 67
Die andern Beiden, ihn betrachtend, schrien:„Weh dir, Agnel, du bist nicht Zwei, nicht Einer! 70
Schon war vereint der Schlange Kopf und seiner,Aus zwei Gestalten sah man ein’ entstehn, 73
Vier Streifen bildeten der Arme zween,Und Bauch und Brust und Beine sammt den Lenden, 76
Es schien, als ob die vor’gen ganz verschwänden.Nicht Zwei, nicht Einer schien’s, und ganz entstellt 79
Gleichwie die Eidechs öfters, wenn die Welt,[325]Der Hundstern sticht, blitzschnell von Dorn zu Dorne, 82
So fuhr jetzt eine Schlang’ im wilden ZorneSchnell den zwei Andern nach dem Wanste hin, 85
Und durch den Theil, der bei des Seins BeginnUns Nahrung zuführt, bohrte sie den Einen, 88
An sah er starr sie, mit geschloss’nen Beinen,Stillschweigend, gähnend, und er mußte mir 91
Nach ihm hin sah die Schlang’ und er nach ihr,Sie rauchend aus dem Maul, er aus der Wunde – 94
Still schweige jetzt Lucan mit seiner Kunde[326][143] Vom Unglück des Sabell und vom Nasid, 97
Von Arethus’ und Kadmus schweig’ Ovid,Denn wenn er ihn zum Drachen umgedichtet, 100
Nie hat er von zwei Wesen uns berichtet,Die umgetauscht Gestalt und Stoff und Sein, 103
Gleich ging die Wandlung fort in jenen Zwei’n.Zur Gabel spaltete den Schwanz die Schlange, 106
Sie wuchsen an einander, und nicht langeHatt’ es gewährt, als auch die Fuge schwand 109
Der Lenden Form, die dort entwich, entstandAm Gabelschweif; und ihre Haut erweichen; 112
Ihm sag die Arm’ ich in die Schultern weichen,Der Schlange kurze Vorderfüße dann, 115
Wie drauf zu jedem Gliede, das der Mann,Zu bergen pflegt die hintern sich verbanden, 118
Und unterm Rauch, der beide deckt’, entstandenGanz neue Farben, sproßten Haare vor, 121
Er sank dahin, sie raffte sich empor,Die Köpfe sahn sich an mit grimmen Blicken, 124
An dem, der stand, schien er sich breit zu drücken,[327]Auch sah man von dem Fleisch, das rückwärts drang, 127
Aus dem, was vorn zurückeblieb, entsprang,Wie solchem Antlitz sich’s gebührt, erhoben, 130
An dem, der dort lag, trieb die Schnauz’ nach oben,[328]Auch wurden nach der Schneckenhörner Brauch 133
Die Zung’, erst ganz, zur Rede schnell, ward auchNunmehr getheilt, und ganz ward die getheilte 136
Der Geist, jetzt Schlange, zischte laut und eilteDurch’s Thal davon – der Andre spuckt’ ihr nach, 139
Dann kehrt’ er ihr den Rücken zu und sprach:„So schlüpfe Buoso nun durch diese Gründe, 142
So mischt’ im siebenten der LasterschlündeSich Bild und Bild, drum werde mir’s verziehn, 145
Doch ob mir gleich der Blick geblendet schien,Und kaum mein Geist vom Staunen sich ermannte, 148
Daß ich den Puccio nicht gar wohl erkannte,Der einzig von den Drei’n, erst hier vereint, 151
Der Andre war’s, um den Gaville weint.[329]
Sechsundzwanzigster Gesang.
VIII. Kreis. 8. Bulge. Schlechte Rathgeber. Ulysses u. A.
1
Freu’ dich Florenz! Du bist so hoch und groß,[330]Daß du die Flügel regst ob Land und Meere 4
[145] Fünf deiner Bürger fand ich, und verzehreMich drob vor Schamglut, bei den Dieben hier – 7
Doch zeigt’ ein Morgentraum die Wahrheit mir,[331]So wirst du großes Unglück bald empfinden, 10
Käm’s jetzt, man würd’ es nicht zur Unzeit finden;[332]Und, da’s geschehn muß, möcht’ es jetzt doch sein! 13
Wir stiegen nun auf zackigem Gestein,[333]Das uns als Trepp’ herabgeführt, zurücke, 16
Durch Trümmer ging und rauhe FelsenstückeDer öde Weg und nöthig war die Hand, 19
Tief schmerzte mich, was nun mein Auge fand;Und jetzt noch fass’ ich, wenn ich dran gedenke,[334] Des Geistes Zaum zu festerm Widerstand, 22
Damit ich nicht den Lauf vom Rechten lenke,Nicht, was zu meinem Wohl mein Stern bezweckt, 25
So viel der Bau’r, am Hügel hingestreckt,Zur Zeit, da Er, deß Blick die Erde lichtet, 28
Wenn sich die Fliege vor der Schnacke flüchtet,Johanneswürmchen sieht im Thal entlang, 31
So viele Flammen sah den tiefen GangDes achten Thals mein Auge jetzt verklären, 34
Wie der, der sich gerächt durch wilde Bären,[336]Elias Wagen sah von dannen zieh’n, 37
Umonst ihm mit dem Auge folgt’ und ihnGestaltlos nur als ferne Flamm’ erkannte, 40
So war’s, als wandelnd hier manch Flämmchen brannte,Und keines doch, das seinen Raub mir wies, 43
So vorgebeugt zum Grunde sah ich dies,[337]Daß ich, hielt’ ich nicht fest an einem Blocke, 46
Virgil, der sah, wie mich der Anblick locke,Sprach nun: „Jedwedes Feu’r birgt einen Geist, 49
[147] Drauf ich: „„Die Kunde, die du mir verleihst,[338]Macht mich gewiß; schon glaubt’ ich’s zu erkennen, 52
Deß Flamm’ ich seh in zwei sich oben trennen,Als säh’ ich in des Scheiterhaufens Glut 55
Und er: „Sie dämpft Ulysseus UebermuthUnd Diomeds. Sie laufen hier zusammen. 58
Um’s Trugroß klagen sie in diesen Flammen,[340]Und um das Thor, das Ausgang Jenen bot, 61
Die List beweinen sie, durch die, schon todt,Noch Deidamia den Achill beklagte,[341] 64
„Vermögen sie noch hier zu sprechen,““ sagteIch drauf zum Meister, „„o dann bitt’ ich dich 67
Laß mich, bis die getheilte Flamme sichZu uns hierher bewegt, ein wenig weilen. 70
„Der Bitte,“ sprach er, „muß ich Lob ertheilen,Wie sie verdient; sie sei darum gewährt, 73
Laß mir das Wort; ich weiß, was du begehrt.Spröd blieben sie gewiß bei deinem Worte,[342] 76
Als nun die Flamme nah war unserm Orte,Da hört’ ich diese Red’, als Ort und Zeit 79
„Ihr, die ihr zwei in einer Flamme seid,Wenn ich euch jemals Grund gab, mich zu lieben, 82
Und in der Welt das hohe Lied geschrieben,So weilt bei mir und sag’ Ulyß mir an, 85
Der alten Flamme größres Horn begannZu flackern erst und murmelnd sich zu regen, 88
Rasch hin und her die Spitze zu bewegen,Gleich einer Zung’, und deutlich tönt’ und klar 91
[149] „Als ich von Circen schied, die mich ein Jahr[343]Und länger bei Gaëta festgehalten,[344] 94
Da ließ ich nicht das Mitleid für den alten[345]Gebeugten Vater, nicht die Gattin Huld, 97
