ADB:Argelander, Friedrich

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Artikel „Argelander, Friedrich Wilhelm August“ von Siegmund Günther in: Allgemeine Deutsche Biographie, herausgegeben von der Historischen Kommission bei der Bayerischen Akademie der Wissenschaften, Band 46 (1902), S. 36–38, Digitale Volltext-Ausgabe in Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=ADB:Argelander,_Friedrich&oldid=- (Version vom 18. Juni 2019, 19:35 Uhr UTC)
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Argelander: Friedrich Wilhelm August A., Astronom, geboren am 22. März 1799 zu Memel, † am 17. Februar 1875 zu Bonn. Seine Jugend fiel in eine überaus bewegte Zeit; Frankreich hatte überwältigende Siege über Preußen erfochten, und als die königliche Familie gezwungen war, in der entferntesten Stadt ihres Reiches Zuflucht zu suchen, wohnten einige der Prinzen in dem Hause des – ursprünglich aus Finland stammenden – Kaufmannes Argelander, dessen achtjähriger Sohn zu dem etwas älteren Kronprinzen, dem späteren Könige Friedrich Wilhelm IV., in nahe, für das ganze Leben nachhaltende Beziehungen trat. Das Gymnasium besuchte der junge A. zuerst in Elbing, nachher in Königsberg i/Pr., und hier ließ er sich auch 1817 als Studiosus der Cameralwissenschaften immatriculiren. Bald jedoch zog ihn Bessel’s überaus anregender Unterricht zur Astronomie hinüber, und schon nach wenigen Semestern konnte ihm der Meister wichtige Rechnungen und Beobachtungen für den 5. Band der „Königsberger Beobachtungen“ anvertrauen. Seit dem 1. October 1820 wirkte er als Gehülfe an der Sternwarte; seine Hauptaufgabe bestand in der Mitarbeit an Bessel’s berühmten Zonenbeobachtungen, und noch erhaltene Briefe, welche letzterer an Olbers und an den Minister v. Altenstein richtete, beweisen die hohe Achtung, mit welcher der große Astronom auf die Thätigkeit seines Assistenten blickte. Während dieser Zeit machte A. auch seine ersten Kometenbeobachtungen am Kreismikrometer. Am 1. April 1822 promovirte er auf Grund seiner Dissertation: „De observationibus astronomicis a Flamsteedio institutis“, und diesen Gegenstand verlor er auch im späteren Leben nicht mehr aus den Augen. Bald nachher trat er mit einer größeren Arbeit vor das Publicum, welche seinen Namen rasch bekannt machte. Die „Untersuchungen über die Bahn des großen Kometen vom Jahre 1811“ (Königsberg 1822) lieferten einerseits von der Zuverlässigkeit der Bessel’schen Methoden, andererseits von dem ausdauernden Fleiße des Berechners eine glänzende Probe. Gewisse Wahrnehmungen über die Schwierigkeit, Kometenbahnen ausschließlich auf die allgemeine Gravitation zurückzuführen, haben sogar auf Bessel’s bekannte Ansichten über die Natur der Schweifsterne bestimmend eingewirkt. Mit jener Schrift habilitirte sich A. an der heimischen Hochschule, aber sein Bleiben daselbst war kein langes, denn im April 1823 wurde er zum Observator an der Sternwarte in Åbo ernannt, wo er auch fünf Jahre später eine ordentliche Professur erhielt. Mit der Universität, welche nach Helsingfors verlegt worden war, siedelte er dorthin über, aber 1837 folgte er einem Rufe nach Bonn, und hier fand er, mehrfach Vocationen von auswärzs ablehnend, eine dauernde Stätte. Noch in [37] Königsberg hatte er (Mai 1823) seine Vermählung gefeiert; drei Kinder haben ihn überlebt, und zwar erfreute ihn besonders der Umstand, daß zwei seiner Schüler, Krüger und Wolff, zugleich seine Schwiegersöhne wurden.

