Torquato Tassos befreytes Jerusalem. Sechster Gesang
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Torquato Tasso’s befreytes Jerusalem
teutsch durch
A. L. Follenius.
Tankred hat mit dem Heiden Argant einen Zweykampf bestanden. Beyde, verwundet, scheidet die Nacht. Am sechsten Morgen drauf soll sich der Kampf erneuern. Sechster Gesang.
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54.
Es ließ zurück die grausenvolle Fehde [179]
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Nur von der Kraft, der Kühnheit geht die Rede, So man bey Diesem wie bey Dem erfunden. 55.
Und schwebt in Sorgen, harrend, wer von dannen 10
Als Sieger geh’ aus dem unbänd’gen Schlagen; Ob es der Wuth gelingt den Muth zu bannen, 15
Die von des Kriegsgotts ungewisser Schlichtung Befahret ihres bessren Theils Vernichtung. 56.
Sie war ein Kind Kassan’s, dem die Gefilde 20
Dann in die Hände Christi Siegerschaaren. Nun aber wies sich ihr der Tankred milde, 57.
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In hohen Ehren dient’ er ihr und sandte Sie frey zurück, der Ritter seltner Güte; 30
Im edlen Leib ein königlich Gemüthe, Und blieb von Lieb gefesselt, so die Schlingen 58.
So kam’s, daß, war der Leib auch frey, doch immer 35
Von Ihm zu scheiden, nichts bedünkt ihr schlimmer, Vom süßen Herrn, von den geliebten Banden. 40
Mit der betagten Mutter hinzueilen.59.
Und sie begeben sich gen Sion’s Mauern, 45
Doch ward vom Schmerz und innigen Bedauern, So im unseel’gen Bann ihr Herz durchdrangen, 60.
Sie liebt und glüht; bey’m Hoffen Trost zu holen 50
Mußt’ ihres Looses Unstern ihr misgönnen, Und Speiße den verschlossnen Liebeskohlen 55
Gen Sion mit den Christen zog inzwischen Der Tankred her, ihr Hoffen aufzufrischen. 61.
Die andern Städter allzumahl erschauen 60
Weilt fröhlich auf dem stolzen, ehrnen Schwarme. Den lieben Freund aufsuchend, rings die Auen 62.
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Ein alter Burgturm, der gen Himmel strebet, Ist dort, gleich wo die Festungsmauer steiget, 70
Bis daß die finstre Nacht zuthale steiget, Durchschweift mit Blicken das Gezelt der Franken 63.
Von diesem Turm lauscht sie dem Kampfgewitter; 75
Daß es zu sagen scheint: „dein theurer Ritter Ist der, der drunten schlägt die Todesschlachten!“ 80
Tief in der Seele fühlt sie Schlag und Schneide.64.
Doch wie sie recht es hört, wie sie vernommen, [183]
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Nun beben Seufzer, die verstohlen kommen, Nun läßt sie die verschwiegne Zähre rinnen; 65.
Die Seele zeigt ihr ein Gebild voll Grauen, 90
Das immer, immer wild die Brust empöret. Und Schlaf dünkt ärger nun, denn Tod, der Frauen, 95
„Herminia hilf!“ und ist der Traum zerflossen Fühlt Aug’ und Busen sie von Thau begossen. 66.
Doch was ihr Herze schlagen macht und bangen, 100
Schwebt ihre Seele sonder Rast in Sorgen. Und die Gerüchte, die umher sich schwangen, 67.
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Und weil der Kräuterkraft geheimste Kunde Dem Töchterlein die Mutter einst ertheilet, 110
Bey Asiens königlichen Töchtern weilet - So wünschet sie, daß nun durch ihre Hände 68.
Den Freund zu heilen, dahin geht ihr Trachten, 115
So daß Gedanken oft in ihr erwachten, Mit argem Todeskraut ihm zu vergeben. 120
An Ihm verliehren all die Heilungskräfte.69.
Und ohne Beben würde schon sie gehen, 125
Daß Herz und Keckheit zu Gebot ihr stehen, Mehr als sie durch Geburt ihr eigen waren; 70.
Vor Allem scheucht der kühne Gott der Minne 130
Dem weichen Busen jegliches Besorgen; Bey Tigern glaubte sie und mitteninne 135
Im Herzen kämpfen zwey feindseel’ge Triebe,Und zwey gewalt’ge Gegner: Ehre, Liebe. 71.
„O Mädchen – also klingt’s von jener Seite – 140
Dir, Sklavinn einst in feindlichen Gewalten. Dies holde Mädchenthum wirft die Befreyte 72.
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So leichtlich lässest du den Preis des Ruhmes Der Zucht und keuschen Sitte dir entwinden? 150
Verlust macht’ auch den Königssinn dir schwinden; Nicht würdig bist du mein; für andre Leute 73.
Dann wird zur Lust sie wieder hingezogen 155
„Bist du gezeugt vom kalten Fels der Wogen, O junges Blut? von Bärenmilch gesäuget? 160
Daß Schmach es wäre, Liebende zu heißen?74.
