Hundert Grab-Schrifften

aus Wikisource, der freien Quellensammlung
 
Wechseln zu: Navigation, Suche
Textdaten
Autor: anonym
(Christian Hoffmann von Hoffmannswaldau)
Titel: Hundert Grab-Schriften
Untertitel: Mit Willen in zwey Theile (also daß das eine meist Historische / daß ander aber ergötzliche Materien vorstelle) getheilet / Und Der untadelhafften Welt zum Zeitvertreib zugeschicket
aus: Vorlage:none
Herausgeber:
Auflage:
Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1662
Verlag: Vorlage:none
Drucker: {{{DRUCKER}}}
Erscheinungsort:
Übersetzer:
Originaltitel:
Originalsubtitel:
Originalherkunft:
Quelle: Historische Gymnasialbibliothek Christianeum Hamburg, Scans auf Commons
Kurzbeschreibung:
Wikipedia-logo.png Artikel in der Wikipedia
Eintrag in der GND: {{{GND}}}
Bild
De HvW Grabschriften 01.jpg
Bild
{{{EXTERNESBILD}}}
Bearbeitungsstand
fertig
Fertig! Dieser Text wurde zweimal anhand der Quelle Korrektur gelesen. Die Schreibweise folgt dem Originaltext.
Um eine Seite zu bearbeiten, brauchst du nur auf die entsprechende [Seitenzahl] zu klicken. Weitere Informationen findest du hier: Hilfe
Indexseite


Dieser bislang unbekannte Druck[1] gehört zum Bestand der Bibliothek des Christianeums in Hamburg. Er stammt aus dem Besitz von Hans Schröder (1796–1855), Herausgeber eines schleswig–holsteinisch–lauenburgischen und eines Hamburger Schriftstellerlexikons, der einen Teil seiner ca. 8000 Bände umfassenden Bibliothek der Anstalt testamentarisch vermachte. Der handschriftliche Vermerk auf dem Kleberücken des Titels weist darauf hin, dass der Druck im Jahre 1858 als „No. 2“ der Sammlung in die Bibliothek des Christianeums aufgenommen wurde.

Der anonym und ohne Ort erschienene Druck der Hundert Grab-Schrifften, die bereits in den 1640er Jahren entstanden waren, ist der bislang einzige mit dem frühen Druckdatum 1662. Hoffmannswaldaus Werke wurden im 17. Jahrhundert unberechtigt gedruckt und dabei zuweilen auch verfälscht, was den Schriftsteller veranlasste, eine von ihm autorisierte Fassung seiner Gedichte und Schriften vorzubereiten, deren Erscheinen 1679 - samt seiner Hundert Grabschrifften - er aber nicht mehr erlebte.


[1]
Hundert Grab-Schrifften /


Mit willen in zwey Theile (also daß das eine meist Historische / daß ander aber ergötzliche Materien vorstelle) getheilet /


Vnd


Der untadelhafften Welt zum Zeitvertreib zugeschicket


Von


Einem Liebhaber der Teütschen Reyme-Kunst.


Gedruckt im Jahr 1662.

[2]

An den Leser.

Daß / wiewoll kürtz gefaste dennoch viel in sich haltende Sätze / den Leser über die maß ergetzen / auch zur fortlesung gleichsam unermüdet machen / ist anderer zugeschweigen / auß den Geist- und Sinreichen Vberschrifften des Weltberühmten Ovens klärlich abzunehmen / diesem in etwas nach zu ahrten / hat ein Liebhaber solcher ahrt Gedichte / dir mit einigen Grabschrifften an die Hand zugehen / theils zur rückdenckung der verjahrten Geschichte / theils zur sonderlichen ergötzung / sich eingefunden; Wirstu demnach / günstiger Leser / diese mit gewogenen Augen anblicken / kan es geschehen / daß in kurtzer Zeit sich noch mehr sehen lassen / wo aber nicht / werden auch diese sich selbsten begraben.

An Meister Klugling.

Wer sonst nichts anders wil als diese Reyme kawen /
Vnd nach des Monmus ahrt / nur wetzen seine klawen
An einem schlechten Satz; der wisse dieses frey:
Ich denck als jener dacht / er sey auch wer er sey.

[3]

1. Grab Adam.

An statt der Mutter schoß war mir des Höchsten Hand /
Das Paradis mein Haus / die weite Welt mein Landt /
Zur straffe / weil mier diß zu enge scheinte sein /
Schleüst dieser schlechte raum den stoltzen Cörper ein.

