Seite:Friedrich List und die erste grosse Eisenbahn.djvu/07

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gewesen wäre mit einer Zurücksetzung der Verdienste der übrigen bei dem Werke hervorragend Betheiligten. Um es dahin nicht kommen zu lassen, hat nicht lange nach der Errichtung des Harkort-Denkmals ein Mitbegründer der Bahn, nicht weit von jenem eine hohe, von einem prachtvollen eisernen Gitter umkränzte Porphyrsäule errichten lassen, welche auf ihrer vorderen Seite die Inschrift „Leipzig-Dresdner-Eisenbahn“ trägt und darunter die Worte:

„Erste große Verkehrsbahn Deutschlands, erste Locomotivbahn
     Sachsens — wurde angeregt 1833 durch
          Friedrich List,
     ins Leben gerufen durch Bürger Leipzigs:
Albert Dufour-Feronce, Gustav Harkort, Carl Lampe, Wilhelm Seyfferth.“

Auf der Rückseite wird der Ober-Wasserbau-Inspector Kunz als Erbauer genannt, und erwähnt, daß am 1. März 1836 der erste Spatenstich gethan, am 7. April 1839 die Gesammtlinie eröffnet und am 1. Juli 1876 die Bahn an den Staat übergeben wurde. Auf den beiden Seitenplatten stehen die Namen des ersten und letzten Directoriums der Eisenbahncompagnie. —

