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24 wir schwinden aus[1] der Welt wie Heuschrecken[2];
unser Leben ist ein Rauch.

Wir [freilich] sind nicht einmal wert, Erbarmung zu erfahren; 25 aber was wird er für seinen Namen thun, der über uns ausgesprochen ist? Das war’s, wonach ich fragte[3].

Der kommende Äon giebt die Lösung.

26 Er antwortete mir und sprach: Wenn du bleiben wirst, wirst du’s schauen; und wenn du lange[4] leben wirst, wirst du erstaunen. Denn der Äon eilt mit Macht zu Ende.

Warum dieser Äon vorher zu Grunde gehen muß.

27 Er vermag es ja nicht, die Verheißungen, die den Frommen für die Zukunft[5] gemacht sind, zu ertragen[6]; denn dieser Äon ist voll von Trauer und Ungemach. 28 Denn gesät ist das Böse, wonach[7] du mich fragst, und noch ist seine Ernte[8] nicht erschienen. 29 Ehe das Gesäte also noch nicht geerntet, und die Stätte der bösen Saat nicht verschwunden ist, kann der Acker, da das Gute gesät ist, nicht erscheinen. 30 Denn ein Körnchen bösen Samens war im Anfang in Adams Herzen gesät, aber welche ’Frucht‘[9] der Sünde hat das bis jetzt getragen und wird weiter tragen, bis daß die Tenne erscheint. 31 Ermiß ’also‘[10] selber: wenn schon ein Körnchen bösen Samens solche Frucht der Sünde getragen hat —, 32 wenn einst Ähren ’des Guten‘[11] gesät werden ohne Zahl, welche große Ernte werden die geben!

Wann soll das geschehen?

33 Ich antwortete und sprach: Wie lange noch, wann soll das geschehen? Unser Leben ist ’ja‘[12] so kurz und elend[13]. 34 Er aber antwortete und sprach: Du willst doch nicht mehr eilen als der Höchste? Denn du willst Eile um deiner selbst willen, der Höchste aber[14] für Viele[15].

Das Ende kommt, wann die Zahl der Gerechten voll ist.

35 Diese deine Frage haben schon die Seelen der Gerechten in ihren Kammern[16] gethan[17]; die sprachen: Wie lange ’sollen wir‘[18] noch ’hier‘[19] ’bleiben‘?[20] Wann erscheint endlich die Frucht auf der Tenne unseres Lohns? 36 Aber ihnen hat der Erzengel Jeremiel[21] geantwortet und gesprochen: wann die Zahl von Euresgleichen voll ist[22]!


  1. Lat pertransire de ist wohl = עָבַר מׅן.
  2. Die jeder achtlos zertritt.
  3. In diesem Angstschrei der Verzweiflung gipfelt das Problem; von nun an folgt der Trost.
  4. Syr et si multum vixeris, miraberis.
  5. Oder: zu ihrer Zeit.
  6. Man beachte, wie der Verfasser diese Welt vollständig aufgiebt. Diese Betrachtung der beiden Äonen ist nicht die alttestamentliche, wonach vielmehr die zukünftige erhoffte Zeit eine Verklärung der Gegenwart ist; die Frage, woher diese Betrachtung entstanden sei, ist noch nicht gelöst. — Dem Judentum ist der Glaube an die beiden Äonen ein Trost, da sonach die einzelnen, persönlichen Leiden als Teile eines notwendigen allgemeinen Leidens erscheinen, und da ferner dem Schmerzensäon der viel überwiegende zukünftige Äon gegenübergestellt wird.
  7. Lat de eo, hebraisierende Ergänzung des Relativums.
  8. Hes. 17,9 et fructus eius distringet (Bensly, Missing Fragment S. 25, A. 4), Syr Ar² area, Aeth messis.
  9. Syr quantos fructus impietatis; vgl. Aeth.
  10. Syr ergo; vgl. zu 4, 18.
  11. Syr (Aeth. Ar²) spicae bonorum.
  12. Syr (Aeth Ar¹.²) quia.
  13. Gen. 47,9.
  14. nam hier = δέ; ebenso 7,13.88. 9,32.33.37. 11,4.21.24. 12,15.27.34. 13,45. 14,40.
  15. Solche Ermahnungen zur Geduld sind in den Apokalypsen ständig; die Ergebung in Gottes Willen ist die höchste Tugend einer Zeit, in der gerade die Besten und Frömmsten inbrünstig das Ende dieser Welt herbeisehnen.
  16. Spr. 7,27. Jes. 57,2.
  17. Die mitgeteilte Tradition wird auch Offenb. Joh. 6,9ff., dort in anderer Rezension, wiedergegeben. Beide Stellen sind litterarisch voneinander unabhängig.
  18. Syr Aeth Arm Ar² Plural.
  19. Syr Aeth Arm Ar² hic.
  20. Syr Aeth Arm Ar² sumus, manemus.
  21. יְרַחְמְאֵל Ἰερεμιήλ. — „Eremiel“ heißt der Engel, der die Seelen in der Unterwelt bewacht, in der Apokalypse des Elias, ed. Steindorff 10.
  22. Der Verf. hätte, wenn er gewollt hätte, auch mit bestimmten [358] Zahlen sprechen können; die Zahl ist 144 000 Offenb. Joh. 7,4; die Herkunft dieser Zahl ist unbekannt. Ähnliche Fälle unbestimmter (charakteristisch-apokalyptischer) Redeweise sind 5,6. 6,52. 13,34.
Empfohlene Zitierweise:

Hermann Gunkel (Übersetzer): Das vierte Buch Esra. Mohr Siebeck, Tübingen 1900, Seite 357. Digitale Volltext-Ausgabe in Wikisource, URL: http://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:DasVierteBuchEsraGermanGunkelKautzsch2.djvu/27&oldid=2004626 (Version vom 20.05.2013)