2. Ewen.

Wie solte nicht ein Werck den höchsten ruhm erlangen /
So zweymahl durch die Hand des Höchsten ist gegangen /
     Doch drang ein susses wort mir durch den stolzen Sin /
     Und sturtzte mich / daß ich hieher gekommen bin.

3. Loths.

Ich eilt’ auß Sodoma den Flammen zuentgehen /
Und konte nicht der Brunst der Töchter wiederstehen;
     Wer macht den armen Loth der schweren Sünden loß /
     Ich bawte Sodoma auff meiner Töchter Schoß.

4. Salomons.

     Die Cedern Libanons / und Ophirs Goldt und Stein /
     Trug König Salomon des Herren Tempel ein /
Die Brunst verändert ihm die Sinnen und Gebehrden /
Und ließ ihn endtlich selbst des Teüffels Tempel werden.

5. Sanct Peters.

     Hier ist der Grabe Stein / so diesen Stein beschleüst /
     Der nicht mehr wie zuvor die Thrähnen von sich geüst /
Doch soll der todte Stein nicht auff das newe Weinen /
So jaget Weib und Hahn von diesen beyden Steinen.

[4]

6. Judas des Verräthers.

Der Strang emphing den Hals / der schwartze Geist die Seele /
Hier ruht der schnöde Rest in einer schnöden höle.
     Ich bin ein Martyrer der viel gefährten spürt /
     Geldt / Teüffel / Pfaff und Geitz / hat mich dazu verführt.

7. Alexanders des Grossen.

     Mier war die Welt zu klein / ich spielte mit der See /
     Ich speüte reichlich auß / Bluth / Fewer / Mordt und Weh;
Nun ich Gestorben bin was nutzet mier mein Siegen /
Hier könten noch bey mier viel Alexanders liegen.

8. Keysers Nero.

     Strangk / Fewer / Spies und Schwerdt / trug meine rechte Handt /
     Viel Tausendt hat mein wort in Pluto Reich gesant.
Nicht tadelt mich darumb; Sie solten ihm vermelden /
Daß er bereitschafft macht für einen grossen Helden.

9. Scevolens.

     Der Irthum und Verlust macht Scevolen bekandt /
     Rohm konte nicht so viel als die verbrante Handt:
Die Asche liegt alhier vermischet mit der Erden /
Noch will aus dieser nicht ein ander Phönix werden.

10. Curtius.

     Durch diesen weiten Schlundt wardt mit bewehrter Handt /
     Der Curtius von Rohm nach Pluto reich gesant.
Wie ihn die schwarze schaar der Teuffel hab empfangen /
Erlernstu mit der zeit / wenn du wirst hingelangen.

[5]

11. Königs Gustav Adolffs.

     So weit alß Majellan den Circkel hat gemacht /
     Hat meiner Thaten glantz auch das Gericht gebracht.
Vor Lützen hat mein Muth mich in das Graß geleget /
Doch fiel ich als ein Baum der tausent kleine schläget.

12. Heinrichs des iiij König in Franckreich.

Ich bin durch Schimpff und Ernst zu meinem Reich gekommen /
Ein unerhörter Mordt hat mier es weggenommen /
     Was halff mier waß ich ließ? Waß halff waß ich gethan?
     Nachdehm ein Messer mehr als eine Messe kan.

13. König Ludewichs des xiij.

     Rochelle / Perpignan / mit Brisach und Turin /
     Undtdecken aller Welt / wer ich gewesen bin /
Als Richeli mein Geist von mier ist weg gegangen /
So hab ich albereit zu Sterben angefangen.

14. Carl Stuarts / König in Engellandt.

Steh Wanderßman / steh still / und laß die Tränen flüssen /
Ein König liegt alhier / den Neidhart so gebissen /
     Daß er ein Märtrer wurd. Er must sein Lebens Ziel /
     Erreichen auff dem Block durchs scharffe Hacke-Biel.

15. Hertzogs d’ Alba.

Hier liegt ein Wüterich der nichts von Ruh gehöret /
Biß ihm der blasse Todt ein anders hat gelehret;
Er brach ihm seinen Hals und sprach du must verbleichen /
Sonst wurd’ ich dier noch selbst im Wurgen müssen weichen.

[6]

16. General Wallensteins.

     Hier liegt daß grosse Haubt / so itzt wirdt außgelacht /
     Viel wissen daß von mier / so ich vor nicht gedacht.
Dis wust ich / daß ein Stein nicht leicht ein Stern kan werden /
Ein Stein wie hoch er steigt fält endlich zu der Erden.