Nicht tilgten sie in mir die Ungeduld,Die Welt zu sehn und Alles zu erkunden, 100
Drum warf ich mich, kaum meiner Haft entbunden,In einem einz’gen Schiff ins offne Meer, 103
Nach Spanien führt’ und Libyen hin und herIch meine wackre Schaar, als kühner Leiter, 106
Alt war ich schon und schwer, auch die Begleiter,Da war mein Schiff am engen Schlunde dort,[346] 109
Als hinter uns nun rechts Sevilla’s Bord,Und linker Hand die Zinnen Ceuta’s waren, 112
O Brüder, die durch tausend von GefahrenIhr hier im Westen kühn euch eingestellt, 115
Weil Seele noch und Leib zusammenhält,Den kurzen Rest von eurem Erdenleben 118
Bedenkt, wozu dies Dasein euch gegeben!Nicht um dem Viehe gleich zu brüten, nein, 121
Den Meinen schien dies Wort ein Sporn zu sein,Hätt’ ich gewollt, nicht konnt’ ich mehr sie zwingen, 124
Und morgenwärts gewandt das Steuer, gingen[348]Wir, tollen Flugs, dann immer linker Hand, 127
Schon wurden jetzt vom Blick der Nacht erkannt[349]Des andren Poles Stern’ und unsre klommen 130
Schon fünfmal war entzündet und verglommenDes Mondes Licht, seit wir, dem Glück vertraut, 133
Als uns ein Berg erschien, von Dunst umgrautVor weiter Fern’, und schien so hoch zu ragen, 136
Erst jubeln ließ er uns, dann bang verzagen,Denn einen Wirbelwind’ fühlt’ ich entstehn 139
Er macht’ uns dreimal mit den Fluten drehn,Dann, als der hintre Theil emporgeschossen, 142
Bis über uns die Wogen sich verschlossen.“
Siebenundzwanzigster Gesang.
VIII. Kreis. 8. Bulge. Forsetzung. Guido von Montefeltro. Strafrede wider das Papstthum.
1
Schon aufrecht stand und still der Flamme Haupt,Und sie entfernte sich in tiefem Schweigen, 4
Wir sahn nach ihr sich eine zweite zeigen,Und ein verwirrt Gestöhn’ das ihr entquoll, 7
Gleichwie Siciliens Stier – der jammervoll[351]Erstmals von seines Bildners Schrei’n erbrüllte 10
Den er in seinem ehr’nen Bauch verhüllte,Und so von eignem Schmerze schien durchbohrt, 13
So schien zuerst das wehevolle Wort,Eh’ es sich Weg und Ausgang hatt’ errungen, 16
Doch, als zur Spitze es emporgedrungen,Und die Bewegungen der Zunge, sich 19
Erklang dies Wort: „O du, an welchen ich[352]Mich wende, der du mit lombard’schem Klange 22
Obwohl ich etwas spät hierher gelange,Doch weil’ und gib auf meine Fragen Acht, 25
Bist du zur Reif’ in diesen finstern SchachtErst jetzt vom süßen Latier-Land geschieden, 28
So sprich: Hat Krieg Romagna oder Frieden?Denn da das schöne Land auch mich erzeugt, 31
Ich stand aufmerksam niederwärts gebeugt,Da stieß Virgil mich leis’ und sagte: „Rede, 34
Worauf ich, schon bereit zur Gegenrede,Ihn also sonder Zögerung beschied: 37
War nimmer deines Vaterlands Gebiet,Weil stets im Kampf der Zwingherrn Herzen wüthen; 40
[153] Ravenna ist, wie’s war; dort pflegt zu brüten,[354]So wie seit Jahren schon, Polenta’s Aar, 43
Die Stadt, die fest in langer Probe war,[355]Wo jüngst ein Frankenhaus’ im Blut gelegen, 46
Verruchio’s alt und neuer Bluthund hegen[356]Die Tück’ noch, die Montagna’s Tod erlauscht, 49
Die Stadt, dran Lamon und Santerno rauscht,[357]Läßt sich vom Leu’n im weißen Neste leiten, 52
Sie, welchen Savio’s Flut benetzt die Seiten,[358]Lebt zwischen Sclaverei und freiem Stand, 55
Jetzt bitt’ ich, mach’ uns, wer du bist, bekannt;Daß der Vergessenheit dein Nam’ enttauche, So sei nicht härter, als ich andre fand.““ 58
Da grunzt’ und braust es in der Flamme Bauche,Wie Feuer braust; sie regte hin und her 61
„Spräch’ ich zu Einem, dessen WiederkehrNach jener Welt ich jemals möglich glaubte, 64
Doch da dies Keinem je die Höll’ erlaubte,So sag’ ich ohne Furcht vor Schand’ und Schmach, 67
Ich war erst Kriegesmann und Mönch hernach,[359]Um mich vom Fall durch Buß’ emporzurichten; 70
Allein der Erzpfaff – mög’ ihn Gott vernichten –[360]Er hat mich neu den Sündern beigesellt; 73
Als ich noch oben lebt’ in eurer Welt,Da ward ich nimmer mit dem Leu’n verglichen, 76
In allen Ränken und geheimen SchlichenWar ich geschickt, in ihrer Uebung schlau, 79
[155] Doch als die Zeit kam, da des Haares GrauUns dringend mahnt, das hohe Meer zu scheuen, 82
Da mußt’ ich, was mir erst gefiel, bereuen,Ward Mönch und that nun Buß’ am heil’gen Ort, 85
Allein der neuen Pharisäer Hort –[361]Im Krieg, mit Juden nicht und Türkenschaaren, 88
(Weil alle seine Feinde Christen waren,Die nicht bei Acri mitgesiegt, und nicht 91
Nicht achtet’ er an sich die höchste Pflicht,Und nicht den Strick, der meinen Leib umfangen, 94
Wie Constantin Sylvestern angegangen,[362]Ihm Hülf’ und Rath beim Aussatz zu verleihn, 97
Vom Fieber seines Hochmuths ihn befrein.Im Anfang wollt’ ich mich der Antwort schämen, 100
Da sprach er: darfst nicht sorgen, noch dich grämen,Ablaß ertheil’ ich dir, mich lehre du: 103
Du weißt, den Himmel schließ’ ich auf und zu,Denn beide Schlüssel sind mir übergeben, 106
Nicht war so trift’gem Grund zu widerstreben,Und da nun Schweigen mir das Schlimmste schien, 109
Die Sünde, die ich thun soll, mir verziehn,So wisse: Viel versprechen, wenig halten,[364] 112
Sanct Franz wollt’, wie ich starb, sein Amt verwalten,Mich heimzuführen; doch ein Teufel kam, 115
Er kommt mit mir hinab zu ew’gem Gram,Weil ich, seitdem er jenen Trug gerathen, 118
Wer Ablaß will, bereu’ erst seine Thaten.Doch wer bereut und Böses will, der muß 121
Ach! wie ich zuckt’ in Schrecken und Verdruß,Als er mich faßt’ und, mich von dannen reißend, 124
Zu Minos trug er mich, der, sich umkreisend[365]Den harten Rücken, bei dem achten Mal 127
Der wird der Flamme Raub im achten Thal!Und also ward ich von dem Schlund verschlungen, 130
Hier endet’ er, und als das Wort verklungen,Da ging sogleich die Flamme jammernd fort, 133
Und weiter ging ich nun mit meinem HortZur nächsten Brück’ auf rauhen Felsenpfaden, 136
Die, Zwiespalt stiftend, sich mit Schuld beladen.
