Prometheus (Schlegel)
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Prometheus.
OVIDIUS.
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Und es gedieh (so tönt die heil’ge Sage) Freywillig alle Füll’ im Schooß der Flur. 10
Nie alternd blühte jene frühe Welt,Sie starben, wie dem Schlummer hingegeben. [50]
So wie die reife Frucht vom Baume fällt, 15
Schien Liebe nur zu gründen und zu heben.Viel Zeiten waren wechsellos entflohn, 20
Zu bannen rang, unruhig, das Geschlecht, Das mit dem Zeus aus Rhea’s Schooße stammte. 25
Das Licht erlosch, des Himmels Vesten hallten,Die Erde wankt’, als ob zum Tartarus [51]
Hinab ein jäher Riss sie sollte spalten. 30
Und brach herein mit brausendem Erguss.Unendlich war ihr Kampf; vergebens riefen 35
Zeus seine tausend Sturmbeschwingten Wetter, Gekrach und Dampf und unauslöschbarn Brand: 40
Hoch thront nun im Olymp Kronions Macht,Den Raub der Welt vertheilt er seinen Treuen, [52]
Des bangen Erdenvolks wird nicht gedacht. 45
Erstarrt ihr Blick auf grausen Wüsteneyen.Wo sonst des Lebens fröhliches Gewühl 50
Das Raubthier, einsam schallt des Hunger Schrey Verloren zwischen unwirthbaren Klüften, 55
Die Furcht beherrscht des Menschen irre Tritte.[53]
Er schmachtet dürftig in des Sommers Glut, 60
Kein Hoffen weckt ihm den erstorbnen Muth.In sich verdüstert, tappt er auch im Lichte 65
Schaut’ auf den Sohn des Staubes, seufzt und sagte: Und sollst du so durch fremde Schuld vergehn? [54]
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Der regen Vorsicht werd’ es Macht verleihn, Denn reifen müsse die Geburt der Zeiten; 75
Und half den Fall des eignen Stamms bereiten.Dich aber, Mensch! erheb’ ich über dich. 80
Ob alles wider dich verschworen scheint, Soll innre Kraft doch siegend dich bewehren. [55]
Die Erd’ und Himmel schön sich vereint? 85
Laßt sehn denn, wie ich schaffend neu sie bilde. Der Mutterboden beut den Stoff mir schon, 90
In reiner Flut erweichend reinen Thon.Er formet sorgsam, dass die Bildung werde 95
Die Arme schwellt, die breite Brust ihm zündet, Und gleichgewogen durch die Glieder strebt [56]
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Der Bildner blickt mit stiller Gnügsamkeit Auf dieß Geschöpf, aus seinem Geist entsprungen, 105
Die Sternenhüll’ um Land und Meer geschwungen,Kein sterblich noch unsterblich Auge wacht: 110
Wo Helios ambrosisches Gespann An goldnen Krippen steht, vom Joch entladen, [57]
Was würdig sein Gebild beseelen kann, 115
Der Quell, dem alle Lebensfüll’ entblühet. Da schöpfet er, und trügt den Funken fort, 120
Erwartet zürnend ihn der Themis Wort.Noch künftiges, noch fernes bleibt verborgen 125
Wo sie der Brüder Fall noch still betrauert; Wo vor der heiligen Enthüllerin [58]
Der in der Haine Graun verderbend lauert. 130
„Dämonischer!“ so spricht sie : „was erregt Den frevlen Muth dir, diese Saat zu säen, 135
Wie sie der Nacht uralte Tochter drehen.“Wär’ auch Mislingen aller Mühen Sold, 140
Die fremd vorbeyschleicht, die sie, ewig todt, Durch Thaten nie zum Eigenthum sich weihen? - [59]
Dem, der mit Hohem Niedres will vermengen. 145
Durch diese Glut erhitzt wird aus den Engen Des kleinen Lebens, das ein Hauch zerstört, 150
Sie zu bekämpfen werd’ ihm nicht verwehrt.Wie möchte Zeus dies arme Streben neiden? [60]
„Wohl! kann der Mensch, sich diesen nicht entziehn: 155
Vom Wunsch gespornt, doch an den Staub gebunden, Verzehrt er sich in streitendem Bemühn. 160
Nein! die der dumpfen Thierheit ihn entreißt, Voraussieht, wird ihm ihre Schwester senden, 165
Wird er ihn ordnend in sein Innres wenden. –[61]
„Und wenn er auch ein hohes Ziel ersiegt, 170
Muß auf Geschlecht Geschlecht, in stetem Kreis, Die Bahn durchlaufen und dem Preis’ entsagen.“ – 175