17. Columbens.

Der Windt trieb meinen Leib / die Ehre meine Sinnen /
Des Höchsten starcke Handt begleitte mein beginnen /
     Ich fand die Newe Weldt / und trug nicht viel davon /
     Vor alle meine müh / ist dieses Grab mein Lohn.

18. Drakens / Ammiral.

     In ungestümer See erwarb ich Ruhm und Guth /
     In ungestümer See verlohr ich Geist und Bluth.
Ein König mag ein Grab von Goldt und Perlen haben /
Mich hat Neptunus selbst in seiner Schoß begraben.

19. Peter Heinsens / Ammiral.

Der Spanien betrübt und Hollandt hat ergetzet /
Ist von der Freünde Handt hierunter beygesetzet /
Das Silber must er baldt der Staaden Hände geben /
Das Bley verblieb vor ihm und bracht ihn umb das Leben.

20. Hameltons / Ammiral.

     Mier gab Burgundien viel Worte wehnig Gold /
     Und zwang den trewen Sinn zusuchen frembden Soldt /
Zum Zeugnuß daß ich bloß die Zeichen wolte lieben /
So bin ich / wie du siest / hier zu Sanct Thomas blieben.

[7]

21. Marchals d’ Ancre.

Wer Hoff und Hoffnung liebt / wer Fürsten Worten trawet /
Und auff der Herren Gunst geringe grunde bawet /
     Den lehret diese Grufft das er nicht wollgethan /
     Weil auch ein Acker nicht bey Hoffe halten kan.

22. Cardinals Richelie.

Hier liegt ein Cardinal der Franckreich hat gezieret /
Und seine Lilien durch manches Land geführet.
     Er bandt Neptunen selbst / und nahm sein Tijrus ein /
     Durch ihn kan Ludewig ein Alexander seyn.

23. Artemisien.

     Wer Landt und See durchstreicht / und diese grosse Welt /
     Ihm als ein grosses Buch vor daß Gesichte hält /
Der muß nicht wie man pflegt alhier vorüber traben /
In diesem Grabe liegt ein ander Grab begraben.

24. Cleopatren.

     Hier liegt Cleopatra das wunder ihrer zeit /
     Wer sie gewesen ist das weiß man weit und breit /
Ein jeder hüte sich viel Perlen herzubringen /
Weil sie gewohnet ist dieselben zuverschlingen.

25. Catharinen de Medices.

Gantz Franckreich liebte mich umb meines Nahmens willen /
Alß solte meine Handt ihr grosses übel stillen /
Die Hoffnung wahr umbsonst / man fing mich an zuhassen /
Ich konte sonsten nichts als nur zur Aderlassen.

[8]

26. Marien Stuartin.

Mier hat Elisabeth die Freyheit weggenommen /
Ich bin durch Heng-mans Hand von meinem Leben kommen /
     Was der und jener Klagt ist mehrentheils erdacht /
     Mich hat ein guther Kopff umb meinen Kopff gebracht.

27. Königin Elisabeths.

Ich habe Crohn und Schwerdt doch keinen Man getragen /
Es mag mein Königreich von meinen Thaten sagen /
     Die Todten reden nicht / wer ehrt den faulen Leib?
     Ich sage nichts alß diß: Hier ruht ein Englisch Weib.

28. Marien de Medices.

Die Mutter-Stadt Florentz ließ mich nicht ohne schmertzen.
Parieß empfing mich zwar / doch nicht mit trewen Hertzen /
     Den ich zu groß gemacht / stieß mich in strenge flucht /
     Zu Cöln hat mich der Todt nicht ungewünscht gesucht.

29. Marien Magdalenen.

     Hier ruht das schöne Haupt / hier ruht die schöne Schoß /
     Auß der die Lieblichkeit mit reichen Strömen floß.
Nachdehm daß zarte Weib verließ den Hüren-orden /
Sint auch die Engel selbst der selben Buhler worden.

30. Lucretien.

Ein wolverwahrtes Loch fraß meines ruhmes Schätze /
Ein Loch in meiner Brust gab mich deß Todes netze /
     Ein Loch nicht weit von hier beschleist den zarten Leib /
     Drey Löcher sint zuviel zufellen[2] nur ein Weib.

[9]

31. Helenen.

Das Gifftloch hat zu Rohm viel tausent auffgerieben /
Durch deines Helena sindt Ihrer mehr geblieben /
     Zwar jenes hat ein Man mit Roß und Schwerdt gefült[3] /
     Doch hir hat keiner nicht die geile Brunst gestilt.