Achtundzwanzigster Gesang.
VIII. Kreis. 9. Bulge. Zwietrachtstifter, selbst zerfetzt. Muhamed u. A. Bertrand de Born.
1
Wer könnte je, auch mit dem frei’sten Wort,Das Blut, das ich hier sah, die Wunden sagen, 4
Jedwede Zunge muß den Dienst versagen,Da Sprach’ und Geist zu eng und schwach erscheint, 7
Und wären all’ die Tausende vereint,Die, in Apulien’s Schicksalsau’n erschlagen 10
Auch die, die im Karthagerkrieg erlagen,Wo man so große Beut’ an Ringen fand, 13
Auch das Volk, das so harte Schläg’ empfand,Weil’s gegen Robert Guiscard ausgezogen; 16
Bei Ceperan, wo Pugliens Schaar gelogen;Auch das von Tagliacozzo, wo Alard, 19
Und zeigte der, wie er zerfetzt fort ward,Der, wie verstümmelt: nicht wär’s zu vergleichen 22
Ein Faß, von welchem Reif’ und Dauben weichen,Ist nicht durchlöchert, wie hier Einer ging. 25
Dem zwischen beiden Beinen abwärts hing[368]Das Eingeweide, bis wo sich die Speise 28
Ich schaut’ ihn an und er mich gleicher Weise,Dann riß er mit der Hand die Brust sich auf, 31
Sieh hier das Ziel von Mahoms Lebenslauf![369]Vor mir geht Ali, das Gesicht gespalten 34
Sieh Alle, die, da sie auf Erden wallten,Dort Aergerniß und Trennung ausgesät, 37
Ein wilder Teufel, der dort hinten steht,Er ist’s, der Jeglichen zerreißt und schändet 40
Wenn wir den wehevollen Kreis vollendet;Denn jede Wunde heilt, wie weit sie klafft, 43
Doch wer bist du, der dort hernieder gafft?Weilst du noch zögernd über diesen Schlünden, 46
„Er ist nicht todt, noch hergeführt von Sünden,“So sprach mein Meister drauf zu Mahoms Pein, 49
Und ich, der todt bin, soll sein Führer sein.Drum führ’ ich ihn hinab von Rund’ zu Runde, 52
Jetzt blieben hundert wohl im tiefen Grunde,Nach mir hinblickend, still verwundert stehn, 55
„Du wirst vielleicht die Sonn’ in Kurzem sehn,Dann sage dem Dolcin, er soll mit Speisen,[370] 58
Wenn er nicht Lust hat, bald mir nachzureisen.Allein vollbringt er, was ich rieth, so muß 61
Zum Weitergehn erhoben einen Fuß,Rief dieses Wort mir zu des Mahom Seele, 64
Dann sah ich Einen mit durchbohrter Kehle,Die Nase bis zum Auge hin zerhau’n, 67
Und staunend sah auf mich dies Bild voll Grau’n,Und öffnete zuerst des Schlundes Röhre, 70
„Du, nicht verdammt für Sünden, wie ich höre,Den ich bereits im Latier-Lande sah, 73
Kommst du den schönen Ebnen wieder nah,[371]Die von Vercell nach Marcabo sich neigen, 76
Du magst den Besten Fano’s nicht verschweigen,[373]Dem Guid’ und Angiolell, daß, wenn nicht irrt 79
Nah bei Cattolica, schlau angekirrt,Vom schändlichsten der Wütheriche verrathen, 82
Noch nimmer hat Neptun so schnöde ThatenVon Cypern bis Majorka hin geschaut, 85
Der Bub’, auf einem Aug’ von Nacht umgraut,Jetzt Herr des Stadt, von welchem mein Geselle 88
Ruft sie als Freund und gibt dann so Befehle,Daß sie nicht brauchen fürder sich zu scheu’n, 91
Drauf ich: „„Soll dein Gedächtniß sich erneu’n,So magst du dich zu sagen nicht entbrechen, 94
Da griff er, um den Mund ihm aufzubrechen,Nach eines Andern Kiefer hin und schrie: 97
Er, der, verbannt, einst Cäsarn Muth verlieh,[375]Und alle seine Zweifel scheucht’, ihm sagend: 100
O wie jetzt Curio ganz verblüfft und zagend,Die Zunge tief am Schlund verschnitten, stand, 103
Und abgeschnitten die und jene Hand,Stand Einer, in die Nacht die Stümpf’ erhoben, 106
Und rief: „Denkt man des Mosca noch dort oben?[376]Ich bin’s, der meine Hand zum Morde bot, 109
„„Der Grund auch war zu deines Stammes Tod!““Setzt’ ich hinzu – und, häufend Grau’n auf Grauen, 112
Ich aber blieb, die Andern anzuschauen,Und was ich sah, so furchtbar und so neu, 115
Fühlt’ ich nicht mein Gewissen rein und treu,Dies gute feste Schild, den sichern Leiter, 118
Ich sah – noch ist dies Schreckbild mein Begleiter –Ein Rumpf ging ohne Haupt mit jener Schaar 121
Er hielt das abgeschnittne Haupt beim Haar,Und ließ es von der Hand als Leuchte hangen 124
So kam er Eins in Zwei’n dahergegangen,Und leuchtet’ als Laterne sich mit sich – 127
Nachdem er bis zum Fuß der Brücke schlich,Hob er, um näher mir ein Wort zu sagen, 130
Und sprach: „Hier sieh die schrecklichste der Plagen!Du, der du athmend in der Höll’ erscheinst, 133
Jetzt horch, wenn du von mir zu künden meinst:Beltram von Bornio bin ich, und Johannen,[377] 136
Darob dann Sohn und Vater Krieg begannen,Wie zwischen David einst und Absalon, 139
Mein Hirn nun muß ich zum gerechten LohnGetrennt von seinem Quell im Rumpfe sehen, 142
Und so, wie ich gethan, ist mir geschehen.“
Neunundzwanzigster Gesang.
