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hast du sie im Bilde gesehen, wie sie um ihren Sohn trauert, und du selber hast schon begonnen, sie in ihrem Unglück zu trösten[1]. —

50 Nun hat der Höchste gesehen,

daß du im Innern betrübt bist
und aus ganzem Herzen um sie trauerst;
darum hat er dir ihren strahlenden Glanz gezeigt
und ihre wundervolle Herrlichkeit[2].

51 Ebendeshalb hatte ich dir befohlen, auf dem Gefilde zu bleiben, wo noch kein Haus gebaut ist; 52 denn ich wußte wohl, der Höchste werde dir dies ’Alles‘[3] offenbaren. 53 Darum befahl ich dir, auf das Feld zu gehen, wo noch kein Grund zu einem Bau gelegt ist; 54 denn es darf kein menschliches Bauwerk da bestehen[4], wo die Stadt des Höchsten sich offenbaren soll. — 55 Du also fürchte dich nicht, dein Herz erschrecke nicht; sondern geh hinein und besieh dir die Pracht und Herrlichkeit[5] des Baus, so viel nur deine Augen fassen und schauen können! 56 Darnach wirst du hören, so viel deine Ohren fassen und hören können[6].

57 ’Denn‘[7] du bist selig vor vielen
und hast vor dem Höchsten einen Namen wie wenige! —

58 Bleibe aber noch morgen Nacht hier; 59 so wird dir der Höchste in Traumgesichten zeigen, was[8] der Höchste in den letzten Tagen den Erdenbewohnern thun will.

Fünftes Gesicht.
Der Adler aus dem Meere.
Das Gesicht.

60 So schlief ich jene Nacht und auch noch die folgende, so wie er mir geboten. 11 1 In der zweiten Nacht sah ich einen Traum: Da stieg ein Adler[9] aus dem Meer[10] empor; der hatte zwölf[11] befiederte Flügel und drei Häupter[12]. 2 Und ich schaute, wie er seine Flügel über die ganze Erde ausbreitete, und wie alle Winde des Himmels auf ihn einbliesen, und ’die Wolken sich um ihn‘ sammelten. 3 Darnach schaute ich, wie aus seinen Flügeln Gegen-Flügel[13] entstanden, die wurden kleine und geringe Flüglein. 4 Die Häupter aber[14] schliefen; das mitt-


  1. Lat haec erant tibi aperienda, om. Syr Aeth Ar¹ Arm (auch Lat M); aber ähnlich Ar².
  2. D. h. die δόξα, die Zion als himmlischem Wesen zukommt. Diese Offenbarung der wahres Natur Zions als einer himmlischen Stadt ist die Hauptsache des Gesichts. Darin ist diese Vision vergleichbar der neutestam. Verklärungsgeschichte.
  3. Syr Aeth Ar¹ Arm ommia.
  4. ὑπομένω (Hilg.).
  5. μεγαλειότης (Hilg.).
  6. Der Prophet hat also damals noch vielerlei gehört und gesehen, was er nicht mitteilt! Das ist ein Zug, der deutlich zeigt, daß es sich hier um ein wirkliches Erlebnis handelt: zuletzt ist die Vision so herrlich, so überschwenglich geworden, daß jegliche Beschreibung aufhört; vgl. die ἄρρητα ῥήματα, die Paulus in der Verzückung gehört hat, 2 Kor. 12,4.

    „Was ich für Herrlichkeit geschaut
    Mit still anbetendem Erstaunen,
    Was ich gehört für sel’gen Laut,
    Als Orgel mehr und als Posaunen:
    Das steht nicht in der Worte Macht.“

    (Uhland, Die verlorene Kirche).
  7. Syr tu enim. Verwechselung von enim und autem.
  8. Wörtlich: diejenigen Gesichte von Träumen, die u. s. w.
  9. Hes. 17,3. Jer. 48,40. 49,22. Die bei diesen Visionen angeführten Stellenangaben sollen nicht ohne Weiteres bedeuten, daß 4 Esra daraus geschöpft hat, sondern zunächst nur, daß sie etwas Ähnliches bedeuten.
  10. Dan. 7,3.
  11. Auch Dan. 10-12 scheint 12 Könige Javans zu zählen.
  12. Vier Flügel und vier Häupter Dan. 7,6.
  13. ἀντιπτέρυξ Volkmar; πτέρυξ = βασιλεύς, ἀντιπτέρυξ = ἀντιβασιλεύς.
  14. Über nam vgl. zu 4,34. Derselbe Gebrauch von nam im Folgenden 11,21. 12,15.27.34. 13,45.
Empfohlene Zitierweise:

Hermann Gunkel (Übersetzer): Das vierte Buch Esra. Mohr Siebeck, Tübingen 1900, Seite 390. Digitale Volltext-Ausgabe in Wikisource, URL: http://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:DasVierteBuchEsraGermanGunkelKautzsch2.djvu/60&oldid=1074081 (Version vom 13.04.2010)