Und immer reicher durch der Vorwelt Gaben Beut Ein Geschlecht dem andern froh die Hand, [62]
Die Stärke weicht dein ordnenden Verstand. 180
Mit Anmuth zierend, was die Noth erfand.Er heißt den Grund verborgne Schätz’ entfalten; 185
Leichtschwebend, wie gelockt von Zauberklange, Wölbt sie, und fügt, und reiht sich um ihn her. 190
Daß fernen Zeiten es, ein Denkmahl prange.Ich nenne kleines; zahllos blüht die Schaar [63]
Der Künst’ empor; von diesem Sonnenfunken 195
Wie wären sonst vor eitlem Gaukelschein Der Vorsicht Lehren deinem Geist entsunken? 200
Kein Zügel kann den frechen Willen hüten; Ihm fröhnt der Witz und jede Kunst, und schafft [64]
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Weil im Besitz die schnöde Lust erschlafft.Und schlauvermeßne, jedem Rechte taube 210
Und den Verein der Menschen knüpft die Treue, Die Eide bricht, so oft sie Eide sprach. 215
Doch offnes Morden bringt nur kurze Qual: Groll, schleichender Verrath und gift’ge Tücke [65]
An’s Licht gesandt vom nächtlichen Geschicke, 220
Und mißt die Greu’l mit richtend ernstem Blicke,Und ruft zur furchtbarn, namenlosen Pflicht 225
Blutathmend, Qualweißagend heult ihr Lied, Durchwühlt die Adern und verwirrt die Sinnen.“ – 230
Wenn jedes Frevels sich der Mensch entblödet,[66]
Bleibt das ihm Vollmacht doch zu höherm Heil, 235
Sich selbst zu lenken ist des Freyen Theil.Erkenntniß wurzelt ihm, wo er gefehlet; 240
Der Lüfte sich einander blind zerschellen, Und Niedriges verschmäht, wer Großes thut. [67]
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Sobald Gefahr dem schönen Bunde dräut, Für alle jeder, und für jeden alle 250
Und lebt, vergöttert, in der Lieder Halle.Nach Kämpfen geht der Friede mild hervor: 255
Ist aus dem Chaos nicht durch Lieb’ und Zwist Die Ordnung aller Ding’ emporgestiegen? 260
Zeus hat die Welt; dich hab’ ich mir erlesen! Du Werk und Abbild meiner Thatenlust [68]
„Noch halt! o halt, Prometheus! Meine Brust 265
Womit du bald dein Wohlthun büßen mußt.Ergrimmt, daß eines Tags Geschöpfe wagen, 270
Der Keil’ und Nägel wird an öde Klippen Der Erde Strand dich festgeschmiedet schaun. 275
Nie hörst du deiner Menschen kindlich Ach,Kein Lebenstritt naht so verwaisten Fernen, [69]
Der Wiederhall nur ächzt dir einsam nach. 280
Mag dir zu rauschen dort die See verlernen.“ –Sinkt dieser dann, von meiner Gab’ entblößt, 285
Doch hemmen darf er nicht, was sie erzielt, Denn selbst die Macht muß dem Verhängniß frohnen.“ – 290
Weh mir, die ich dein Unheil dir enthülle!Durch Riesentrotz, Titan’, erwirbst du bloß, [70]
Daß Zeus der Rache Maaß noch höher fülle. 295
Hohldonnernd stürzt die Felskluft in den SchooßDes dumpfen Hades dich: da wirst du hausen, 300
Umschattend auf die starr gebundnen Glieder, Zerfleischt die Brust dir; was er Tags verschlingt [71]
Schwebt langsam fort mit triefendem Gefieder.“ – 305
Nichts fremdes übt, wer seinen Hasser haßt: Kronion aber herrscht, der Ungerechte, 310
Wo ist ein Starker, der mich retten möchte?Dir legt die Zukunft ihr Geheimniß dar, 315
Aus sterblichem und göttlichem Geschlecht, Der Götterkraft zum Heldenthum erhöhe? [72]
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Dann treibt ihn auch des freyen Muthes Feuer, Das ich verlieh, in Wüsten ohne Pfad; 325
Der mit der Herrschaft Fuß mich niedertrat. –Der Japetide riefs, doch Themis schweiget. 330
Wo ihrem Sohn Herakles heil’ge Stärke Mit Rettung nahet, gleicher Gottheit voll. [73]
Was schreckt ihn nun bey dem verwegnen Werke? 335
Er kehrt zum Bilde sich, das vor ihm steht, Und spricht: Geh! wirke! trage Leid und Wonne! A. W. SCHLEGEL.
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