VIII. Kreis. 10. Bulge. Fälscher. Alchymisten.
1
Das viele Volk und die verschiednen Wunden,Sie hatten so die Augen mir berauscht, 4
Da sprach Virgil: „Was willst du noch? Was lauschtUnd starrt dein Auge so nach diesen Gründen, 7
Nicht also thatst du in den andern Schlünden.An zweiundzwanzig Miglien kreist dies Thal,[378] 10
Schon unter unserm Fuß glänzt Lunens Strahl,[379]Und wenig dürfen wir uns nur verweilen, 13
Ich sprach: „„Erlaubtest du, dir mitzutheilen,Welch’ einen Grund ich hatt’, hinabzuspähn, 16
Er ging, und ich ihm nach und gab im GehnDem Meister von dem Grund des Forschens Kunde, 19
Denn eine Seele wohnt in diesem SchlundeVon meinem Stamm, und sicher ist an ihr 22
Mein Meister sprach darauf: „Nicht mache dirNoch länger Sorg’ um diesen Anverwandten; 25
Ich sah ihn bei der Brücke den BekanntenDich zeigen, und dir mit dem Finger drohn Und hörte, wie sie ihn del Bello nannten.[380] 28
Doch du bemerktest eben nichts davon,Weil auf dem Beltram deine Blicke weilten; 31
„„Weil Rach’ und Schwert des Feindes ihn ereilten,““[381]Sprach ich, „„und Keiner seinen Tod gerächt, 34
Zürnt er auf mich und zürnt auf sein Geschlecht,Und ging drum, ohne mich zu sprechen, weiter, 37
Nun folgt’ ich hin zum Felsen meinem Leiter,[382]Von wo man überblickt’ den nächsten Schlund, 40
Von seiner Höh’ ward unserm Auge kundDer letzte Klaus’ des Kreises Uebelsäcken,[383] 43
Und gleich den Pfeilen drangen, mir zum Schrecken,Gespitzt durch Mitleid, Jammertön’ heraus, 46
Wär’ aller Schmerz aus jedem KrankenhausZur Zeit, da wild die Sommergluten flammen, 49
Und Seuch’ und Pest in einem Schlund beisammen:Nicht ärger wär’s als hier, wo fauler Duft 52
Wir stiegen auf den Rand der letzten Kluft[385]Vom langen Felsen niederwärts zur Linken, 55
In diesem Grund läßt nach des Höchsten WinkenDie nimmer irrende Gerechtigkeit 58
Nicht in Aegina ist vor alter ZeitDes Volkes Anblick trauriger gewesen, 61
– Bis zu dem kleinsten Wurm jedwedes Wesen –Durch tückisch böse Luft, worauf im Land, 64
Ein neues Volk aus Aemsenbrut entstand:Als hier zu sehn war, wie sich schwach und siechend 67
Die Einen auf der Andern Rücken liegend,Die auf dem Bauch, und die von einem Ort 70
Wir gingen Schritt um Schritt und schweigend fort,Sahn Kranke dort, unfähig aufzustehen, 73
Sich gegenseitig stützend, saßen zween,[386]Wie in der Küche Pfann’ an Pfanne lehnt, 76
Gleichwie ein Stallknecht, der nach Schlaf sich sehntUnd bald sein Tagwerk hofft vollbracht zu haben, 79
So sah ich sie sich mit den Nägeln schabenUnd hier und dort sich kratzen und geschwind, 82
Und schnell war unter ihren Klau’n der GrindWie Schuppen von den Barschen abgegangen, 85
„Du, vor deß Fingern jetzt die Schuppen sprangen,“[387]Begann Virgil zu Einem von den Zwei’n, 88
Sprich, fanden sich auch hier Lateiner ein,Und mögen dich zu kratzen und zu krauen, 91
„Lateiner kannst du in uns beiden schauen,“[167] Erwidert Einer drauf, von Qual durchbebt, 94
Mein Führer sprach: „Von Fels zu Felsen strebtMein Fuß hinab in diesen Finsternissen; 97
Da schien das Band, das Beide hielt, zerrissen;[388]Und Jeder, dem’s der Rückhall kund gethan, 100
Dicht drängte sich an mich mein Meister an,Und sprach: „Du magst sie nach Belieben fragen!“ 103
„„Soll dein Gedächtniß noch in späten TagenAuf unsrer Welt und in der Menschen Geist 106
Wie du dich nennst und deine Heimath heißt?Und, trotz der ekeln Qual, nimm dich zusammen, 109
„Mich zeugt’ Arezzo, und den Tod in Flammen[389]Verschafft’ einst Albero von Siena mir, 112
Wahr ist’s, ich sagt’ im Scherz: In’s Luftrevier,Verstünd’ ich mich im Fluge hinzuschwingen. 115
Bat mich, ihm diese Kenntniß beizubringen.Und nur weil er durch mich kein Dädal ward, 118
Doch Minos, dem sich Alles offenbart,Hat, weil ich mich der Alchymie ergeben, 121
Zum Dichter sagt’ ich: „„Sprich, ob man im LebenSo eitles Volk, wie die Sanesen fand? Selbst die Franzosen sind ja nichts daneben.““ 124
Der andre Grind’ge, welcher mich verstand,Rief: „Mag nur Stricca ausgenommen bleiben,[390] 127
Und Niccol’, dem die Ehre zuzuschreiben,Daß er zuerst die Braten wohl gewürzt, 130
Und jener Klub, der wohl die Zeit gekürzt,[391]In dem Caccia d’Ascian sammt seinem Witze 133
Doch willst du wissen, wer dir half, so spitze[392]Den Blick auf mich, und stelle dich dahin, 136
Dann wirst du sehn, daß ich Capocchio bin.[393]Metall verfälscht’ ich, daß ich Gold erschaffe, 139
Ich war von der Natur ein guter Affe.“
Dreißigster Gesang.
Fortsetzung. Personen-Fälscher. Falschmünzer. Lügner. Meister Adam. Sinon.
