Schön Sidselil und Ritter Ingild. Nach dem Altdänischen
aus Wikisource, der freien Quellensammlung
|
[158]
Schön Sidselil und Ritter Ingild.
Nach dem Altdänischen.
5
»Es ist nicht Milch, das den Busen mir näßt,»Es ist vom Meeth, den ich eben gepreßt.« 10
»Ritter Ingild, der Wackre, hat um mich gefreit!« »Ritter Ingild, der Kecke, thät um dich frein? 15
»Er gab mir ein Paar silberspangiger Schuh,»Ach! aber, sie la’n mir nicht Rast noch Ruh. [159]
»Er gab mir eine Harfe von Gold, 20
»Ihr beide müßt sterben den schmählichsten Tod. »Ritter Ingild muß hangen hoch oben auf Gaal,[1] 25
Sie schlich wohl hin im MondenscheinVor Ritter Ingilds Kämmerlein. 30
Noch säumte der träumende Rittersmann. Sie flisperte leise zum Schlüsselloch ’nein: [160]
»Ich bin noch so müde. Ich schlief erst ein. 35
»Ritter Ingild, steh auf, und laß mich ein,»Ich habe gesprochen mit Mutter mein. 40
»Und brennen müßt’ ich tief unten im Thal!« »Nein Liebchen, du sollst nicht brennen für mich; 45
Er warf ihr über den Mantel blau,Und hub sie auf seinen Rappen grau. 50
»Oder macht mein Sattel dir weh und bang?«[161]
»Ritter Ingild, der Weg wird mir nicht lang, 55
»Wie wird mir – hilf Himmel – es würgt mich schier,»Ach! hätt’ ich nur eine meiner Frauen bei mir.« 60
»Viel lieber sterb’ ich den bittern Tod.« »Verbinde mir, Traute, die Augen mein, 65
Ritter Ingild war ihr so hold und treu;Er nahm ihren silberspangigen Schuh, [162]
Er schöpfte des Wassers. Er rannte daher, 70
Eine Nachtigall sang ihm traurige Mähr. »Schön Sidselil liegt todt im seidenen Moos, 75
Und als er kam, wo schön Sidselil lag,Da ward er gewahr, was die Nachtigall sprach. 80
Und legte seine drei Lieben hinein, Und als er stand hoch über dem Grab, 85
Schön Sidselil war ihm so hold und treu;Nun schlafen beisammen die Liebenden zwei. KOSEGARTEN.
|
- ↑ Gaal, der Richtplatz
