Sybilski
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XXVI. Sybilski.
Der alte, brave königl. polnische und kurfürstliche sächs. General Johann Paul Sybilski von Wolfsberg [89] wird – ich weiß in der That nicht, warum? – für einen wahren Teufelsbanner, Hexenmeister und Zauberer ausgegeben, der mit dem – Gott sey bei uns! – einen vesten Bund abgeschlossen gehabt – und noch sind von ihm und seinem Adjutanten in Teufelskünsten (dem bereits meinen Lesern bekannten Martin Pumphut, dem Idol der Müllerburschen) mancherlei Sagen im Munde des gemeinen Mannes. – Ich will einige davon zum Besten geben.[1] [90] So ließ er z. B., ehe er jenen Streich zwischen Lommatzsch und Zehren ausführte, am Tage vorher sein [91] Regiment zu drei Mann über einen auf der Erde ausgebreiteten schwarzen Mantel marschiren und rief ihnen zu: „Bursche, wenn ihr in’s Gefecht kommt, vergeßt nur meinen Namen nicht, es bleibt kein Mann, der Feind verlieret einen Großen!“ Er griff daher am 13. Decbr. 1745 die feindliche Nachhut an, eroberte drei Fahnen, zwei Paar silberne Paucken, und soll – mirabile dictu! keinen Mann verloren haben. – Preußischer Seits fiel der General v. Röhl.[2] Vor der Schlacht bei Kollin am 18. Juni 1757 soll er allemal bei’m neunten Mann jedes Gliedes einige unverständliche Worte gemurmelt und seinen Leuten den Sieg versprochen haben. Der glückliche Zufall bewahrheitete es, denn dieß brave Regiment erbeutete neun Fahnen. Da er noch als junger Offizier in Polen stand, fand einst, wie damals nicht selten – in Dresden ein glänzender Maskenball Statt, worüber Einer seiner Kameraden äußerte, wie er seelengern ihm beizuwohnen wünsche; allein es fehle ihm an Gelde, auch sey – indem der Ball übermorgen beginne – die Zeit zu kurz – selbst wenn man Dr. Faust’s Mantel besäße – zur rechten Zeit daselbst einzutreffen. Sybilski, der es gehört, nahte sich und raunte ihm in’s Ohr: „Geld ist’s wenigste, vertraue mir, Kamerad! Uebermorgen Nachmittags um drei Uhr stell dich vor’m Thore bei der großen Fichte ein, wir brechen auf und sind noch vor dem Beginn [92] der Redoute in Dresden!“ Verblüfft sah ihn der Balllustige an, wollte sprechen; allein Sybilski gebot ihm Stillschweigen und entfernte sich. Zur bestimmten Zeit und Orte erschien der Krieger und fand bald Sybilski, der in seinem rothen Mantel gehüllt, angeschritten kam, er schlang selbigen um ihn, befahl ihm, weder rück- noch vorwärts zu blicken, und nun ging’s fort durch die Luft, als flögen sie davon. Abends Schlag fünf Uhr befanden sie sich in Dresden, hatten noch Zeit genug sich zu sammeln und einen Maskenanzug zu wählen, worauf sie mit jugendlichem Frohsinn der Redoute beiwohnten, am andern Morgen um neun Uhr Dresden verließen und auf dem Mantelfuhrwerke Mittags um eilf Uhr auf dem Paradeplatze in Warschau probemäßig gekleidet, eintrafen. In Großsärchen bei Hoyerswerda soll er den vorbeifließenden Bach – um ihm eine andere Richtung zu geben – umgeackert haben, da ihm aber der vorgespannte polnische Ochse scheu geworden, so habe der Bach seinen noch gegenwärtigen krummen Lauf erhalten. Nach Dresden fuhr er von Särchen aus in unglaublich kurzer Zeit, lenkte die Pferde und befahl dem Kutscher sich hinten in dem Wagen schlafen zu legen. Endlich wachte der Kutscher auf, sahe sich um und bemerkte mit Staunen, daß ihre Reise nicht auf der Erde fort, sondern durch die Luft ging. Im ersten Schreck schrie er laut auf und wollte aufstehen, allein sein Herr bedrohte ihn hart, und hieß ihm, sich ruhig niederlegen, indem sie sonst beide sehr unglücklich seyn könnten. Während des Gesprächs waren sie auch wirklich schon in Gefahr gekommen, indem sie aus [93] Unachtsamkeit des Herrn sich nicht hoch genug gehalten, daher der Wagen an die Thurmspitze der kamenzer Hauptkirche angefahren und sie gebogen habe, in welchem Zustande sie sich auch noch bis zum 15. Jänner 1791, wo der Blitz in den Thurm schlug und die Haube desselben bis auf die Mauer verbrannte, befand. Kam einst der verrufene Pumphut, welcher ihm seine Künste anprieß (und nachher sein treuer Achates wurde), zu ihm. Sybilski warf schwarze Haferkörner in den Kacheltopf, welche sich sofort in Fußvolk verwandelten, herauskletterten, sich auf dem Schloßhofe versammelten, manövrirten, sich wieder in ihre kupferne Kaserne begaben und als schwarze Haferkörner darinnen lagen. Pumphut langte aus einer am Fenster stehenden Mulde einige Erbsenkörner heraus, warf sie ebenfalls in den Kacheltopf, welchem flugs völlig equipirte Reiter entstiegen. Allein da er Sybilski’s Worte nicht wußte, vermochte er sie nicht wiederum in den Kacheltopf zu bringen, vielmehr setzten sich ihre Klingen auf seinem Buckel in unangenehme Bewegung und nur Sybilski’s Machtworten gehorchten sie.[3] Wäre doch diese Kunst nicht verloren gegangen, so würden mehr Kriege geführt und nicht so viel Klagen über Rekrutenaushebungen laut werden! [94] Einst soll er auch dem Pachter auf dem Ostravorwerke bei Dresden die Schaafe in Schweine verwandelt haben, wobei selbiger – selbst wenn daselbst schon Elektoralwolle gäng und gebe gewesen wäre – nicht viel eingebüßt haben wird. Auch behauptet man, wie er – noch vor Hufelands Makrobiotik – eine Essenz, das menschliche Leben zu verlängern, besessen habe. – Richtig, denn er wurde 86 Jahre alt.
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