1
Zur Zeit, da Juno’s Herz in Zorn gerathen[394]Ob Semele’s, in Zorn auf Thebens Blut, 4
Ergriff den Athamas so tolle Wuth,Daß er, als auf sein Weib der Blick gefallen, 7
Den wilden Ruf des Wahnsinns ließ erschallen:„Die Löwin sammt den Jungen sei gefaßt!“ 10
Und wie er einen, den Learch, mit HastGepackt, geschwenkt und am Gestein zerschlagen, 13
Und als das Glück, das Alles kühn zu wagen,Die stolzen Troer trieb, sein Rad gewandt, 16
Und Hekuba, gefangen und verbannt,[395]Geopfert die Polyxena erblickte, 19
Zum Leichnam ihres Polydorus schickte:Da bellte sie, wahnsinnig, wie ein Hund, 22
Doch nichts in Theben ward noch Troja kundVon einer Wuth, die Vieh und Menschen packte, 25
Ein Paar von Geistern, todtenfahle, nackte,Brach vor, so wie aus seinem Stall das Schwein, 28
Der schlug sie in den Hals Capocchio’s ein,Und schleppt’ ihn fort, und nicht gar sanft gerieben 31
Der Aretiner, der voll Angst geblieben,Sprach: „Schicchi ist’s, der tolle Poltergeist,[397] 34
„„Wie du geschützt vor Jenes Zähnen seist,““Entgegnet’ ich, „„so sprich, eh’ er entronnen, 37
„Die Myrrha ist’s, die schnöden Trug ersonnen,“[398]Erwiedert’ er, „die mehr als sich gebührt, 40
Und die mit ihm das Werk der Lust vollführt,Weil sie die fremde Form sich angedichtet; 43
Weil Simon ihn durch’s beste Roß verpflichtet,Als falscher Buoso sich ins Bett gelegt 46
Als nun die Tollen sich vorbeibewegt,Ließ ich mein Auge durch die Tiefe streichen, 49
[171] Der Eine war der Laute zu vergleichen,[399]Hätt’ ihm ein Schnitt die Gabel weggeschafft, 52
Die Wassersucht, durch schlecht verkochten SaftEin Glied abmagernd und das andre blähend, 55
Hielt ihm die beiden Lippen offenstehend,Die nach dem Kinn, und die emporgekehrt, 58
„Ihr, die ihr schmerzlos geht und unversehrt,Wie? weiß ich nicht in diesen Schmerzens-Thalen,“ 61
Von Meister Adams schreckenvollen Qualen.Kein Tröpflein, ach, stillt hier des Durstes Glühn; 64
Die muntern Bächlein, die vom HügelgrünDes Casentin zum Arno niederrollen,[400] 67
Ach, daß sie mir sich ewig zeigen sollen,Und nicht umsonst – mehr, als die Wassersucht, 70
So nützt Gerechtigkeit, die mich verflucht,Noch selbst den Ort, wo ich in Schuld verfallen, 73
Dort liegt Romena, wo ich mit MetallenGeringern Werths verfälscht das gute Geld, 76
Doch wäre Guido nur mir beigesellt,[401]Und Jeder, der zum Laster mich verführte, 79
Zwar, wenn der Tolle Wahrheit sagt, so spürteEr jüngst den Einen auf in dieser Nacht. 82
Was hilft es mir? Hätt’ ich nur so viel Macht,Um im Jahrhundert einen Zoll' zu schreiten, 85
Ihn suchend durch dies Thal nach allen Seiten,Mag’s in der Rund’ auch sich eilf Miglien ziehn,[403] 88
Bei diesen Krüppeln hier bin ich durch ihn,Denn er hat mich verführt, daß ich den Gulden 91
Und ich: „„Was mochten jene Zwei verschulden,Die, dampfend, wie im Frost die nasse Hand 94
Er sprach: „Sie liegen fest, wie ich sie fand,Als ich hierher geschneit nach Minos Winken, 97
Die ist das Weib des Potiphar; zur LinkenLiegt Sinon mir, berühmt durch Troja’s Roß.[404] 100
Und dieser Letzte, den’s vielleicht verdroß,[405][173] Daß Meister Adams Wort ihn so verhöhnte, 103
Daß dieser gleich der besten Trommel tönte.Doch in das Angesicht des Andern warf 106
„Ob ich mich gleich nicht fortbewegen darf,Doch ist mein Arm noch, wie du eben spürtest, 109
„Als du zum Feuer gingst,“ rief Sinon, „rührtestDu nicht den Arm schnell, wie er eben war, 112
Der Wassersücht’ge: „Darin sprichst du wahr,Doch stelltest du in Troja kein Exempel 115
„Fälscht’ ich das Wort, so fälschtest du den Stempel.Hier bin ich doch für einen Fehler nur, 118
So Sinon. „Denk’ an’s Roß, du Schelm!“ so fuhrIhn Jener an mit dem geschwollnen Bauche, 121
„Und dir sei Qual“, der Grieche rief, „die Jauche,Die stets zum Bollwerk blähet deinen Wanst, 124
Der Münzer: „Der du stets auf Lügen sannst,Dein Maul zerreiße dir für solch Erfrechen! 127
Mög’ dich die Hitze quälen, Kopfweh stechen.Spräch’ Einer kurz: Sauf’ aus den ganzen Bach! 130
Ich horchte stumm, was Der und Jener sprach,Da rief Virgil: „Nun, wirst du endlich kommen? 133
Als ich des Meisters Wort voll Zorn vernommen,Wandt’ ich voll Scham zu ihm das Angesicht, 136
Wie man im schreckenvollen TraumgesichtZu wünschen pflegt, daß man nur träumen möge, 139
So bangt’ ich, daß mir Scham das Wort entzöge;[406]Entschuld’gen wollt’ ich mich – Entschuld’gung kam, 142
Es sprach mein guter Meister: „Mindre SchamWäscht größern Fehler ab, als du begangen; 145
Doch wenn wir je zu solchem Streit gelangen,So denke stets, daß ich dir nahe bin, 148
Denn drauf zu horchen, zeigt gemeinen Sinn.“
Einunddreißigster Gesang.
Zum IX. Kreis. Der Brunnen. Die Giganten. Antäus setzt sie auf den Grund.
1
Dieselbe Zunge, die mich erst verletzte[407]Und beide Wangen überzog mit Roth, 4
So, hör’ ich, hat der Speer Achills gedroht,Und seines Vaters, der mit einem Zücken 7
Wir kehrten nun dem Jammerthal den Rücken,[408]Den Damm durchschneidend, der es rings umlag, 10
Dort war’s nicht völlig Nacht, nicht völlig Tag,Daher die Blicke wenig vorwärts gingen; 13
Bei solchem Ton kaum hörbar noch erklingen,Drum sucht’ ich nur, entgegen dem Gebraus, 16
Nicht tönte nach dem unglücksel’gen Straus,[409]Der Karls des Großen heil’gen Plan vernichtet, 19
Wie ich mein Auge nun dorthin gerichtet,Glaubt’ ich, viel hohe Thürme zu ersehn, 22
Mein Meister drauf: „Weil du zu weit zu spähnVersuchst in diesen nachterfüllten Räumen, 25
Dort siehst du, daß, wie oft, zu eitlen TräumenAus der Entfernung das Geschaute schwoll;[410] 28
Dann faßt’ er bei der Hand mich liebevoll,Und sprach: „Ich will dir die Bewandtniß sagen, 31
Ob’s Thürme wären, wolltest du mich fragen?Nein, Riesen sind’s, die rings am Brunnenrand 34
Wie wenn der Nebel fortzieht, der das LandIn Dunst gehüllt, allmälig unsre Blicke 37
So, spähend durch die Luft, die trübe dicke,Scheucht’ ich den Wahn, genaht dem tiefen Schlund, 40
Gleichwie Montereggione’s Zinnen-Rund[411]Zahlreiche Thürme ringsum mächtig krönen: 43
Die Leiber von den wilden Erdensöhnen,Von den Giganten, denen Jovis Droh’n 46
Vom nächsten sah das Angesicht ich schon,Auch Schultern, Brust und großen Theil vom Bauche 49
Wenn die Natur nicht mehr nach altem BraucheDergleichen Wesen schafft, so thut sie recht, 52
Schafft sie den Walfisch auch und das GeschlechtDer Elephanten noch, doch sicher findet, 55
Weil, wenn die Ueberlegung sich verbindetMit bösem Willen und mit großer Macht, 58
Das Antlitz schien mir lang und ungeschlacht,Sanct Peters Pinienzapfen zu vergleichen,[412] 61
Es mochten wohl vom Strand, der von den WeichenIhn abwärts barg, der oberen Gestalt 64
Wo seine Stirn das borst’ge Haar umwallt,Denn aufwärts maß er dreißig große Palmen, 67
„Raphel mai amech zabi almen!“[414]So tönt’ es aus den dicken Lippen vor, 70
Mein Führer rief: „Nimm doch dein Horn, du Thor,Und magst du Zorn und andern Trieb empfinden, 73
