ADB:Bohnstedt, Ludwig

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Artikel „Bohnstedt, Ludwig“ von Max Berbig in: Allgemeine Deutsche Biographie, herausgegeben von der Historischen Kommission bei der Bayerischen Akademie der Wissenschaften, Band 47 (1903), S. 84–87, Digitale Volltext-Ausgabe in Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=ADB:Bohnstedt,_Ludwig&oldid=- (Version vom 12. Mai 2021, 05:23 Uhr UTC)
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Band 47 (1903), S. 84–87 (Quelle).
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Bohnstedt: Ludwig B., einer der hervorragendsten Architekten unseres Jahrhunderts, geboren am 27. October 1822 in St. Petersburg, † am 3. Januar 1885 in Gotha. Seine Eltern – der Vater war Kaufmann – stammten aus Stralsund und gaben dem Knaben eine echt deutsche Erziehung. Die allgemeine Bildung erhielt er in der deutschen Hauptschule zu St. Petri. Es scheint, daß er sich nach bestandener Abgangsprüfung mit Vorliebe humanistischen Studien hingab, dafür spricht nicht nur der bis an sein Lebensende vorwaltende [85] ideale Zug, sondern auch der Umstand, daß er sich bei seiner Uebersiedlung nach Berlin im J. 1839 zunächst an der Universität einschreiben ließ, um daselbst geschichtlichen, kunstgeschichtlichen und ästhetischen Studien obzuliegen. Gleichzeitig jedoch wurde er durch ein Empfehlungsschreiben des hannoverschen Architekten Hallmann, dem er von Petersburg her bekannt war, bei dem gerade in seiner Vollkraft stehenden Architekten Professor Wilhelm Stier (s. A. D. B. XXXVI, 207) eingeführt und dieser öffnete ihm sein Atelier. Lehrer und Schüler waren vollkommen gleichgestimmte Naturen und so entwickelte sich zwischen ihnen bald ein Verkehr von seltener Innigkeit. Um Schinkel’s Einfluß auf sich wirken zu lassen, trat B. auch als Schüler in die Bauakademie ein und lag hier zwei Jahre lang mit regstem Eifer seinen Studien ob, dann zog es ihn fort nach dem Lande seiner Sehnsucht, nach Italien. Hier verweilte er im Winter von 1841–42 und, nachdem er noch zuvor einige Wochen in Paris zugebracht hatte, kehrte er in seine Heimath Petersburg zurück. Hier legte er die vorgeschriebenen Staatsprüfungen ab und hoffte nun eine erfolgreiche Thätigkeit beginnen zu können. Doch darin sollte er sich getäuscht haben. Zunächst mußte er einen harten Kampf mit den Verhältnissen und den oft unlauteren russischen Elementen aufnehmen und anstatt Bauten zu entwerfen und auszuführen, Unterricht ertheilen. Ein an und für sich unwichtiger Umstand ließ ihn aber endlich in ein glückliches Fahrwasser gelangen. Zu seinen Schülern im Zeichnen und der Mathematik gehörte auch der Sohn des reichen Möbelhändlers Tuhr und dieser machte unter Bohnstedt’s Anleitung bald so außerordentliche Fortschritte, daß sein Vater das größte persönliche Gefallen und Vertrauen zu B. faßte und dem jungen, unbekannten Architekten den Neubau seines Wohnhauses übertrug. Dieser unterzog sich der Arbeit mit aller Energie, in der freudigen Hoffnung, daß dieser erste Bau Veranlassung zu ferneren Aufträgen geben werde, und seine Erwartungen gingen glänzend in Erfüllung. Das Gebäude, welches ihm finanziell fast gar nichts eintrug, machte durch seine interessante Physiognomie und seine gediegene, geschmackvolle Ausstattung Aufsehen und lenkte die Blicke der Petersburger auf den Erbauer. Bis in die höchsten Kreise ging diese Bewunderung und die Großfürstin Helene Paulowna ernannte B. zu ihrem Hofarchitekten. Nun trug sein reiches Talent goldene Früchte, denn Aufträge über Aufträge wurden ihm zu Theil. Ja, auch sein malerisches Können ward in Anspruch genommen. Als bei irgend einer Gelegenheit ein Album für die Kaiserin gefertigt werden sollte, erhielt auch B. durch den Bautenminister, den berüchtigten Grafen Kleinmichel, den Auftrag, mehrere landschaftliche Aquarelle zu malen und entledigte sich dieser Arbeit zur allgemeinen Bewunderung. Im J. 1851 wurde er darauf in den russischen Staatsdienst berufen und als Oberarchitekt und Mitglied des Conseils des ersten Kreises der Verwaltung der Wasser- und Wegecommunicationen angestellt. Jedoch diese Stellung behagte ihm wenig und so gab er sie schon 1854 wieder