Gespenst an der Kanderer Straße

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Autor: Johann Peter Hebel
Titel: Gespenst an der Kanderer Straße
Untertitel:
aus: Alemannische Gedichte
Herausgeber:
Auflage:
Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1834
Verlag: Verlag der Chr. Fr. Müller’schen Hofbuchhandlung
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Erscheinungsort: Karlsruhe
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Originaltitel:
Originalsubtitel:
Originalherkunft:
Quelle: J. P. Hebels sämmtliche Werke, Bd. 1, S. 102–104
Digitalisat der Uni Freiburg
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[102] Gespenst an der Kanderer Straße.

     ’s git Gspenster, sell isch us und isch verbei!
Gang nummen in der Nacht vo Chander hei,
und bring e Ruusch! De trifsch e Plätzli a,
und dört verirrsch. I setz e Büeßli dra.

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     Vor Ziten isch nit wit vo sellem Platz

e Hüsli gsi; e Frau, e Chind, e Chatz
hen g’othmet drinn. Der Ma het vorem Zelt
si Lebe g’lo im Heltelinger Feld.

     Und wo sie g’hört: „Di Ma lit unterm Sand!“

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se het me gmeint, sie stoß der Chopf an d’Wand.

Doch holt sie d’Pappe no vom Füür und blost,
und gits im Chind, und seit: „Du bisch mi Trost!“

     [103] Und ’s wärs au gsi. Doch schlicht e mol mi Chind
zur Thüren us, und d’Muetter sizt und spinnt,

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und meint, ’s seig in der Chuchi, rüeft und goht,

und sieht no iust, wie’s uffem Fueßweg stoht.

     Und drüber lauft e Ma, voll Wi und Brenz,
vo Chander her ans Chind und überrennt’s,
und bis sie ’m helfe will, sen ischs scho hi,

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und rüehrt sie nit, – e flösche Bueb ischs gsi,


     Jez rüstet sie ne Grab im tiefe Wald,
und deckt ihr Chind, und seit: „I folg der bald!“
Sie setzt si nieder, hüetet’s Grab und wacht,
und endli stirbt sie in der nünte Nacht.

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     Und so verwest der Lib in Luft und Wind.

Doch sitzt der Geist no dört, und hüetet’s Chind,
und hütigs Tags, de Trunkene zum Tort,
goht Chand’rer Stroß verbei an selbem Ort.

     Und schwankt vo Chander her e trunkne Ma,

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se siehts der Geist si’m Gang vo witem a,

[104] und füehrt en abwärts, seig er, wer er sey,
er loßt en um kei Pris am Grab verbei.

     Er chunnt vom Weg, er trümmlet hüst und hott,
er bsinnt si: „Bini echterst, woni sott?“ *)[1]

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Und luegt und lost, und mauet öbbe d’Chatz,

se meint er, ’s chreih e Guhl an sellem Platz.

     Er goht druf dar, und über Steg und Bruck
se maut sie eben all’wil witer z’ruck;
und wenn er meint, er seig iez bald dehei,

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se stoht er wieder vor der Weserei.


     Doch, wandle selli Stroß der nüchteri Lüt,
se seit der Geist: „Ihr thüent mi’m Büebli nüt!“
Er rührt si nit, er loßt sie ordeli
passieren ihres Wegs. Verstöhntder mi?


  1. [104] Ausgabe I.
    *) z’letzt seit er: „Bini echterst, woni sott?“
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