32. Tais.

Die Taiß liegt alhier / die Venus ihrer zeiten /
So aller Männer Hertz vermochte zubestreiten /
     Durch Flammen die sie warff auß Augen Hertz und Handt /
     Hat Alexander auch Persepolis verbrandt.

33. Seneca.

Der Heiden halber Christ der Klugen halber Gott /
Der Römer gröster Ruhm / de Käyser gröster spott /
Ließ hier / was Irdisch war / beschliessen diesen Stein /
Der Sinnen trefflichkeit war diese Welt zu klein.

34. Cicero.

     In diesen engen Raum ward Cicero gelegt /
     Der daß berühmte Rom nach willen hat bewegt /
Mein Leser schewe nicht daß schlechte Grab zu kussen /
Es ligt der Römer Mundt zu deinen schleichten Fussen.

35. Diogenes.

Pracht / Reichthumb / falscher Schein / wardt von mir außgelacht /
Ich habe mehr nach Ruh / alß grossen Ruhm getracht /
Mein Wohnhauß war ein Faß / mein Becher war die Handt /
Die weite Welt mein Buch und auch mein Vaterland.

[10]

36. Esopus.

     Den ungeschickten Leib verdeckte mein verstand /
     Mein Ruhm lieff fliegende durch aller Völcker Landt /
Und hab ich Zung und Mundt / Lufft Erd’ und See gegeben /
So muß ich billig auch auff allen Zungen leben.

37. Eraßmus.

Mein Leser stelle dich zu diesem schlechten Steine /
Eraßmus lieget hier / hier sindt die wehrten Beine /
     Ich schwere das kein Staub in diesem Grabe liegt /
     So nicht der Barberie mit macht hat obgesiegt.

38. Lipsius.

     Mich führt die kluge Welt im Hertzen Mund und Handt /
     In Flandern ruht der Leib / den Ruhm behält Brabandt /
Man lobte noch vielmehr die hoheit meiner Sinnen /
Hätt’ ich im alter nur zwey Weiber lassen können.

39. Opitzens.

Mich hat ein kleiner Ohrt der Teutschen Weldt gegeben /
Der Wegen meiner wirdt mit Rohm die wette Leben /
Ich suche nicht zuviel ich bin genug gepriesen /
Das ich dir Venus selbst im Teutschen unterwiesen.

40. Eines Gesanten.

     Mein König sante mich in ein berühmtes Land /
     Ich hofte frey zu sein von aller Feinde Hand /
Mein hoffen war umbsonst / der Todt hat mich erschlagen /
Der Flegel wuste nicht waß die Juristen sagen /

[11]

41. Eines ungleichen Richters.

Wer hier begraben liegt darff keiner recht bekennen /
Ein jeder hütet sich für Staupen und für Brennen /
     Ein Wort geht noch wol hin / doch drück ein Auge zu /
     So sag ich / dieser Mann war eben so wie du.

42. Eines ungerechten Advocaten.

     Daß schlechte macht ich krum / das krumme macht ich schlecht /
     Die Sachen nerten mich: Verwirrung / zang und recht.
Doch wo Justinia wird für den Richtstuel kommen /
So werd ich woll gewiß verblassen und verstummen.

43. Eines unwissenden Artztes.

     Des Todes Lietenant hat sich hieher geselt /
     Nachdehm sein Recipe viel tausent hingefält.
Mich wundert das der Todt nicht seiner hat verschonet /
Und ihm den trewen Dienst auff andre ahrt belohnet.

44. Eines Jesuiten.

Ich war ein Dieterich zu grosser Herren Hertze /
Ick zündte Länder an / mein Hochmuth vor die Kertze /
     Mein Mund der ehrte Gott / den Teuffel Hertz und Sin /
     Ey Leser rathe doch war ich gewesen bin.

45. Eines Tadelhafften Mönchen.

     Ich Glaubt’ und weiß nicht wie / Ich Sang und weiß nicht waß /
     Mein Teuffel war ein Buch / mein Heiligthumb ein Glaß /
Mein Todt die Fasten zeit / die Kirche meine Helle /
Ich ruffe hier zu Gott / wie vor in meiner Zelle.

[12]

46. Eines ungelahrten Dorff Priesters.

Ein frembder in der Schrifft / ein Burger in Postillen /
Muß diesen engen Raum mit seinem Leibe füllen.
Es weint das gantze Dorff / es schalt in aller Ohren /
Das Bierhauß und Altar hat seinen Schatz verlohren.

