Lebensmelodien
aus Wikisource, der freien Quellensammlung
| [111]
Lebensmelodien.
Der Schwan.
Auf den Wassern wohnt mein stilles Leben, Der Adler.
5
Ich haus’ in den felsigen Klüften,Ich braus’ in den stürmenden Lüften, Der Schwan.
Mich erquickt das Blau der heitern Lüfte, 10
Mich berauschen süß des Kalmus Düfte,Wenn ich in dem Glanz der Abendröthe Der Adler.
Ich jauchze daher in Gewittern, [112]
15
Ich frage den Blitz, ob er tödte,Mit fröhlich vernichtender Lust. Der Schwan.
Von Apollo’s Winken eingeladen, 20
Tönend wehn in Tempe’s May hinab.Der Adler.
Ich throne bey Jupiters Sitze; Der Schwan.
25
Von der sel’gen Götterkraft durchdrungen,Hab’ ich mich um Leda’s Schooß geschlungen; Der Adler.
Ich kam aus den Wolken geschossen, 30
Entriß ihn den blöden Genossen:[113]
Ich trug in den Klauen behende Der Schwan.
So gebahr sie freundliche Naturen, 35
Milde Sterne, deren BrüdertugendWechselnd Schattenwelt und Himmel theilt. Der Adler.
Nun tränkt aus nektarischem Becher 40
Wie endlos die Zeit auch enteilt.Der Schwan.
Ahndevoll betracht’ ich oft die Sterne, Der Adler.
45
Ich wandte die Flüge mit Wonne,Schon früh zur unsterblichen Sonne, [114]
Kann nie an den Staub mich gewöhnen, Der Schwan.
Willig weicht dem Tod’ ein sanftes Leben; 50
Wenn sich meiner Glieder Band’ entweben,Löst die Zunge sich: melodisch feyert Der Adler.
Die Fackel der Todten verjünget: 55
Die Seele sich frey und entschleyert,Und grüßet ihr göttliches Glück. Die Tauben.
In der Myrten Schatten, 60
Manchen langen Kuß. Suchen und irren, 65
Venus Wagen ziehenSchnäbelnd wir im Fliehen, 70
Wenn sie uns lächelt! Leichtes Gelingen! 75
Bey bescheidner FreudeDeiner Tauben Paar! 80
Deinem Altar.A. W. SCHLEGEL.
|
