Seite:DarwinAusdruck.djvu/16

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Obgleich Gratiolet es emphatisch leugnet,[1] daß irgend ein Muskel allein zum Zwecke des Ausdrucks entwickelt worden sei, so scheint er doch niemals über das Princip der Entwickelung nachgedacht zu haben. Allem Anscheine nach betrachtet er jede Species als Resultat einer besonderen Schöpfung. Dasselbe gilt auch von den übrigen Schriftstellern über den Ausdruck. Nachdem z. B. Dr. Duchenne von den Bewegungen der Gliedmaßen gesprochen hat, geht er auf diejenigen über, welche dem Gesichte einen bestimmten Ausdruck geben, und bemerkt:[2] „Le créateur n'a donc pas eu à se préoccuper ici des besoins de la mécanique; il a pu, selon sa sagesse, ou – que l'on me pardonne cette manière de parler – par une divine fantaisie, mettre en action tel ou tel muscle, un seul ou plusieurs muscles à la fois, lorsqu'il a voulu que les signes caractéristiques des passions, même les plus fugaces, fussent écrits passagèrement sur la face de l'homme. Ce langage de la physionomie une fois créé, il lui a suffi, pour le rendre universel et immuable, de donner à tout être humain la faculté instinctive d'exprimer toujours ses sentiments par la contraction des mêmes muscles.“

Viele Schriftsteller betrachten den ganzen Gegenstand, die verschiedenen Ausdrucksformen, als unerklärlich. So sagt der berühmte Physiolog Johannes Müller:[3] „Der so äußerst verschiedene Ausdruck der Gesichtszüge in den verschiedenen Leidenschaften zeigt, daß je nach der Art der Seelenzustände ganz verschiedene Gruppen der Fasern des Nervus facialis in Thätigkeit oder Abspannung gesetzt werden. Die Gründe dieser Erscheinung, dieser Beziehung der Gesichtsmuskeln zu besondern Leidenschaften, sind gänzlich unbekannt.“

So lange man den Menschen und alle übrigen Thiere als besondere Schöpfungen betrachtet, wird ohne Zweifel dadurch unserm natürlichen Verlangen, den Ursachen des Ausdrucks so weit als möglich nachzuforschen, eine wirksame Schranke gesetzt. Nach dieser Theorie kann Alles und Jedes gleichmäßig gut erklärt werden; in Bezug auf die Lehre vom Ausdruck hat sie sich ebenso verderblich erwiesen, wie in Bezug auf jeden andern Zweig der Naturgeschichte. Beim Menschen


  1. De la Physionomie, p. 12, 73.
  2. Mécanisme de la Physionomie Humaine. Ausg. in 8°, p. 31.
  3. Handbuch der Physiologie des Menschen Bd. II. 1840. S. 92.
Empfohlene Zitierweise:

Charles Darwin: Der Ausdruck der Gemüthsbewegungen bei dem Menschen und den Thieren. E. Schweizerbart'sche Verlagshandlung (E. Koch), Stuttgart 1877, Seite 10. Digitale Volltext-Ausgabe in Wikisource, URL: http://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:DarwinAusdruck.djvu/16&oldid=1506890 (Version vom 8.03.2011)