47. Eines einfältigen Schulmeisters.

     Hier liegt Hortensius ein alt Parnassus Kindt /
     Er wolt’ ein Führer sein und war doch selber blindt.
Wer auff den Grabstein hier wird seine Nothturfft legen /
Dem wird die dürre Handt die blossen Backen fegen.

48. Eines Jüden.

Die Christen wolten mich in keinen Zünften leiden /
Ich solte Kauffmanschafft und allen Handel meiden /
     Die Wahrheit bringt mir itzt nicht wenige gefahr /
     Mann haste mich darumb weil ich beschnitten war.

49. Eines Spaniers.

Hier ruht ein Ritter-Man / ein rauher Reichs-zerstörer /
Den Rom geehret hat als einen Kirchen-mehrer /
Viel mehres sag ich nicht / was hier vor Beine liegen /
Ein wort: Die Assche stinckt nach Knoploch und nach Ziegen.

50. Eines Moren.

Kein Europeer soll die schlechte Grab-Schrifft lesen /
Vnd lachen daß ich Schwartz und Nackent bin gewesen.
     Ich trug der Mutter Bild / dich kleidet Bock und Kuh /
     Du bist mehr Vieh als Mensch / ich war mehr Mensch als du.

[13]  Das ander Theil.


[14]
1. Eines Alchimisten.

Ich war ein Alchimist / ich dachte Tag und Stunden /
     Auff eine newe Kunst deß Todes frey zu sein /
Das was ich stets gesucht das hab ich nie gefunden /
     Und was ich nie gesucht das stelt sich selber ein.

2. Eines Blumisten so Alchimisterey geübet.

Mein Geld blieb in der Gluth / mein Blumwerck in der Erden /
Der kummer ließ mich nicht zu einem Betler werden.
Ich starb zu rechter zeit und ward gewünscht entbunden /
Die Blumen hat der Leib das Geld die Seel gefunden.

3. Eines Gehangenen Seyltäntzers.

Ich bin in freyer Lufft auff Stricken stets gegangen /
Ich ward an einem Strick in freye Lufft gehangen /
     Mein Leib der nehrte sich von Stricken und von Lufft
     Nun bringt mich Lufft und Strick auch endlich in die Grufft.

4. Eines Schlaffsuchtigen.

     Hier liegt ein fauller Leib / der auß dem Tage Nacht /
     Und auß dem Leben Todt durch Schlaffen hat gemacht /
Auß alzugrosser furcht das er nicht werd’ erwecket /
So hat er sich alhier in diese Grufft verstecket /

5. Eines Soldaten.

Ich Brante / Hieb und Stach / ich Wachte / Brach und Raubte /
Ich Jagte / Schoß und Warff / ich Drawte / Zörnt’ und Schnaubte /
     Die Arbeit die ich that ist nicht umb sonst verbracht /
     Sie hat mier Weg und Steg zur Hellen weit gemacht.

[15]
6. Eines Bauren.

Das Erdreich gab mier Brodt / das Brodt erhielt mein Leben /
Vor Brodt hab ich das Fleisch der Erden hingegeben /
Ich Gebe woll zu viel; das Fleisch kam auß der Erden /
Und muß auch / was es war / in kurtzen wieder werden.

7. Eines Schlavens.

     Im Leben war ich Knecht im Tode bin ich frey /
     Es brach des Todes-Handt die Fessel leicht entzwey /
Die Ketten flecken nicht; ich kenne mein Geblüthe /
Und Sterb’ ein Knecht durch zwang / mit nichten von Gemüthe.

8. Eines Betlers.

     Mein Bette / Tisch und Stuel war dieses weite Rund /
     Zwey sachen plagten mich: Der Magen und der Mund /
Ich wünschte nichts so sehr als Ehrlich sein Begraben /
Damit nicht hinterm Zaun mich frässen noch die Raben.

9. Pyramen und Thißben.

Es zeigt die kleine Grufft der Venus Meisterstück /
Ein außersehen Ziel / zersprenget durch das Glück /
Der Buhler Seel Compas / hier ist genug bericht /
Wer kennet Pyramen und seine Thißbe nicht.

10. Leanders.

     Die Liebe war mein Licht bey schwartz geferbter Nacht /
     Das Feuwer das ich trug bestrit der Wellen macht /
Ich fiel in Nerens Reich / es ist mier nicht gelungen /
Es hat die grosse Fluth die grosse Gluth bezwungen.

[16]
11. Zweyer Verliebten.

Hier sindt zwey liebende in dieser Grufft begraben /
So lange zwahr gebuhlt / doch nie genossen haben.
     Und rieß der grimme Todt gleich ihre hoffnung ein /
     So muste doch ihr Leib alhier vermischet seyn.

