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zu Grunde; aber ’das Menschenkind‘[1], das durch deine Hände gebildet, das dein Ebenbild genannt ist, weil es ’dir‘[2] gleich geschaffen ist, ’um dessentwillen‘[3] du alles geschaffen hast, das hast du dem Samen des Landmanns gleichgestellt?!45 Nein Herr, unser Gott,

schone dein Volk,
erbarme dich deines Erbes,
du hast ja Mitleid mit deinem Geschöpf[4]!
Die göttliche Antwort: Du gehörst zu den Seligen; denk an deine eigene Seligkeit und vergiß die Sünder, die ihr Schicksal verdient haben!

46 Er antwortete und sprach:

Heute den Heutigen,
Einst den Einstigen!

47 Denn viel fehlt dir, daß du meine Schöpfung mehr lieben könntest als ich[5]! —

Du aber hast dich oft den Sündern gleichgestellt; nimmermehr! 48 Vielmehr wirst de auch darum vor dem Höchsten Ruhm empfangen[6], 49 weil du dich, wie dir zukommt, erniedrigt und dich nicht zu den Gerechten gezählt hast; deß wirst du um so größere Ehre haben 50 ’Denn durch viele schlimme Demütigungen‘[7] müssen in der letzten Zeit die Etdenbewohner gedemütigt werden, weil sie in schlimmem Übermute gewandelt sind. 51 Du aber denke lieber ’an dein eigenes Los‘[8] und forsche nach Herrlichkeit, die deine Brüder ererben sollen. 52 Denn für euch ist

das Paradies eröffnet[9],
der Lebensbaum gepflanzt;
der zukünftige Äon zugerüstet,
die Seligkeit[10] vorher bestimmt;
die Stadt erbaut,
die Heimat auserwählt[11];
die guten Werke geschaffen[12],
die Weisheit bereitet[13];
53 der Keim[14] vor euch versiegelt,
die Krankheit vor euch getilgt;

  1. hic pater et filius homo Lat S A C ist sehr seltsam. Besser Lat M sic pat = sic patitur. Griech. οὕτως πάσχει καὶ υἱὸς ἄνθρωπος בֶּן־אָדָם. Der Sinn ist jedenfalls, daß sich der Verf. darüber entsetzt, daß der Mensch mit dem Samen verglichen werde.
  2. Aeth imago tua est.
  3. Syr (Aeth) propter quem.
  4. Der Verf. ist ganz aufgelöst vor Jammer und Herzeleid. — Nachahmungen sind Ap. Sedrach 13 und Ap. Esdrae (ed. Tischendorf) S. 25. 26: ֿἐλέησεν τὴν σὴν πλάσιν οἰκτείρησον τὰ ἔργα σου.
  5. Ein wundervoller Trost! Immer wieder erkennt der Prophet, daß Gott Liebe und nur Liebe, alles menschliche Erbarmen weit überbietende Liebe gegen alle Welt hegt, und in diesem Gedanken beschwichtigt er seinen Schmerz über den Untergang so Vieler.
  6. Syr (Aeth) glorificaberis; Lat mirabilis = θαυμάσιος (Hilg.).
  7. Lies mit Lat miseria multa.
  8. ὑπὲρ σεαυτοῦ (Hilg.).
  9. Vgl. Ap. Sedrach 12,1: ὁ παράδεισός σοι ἠνοίγη. — Alle die großen himmlischen Güter sind schon längst bereitet; die Hoffnung auf sie trügt nicht, 1 Petr. 1,4. — Der Gegensatz zum „Eröffnen“ des Paradieses ist das „Schließen“ desselben beim Fall Adams.
  10. Lat habundantia = περισσεία (Überfluß an Wonnen) Hilg; Syr (Aeth) deliciae hebr. etwa יֶתֶר.
  11. Syr constituta; Lat probata = ἐδοκιμάσθη (Ηilg.). Volkmar liest nach Aeth prostrata die Ruhe ist gebettet. Die „Ruhe“ κατάπαυσις ist ein Terminus der Eschatologie; vgl. Hebr. 3,13ff.
  12. Dies ist der Sinn der Worte; vgl. Eph. 2,10.
  13. 1 Kor. 2,7.
  14. Lat Syr Aeth radix = ῥίζα. Der „Keim“ ist wohl term. techn. für den Keim zur Sünde; vgl. 4 Esra 3,22. Zum Gedanken vgl. Dan. 9,24 und Apok. Bar. 21,23.
Empfohlene Zitierweise:

Hermann Gunkel (Übersetzer): Das vierte Buch Esra. Mohr Siebeck, Tübingen 1900, Seite 382. Digitale Volltext-Ausgabe in Wikisource, URL: http://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:DasVierteBuchEsraGermanGunkelKautzsch2.djvu/52&oldid=1553937 (Version vom 16.05.2011)