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Keine Sagen sind die sogenannten merkwürdigen Begebenheiten oder Geschichten, mit denen manche Sagenbücher gestopft sind (wenn z. B. ein Affe mit einem Wickelkinde aufs Dach flüchtet u. a.) oder die nur den Aberglauben als solchen betreffen. Wie ist es nun mit den in bewußter literarischer Tätigkeit geschaffenen sagenhaften Erzählungen? Sind sie zu den Sagen zu rechnen? Sind sie reine Produkte eigener Phantasie, womöglich mit bestimmter Absicht erfunden (so z. B. die vielen Sagen zur Erklärung von Namen in landschaftlichen Geschichts- und Geographiewerken des 17. Jahrhunderts), so sind sie als Sagen abzuweisen. Manchmal hat aber auch ein bekannter oder unbekannter Dichter dem Volke ein Sagenkorn entnommen, poetisch befruchtet und dem Volke zur weiteren Ausbildung zurückgegeben, so daß eine Wechselwirkung zwischen bewußter und unbewußter Gestaltung eines Sagenstoffes entsteht. Solche Sagen sind der Niederschlag gewisser literarischer Strömungen und ihnen gegenüber ist die Sagenforschung Literaturgeschichte. Durch die Erkenntnis, wie das ursprüngliche Erzeugnis der Volksseele umgeprägt wird und sich dann wieder in der Masse verbreitet, gewinnt der Sagenforscher |
Karl Wehrhan: Die Sage. Wilhelm Heims, Leipzig 1908, Seite 8. Digitale Volltext-Ausgabe in Wikisource, URL: http://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:Die_Sage-Karl_Wehrhan-1908.djvu/16&oldid=1133027 (Version vom 4.06.2010)