12. Eines Verliebten.

Der hier begraben liegt ist auß der Buhler orden /
Nicht wunder dich zu sehr / das es zur Aschen worden /
     Sein Leib war voller Gluth und voller Flammenschein /
     Wie sollte dan der Mensch nicht Asche worden seyn.

13. Der Jungferschafft.

     Viel machten viel auß mier viel Lachten nur dazu /
     Ich wahr / Ich war auch nicht, jetzt lieg ich in der Ruh /
Doch will ich meinen Todt zu melden nicht verschieben /
Ich bin durch einen Ritt im Ringelrennen blieben.

14. Einer Nonnen.

     Man nahm mier meinen Schmuck und ließ mier Fleisch und Bluth.
     Man schnit die Locken weg und ließ mier meine Gluth.
Im bethen hat mir stets der Glaube wollbehaget /
Weil er vom aufferstehn daß Fleisches etwas saget.

15. Einer Alten Magt.

     Ein ungebrauchtes Schloß / ein ungenutzter Heerdt /
     Ein Kecher ohne Pfeil ein unbeschritten Pferdt /
Die konten solte man sie recht und woll begraben /
Bey dieser alten Magd ein füglich leichmahl haben.

[17]
16. Einer unbestendigen Jungfrawen.

Mein Leben endert ich nach meiner Augenblicke /
Mit unbestendigkeit beschämt ich daß gelücke.
     Die gröste büberey hat mier der Todt gethan
     Die weil ich dieses Grab nicht auch verändern kan.

17. Einer Lustiegen Jungfrawen.

Hier liegt Flavia bey Tausenden begraben /
Ihr Mund hat nie gewunscht ein eigen Grab zu haben /
     Sie hatt der Freunde Hand zu schreiben auff den Stein /
     Gleich wie der Cörper wahr / so soll die Grabstät seyn.

18. Einer Verbuhlten.

     Die vor geschencktes Geld entblöste Schoß und Brust /
     Macht der ergrimte Todt / zu des Gewurmes kost /
Ihr buhler last alhier die Trähnen-ströme fliessen /
So kan noch mancher Wurm bey Speise Tranck geniessen.

19. Eines Alten Bräutigams.

Cupido jagte mier die Pheile nach dem Hertzen /
Er gab mier wehnig Krafft / und nicht geringe Schmertzen /
     Der wille war bereit die Kräffte fehlten mier /
     Mein Lieb Küst frisches Fleisch / ich faule schon alhier.

20. Einer Alten Braut.

     Mein Liebster hieß mich Braut / und meinte nur das Geldt /
     Die Pest rieß mich von ihm und ließ ihn in der Welt /
Der Todt saß in der Schoß der Winter in den Beinen /
Ist Todt und Winter hier / so mag ein ander weinen.

[18]
21. Einer Coplerin.

     Die Jugendt hab ich stets mit Buhlen zugebracht /
     Alß nun das Alter kahm und meiner Jahre nacht /
Da ward ich Kohlen gleich / die Jungens Holtz entzünden /
Die Asche wird man noch umb diese gegendt finden.

22. Eines Alten greulichen Weibes.

Ein Aeffe von gestalt ein Teüffel von gemüthe /
Ein’ Eule von geschrey / ein Drache von geblüthe /
War dieses alte Weib. Wer wolte woll nicht lachen /
Der Teüffel liegt alhier bey Eulen / Affen / Drachen.

23. Einer unzuchtigen Metzen.

     Der Ottomannen Schild liegt hier in guther Ruh /
     Ein jeder halte doch die dünne Nase zu /
Der trägt kein Vortheil weg so lange hier verharret
Denn diese Leiche stanck eh sie noch ward Verscharret.

24. Eines an den grossen Pocken gestorbenen.

Dieß waß uns nebenst Gold hat Indien geschücket /
Hat diese fromme Haut auß dieser Welt gerücket /
     Mein leser soll es dir auch nicht also ergehn /
     So laß den Siegelring der geilen Venus stehn.

25. Eines Bastarten.

Wo meine Mutter liegt da bin ich auch begraben /
Ich wolte nechst bey ihr mein Leich begängnuß haben /
     Zum Vater hett’ ich mich auch gerne hin verfüegt /
     Daß wust ich wo er lag / und nicht wo er jetzt liegt.

[19]
26. Eines geilen Menschen.

