Seite:Dahl Trichobothrien und Systematik.djvu/5

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ein leicht zu wiederholendes Experiment mit[1]: Man sperre Wolfspinnen in einen Kasten ein, der an einer Seite eine dichte Gazewand besitzt und gewöhne sie zunächst in diesem Kasten daran, Futter zu nehmen. Alsdann lasse man hinter der Gazewand eine Fliege brummen. Sofort werden die in der Nähe befindlichen Wolfspinnen in der Richtung auf die Fliege vorstürzen, vorausgesetzt natürlich, daß sie einen hinreichenden Hunger haben. Auch Wagner teilt ein ähnliches Experiment mit. Er sagt, daß man Spinnen leicht aus ihrem Versteck hervorlocken könne, wenn man in der Nähe eine Fliege brummen lasse[2]. Solchen sichern Beweisen gegenüber sind spätere, ungeschickt angestellte Versuche von Annie H. Pritchett[3] bedeutungslos.

Man hat geglaubt annehmen zu müssen, daß die Wahrnehmung von Tönen mittels der Hörhaare höchstens ein Fühlen der Töne sein könne, wie wir die Schwingungen einer Saite mit unserm Finger fühlen. Für freistehende Haare, die jedem Windhauch ausgesetzt sind, meinte man, könnten Töne unmöglich der adäquate Reiz sein. – Dagegen ist einzuwenden, daß auch unsre höheren Sinnesorgane Tastreizen keineswegs ganz entzogen sind und daß wir doch beispielsweise eine durch Stoß in unserm Auge erzeugte Lichtwahrnehmung sehr wohl von einer wirklichen Sehwahrnehmung zu unterscheiden wissen. Wenn die Spinne den Brummton einer Fliege als solchen erkennt, so ist das jedenfalls kein Tasten, sondern ein wirkliches Hören.

Sechs Punkte sind es also nach der hier gegebenen Auseinandersetzung, welche uns nötigen, die genannten Sinneshaare als Gehörorgane anzusprechen: 1) Die Tatsache, daß die Haare sehr beweglich eingelenkt sind, auf Nervenendigungen stehen und durch Töne in Schwingungen geraten. 2) Die Tatsache, daß Spinnen das Brummen einer Fliege andern Tönen und Geräuschen gegenüber erkennen und daß andre Organe, die man als Gehörorgane deuten könnte, nicht bekannt sind. 3) Die Tatsache, daß die genannten Sinneshaare besonders bei freilebenden Spinnen vorkommen. 4) Die Tatsache, daß sich die Haare meist in sehr regelmäßiger Größenabstufung zeigen. 5) Die Tatsache, daß sie auf den als Tastorgane ausgebildeten Vorderfüßen der Tarantuliden fehlen, während sie auf den andern Beinpaaren vorkommen. 6) Die Tatsache, daß sich die genannten Sinneshaare scharf von unzweifelhaften Tasthaaren unterscheiden lassen.

Was die Verteilung der Hörhaare auf den Körper anbetrifft, so kommen sie bei den Skorpionen und den Pseudoskorpionen nur auf den scherenförmigen Endgliedern der Palpen, bei den echten Spinnen auf


  1. Zool. Jahrbücher, Abt. Syst. Bd. 5. 1891. S. 206.
  2. A. a. O. S. 16.
  3. American Naturalist. Vol. 38. 1904. p. 859ff.
Empfohlene Zitierweise:

Friedrich Dahl: Die Hörhaare (Trichobothrien) und das System der Spinnentiere. Wilhelm Engelmann, Leipzig 1911, Seite 526. Digitale Volltext-Ausgabe in Wikisource, URL: http://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:Dahl_Trichobothrien_und_Systematik.djvu/5&oldid=1637841 (Version vom 28.08.2011)