O gehe nur, wohin dein Wunsch dich führet! 165
Nein Du bist grausam, die so träge führet, Wo’s gilt, dem Treuen hülfreich zu erscheinen! 75.
Ja, heil’ Arganten, daß es seinem Schwerde 170
Gelinge, deinen Retter umzubringen! So wähnst du, daß die Schuld gezahlet werde? 175
Gnügt Abscheu nicht und solches Unheils Drohen, Dorthin zu ziehn, im schnellsten Flug entflohen? 76.
Wohl wär’ es Menschenpflicht und wohl empfände 180
Dem starken Heldenbusen anzufügen: Daß so durch sie des Freundes Leid verschwände, 77.
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Theil würde sie an seinem Lob erlangen Und des erhabnen Ruhmes stolzer Beute, 190
Im Kreis der Römermütter und der Bräute Dort in Italja’s wunderschönem Lande, 78.
So wird sie, ach! von Hoffnungswahn betrogen, 195
Doch schwimmt sie noch in tausend Zweifelswogen, Wie ohne Fahr sie aus der Stadt entrinne. 200
Denn um gewicht’gen Grund, sich aufzuthuen. –79.
Es weilet oft Herminja bey Klorinden, 205
Und wenn die Tageslichter all entschwinden, Umfängt ein Lager auch die schönen Beyden; 80.
Nur hievon thut ihr nie Herminja Kündung; 210
Und hört die Freundinn Klagen und Gewimmer: Dann deutet anders sie des Herzens Zündung, 215
Sey sie im Rath, im Felde, oder dorten,Nie schlossen sich der Freundinn ihre Pforten. 81.
Einst kömmt sie hin, und anderswo verweilet 220
Wie sie verstohlen schleicht aus ihren Schranken. Da in verschiedne Pläne noch sie theilet 82.
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Und stöhnend sagt sie: „O zu seel’gen Loosen Ist doch die wunderkühne Maid erkieset! 230
Kriegsmuth kein neidisch Kämmerlein verschließet. Ihr Kleid ist Stahl. Wann sie zu gehn begehret, 83.
Konnte mein Loos nicht gleiches mir erlauben, 235
daß ich für Panzer auch und Waffenhauben Umtauschen dürfte Frauenschley’r und Rocken? 240
Im Feld in Waffen, mit Gefolg, alleine?84.
Dann durstest Du nicht, wilder Fürst Argante! 245
Hier hätt’ er nur durch seine liebentbrannte Feindinn ein leicht und mildes Joch erhalten, 85.
Und wenn sein Arm dagegen meinem Blute 250
Bahn brach durch diese Brust mit Herzenswunden: Durch Schwerdschlag durfte die vom Liebesmuthe 255
Der Sieger ein’ge Ehre wol gewähren Der Asch’ und dem Gebein: ein Grab und Zähren! 86.
Doch ach, ich wünsch’ Unmöglichkeit! vom Schwarme 260
Nach Art gemeiner Weiber, hier verzagen? Nicht bleib’ ich, nicht! Muth stärkt mir Herz und Arme! 87.
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Ich könnt’, ich könnt’ es! Liebesgeister machten Mich stark, die hohe Kraft in Schwache bringen, 270
Will nur mit ihr die Liebeslist vollbringen; Klorinden spiel’ ich; sicher werd’ ich gehen, 88.[WS 1]
So hoff’ ich, daß ich leicht durchs Tor entrinne; 275
Ich finde keinen Weg, wie sehr ich sinne; Mir, dünkt mich, öffnet sich nur dieser eben. 280
Dieweil Klorinde noch verweilt beym Schache“.89.
Beschlossen ist’s. Gespornet, hingerissen 285
Sie war allein; kein Diener konnt’ es wissen; Die gingen, als sie kam; leicht kann sie’s wagen. 90.
Als nun die Dunkel sie am Himmel schaute 290
Und flimmern hier und da der Sterne Feuer: Rief sie den Knappen schnell mit leisem Laute, [199]
Und eine Zof’, ihr lieb und hold: vertraute 295
Enthüllt den Plan, daß sie vonhinnen fliehe, Und daß ein andrer Grund sie weiter ziehe. 91.
Indeß nun rasch der treue Schildgeselle, 300
Vom Haubte bis zur Sohl’ hernieder gleitet, Und steht im Unterkleid so schön zur Stelle, 92.
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Sie zwängt und preßt in härtsten Stahl die milde, Jungfräul’che Brust und Lockengold zumahle; 310
Hell funkelnd um und um im Waffenstrahle. Auf lacht der Liebesgott! so selbst zufrieden, 93.
O wie die übermächt’ge Last sie preßte, 315
Hält an die treue Zofe stets sich feste, Die bey ihr gehn muß, stützend und geleitend. 320
Mit dem sie jach sich in die Bügel schwingen. u. s. w.Anmerkungen (Wikisource)
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