Der Name des Mannes, der diese Säule aufstellen ließ, ist öffentlich nicht genannt worden, doch vermuthet man, daß es Bankier Wilhelm Seyfferth war, derselbe, welcher zuerst, durch List angeregt, den weiteren Anlaß zur Bildung eines Eisenbahncomités gegeben hat, und derselbe, von welchem auch schon in einem Berichte[1] über die Feier der Betriebseröffnung
  1. Dieser Bericht bietet auch insofern besonderes Interesse, als er uns mitten hinein versetzt in die damalige festliche Stimmung des Publicums und der Theilnehmer an der Betriebseröffnung und als wir zugleich Aufschluß erhalten über die ersten Betriebseinrichtungen. „Endlich erschienen“, so heißt es da u. A., „die langersehnten und besprochenen Bekanntmachungen, welche die Eröffnungsfeierlichkeiten der Bahnstrecke von Leipzig bis zum Dorfe Althen auf den 24. April (l837) ansetzten. Die erste (S. das Bild), oder die Probefahrt, hatte das Directorium des Eisenbahn-Comité’s selbst zu machen beschlossen, um durch seinen Muth und eine futchtlose Zuversicht die Solidität und Gefahrlosigleit des Werkes zu besiegeln. Es waren aber auch zu derselben Fahrt die höchsten Behörden und einige andere, die das Directorium zu ehren und auszuzeichnen hatte, dazu eingeladen worden. — Der Tag kam. Die ganze Bahnstrecke atmete auf einmal die schönste Ordnung und Einheit. Die Wärter der Bahn erblickte man in schwarzgrauen Röcken mit blauen Aufschlägen, bedeckt mit einem breitgekrämpten Hute mit gelbem Schilde. Die Schaffner der Wagen trugen dieselbe Kleidung und nur anstatt der Hüte leichtere Mützen von schwarzem Tuche mit blauen Streifen. Längs der Bahnstrecke hatte sich eine ungeheure Menschenmasse aufgestellt, und aus Leipzig [8] wogte es noch unaufhörlich, so daß die volkreiche Stadt trotz der Messe und der ungeheuren Anzahl Fremder wie verödet schien. Um 9 Uhr sollte die erste Fahrt beginnen. Sechs Wagen standen bereit, die Zahl der Geladenen aufzunehmen. Der erste war ein offener Wagen, gefüllt mit dem Musikchore des in Leipzig garnisonirenden Schützenbataillions, das seine freudigen rufenden Hörnerklänge weit hin in die Lüfte sendete und alle Herzen jauchzen machte. Die übrigen fünf verdeckten Wagen waren von der äußersten Eleganz, im Innern bequem wie Sopha’s. Schon schnaufte der prächtige „Blitz“, der die Wagen führen sollte, wie ein ungeduldiges Roß aus seinen Nüstern und harrte voll innerer Unruhe des ersten Glockenschlages der 9. Stunde als des Zeichens der Abfahrt, da hörte man auf einmal, es war 3 Minuten vor 9 Uhr, den jauchzenden Jubelruf det dichtgedrängten Menschenmenge: „Prinz Johann kommt!“ Und wirklich langte der edle allverehrte Prinz mit seinem ältesten Sohne Albrecht und dessen Erzieher, dem Geheimen Rath von Langenn direct von Dresden an. Der vortreffliche Fürst war zwar erhofft und ersehnt worden, aber man hatte doch nicht mit Bestimmtheit seiner Ankunft entgegengesehen. Um so größer war die Freude. Se. kgl. Hoheit war die ganze Nacht über gefahren, um an der Eröffnungsfeierlichkeit Theil zu nehmen. Und es muß gesagt werden, wo irgend Etwas die Interessen des Vaterlandes vereinigte, fehlte gewiß nie Einer aus dem alten, treuen Fürstenstamme des Hauses Wettin! Schnell bereitete man d1e Plätze für die erhabenen Gäste vor. — Punkt 9 Uhr setzte sich der mit Kränzen und Fahnen geschmückte „Blitz“ in Bewegung. Der Donner der Böller und der Jubelruf der Mitfahrenden und der Zuschauer begleiteten die Wagen aus dem mit Wimpeln geschmückten Bahnhofe. Manche Wagen und Reiter versuchten den brausenden Stürmer aus der nahen fast parallel laufenden Chaussee zu begleiten, um an seine Kräfte und Schnelligkeit den richtigen Maßstab zu legen. Anfangs langsam rollend, brauste der Dampfwagen immer schneller und schneller dahin. Bald war er aus dem Gesichtskreise der ersten Zuschauer. Ueberall salutirten die aufgestellten Militärpickets und Wachen, jeder Bahnwärter stand gravitätisch auf seinem Posten und gab mit der vorgestreckten Hand das Zeichen, wie alles in Ordnung sei. Man flog über die zwei Chausseen, die Dörfer rechts und links liefen im Nu an dem Blicke vorüber. Sellerhausen, Paunsdorf, Engelsdorf, Sommerfeld — da lag Althen, und der Willkommen des hier vereinigten Musikchors aus Leipzig löste die Militärmusik ab, welche den lärmenden Wagen auf der Fahrt zu übertönen gesucht hatte. Man war 20 Minuten gefahren, denn nicht allein, daß der Wagenmeister (Locomotivführer) auf dieser kurzen Strecke nicht die [9] volle Kraft des Dampfes in Anspruch nahm, so steigt noch dazu die Bahn bis zu dem gegenwärtigen Ziele, wenn auch sanft, so doch stetig an, so daß die Fahrt rückwärts mit derselben Kraft stets 5 Minuten früher beendet ist. — Die Ankommenden wurden von Denen, die vorausgeeilt waren, mit Zuruf empfangen, und Se. Kgl. Hoheit war mitten in dem Volke der Sachsen ein Zeuge der hohen Freude, mit welcher Alle den Tag dieser vaterländischen Unternehmung begrüßten. — Das Directorium hatte für die Eingeladenen und Fremden ein reiches Frühstück bereit gehalten. An der Tafel herrschte Frohsinn, Unbefangenheit und herzliche Innigkeit, die sich in den verschiedenen und zahlreichen Toasts aussprachen.“ Darunter war auch der oben erwähnte von Seyfferth auf List.
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Robert Krause: Friedrich List und die erste große Eisenbahn Deutschlands. Leipzig 1887, Seite 6. Digitale Volltext-Ausgabe in Wikisource, URL: http://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:Friedrich_List_und_die_erste_grosse_Eisenbahn.djvu/07&oldid=1268339 (Version vom 17.10.2010)