Du kannst an deinem Hals den Riemen finden,Verwirrter Geist, der’s angebunden hält. 76
Darauf zu mir: „Sich selbst verklagt der Held;Der Nimrod ist’s, durch dessen toll Vergehen 79
Mit ihm ist nicht zu sprechen. Mag er stehen!Kein Mensch versteht von seiner Sprach’ ein Wort, 82
Wir gingen nun zur Linken weiter fort,Und fanden schon in Bogenschusses Weite 85
Nicht weiß ich, wem’s gelang, daß er im StreiteIhn fing und band; doch vorn geschnürt erschien 88
Denn eine Kett’ umwand vom Nacken ihn,Um, was von seinem Leib nach oben ragte, 91
Da sprach mein Meister: „Mit dem Donn’rer wagteSein kühner Stolz des großen Kampfes Loos. 94
Ephialtes ist’s. Sein Thun war kühn und groß[415]Im Riesenkampfe, zu der Götter Schrecken; 97
Und ich zu ihm: „„Den ungeheuren Recken,Den Briareus, wenn dies geschehen kann,[416] 100
Mein Führer drauf: „Du siehst hier neben an[417]Antäus stehn. Er spricht, ist ungebunden, 103
Der, den du suchst, wird weiterhin gefunden,Gleich diesem hier, nur schrecklicher zu schau’n, 106
Hier schüttelt’ Ephialtes sich, und traun!Kein Erdenstoß, von dem die Thürme schwanken, 109
Ich glaubte schon dem Tode zuzuwanken,Und sah ich nicht, wie ihn die Kett’ umschloß, 112
Wir gingen weiter, ich und mein Genoß,Und sahn Antäus, der dem tiefen Bronnen, 115
„Der du im Thal, das ew’gen Ruhm gewonnen,[179] Weil Hannibal in ihm, der kühne Feind, 118
Einst tausend Löwen fingst! – wenn du, vereintMit deinen Brüdern kühn den Arm geschwungen 121
Die Erdensöhne doch den Sieg errungen.Jetzt setz’ uns dort hinab, wo, fern dem Licht, 124
Zu Tityus noch Typhäus schick’ uns nicht,[418]Das, was man hier ersehnt, kann dieser geben, 127
Er kann auf Erden deinen Ruf erheben.Er lebt und hofft, wenn ihn nicht vor der Zeit 130
Er sprach’s, und Jener, schnell zum Griff bereit,Streckt’ aus die Hand, um auf ihn loszufahren, 133
Virgil, kaum konnt’ er sich gepackt gewahren,[419]Rief: „Komm hierher, wo dich mein Arm umstrickt!“ 136
Wie Carisend’, von unten her erblickt,[420]Sich vorzubeugen scheint und selbst zu regen, 139
So schien Antäus jetzt sich zu bewegen,Als er sich niederbog, und großen Hang 142
Doch leicht zum Grund, der Lucifern verschlangUnd Judas, setzt’ er nieder unsre Last, 145
Und schnellt’ empor, als wie im Schiff der Mast.[421]
Zweiunddreißigster Gesang.
IX. Kreis des ewigen Eises. 1. Kaina. Bluts-Verräther. 2. Antenora. Vaterlandsverräther.
1
O hätt’ ich Reime von so heiserm Schalle,So rauh, wie sie erheischt dies Loch voll Graus, 4
Dann drückt’ ich, was ich will, vollkommner aus,Doch, sie nicht habend, geh’ ich nur mit Bangen 7
Denn nicht ein Spiel ist ja mein Unterfangen,Den Grund des Alls dem Liede zu vertrau’n,[423] 10
Doch fördern meine Reim’ jetzt jene Frau’n,[424]Amphions Hülf’ an Thebens Mau’r und Thoren, 13
O schlecht’ster Pöbel, an dem Ort verloren,Der hart zu schildern ist, oh wär’st du doch, 16
Wir waren nun im dunkeln Brunnenloch[426]Tief unterm Riesen, näher schon der Mitte, 19
Da hört’ ich sagen: „Schau’ auf deine Schritte,Daß du den Armen nicht im Weiterziehn 22
Drum wandt’ ich mich, und vor mir hin erschienUnd unter meinen Füßen auch, ein Weiher, 25
Die Donau bleibt im Frost vom Eise freier,Und nah dem Pol selbst in der längsten Nacht 28
Und wäre Tabernik herabgekrachtUnd Pietrapan, nicht hätte nur am Saume[427] 31
Wie Abends, wenn die Bäuerin im TraumeNoch Aehren liest – die Schnauze vorgestreckt, 34
Also, bis wo das Schamroth sich entdeckt, (bis zum Nacken)Fahl, mit dem Ton des Storchs die Zähne schlagend, 37
Zur Tiefe hingewandt das Antlitz tragend,Vom Froste mit dem Mund, und von den Weh’n 40
Als ich ein Weilchen erst mich umgesehn,Schaut’ ich zum Boden hin und sah von oben 43
„„Ihr, die ihr drängend Brust an Brust geschoben,Wer seid ihr?““ sprach ich; dann, als sie auf mich, 46
Sah ich die Augen, feucht erst innerlich,Von Thränen träufeln, die, noch kaum ergossen, 49
Fest, wie nie Klammern Holz an Holz geschlossen;Drum stießen sich im Grimme wilden Streits, 52
Und einer, der sein Ohrenpaar bereitsDurch Frost verlor, brach, stets gebückt, das Schweigen: 55
[183] Soll ich, wer diese beiden sind, dir zeigen?[428]Das Thal, das des Bisenzio Flut benetzt, 58
Ein Leib gebar sie, und durchsuche jetztKaina ganz, du findest sicher Keinen 61
Nicht ihn, deß Brust und Schatten einst durch einen[429]Stoß seines Speers durchbohrt des Artus Hand, 64
So deckt, daß mir die Aussicht gänzlich schwand,Den, hörst du Sassol Mascheroni nennen,[431] 67
Jetzt hör’, um mir nur schleunig Ruh zu gönnen,Ich, Camicion, hoff’ bald Carlin zu schau’n,[432] 70
Und Hunden gleich, vom Froste blau und braun,Sah tausend Fratzen ich empor sich heben, 73
– Und weiter ging’s zum Mittelpunkt zu streben,[433]Auf welchem ruht des ganzen Alls Gewicht; 76
War’s Vorsatz, war’s Geschick – ich weiß es nicht,Genug, es stieß mein Fuß, beim Weitergehen 79
„Was trittst du mich?“, so hört’ ich’s heulend schmähen,„Rächst du noch schärfer Montapert an mir?[434] 82
„„Mein Meister,““ sprach ich, „„harr’ ein wenig hier,Denn gern belehrt’ ich mich von diesem näher, 85
Still stand, wie ich gewünscht, der hohe Seher,Und Jener fluchte noch so wild wie erst, 88
„Und du, der du durch Antenora fährst,“Sprach er, „wer du, der so stößt Andrer Wangen, 91
„„Ich lebe,““ sagt’ ich. „„Hättest du VerlangenNach Ruf, so wird er dir durch mich zu Theil, 94
Drauf Er: „Ich wünsche nur das Gegentheil,Drum packe dich – in diesen Eisesmassen 97
Da griff ich nieder, ihn beim Schopf zu fassen,Und sagt’ ihm: „„Nöthig wird’s, daß du dich nennst, 100
Und Er: „Ob du mich zausen magst, du kennstMich dennoch nicht – nichts sollst du hier erkunden, 103
Ich hielt sein Haar um meine Hand gewunden,[185] Und ob schon ausgerauft manch Büschel war, 106
Da rief ein Andrer: „Bocca, nun fürwahr,Du ließest schon genug die Kiefern klingen, 109
„„Dich““, rief ich, „„mag ich nicht zum Reden zwingen,Verräther du, allein zu deiner Schmach 112
„Erzähle, was du willst, doch hintennach,“Rief Bocca, „magst du diesen nur nicht schonen, 115
Sieh ihn für’s Gold der Franken hier belohnen,Und sage, daß Duera da nicht fehlt,[436] 118
Und fragt man noch, wen sonst dies Eis verhehlt,Dort siehst du Becheria’s Augen triefen,[437] 121
Auch wohnt Soldanier jetzt in diesen Tiefen,Gan, Tribaldello, der Faënza’s Thor 124
Wir gingen fort und, etwas weiter vorWar Haupt auf Haupt gedrückt, ein Paar zu finden, 127
Wie man aus Hunger nagt an harten Rinden,So fraß der Obre hier den Untern an, 130
Wie in die Schläfe Menalipps den Zahn[439]Ein Tideus voll von wilder Wuth geschlagen, 133
„„O du, der du mit viehischem BehagenDen Haß an diesem stillst, an dem du nagst, 136
Und hör’ ich, daß du dich mit Recht beklagst,Und wer er sei, und was dein Nagen räche, 139
Wenn diese nicht verdorrt, mit der ich spreche.““[440]
Dreiunddreißigster Gesang.
