Seite:Die Leichenräuber-Gerstaecker-1846.djvu/7

aus Wikisource, der freien Quellensammlung
Wechseln zu: Navigation, Suche
Fertig. Dieser Text wurde zweimal anhand der Quelle korrekturgelesen. Die Schreibweise folgt dem Originaltext.

ihm nach, und wenn ich ihn nicht vom Leichenstehlen curire, so heißt mich einen Holzkopf.“

Der ehrliche Schmied drückte sich den Hut fest in die Stirn, und schien, ohne alle weiteren Umstände, seine Absicht auch ausführen zu wollen; Shark stellte sich ihm aber entgegen, erfaßte seinen Arm und sagte, während er sich mit der Linken leise das glatt-rasirte Kinn strich:

„Gentlemen, die Sache hat zwei Seiten – der Indianer gehört nicht mehr in den Staat – er liegt auf Congreßland begraben und wir haben eben so viel und so wenig Recht darauf, als der Doktor – gesetzlich könnten wir ihm also gar Nichts anhaben. Treten wir dabei die Sache breit, und fangen wir Streit an, so wird, mehr als nöthig ist, davon gesprochen und die Aufmerksamkeit der Indianer noch stärker nach Waterton gelenkt, als das bis jetzt schon geschehen; – ließe sich das Ganze nicht auf irgend eine andere Art beilegen?“

„Ist er denn aber auch nach dem indianischen Grabe?“ frug Mrs. Glassy – „das liegt doch gerade in ganz entgegengesetzter Richtung!“

„Nun natürlich wird er nicht bei Nacht und Nebel mit Hacken und Spaten mitten durch die Stadt laufen“ – sagte der Schulmeister – „so gescheidt ist er auch. Ich habe mir’s aber gedacht, ich habe mir’s wahrhaftig gedacht.“

„Ach was denken“, fiel der Schmied hier ärgerlich[WS 1] ein – „hol’ der Teufel das Denken, wir gehen hin, hauen ihm die Jacke voll, daß er das Wiederkommen vergißt und machen ihm dadurch begreiflich, daß er sich, wenn er einmal in Amerika leben will, auch so betragen soll, wie’s die Amerikaner verlangen.“

„Meine Herren!“ unterbrach ihn hier Shark – „dagegen muß ich zweierlei einwenden – erstlich habe ich einen fürchterlich hohlen Zahn, der schon jetzt wieder anfängt wehzuthun, und den ich mir vom Doktor morgen wollte herausreißen lassen, und dann – könnte die verwünschte Flinte doch einmal losgehen – die Art Schießeisen wartet gewöhnlich den Zeitpunkt ab, wo sie eigentlich nicht feuern sollte, und dann feuert sie erst recht. In dem einen Falle bräche er mir, um sich zu rächen, vielleicht die halbe Kinnlade aus, im anderen könnte er, was noch schlimmer wäre, einen von uns todtschießen; ich schlage also vor, daß wir uns auf etwas Besseres besinnen. – Wie wäre es zum Beispiel, wenn wir ihm den ersten Neger versprächen, der in der Ansiedlung stirbt?“

„Oh Go – Golly, Ma – Ma – Massa!“ schrie Sip entsetzt, „was hat a – a – arme Nigger gethan, – N – nein – Sipp we – we – weiß ’was Be – Besseres!“

„Heraus denn damit, du schwarze Nothflagge du“ – lachte Weppel – „heraus mit dem Be – Besseren!“

„Massa Bo – Botherme, fü – fü – fürchtet Indian – – i – i – ich schreie ge – gerad wie Indian“ – und ohne eine weitere Aufforderung abzuwarten, stieß der kleine Neger plötzlich in so täuschender Nachahmung und so scharf und gellend den trotzigen Schlachtschrei der Winnebagoes aus, daß Mrs. Glassy entsetzt zusammenfuhr, und selbst die Männer überrascht emporfuhren. Shark hatte aber im Augenblick begriffen, was der Knabe meinte, und rief jubelnd aus:

„Bei Gott, Kinder, ich hab’s – Sip hat recht, das ist ein kapitaler Einfall – wir wollen Indianer spielen. Dunkel ist’s, der Mond ist unter, da brauchen wir nur Jeder eine weiße wollene Decke umzuhängen, und unsere Garderobe ist fertig. Draußen schleichen wir uns denn an das Grab hinan, und wenn Sip hier zu schreien anfängt, und wir anderen einstimmen, dann denk’ ich, soll der gute Doktor glauben, alle drei ausgewanderten Stämme säßen ihm auf dem Nacken.“

„Da möchten wir aber auch unsere Büchsen mitnehmen,“ meinte Josy, dem der Einfall zu behagen schien, denn er schmunzelte ganz wohlgefällig vor sich hin.

„Ih Gott bewahre!“ sagte der etwas ängstliche Krämer – „wozu? der Wald ist dicht verwachsen, und so ein Ding könnte unterwegs einmal losgehen. Es soll ja auch gar kein Ernst aus der Sache gemacht werden.“

„Wenn sich aber der Doktor zur Wehre setzt“ – meinte Weppel.

„Nein, dafür steh’ ich,“ lachte der Wirth – „wenn der die Büsche rascheln und nachher den ächten Schlachtschrei hört, dann möcht ich meinen Hals darauf verwetten, daß er Fersengeld giebt, als ob der Böse hinter ihm wäre.“

„Aber reinen Mund müssen wir halten,“ meinte Shark – „sonst holt er ihn später am Ende doch noch.“

„Wenn der einmal verjagt ist, kommt er sobald nicht wieder“ – sagte Glassy – „übrigens ist’s einerlei, ob wir bei dem einen ächten oder unächten Schlachtschrei haben – der versteht ihn doch nicht zu unterscheiden – was hilft auch der Kuh Muskate – doch gleich viel, jetzt nur fort, daß wir nicht zu spät kommen. Er ist, wie Sip sagt, durch die Felder gegangen, da muß er einen weiten Umweg machen, bis er an den oberen Baum kommt, der über den Fluß liegt, sonst kann er nicht hinüber. Wir können indessen hier gleich über die Brücke, und auf der breiten Straße fortgehen, dadurch schneiden wir wenigstens eine halbe Stunde Weges ab. Du Frauchen, magst uns aber indessen einen heißen Punsch brauen, wenn wir wieder kommen, werden wir ihn brauchen können, und jetzt Ihr Herren – an’s Werk.“

Es war Nacht – droben vom Himmel blitzten in unendlicher Pracht die schönen herrlichen Sterne vom Firmamente nieder – ein leiser Südwind strich fast geräuschlos über die weite Prairie daher, nur das schwankende Gras bog er nieder, daß die hellen, daran blitzenden Thauperlen schwer hinab auf den feuchten Boden fielen. – Sobald er aber das Flußthal erreichte, wo die hohen kräftigen Bäume standen, da gewann er auch neue Macht, da schien er sich recht fest und trotzig zusammenzunehmen, und hinein warf er sich in die Wipfel, und rauschte und brauste hindurch, als ob er ihnen wunder ’was Wichtiges zu sagen habe. Die aber schüttelten leise und altklug mit den Köpfen – sie wußten recht gut, daß von dort her, aus dem weichlichen Süden, nichts Derbes und Tüchtiges hervorkommen könne. „Ja,“ sagten sie, „wenn er von da drüben herüber, über die Seen her, bliese, von den starren Eisgletschern
  1. Vorlage: ägerlich
Empfohlene Zitierweise:

Friedrich Gerstäcker: Die Leichenräuber. Braun & Schneider, München 1846, Seite 171. Digitale Volltext-Ausgabe in Wikisource, URL: http://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:Die_Leichenr%C3%A4uber-Gerstaecker-1846.djvu/7&oldid=1948834 (Version vom 1.02.2013)