ADB:Behaim, Albert

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Artikel „Albert (von Possemünster) genannt der Böhme“ von Eduard Winkelmann in: Allgemeine Deutsche Biographie, herausgegeben von der Historischen Kommission bei der Bayerischen Akademie der Wissenschaften, Band 1 (1875), S. 208–209, Digitale Volltext-Ausgabe in Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=ADB:Behaim,_Albert&oldid=- (Version vom 27. Juni 2019, 08:45 Uhr UTC)
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Albert (von Possemünster) genannt der Böhme, geb. zwischen 1180 und 1190, 1212 Domherr von Passau, um 1226 Archidiacon von Lorch, 1245 Decan von Passau, † wol bald nach dem 10. April 1258, berühmt als Agitator gegen Friedrich II. und Konrad IV. A. begann seine Laufbahn unter Innocenz III. mit der Advocatur am päpstlichen Gerichte, kehrte aber um 1223 aus unbekannter Ursache auf seine Domherrnstelle nach Passau zurück. Zu hervorragenderer Bedeutung gelangte er jedoch erst seit der Mitte der dreißiger Jahre, als er im Hinblick auf den bevorstehenden Bruch Gregors IX. mit Friedrich II. die mannigfachen Zerwürfnisse im Südosten des Reiches zur Bildung einer päpstlichen Partei zu benutzen bestrebt war. Wegen solcher Umtriebe aus Passau 1237 vertrieben, eilte er nach Rom, verpflichtete sich dem Papste noch durch einen besonderen Eid und kehrte dann, geschützt durch die ihm von Gregor ertheilten Aufträge, 1238 nach Baiern zurück. Sein erstes, aber auch sein bedeutendstes Werk war die Friedensvermittlung zwischen dem vom Kaiser geächteten Herzoge Friedrich von Oesterreich und dem Herzoge Otto von Baiern, der seinerseits noch den König Wenzel von Böhmen für die Liga gegen den Kaiser gewann und überhaupt nun Jahre lang ganz unter Alberts, seines „Gevatters“, Antrieb handelte. Alles geschah noch, bevor der Kaiser vom Papste gebannt worden war; nach der Excommunication Friedrichs erhielt A. im Nov. 1239 ausgedehntere Vollmachten, gegen alle geistlichen und weltlichen Anhänger des Kaisers einzuschreiten, auch den Auftrag, gegen ihn das Kreuz predigen zu lassen. Seine eigenen Aufzeichnungen, zum Theil noch im Original erhalten, gewähren einen vollständigen Einblick in die rastlose und umfassende Thätigkeit, welche A. seitdem als Agent des Papstes entfaltete, aber auch in die Maßlosigkeiten und Ungeheuerlichkeiten seines Verfahrens, welche besonders den[WS 1] Erzbischof von Salzburg und die baierischen Bischöfe betrafen und sie zu einmüthigem Widerstande reizten. So kam es, daß A., als jene Liga sich durch die Aussöhnung Friedrichs von Oesterreich mit dem Kaiser und durch das Schwanken des böhmischen Königs sich löste, ganz und gar auf den Schutz Otto’s von Baiern sich angewiesen sah, dem er freilich dafür die geistliche Autorität des Papstthums zu seinen eigenen rein politischen Zwecken dienstbar machen mußte. Seit dem Sommer 1240 begann aber auch Herzog Otto auf Frieden mit dem Kaiser und dem Reiche zu sinnen; er gab zu Anfang 1241 den Vorstellungen der Bischöfe nach und vertrieb den gefährlichen Gast von seinem Hofe, so daß A. auf die Burgen seiner Verwandten, Ministerialengeschlechter im bairischen Walde und sonst im Paussauischen, zu flüchten genöthigt war. So schließt der erste und unzweifelhaft wichtigste Abschnitt der reichsfeindlichen Thätigkeit Alberts mit verdientem Mißlingen.

Ein zweiter Abschnitt beginnt mit dem offenen Uebertritte der Erzbischöfe von Mainz und Köln auf die Seite der Curie. Nachdem A. im J. 1243 für den ersteren mit Böhmen unterhandelt hatte, finden wir ihn 1245 zu Lyon, wo er dem Papste Innocenz IV. einige Jahre lang bei der Behandlung der deutschen Angelegenheiten als Rathgeber diente, vor allem bemüht, es zu einer neuen Königswahl zu bringen. Er hatte schon Gregor IX. gerathen, kurzweg von sich aus einen König zu ernennen. Indessen seine Versuche, die bairischen Bischöfe durch Lockungen und Drohungen für den Papst zu gewinnen, wurden bedeutend durch die Kundgebungen seiner eigenen Habgier abgeschwächt, Herzog Otto aber wurde gerade damals durch Verschwägerung an das Kaiserhaus gekettet und A., welcher trotzdem nach Baiern zurückzukehren wagte, entkam nur mit genauer Noth den Nachstellungen seiner zahlreichen Feinde. Er flüchtete zum zweiten Male, erst nach Böhmen, dann wieder nach Lyon. Seine Rache bestand darin, daß er 1250 am päpstlichen Hofe die Absetzung seines unversöhnlichen Gegners, des [209] Bischofs Rudeger von Passau und mit Hülfe eines befreundeten Cardinallegaten die Ernennung Bertholds von Sigmaringen erwirkte. Als Generalvicar desselben setzte er sich nun auf Donaustauf fest und mit Hülfe böhmischer Truppen erzwang er 1251 die Unterwerfung Passau’s unter den Bischof Berthold. Hatte er schon in diesen Verwicklungen hauptsächlich die Befriedigung seiner eigenen Interessen und Leidenschaften im Auge gehabt, so machte der inzwischen erfolgte Tod Friedrichs II., weiterhin der Abzug Konrads IV. nach Italien überhaupt der politisch-kirchlichen Agitation Alberts gegen die staufische Dynastie ein Ende, nachdem er zu ihrer Schwächung in Deutschland durch seinen kein Mittel scheuenden Fanatismus, durch sein völliges Aufgehen in die päpstliche Politik und durch die unleugbare Gewandtheit, mit welcher er sie verfocht, vielleicht mehr als irgend ein anderer Zeitgenosse beigetragen hatte. Sein weiteres Leben verläuft in widerwärtigen Streitigkeiten um Pfarreien und Pfründen, deren A. nie genug bekommen konnte. Es ist unbekannt, aus welchem Grunde Bertholds Nachfolger Bischof Otto ihn im J. 1258 in Passau gefangen hielt, und ob der Befehl des Papstes Alexander IV., welcher am 10. April 1258 seine Freilassung anordnete, Wirkung gehabt hat. Nach einer alten Ueberlieferung soll A. von den Passauern gewaltsam ums Leben gebracht worden sein. – Was von den Missivbüchern Alberts im Original oder in Auszügen Aventin’s vorhanden ist, hat Höfler in d. Bibl. d. litt. Vereins zu Stuttgart (1847) Bd. XVI. herausgegeben.

Ratzinger, Albert der Böhme, in den hist.-polit. Blättern (1869) Bd. LXIV. Schirrmacher, Albert von Possemünster, genannt der Böhme. Weimar 1871.


Anmerkungen (Wikisource)

  1. Vorlage: dem