IX. Kreis. 2. u. 3. Antenora und Ptolemäa. Vaterlands- und Freundes-Verräther.
1
Den Mund erhob vom schaudervollen SchmausDer Sünder jetzt und wischt’ ihn mit den Locken 4
Er sprach: „Du willst zum Reden mich verlocken:Verzweiflungsvollen Schmerz soll ich erneu’n, 7
Doch dient mein Wort, um Saaten auszustreu’n,Die Frucht der Schande dem Verräther bringen,[441] 10
Zwar, wer du bist, wie dir hieher zu dringenGelungen, weiß ich nicht, doch schien vorhin 13
Du höre jetzt: Ich war Graf Ugolin,[442][187] Erzbischof Roger Er, den ich zerbissen. 16
Daß er die Freiheit tückisch mir entrissen,Als er durch Arglist mein Vertraun bethört 19
Vernimm darum, was du noch nicht gehört,Noch haben kannst – den Tod voll Graus und Schauer, 22
Ein enges Loch in des Verließes Mauer,Durch mich benannt vom Hunger, wo gewiß 25
Es zeigte kaum nach nächt’ger FinsternißDas erste Zwielicht, als ein Traum voll Grauen 28
Er jagt’, als Herr und Meister, durch die AuenDen Wolf und seine Brut zum Berg hinaus, Der Pisa hindert, Lucca zu erschauen.[443] 31
Mit Hunden, mager, gierig und zum StrausWohleingeübt, entsendet’ er Sismunden, 34
Bald schien im Lauf des Wolfes Kraft geschwundenUnd seiner Jungen Kraft, und bis zum Tod 37
Als ich erwacht’ im ersten Morgenroth,Da jammerten, halb schlafend noch, die Meinen, 40
Theilst du nicht meinen Schmerz, so theilst du keinen;Theilst du, was bang zu ahnen ich begann, 43
Schon wachten wir, die Stunde naht’ heran,Wo man uns sonst die Speise bracht’, und Jeden 46
[189] Da hört’ ich riegeln unter mir den öden,Graunvollen Thurm – und in’s Gesicht sah ich 49
Ich weinte nicht, so starrt’ ich innerlich;Sie weinten, und mein Anselmuccio fragte: 52
Doch weint’ ich nicht, und diesen Tag lang sagteIch nichts, und nichts die Nacht, bis abermal 55
Als in mein jammervoll Verließ sein StrahlEin wenig fiel, da schien es mir, ich fände 58
Ich biß vor Jammer mich in beide Hände,Und Jene, wähnend, daß ich es aus Gier 61
Und schrien: Iß uns, und minder leiden wir!Wie wir von dir die arme Hüll’ erhalten, 64
Da sucht ich ihrethalb mich still zu halten,[445]Stumm blieben wir den Tag, den andern noch. 67
Als wir den vierten Tag erreicht, da kroch[446]Mein Gaddo zu mir hin mit leisem Flehen: 70
Dort starb er – und so hab’ ich sie gesehen,Wie du mich siehst, am fünften, sechsten Tag, 73
Schon blind, tappt’ ich dahin, wo jeder lag.Rief sie drei Tage, seit ihr Blick gebrochen; 76
Und scheelen Blickes fiel er, dies gesprochen,Den Schädel an, den er zerriß, zerbrach, 79
O Pisa, du, des schönen Landes Schmach,In dem das Si erklingt mit süßem Tone, 82
So schwimme her Capraja und Gorgone,[448]Deß Arno Mund zu stopfen, daß die Flut 85
Denn, wenn auch Ugolino’s Frevelmuth,Wie man gesagt, die Schlösser dir verrathen, 88
O neues Theben, war an solchen ThatenNicht ohne Schuld das zarte Knabenpaar, 91
Wir gingen nun zu einer andern Schaar,[449]Die, statt wie jene, sich hinabzukehren, 94
Die Zähren selber hemmen hier die Zähren,Drum wälzt der Schmerz, der nicht nach außen kann, 97
Denn, was zuerst dem trüben Aug’ entrann,Das war zum Klumpen von Krystall verdichtet, 100
Und ob vom Frost, der solches Eis geschichtet,Mein Antlitz wie bedeckt mit Schwielen schien, 103
Doch fühlt’ ich, schien’s, mir Luft entgegenziehn;Drum sprach ich: „„Herr, wie mag hier Luft sich regen, 106
Und Er: „Du gehst der Antwort schnell entgegen,Und siehst, wenn wir noch weiter fort gereist, 109
Da rief ein eisumstarrter armer Geist:„Grausame Seelen, ihr, die jetzt vom Lichte 112
Hebt mir den harten Schleier vom Gesichte,Damit ich lüfte meines Herzens Weh’n, 115
Ich sprach: „„Soll dir’s nach deinem Wunsch geschehn,So nenne dich, und wenn ich’s nicht erzeige, 118
Drauf Er: "Ich bin’s, der Frucht vom bösen Zweige[451]Als Bruder Alberich dort angeschafft, 121
„„Oh,““ rief ich, „„hat der Tod dich hingerafft?““Und Er zu mir: „Ob noch mein Leib am Leben, 124
Denn Ptolemäa hat den Vorzug eben,Daß oft die Seele stürzt in dies Gebiet, 127
Und daß du lieber mir vom AugenlidVerglas’te Thränen nehmest, sollst du wissen: 130
Wie ich gethan, wird ihr der Leib entrissenVon einem Teufel, der dann drin regiert 133
Des kalten Brunnens sie sich selbst verliert.Vielleicht ist oben noch der Körper dessen, 136
Kommst du von dort, so magst du’s selbst ermessen.Herr Branca d’Oria ist’s, der jämmerlich[455] 139
„„Ich glaube,““ sprach ich, „„du betrügest mich,Denn Branca d’Oria ist noch nicht begraben, 142
Und Er darauf: „Es konnte jenen Graben,An dem beim Pech die Schaar von Teufeln wacht, 145
Da war sein Leib schon in des Dämons Macht.So ging’s auch dem von d’Oria’s Geschlechte, 148
Jetzt aber strecke zu mir her die Rechte,Und nimm das Eis hinweg“ – doch that ich’s nicht, 151
[193] O Genua, Feindin jeder Sitt’ und Pflicht,[457]Ihr Genueser, jeder Schuld Genossen, 154
Ich fand mit der Romagna schlimmsten SprossenDer Euren Einen, für sein Thun belohnt, 157
Deß Leib bei euch noch scheinbar lebend wohnt.
