Ein amerikanischer Wunderschwindel

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Autor: Curt Thiersch
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Titel: Ein amerikanischer Wunderschwindel
Untertitel:
aus: Die Gartenlaube, Heft 17, S. 291–292
Herausgeber: Ernst Keil
Auflage:
Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1877
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Quelle: Scans bei Commons
Kurzbeschreibung: Zwei Wunderheilungen in den USA
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[291] Ein amerikanischer Wunderschwindel. Die jüngste unter den Großstädten des amerikanischen Continents, Chicago, macht wieder einmal viel von sich reden, und zwar in einer Angelegenheit, die nicht eben geeignet ist, ihren guten Ruf in der Union beträchtlich zu heben. Schon jetzt haben die auswärtigen Blätter in wenig schmeichelhafter Weise die Sache aufgegriffen und scheinen Chicago, als der Geburtsstätte dieses neuen Schwindels, über den ich berichten will, einen Theil der Verantwortlichkeit für denselben aufbürden zu wollen.

Man hört in den Vereinigten Staaten Chicago öfters die „Wunderstadt“ nennen, eine Bezeichnung, welche es wohl hauptsächlich seinem schnellen Wachsthume vom Fischerdorf zur Weltstadt, seinen seltsamen Entwickelungsverhältnissen und ganz besonders seinem raschen Wiederaufbau nach der verheerenden Feuersbrunst des Jahres 1871 verdankt. Diese Bezeichnung hat jedoch in den letzten Tagen noch eine weitere und sehr unliebsame Bedeutung erhalten, welche die Stadt in unerwünschte verwandtschaftliche Beziehungen zu Marpingen und Lourdes bringen kann. Würden diese modernen Wunder, die sich hierselbst ereignet haben sollen, von den Kanzeln der alleinseligmachenden Kirche verkündet, so würde die ganze Angelegenheit kaum der Besprechung werth sein. Warum sollen nicht auch einmal in Amerika an einigen arbeitsscheuen Bummlern oder an fanatischen Menschen, die in der Kunst des Verstellens geübt sind, angebliche Wunder verübt werden? Die Ursprünglichkeit der Chicagoer Wunder besteht darin, daß sie sich in der protestantischen Welt ereignet haben sollen und von protestantischen Geistlichen ihren gläubigen Gemeinden verkündet werden. Es sind nicht etwa Wunder der Industrie und der Freiheit, wie sie der rastlos thätige, unermüdliche Menschengeist ersann, nein, Wunder der religiösen Verblendung.[1] Ein Wunder in dieser lichtvollen Gegenwart, im geräuschvollen Getriebe einer unserer großen Welthandelsstädte – ist das nicht der reine Geisterspuk beim hellen Scheine der Mittagssonne?

Das erste Wunder wurde kürzlich von einem jungen Geistlichen dem Reverend Arthur Mitchell, der Stadt Chicago verkündet, die ziemlich verblüfft dreinschaute und offenbar anfänglich nicht mehr zu wissen schien, wie sie die Geschichte auffassen sollte, bis schließlich die Einen sich anschickten, die Erzählung von dem neuen Wunder gläubig hinzunehmen, während die Anderen gegen den schändlichen Unfug einen geräuschvollen Protest erhoben, sodaß Reverend Mitchell vielleicht für nützlich erachten wird, seine weiteren Wunder, die er wohl noch auf Lager hat, vorläufig der Welt nicht weiter zum Besten zu geben.

In einem Hintergebäude des Hauses 303 Süd State Str. hierselbst lebt Frau Jeannette M. Robertson, die zeitweise ein wenig vom Rheumatismus gezwickt wurde, wie andere Menschenkinder auch, und die deshalb in letzter Zeit mit der Außenwelt wenig im Verkehr stand. So wagte sie es denn jetzt, nachdem sie sich, vermuthlich durch den Gebrauch einer Patent-Medicin, von dem Uebel befreit hat, mit der Behauptung aufzutreten, daß sie gänzlich gelähmt und stumm gewesen sei, durch die „Macht des Gebetes“ aber den Gebrauch ihrer Gliedmaßen und die Sprache unerwartet zurückerhalten habe. Mit ihrer Umgebung steht sie jedenfalls in heimlichem Einverständnisse; sich von Aerzten prüfen zu lassen, weigert sie sich beharrlich. Die Speculation ist wahrscheinlich gar nicht so übel; die reichen Gläubigen werden der begnadeten Frau sicherlich vielfache Spenden zukommen lassen. Ob der Reverend Mitchell, der die undankbare Rolle übernommen hat, das Wunder zu verkünden, Betrogener oder Betrüger ist, würde sich wohl nur schwer ermitteln lassen. In den meisten Zeitungen ist er natürlich sehr unsanft behandelt worden, daß er sich indessen daraus etwas macht, ist unwahrscheinlich, da seine Gemeinde den erbitterten Protesten der „Ungläubigen“ (infidels) kein Gehör schenkt.

