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Liste.png Reinhold Steig: Literarische Umbildung des Märchens vom Fischer und siner Fru. In: Archiv für das Studium der neueren Sprachen und Litteraturen

Thalmann, der sehr verwundert ist, als der Vogel ihn anredet und ihm die Erfüllung dreier Wünsche für seine Freiheit bietet. „Der Thalmann war klug“ (fährt Arnim fort), „er fragte nicht erst seine Frau, sondern sprach zu ihm“ – und wir empfinden hier eine scherzhafte Hinweisung auf Runges Fischer, der gerade erst durch seine Frau zum Wünschen getrieben wird. Thalmann also antwortet dem gefangenen Wasserstar:

Du hältst mich für ein Kind
Und meinst, ich würd’ geschwind
Mir so ein Übermaß von Glück erwählen,
Daß ich in aller Schmach mich müßte quälen.
Nein, Vögelchen, ich mag kein Gott auf Erden,
Kein Kaiser oder Papst hier werden,
Doch einen Vogel, der so reden kann,
Für gutes Geld zu bringen an den Mann,
Das ist ein sicherer Gewinn!

Wir bemerken hier wieder die scherzende Wendung gegen das Rungesche Märchen. Der Vogel wird nun rasch in das Schloß des jungen Grafen gebracht und macht den beiden Kindern vielen Spaß. Der gute Thalmann muß sich hinsetzen und ihnen noch recht lange zusehen. Er erzählt, wie er sich von den bedenklichen Fragen des Vogels nicht habe fangen lassen, „weil er die Geschichte wohl gewußt.“ Die Kinder fragen neugierig: welche Geschichte? und „der Fischer ließ sich nicht lange bitten, sondern erzählte ihnen in aller der Umständlichkeit, die Erwachsenen so unbequem ist.“ Wieder eine merkwürdige Kritik des Märchenvortrages. „Wir wollen seine Erzählung zusammenziehen,“ sagt Arnim, und nun gibt er, in der Tat im halben Umfange des Rungeschen Märchens, die folgende Darstellung:

„Ein alter Fischer heiratete ein junges Mädchen, und da er seines Alters wegen wenig mehr mit seiner Angel fangen konnte, die Frau aber viel verbrauchte weil sie jung war, so mußten sie gar bald ihr Haus verkaufen und wohnten auf einem Kahne mitten auf dem Rheine, lebten von den Fischen, die der Alte angelte, und deckten sich Nachts, wenn sie schliefen, mit dem alten Segel zu. Die junge Frau fror Nachts zuweilen, der Alte aber schlief fest und merkte doch im Schlafe aus Gewohnheit, wenn die Angel in seiner Hand von einem Fisch angebissen und fortgezogen worden; eines Tages zuckte die Angel so stark, daß

Empfohlene Zitierweise:

Reinhold Steig: Literarische Umbildung des Märchens vom Fischer und siner Fru. In: Archiv für das Studium der neueren Sprachen und Litteraturen. Georg Westermann, Braunschweig 1903, Seite 14. Digitale Volltext-Ausgabe in Wikisource, URL: http://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:Steig_Umbildung_Fischer_und_siner_Fru.djvu/7&oldid=1375625 (Version vom 12.12.2010)