Vierunddreißigster Gesang.
IX. Kreis. 4. Judecca. Erzverräther. Judas, Brutus, Cassius, Satan. Rückkehr zum Licht.
1
„Uns naht des Höllenköniges Panier!Schau hin, ob du vermagst ihn zu erspähen.“[458] 4
Und wie, wenn dichte Nebel uns umwehen,Wie in der Dämmerung, vom fernen Ort, 7
So sah ich jetzo ein Gebäude dort,Und da ich nichts, mich vor dem Wind zu decken, 10
Dort war ich, wo – ich sing’ es noch mit Schrecken –[459]Die Geister, in durchsicht’ges Eis gebannt, 13
Der lag darin gestreckt, und Mancher stand,Der aufrecht, jener auf dem Kopf; der bückte 16
Als hinter ihm ich so weit vorwärts rückte,Daß es dem Meister nun gefällig schien, 19
Da trat er weg von mir, hieß mich verziehn,Und sprach zu mir: „Bleib, um den Dis zu schauen 22
Wie ich da starr und sprachlos ward vor Grauen,Darüber schweigt, o Leser, mein Bericht, 25
Nicht starb ich hier, auch lebend blieb ich nicht;Nun denke, was dem Zustand dessen gleiche, 28
Der Kaiser von dem thränenvollen ReicheEntragte mit der halben Brust dem Glas, 31
Erreicht’ ein Riese seines Armes Maß.Nun siehst du selbst das ungeheure Wesen, 34
Ist er, wie häßlich jetzt, einst schön gewesen,Und hat den güt’gen Schöpfer doch bedroht, 37
O Wunder, das sein Kopf dem Auge bot!Mit drei Gesichtern sah ich ihn erscheinen,[461] 40
Anfügten sich die andern zwei dem einen,Gerad’ ob beiden Schultern hingestellt, 43
Das Antlitz rechts weißgelblich – ihm gesellt,Das links, gleich dem der Leute, die aus Landen 46
Groß, angemessen solchem Vogel, standen[462]Zwei Flügel unter jedem weit heraus, 49
Und federlos, wie die der Fledermaus.Sie flatterten ohn’ Unterlaß und gossen 52
Dadurch ward der Cocyt mit Eis verschlossen.Sechs Augen waren nie von Thränen frei, 55
Und einen armen Sünder malmt’ entzweiUnd kaute jeder Mund, daher zerbissen, 58
Der vordre Mund schien sanft in seinen Bissen,Verglichen mit den scharfen Klau’n, zu sein, 61
Da sprach Virgil: „Sieh hier die größte Pein!Ischarioths Kopf steckt zwischen scharfen Fängen,[463] 64
Zwei Andre sieh den Kopf nach unten hängen;[464]Hier Brutus an der schwarzen Schnauze Schlund 67
Dort Cassius, kräftig, wohlbeleibt und rund. –Doch naht die Nacht, drum sei jetzt fortgegangen, 70
Jetzt winkte mir, den Hals ihm zu umfangen,Und Zeit und Ort ersah sich mein Gesell, 73
Hing er sich an die zott’ge Seite schnell,Griff Zott’ auf Zott’, um sich herabzusenken 76
Dort angelangt, wo in den Hüftgelenken[465]Des Riesen sich der Lenden Kugel drehn, 79
Wo erst der Fuß war, kam das Haupt zu stehn;Die Zotten fassend, klomm er aufwärts weiter, 82
„Hier halte fest dich; denn auf solcher LeiterEntkommt man nur so großem Leid,“ so sprach 85
[197] Worauf er Bahn sich durch ein Felsloch brach,Dann setzt’ er mich auf einen Rand daneben, 88
Ich blickt’ empor, und glaubte, wie ich ebenDen Dis gesehn, so stell’ er noch sich dar; 91
Wenn nun mein jäher Schreck’ nicht wäre klar,Den hät’ ich, daß sie erst erkennen lerne, 94
Da sprach Virgil: „Jetzt auf, das Ziel ist ferne,Der Weg auch schwierig, den du vor dir hast; 97
Nicht war’s ein Gang durch einen Prachtpalast,Der vor mir lag; er lief auf rauhem Grunde 100
Ich, aufrecht stehend, sprach: „„Eh aus dem SchlundeDer Weg, den du mich leitest, mich entläßt, 103
Wo ist das Eis? Wie steckt Dis köpflings fest?Und wie hat Sol so schnell aus solchen Weiten[466] 106
„Du glaubst dich auf des Centrums andrer Seiten,Wo du am Wurme, der die Erde kränkt 109
Du warst’s, so lang’ ich mich hinabgesenkt;Allein den Punkt, der anzieht alle Schwere, 112
Jetzt kamst du zu der andern Hemisphäre,Entgegen der, die großes trocknes Land 115
So fehllos lebt’ und starb wie er entstand,Du stehest jetzo auf dem kleinen Kreise, 118
Und hier beginnt der Sonne Tagesreise,Wenn sie dort endet, und im Brunnen steckt 121
Vom Himmel ward er hier herabgestreckt.[468]Das Land, das erst hier ragte, hat sich droben 124
Und sich auf jenem Halbkreis dort erhoben.Um ihn zu flieh’n, drang auch die Erde vor 127
So sprach Virgil – und sieh, vom Dis emporGing eine Schlucht, tief, wie die ganze Hölle, 130
Denn rauschend lief ein Bach, deß rasche Welle[469][199] Sich Bahn durch Felsen brach, mit sanftem Hang 133
Nun trat mein Führer auf verborgnem GangDen Rückweg an entlang des Baches Windung; 136
Da blickte durch der Felsschlucht ob’re Ründung[470]Der schöne Himmel mir aus heitrer Ferne, 139
Und traten vor zum Wiedersehn der Sterne. |
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