     Hier liegt ein geiler Mann / so der verkehrten Weldt /
     Den grif der schlipffrigkeit hat künstlich fürgestelt /
Die Venus / daß ihr Sohn den Bogen besser dehne /
Nam ihr verbuhltes Glied / und gab es ihm zur sehne.

27. Einer Hebammen.

     Durch meine kluge Handt lebt eine junge Welt /
     Viel waß mich jetzt betrübt / daß hab ich auffgestelt.
Rühmt / Rühmt euch Heldinen; Doch sagt wie sichs gebühret /
Ihr habt viel abgeführt und ich viel auffgeführet.

28. Einer Mutter in Kindeßnöthen gestorben.

Dem ich das Leben gab der hat es mir genommen /
Ich bin durch die gebührt an diese Stätt gekommen /
Doch wil ich diese schmach nicht unbeklagt vertragen /
Ich wil es alsobald der Grossen Mutter sagen.

29. Einer unkeüschen Ehefrawen.

     Sieh’ erstlich deinen Leib und den die Grab-Schrifft an /
     In dehm nicht jederman alhier bestehen kan:
Hier liegt ein geiles Weib / so schmertzlich hat gebethen /
Es soll kein Joseph nicht zu ihrem Grabe treten.

30. Eines Wochen Kindes.

     Ich Grüste kaum die Welt und dessen weite Pracht /
     So zwang mich meine schuld / zu geben guthe nacht /
Das Früstück hat ich kaum in meinen Mundt genommen /
Da war die Paßport mier schon in die Hände kommen.

[20]
31. Eines so seinem Weibe feind gewesen.

Mein Teüffel war das Weib / ihr Bette meine Helle /
Der Marter frey zu seyn / erwehlt’ ich diese Stelle /
     Doch wo mein böses Weib hier ihre Ruh’ erküst /
     So gleüb ich daß mein Leib stets in der Hellen ist.

32. Einer Keüschen Jungfrawen.

     Nicht Rede hier zuviel / entblösse dich auch nicht /
     Hier ruhet Cijnthia der Keüschheit helles Licht;
Den Leib / den keine Brunst vermochte zu versehren /
Den soltu / Reyseman / auch bey den Todten ehren.

33. Eines Lasterhafften.

Die Leber ist zu Wien / das Gliedt zu Rohm geblieben /
Das Hertz in ein einer Schlecht / und das Gehirn im Lieben /
     Doch daß der Leib nicht gantz verlohren möchte sein /
     So leget man den Rest hier unter diesen Stein.

34. Eines so sich an Most zu Tode gesoffen.

Der Schiffer wünschet ihm auff seiner See zu Sterben /
Der Bergman achtet nicht im Schachte zuverterben.
     Der Buhler Stirbt getrost auff seiner Liebsten Brust.
     Hier liegt ein volles Schwein / ersticket durch den Most.

35. Eines Kupffernäsichten.

     Es war zu meiner zeit das Kupffer hoch geacht /
     Undt mancher Offentopff zu Pfennigen gemacht /
Auß furcht / ich möchte auch umb meine Nase kommen /
So hab ich meinen sitz hierunten eingenommen.

[21]
36. Eines Pollnischen Schutnickels.[4]

Die Weichsel war mein Meer und Dantzig der Weldt Ende /
Da fürchtte man mein Maull und haste meine Hände /
Ich Starb und war nicht recht in Charons Naggen kommen /
Da hatt’ ich alsobaldt den besten Rock genommen.

37. Eines Mahlers.

Der Kunstriß meiner Handt / ziert meines Fursten Schätze /
Doch fält er durch den Spruch der Himlischen gesetze /
     Die Taffel frist der Wurm / mein Mahlwerck frist die Zeit /
     Hier wirdt der Mahler selbst ein Bildt der Sterblichkeit.

38. Eines Narren.

Mit Lachen soll dein Mundt die kurtzen worte lesen;
Hier liegt ein lustig Häupt / so vielen lieb gewesen /
     Der Schellen kan dein Kopf kein rechter erbe sein /
     Der mangel ist bey dir / sie sint dir gar zu klein.

39. Eines Hörnträgers.

Zwey Hörner liegen hier in dieser Grüfft begraben /
Nicht dencket daß ein Bock hier mag die Ruh-stad haben /
Hier liegt ein gutter Man der Hörner hat bekommen /
Nach dehm ihm die Natur das stossen hat benommen.

40. Eines Kammachers.

     Nicht spotte daß mein Hauß stets voller Hörner stundt /
     Undt daß verachte Wort ernehrte meinen Mundt /
Ich sage dir ein wort / undt bistu noch so Edel /
Ich führt’ es in der Handt / du aber auff dem Schedel.

