„Unser Vaterland“

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Titel: „Unser Vaterland“
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aus: Die Gartenlaube, Heft 17, S. 292
Herausgeber: Ernst Keil
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Erscheinungsdatum: 1877
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Quelle: Scans bei Commons
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[284]
Die Gartenlaube (1877) b 284.jpg

Der unterbrochene Tanz.
Originalzeichnung von Alois Gabl.

[285]
Die Gartenlaube (1877) b 285.jpg

Die Ringer.
Originalzeichnung von F. Defregger.

[292] „Unser Vaterland“. (Mit Abbildungen S. 284 und 285.) Wer dem deutschen Volke in eindrucksvoller Weise ein Bild des großen Vaterlandes entrollen will, der muß bei der eigenartigen Natur unseres Volksstammes vor Allem an das Herz appelliren; er muß sich nicht sowohl an das Vaterlands- wie an das individuelle Heimathsgefühl jedes Einzelnen im provinziellen Sinne des Wortes wenden; denn hier liegen – ein naturgemäßes Ergebniß unseres geschichtlichen Entwickelungsganges – die tiefsten Wurzeln unseres nationalen Gemüthslebens. Für den Schilderer mit Feder oder Stift giebt es aber keinen wirksameren Weg zum Herzen des deutschen Volkes als den einer fortschreitenden Charakterisirung des großen Vaterlandes von Landschaft zu Landschaft. Wer so schildert, der wird uns die einzelnen Theile des imposanten Ganzen in ihren Besonderheiten und Eigenthümlichkeiten vorführen und dadurch im Laufe der Darlegung jedem Leser, jedem Beschauer an irgend einem Punkte ein ihm besonders Liebes darbieten, das seinem Gemüthe eine willkommene Nahrung giebt, er wird uns aber auch als Summe dieser einzelnen Theile ein concretes Gemälde liefern, das sich der verstandesgemäßen Auffassung Aller anschaulich und bedeutsam nahe legt.

Dieser Idee leiht ein Unternehmen Ausdruck, welches unter dem Titel „Unser Vaterland“ bei Gebrüder Kröner in Stuttgart erscheint und als ein Volks-Prachtwerk bester Art bezeichnet werden darf. Es sucht seinen ausgesprochenen Zweck, jedem Vaterlandsfreunde ein Beitrag zur Kenntniß der deutschen Lande zu werden, auf die oben angedeutete Weise zu erreichen, indem es nach jahrelangen Vorbereitungen die Arbeit von mehr als einem Hundert bewährter Schriftsteller, Zeichner, Maler, Holz- und Formschneider aus allen Bezirken Deutschlands in sich zusammenfaßt und uns so ein umfassendes Conterfei des deutschen Lebens in Land und Leuten, in Geschichte und Culturgeschichte, in Sitten und Volksleben durch Wort und Bild vor’s Auge rückt. Neben eingehender Schilderung der landschaftlichen Reize unseres Vaterlandes will es die Gesammtheit des deutschen Volkes in seinem Schaffen und Wirken, in seinem Denken und Dichten in den Kreis der Betrachtung ziehen; es will den geistigen Arbeiter aufsuchen in seiner Werkstatt, aber auch den Forstmann im Walde, den Fischer am Strande, den Bauer auf dem Felde, den Bergmann im Schachte und den Handwerker und Industriellen im Arbeitssaale und in der Fabrik. Und neben dem Ernste der Arbeit wird hier namentlich auch die heitere Seite des deutschen Lebens nicht vergessen werden: der Volkshumor und die Volkspoesie sollen in ihren drastischen wie in ihren idealen Aeußerungen entsprechend vertreten sein, und über Allem wird der Geist künstlerischer Gediegenheit wehen.

„Das ganze Deutschland soll es sein.“ Denn das „Reich“ sowohl wie Deutsch-Oesterreich ist es, was das dankenswerthe Werk in seinen Rahmen zusammenzufassen gedenkt. Durch Eintheilung in einzelne Serien wird es den praktischen Rücksichten auf das Publicum insofern Rechnung tragen als es ieden einzelnen Landschaftsabschnitt als ein für sich käufliches, möglichst abgerundetes Ganzes behandeln wird. – Die zunächst erscheinende erste Serie „Die deutschen Alpen“, herausgegeben von unserm geschätzten Mitarbeiter Herman von Schmid in München, liegt uns bereits in den sechs ersten Aushängebogen vor und entspricht an künstlerischer und textlicher Gediegenheit wie an Eleganz der äußeren Ausstattung durchaus dem günstigen Vorurtheile, mit dem wir dem Erscheinen des Unternehmens entgegensahen. Wir dürfen es in seinem Fortgange mit um so zuversichtlicheren Hoffnungen begleiten, als in Betreff des literarischen Theils Namen wie Ludwig Steub, I. Zingerle, Karl Stieler und andere für den Erfolg bürgen, während die illustrativen Aufgaben in den Händen eines R. Püttner. F. Defregger, A. Gabl und Genossen wohl einer glänzenden Lösung sicher sein dürfen. Die in unsrer heutigen Nummer wiedergegebenen trefflichen Illustrationsproben von der Hand der beiden letztgenannten Meister werden unsre Hoffnung gewiß gerechtfertigt erscheinen lassen.

Der Gedanke des Werkes ist nicht gerade neu; er ist in frühern Jahrhunderten – wir erinnern nur an die Merian’schen „Topographien“ des siebenzehnten Jahrhunderts – vereinzelt, in dem gegenwärtigen aber mehrmals in ähnlicher Weise verwirklicht worden, in so plan- und lichtvoller Ausführung wie hier dürfte er jedoch noch nicht realisirt worden sein. Wenn wir das Unternehmen daher schon deshalb willkommen heißen, so geschieht dies in noch höherm Grade im Hinblicke auf das nicht zu unterschätzende volkspädagogische Moment, das ihm innewohnt, im Hinblicke auf die ihm zu Grunde liegende nationale Idee.