Diese Wundergeschichte muß dem Wanderprediger und „Revivalisten“ Bruder Moody, der von Chicago, wo er früher das ehrsame Gewerbe eines Schusters betrieb, seinen Ausgang nahm und den Leuten in England und in verschiedenen Großstädten der Union die Köpfe verdrehte, als eine ganz ausgezeichnete Speculation erschienen sein. Augenscheinlich beklagte der Sensationsprediger ungemein, daß er nicht selber zuerst auf den klugen Einfall gekommen war, seiner Gemeinde ein wirkliches Wunder mitzutheilen. Nachdem sein letztes, mehrmonatliches Gastspiel zu Ende, predigt er jetzt in Boston, und er beeilte sich nachzuholen, was er bisher versäumt hatte. Das fromme Boston war just der geeignete Ort dazu. Das Wunder, welches er letzthin die Dreistigkeit hatte seinen Zuhörern zu berichten, soll an ihm selber geschehen sein; man könnte die ganze Geschichte für einen faulen Witz halten, wenn nicht alle Nebenumstände diese Annahme ausschlössen. So erzählt er denn, daß er im Beginne seiner Predigerlaufbahn viele Schwierigkeiten gehabt habe, da eines seiner Beine um einige Zoll kürzer als das andere gewesen sei, also daß ihn das anhaltende Stehen fast ermüdet habe. So habe er sich denn eines schönen Abends entschlossen, der Sache ein Ende zu machen und seinem Gott das Anliegen vorzutragen, indem er ihm die Bedingung stellte, daß ihm dieser entweder sein zu kurzes Bein möge länger wachsen lassen, oder er werde aufhören zu predigen. Diese Drohung scheint denn auch ihre Wirkung nicht verfehlt zu haben; Moody behauptet, daß noch in selbiger Nacht sein Bein um einige Zoll gewachsen sei.

Und Solches in dem Zeitalter der Eisenbahnen und Telegraphen und der bahnbrechenden Forschungen von Darwin und Häckel! Möchte man da nicht an allem Fortschritte verzweifeln? In unserer Zeit bewegen sich die Gegensätze schroff und unvermittelt neben einander. Der Lügenprophet Moody kennt sein Publicum und weiß, was er demselben bieten darf. Das entrüstete Geschrei, das sich von allen Seiten erhebt, kümmert ihn wenig und schadet ihm nicht. Von dem denkenden Theile der [292] Menschheit hat er ohnehin nichts für sich zu erwarten. Der Anglo-Amerikaner ist so verblendet durch seinen puritanischen Glaubensfanatismus, daß selbst große Zeitungen das Moody’sche Wunder gläubig und ernsthaft mittheilen wie z. B. die weitverbreitete „Times“ (Ausgabe vom 4. Februar), welche einen Vergleich anstellt zwischen Moody und dem Propheten des jüdischen Alterthums, Jonas, der sehr zum Vortheil des Erstern ausfällt.

Der aufgeklärte Theil der amerikanischen Presse widmet diesem neuen Schwindel vorläufig noch verhältnißmäßig wenig Beachtung; man weiß, daß er sich in unserer wechselvollen Zeit bald überlebt haben wird und daß andererseits alles Protestiren mit logischen Gründen bei den Anhängern des schlauen Wunder- und Wanderpredigers nichts fruchten würde. Zudem tauchen im verworrenen Durcheinander des amerikanischen öffentlichen Lebens oft so seltsame Erscheinungen und Bestrebungen auf, daß auch das Seltsamste nicht mehr überrascht, das Dümmste nicht mehr ärgert.

Der einzige Trost bei dem heillosen Unfuge ist, daß dieser Wunderschwindel nur ein kurzes Dasein haben und, wie zahlreiche andere epidemische Geisteskrankheiten, in wenigen Jahren schon gänzlich erloschen sein wird. Da wir nun aber doch einmal in der Zeit der Wunder leben sollen, so thut man besser, sich auf Alles gefaßt zu machen; vielleicht geschieht demnächst das noch unglaublichere Wunder, daß einmal bei der Verwaltung der öffentlichen Angelegenheiten amerikanischer Großstädte keine Schwindeleien mehr verübt werden.
Curt Thiersch.

Anmerkungen

  1. Ganz wie bei uns!
    D. Red.