[22]
41. Eines Zwerges.

     Der Eltern kleinen Leib besamte Floh und Lauß /
     Ein’ alte Haselnuß war im ein weites Hauß.
Ein Wurmlein hat den Sohn im Kämpffen auffgefressen /
Als er Sanct Gergen selbst zu trotzen sich vermessen.

42. Eines Ziegenners.

     In strenger Wanderschafft bracht ich mein Leben hin /
     Zwey Reime lehren dich wie ich gewesen bin.
Egypten / Vngern / Schweiz / Beelzebub undt Schwaben /
Hatt mich genant / Gezeigt / Ernehrt / Erwurgt / Begraben.

43. Eines Henckers.

     Die Marter und der Todt / erworben mier das Brodt /
     Mein Handtwerck war der Mord / mein Leben war der Todt.
Undt welcher ( wer ich war ) nicht gäntzlich kan verstehen /
Der mag / nach mehr bericht / an Radt undt Galgen gehen.

44. Eines Diebes.

Das Fleisch fant seinen raum im Kropff der schwarzen Raben /
Der dürre Knochen-rest soll hier die Grabstät haben;
Undt so du Leser auch nicht wilt in Lüfften schweben /
So laß jedtwedem daß was Gott ihm hat gegeben.

45. Eines Hundeleins.

     Das Bette macht ich mier auff meiner Jungfer Brust /
     Mein Zunglein war ihr schwam / ihr Beuchlein meine Kost /
Mein Leser wiltu nicht der schlechten Leiche lachen /
So will ich dir allein die Lagerstadt vermachen.

[23]
46. Einer Papegayen.

     Die Frembden ehrten mich / mein Herr der war mier huld /
     Daß ich Gestorben bin ist meine Zunge Schuld /
Ich / weil ich meiner Fraw den Titel recht gegeben /
Verlohr baldt ihre Gunst / und auch zugleich mein Leben.

47. Einer Ganß.

     Der Flügel bestes theil führt führt manches Fursten Handt /
     Die Gurgel traget Zwirn / die Federn ehrt das Land /
Wird dieser schlechte Reim auff das Privat genommen /
So ist die Grabeschrifft zu ihrem Cörper kommen.

48. Einer Fliegen.

In einer Buttermilch verlohr ich Geist und Leben /
Ein zarter Weiber Bauch hat mir das Grab gegeben.
     Sey nicht Domitian vergönne mir die Ruh'
     Und schließ in dieser Grufft die forder Thüre zu.

49. Eines Flohes.

     Ein schwartzer Rittersman fiel durch ein weisses Weib /
     Indehm er ohne scheu betrat den zarten Leib.
Doch ist sein alter Ruhm nicht gantz und gar vertorben /
Indehm er eben so wie Curtius gestorben.

50. Eines Todtengräbers.

Der Bader wäscht sich selbst / der Schneider kan sich kleiden /
Der Koch darff ohne Koch nicht seine Mahlzeit meiden.
Ich / der ich vor begrub die klugen und die Narren /
Kan nun / wie sichs gebührt / mich selber nicht verscharren.

[24]
Ex eodem flore et apicula mel et aranea toxicum colligit.[5]


Anmerkungen (Wikisource)

  1. Gerhard Dünnhaupt: Personalbibliographien zu den Drucken des Barock. 6 Bde. Anton Hiersemann, Stuttgart 1990–1993, ISBN 3-7772-9013-0; darin: Hoffmannswaldau Nr. 17 S. 2145–2147: verzeichnet sind vier Drucke, davon keiner mit dem Druckdatum 1662
  2. Korrigiert; im Druck: zusellen
  3. Korrigiert; im Druck: gesült
  4. Schutnickel: entweder Verbalhornung des slawischen szkutnik (Schiffbauer) oder Zusammensetzung aus Schute und Nickelein (schelmischer Wicht, Geist). Quelle: Institut der Danziger Straßenkunde: Adebargasse (früher Schutnickelgasse)
  5. „Aus der gleichen Blüte sammelt die Biene Honig und die Spinne Gift.“ Zu diesem mittelalterlichen Sprichwort siehe Singer, Thesaurus Proverbiorum Medii Aevi, Bd. 5, Berlin 1996, ISBN 3-11-008529-1, S. 14f. Auch in Sebastian Brants „Narrenschiff“ (Ausgabe Basel 1499, Kapitel „Von vil schwetzen“, Z. 40–44) und bei Martin Luther findet sich die verbreitete Redensart.