In Åbo benutzte A. seinen neuen Meridiankreis hauptsächlich dazu, die Eigenbewegungen der sogenannten Fixsterne zu verfolgen; dazu bedurfte es natürlich einer ganz genauen Feststellung ihres Ortes für eine bestimmte Epoche. So entstand ein umfassender, nach dem Urtheile von Kennern auch durch seine innere Anordnung und Bequemlichkeit des Gebrauches ausgezeichneter Sternkatalog („560 Stellarum fixarum positiones mediae ineunte anno 1830“, Helsingfors 1830). Daran schloß sich, auf der von A. erbauten Helsingforser Universitätssternwarte, eine größere Beobachtungsreihe, welche es mit den helleren Circumpolarsternen zu thun hatte, und zu deren Vorbereitung Argelander’s Schüler Woldstedt die Biegung des Meridiankreises genau geprüft hatte. So entstand das Material zu der Abhandlung, welche 1837 von der Akademie in St. Petersburg veröffentlicht wurde und seinen Namen wohl am berühmtesten gemacht hat. In derselben („Ueber die eigene Bewegung des Sonnensystems“) wurde vermittelst der an 390 Sternen erkannten Bewegung nachgewiesen, daß unsere Sonne sammt ihren Planeten im Weltraume fortschreitet und sich stetig dem als „Apex“ bezeichneten Sternbilde des Herkules nähert. Wie man sieht, war es die Stellarastronomie, die Lehre von den Fixsternen, welche A. in erster Linie beschäftigte; hierher gehört sein Himmelsatlas (Neue Uranometrie, Berlin 1843), welcher auf 17 Karten alle in Mitteleuropa mit unbewaffnetem Auge sichtbaren Fixsterne zur Darstellung bringt; hierher sind seine ausgedehnten photometrischen Studien zu rechnen, über welche A. v. Humboldt’s „Kosmos“ ein vom Autor selbst erstattetes Referat brachte; aus verwandten Motiven ist endlich auch die historisch wichtige Arbeit: „De fide Uranometriae Bayeri“ (Bonn 1842) hervorgegangen, welche die Quellen und den relativen Werth jener für den Beginn des XVII. Jahrhunderts grundlegenden Sternkartensammlung endgültig feststellte. Theils in den Beobachtungsbänden der Bonner Sternwarte, theils in zahlreichen Aufsätzen der „Astronom. Nachr.“ sind Argelander’s Beiträge zu diesem mit so viel Vorliebe von ihm gepflegten Zweige der Sternkunde enthalten. Nachdem 1845 die neue Bonner Sternwarte bezogen worden war, begann die große, zonale Durchmusterungsarbeit des Südhimmels, soweit derselbe am Niederrhein sichtbar ist, und nachher wurde dieselbe auch auf die Nordhalbkugel ausgedehnt. Zusammen mit seinen Hülfsarbeitern Schoenfeld und Krüger gab A. (Bonn 1863) einen dem Anfang des Jahres 1855 entsprechenden Himmelsatlas mit 324 198 Sternörtern heraus. Der Plan, nach welchem die Durchmusterung erfolgte, behielt er auch später noch stetig im Auge, und ein von ihm ausgegangener Vorschlag, mehrere Observatorien zu gemeinsamem Wirken in diesem Sinne zusammenzufassen, hat allseitige Billigung gefunden.

A. war ein ausgezeichneter Lehrer; die Namen Woldstedt, Lundahl, Krüger, J. Schmidt, Thormann, Wolff, Schoenfeld, Tiele, Seeliger kennzeichnen ohne weitere Ausführung seine hohe Befähigung für die schwierige Aufgabe, jüngere Leute in den Geist seiner Wissenschaft und vor allem in die Beobachtungskunst einzuführen. Hierin war er der vollendete Meister; seine Instrumente mit ihren Mängeln und Launen kannte er aufs genaueste, und nicht leicht wurde er übertroffen in der virtuosen Behandlung der Methoden, welche die Instrumentalfehler zu erkennen und rechnerisch unschädlich zu machen bestimmt sind. Doch ging er keineswegs in diesen mehr praktischen Beschäftigungen auf. Vielmehr bewahrte er sich offenen Sinn auch für verwandte Wissenszweige; so hat er in Finland unausgesetzt den dort häufigen Polarlichterscheinungen sein Augenmerk zugewendet, und Clausius konnte in seinem bekannten Abrisse der meteorologischen [38] Optik 162 Nordlichtbeobachtungen Argelander’s als durch ihre Exaktheit besonders brauchbar verwenden.

Daß auf das Haupt eines Mannes von Argelander’s Art sich zahlreiche äußere Ehren häuften, bedarf kaum der Erwähnung. Sehr viele gelehrte Gesellschaften erwählten ihn zu ihrem Mitgliede. Von 1864–1871 führte er auch das Präsidium der kurz zuvor begründeten Astronomischen Gesellschaft, für deren Vierteljahrsschrift er auch zahlreiche Artikel, zumal kritisch-referirender Natur, geliefert hat. Nachdem er schon 1838 den Demidowschen Preis der russischen Akademie erhalten hatte, ehrte ihn noch 1863 die Royal Astronomical Society durch ihre goldene Medaille, eine Auszeichnung von anerkannt hohem Werthe.

Nekrolog von Schoenfeld, Vierteljahrsschr. d. Astronom. Gesellschaft X, 1875. – E. Luther, Gedächtnißrede auf Argelander, Jahresb. der physikalisch-ökonom. Gesellschaft zu Königsberg, 5. März 1875.