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Die Deutung.

29 Als ich noch so sprach, siehe, da kam der Engel zu mir, der schon im Anfange zu mir gekommen war; und als er mich sah 30 wie einen Toten daliegen mit entschwundenen Sinnen, da faßte er mich an der Rechten, stärkte mich und stellte mich auf die Füße. Und er sprach zu mir:

31 Was fehlt dir?
was entsetzt dich so?
warum ist dein Gemüt so bestürzt
und deines Herzens Sinn?

Ich sprach: 32 Weil du mich im Stiche gelassen! Ich habe nach deinen Worten gehandelt und bin aufs Feld gegangen, und ach, hier sah ich und sehe, was ich nicht erklären kann. Er sprach zu mir: 33 Tritt hin wie ein Mann, so will ich dich belehren[1]. Ich sprach: 34 Rede, Herr; nur verlaß mich nicht, daß ich nicht schuldlos[2] sterbe.

35 Denn ich habe gesehen, was ich nicht verstand,
und gehört[3], was ich nicht begreife.
36 Oder täuschen sich meine Sinne?
und träumt meine Seele?

37 Nun flehe ich dich an: erkläre deinem Knechte dies Schrecknis!

Er antwortete mir und sprach:

38 Höre mir zu, so will ich dich belehren
und dir kundthun, wovor du erschrickst;

denn der Höchste hat dir große[4] Geheimnisse offenbart. 39 Denn er hat deinen treuen Sinn erkannt,

wie du ohn’ Unterlaß um dein Volk getrauert
und tiefes Leid um Zion getragen hast. —

40 Dies ist der Sinn des Gesichts: das Weib, das dir vor Kurzem erschienen ist, 41 das du trauern gesehen und zu trösten[5] begonnen hast[6], 42 das dir jetzt aber nicht mehr in Weibesgestalt erscheint, sondern als eine ’erbaute‘[7] Stadt, 43 und das dir vom Unfall ihres Sohnes erzählt hat, davon lautet die Deutung: 44 dies Weib, das du gesehen hast, ist Zion, das du jetzt als erbaute Stadt schaust. — 45 Wenn sie dir gesagt, sie sei dreißig Jahre unfruchtbar gewesen: weil[8] in der Welt drei Jahre[9] vergangen sind, ehe Opfer darinnen[10] geopfert worden sind; 46 erst nach drei Jahren hat Salomo die Stadt gebaut und Opfer geopfert: damals gebar die Unfruchtbare einen Sohn. — 47 Wenn sie dir erzählt hat, sie habe ihn mit Mühe aufgezogen: das war die Zeit, da Jerusalem bewohnt war. — 48 Und wenn sie dir erzählt hat, ’ihr‘[11] Sohn sei, als er die Brautkammer betreten, gestorben: ’dieser Unfall, der sich ihr ereignet hat‘[12], ist die Zerstörung Jerusalems, die du erlebt hast. - 49 Nun


  1. noch immer nicht erschienene Herrlichkeit 9,29-37. Der Prophet glaubt in seiner menschlichen Kurzsichtigkeit, dies Gebet sei ihm abgeschlagen, weil er das Gesicht nicht versteht; in Wirklichkeit aber ist dies Gebet ihm gerade eben durch das Gesicht erfüllt. Wiederum ein feinsinniger Zug.

  2. Syr et demonstrabo tibi.
  3. הׅנָּם.
  4. ἀκούω.
  5. μυστήρια πολλά Nach Wellh. ist multus Hebraismus für magnus.
  6. consolo als Activum auch 10,49. 12,8; Bensly, Missing Fragment S. 17.
  7. Das ist der zarte Sinn der Trostrede Esras an das Weib: er ist gewürdigt worden, das trauernde Zion zu trösten: der schönste Beruf eines Propheten!
  8. Syr Aeth Ar¹ Arm civitas aedificta.
  9. Dies ist Stil der Deutung; vgl. Gen. 41,32.
  10. Diese drei Jahre sind die Jahre der Regierung Salomos bis zum Tempelbau 1 Kön. 6,1 und zugleich in mystischem Verstande die drei Weltjahre = 3000 Jahre von der Schöpfung der Welt bis zur Tempelgründung, Wellhausen.
  11. In Zion.
  12. Die Versionen haben hier sämtlich (Aeth Ar¹ auch schon V. 45.47; vgl. auch Arm) direkte Rede. Dies scheint überall das Ursprüngliche zu sein.
  13. Ar¹ quae magna ei (ihr) erat calamitas, haec est.
Empfohlene Zitierweise:

Hermann Gunkel (Übersetzer): Das vierte Buch Esra. Mohr Siebeck, Tübingen 1900, Seite 389. Digitale Volltext-Ausgabe in Wikisource, URL: http://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:DasVierteBuchEsraGermanGunkelKautzsch2.djvu/59&oldid=2248951 (Version vom 6.10.2014)