auf, weil die mit derselben verbundenen vielfachen und lästigen Geschäfte seinem künstlerischen Schaffen hinderlich waren und widmete sich wieder ganz dem Privatbau. Seine Entwürfe zeichneten sich stets durch Ideenreichthum ebensosehr aus, als durch Mannichfaltigkeit der Kunstformen, und so genoß er als Architekt bald ein unbeschränktes Vertrauen. Man begnügte sich, ihm ungefähr die Geschmacksrichtung anzudeuten, in welcher man gebaut zu haben wünschte, verständigte sich mit ihm in den Hauptdispositionen und überließ ihm das Fernere. Von seinen damaligen Bauten seien genannt der chinesische Palast und der Küchenpavillon in Oranienbaum, in Petersburg das Nonnenkloster zur Auferstehung, das Stadthaus (die Duma), die Paläste Narischkin und Jussupoff, das Gebäude für das Reichsdomänenministerium und hier sowol als auch in Riga und Moskau zahlreiche [86] Privathäuser. Trotz alledem fand er noch Zeit zur Betheiligung an größeren Concurrenzen und zu malerischen Studien. Das Jahr 1858 brachte seine Ernennung zum Professor an der Kunstakademie in Petersburg mit dem Range eines Hofrathes und hier eröffnete sich ihm ein großes Arbeitsfeld. Trotz alledem zog es ihn nach Deutschland zurück, und nachdem er im J. 1863 den Bau des Stadttheaters in Riga vollendet, bei dem alles, selbst die Figuren im Giebelfelde und die Entwürfe zu den beiden Bühnenvorhängen, sein Werk waren, verließ er Rußland und nahm fortan seinen Wohnsitz in Gotha. Hier entwickelte er nun eine außerordentliche Thätigkeit. Die große Gabe seines künstlerischen Empfindungsvermögens trieb ihn besonders zur Betheiligung an öffentlichen Preisbewerbungen. Die Menge seiner aus solchem Anlaß ausgeführten Entwürfe ist wahrhaft staunenswerth. Zu der im J. 1869 in München veranstalteten internationalen Kunstausstellung lieferte er nicht weniger als zwölf große Bände Entwürfe. Von den mit ersten und zweiten Preisen unter denselben gekrönten sind die folgenden zu nennen: ein Kunst- und Industrieausstellungspalast für Madrid, die Kathedrale in Guimarâes in Portugal, das Rathhaus in Hamburg, ein Kantonsschulgebäude in Bern, ein monumentaler Gottesacker in Mailand u. s. w. Von solchen Arbeiten, welche zur Ausführung gelangten, seien erwähnt: die Gebäude der Feuerversicherungsbank, der Grundcreditbank und der Privatbank in Gotha, die Villa Borchard in Baden-Baden, Fritz Reuter’s Villa in Eisenach, die schon genannte Kirche in Portugal, die Mineralwasseranstalt in Riga u. A. m. Den größten Erfolg sollte ihm aber das Jahr 1872 bringen. Für den Entwurf zu einem neuen Reichstagsgebäude war eine allgemeine Concurrenz ausgeschrieben worden mit einem ersten Preise von 1000 Friedrichsd’or und mehr als 100 Arbeiten von den berühmtesten Architekten des In- und Auslandes liefen dazu ein. Der Entscheidung der Preisrichter ging eine Ausstellung voraus und Publicum und Presse, sowie die aus Architekten und Mitgliedern des Reichstags und Bundesrathes bestehende Jury erkannte B. den Preis zu. Dieser stand jetzt auf dem Gipfel seines Ruhmes. Sein Name wurde in ganz Deutschland bekannt, die illustrirten Zeitungen brachten Nachbildungen des Entwurfes sowie Bohnstedt’s Bild und biographische Notizen und belegten ihn mit dem die Mißgunst aufstachelnden Sensationstitel „des Reiches erster Baumeister“. Eine Kette widriger Verhältnisse verzögerte jedoch die Ausführung des Baues und diese Zeit wurde von einer B. feindlichen Partei, die besonders in Berlin ihren Sitz hatte, benutzt, um auf alle Weise und mit den unlautersten Mitteln dieselbe ganz zu hintertreiben. Der Plan gelang. Nach zehn Jahren wurde eine neue Concurrenz mit neuen Bedingungen ausgeschrieben, aber Bohnstedt’s abgeänderter Entwurf fand diesmal keine Gnade mehr vor den Preisrichtern, die jetzt ihren Urtheilsspruch vor der öffentlichen Ausstellung abgaben. An dem gleichen Tage, als B. die Mittheilung hiervon erhielt, traf die Nachricht bei ihm ein, daß eines seiner schönsten Bauwerke, das Stadttheater in Riga, in Flammen stehe. Zugleich traf ihn das Mißgeschick, daß ein großartiger Prachtbau, den er im südlichen Rußland auszuführen hatte, durch den inzwischen erfolgten Bankerott des Bauherrn ins Stocken gerieth und bald ganz aufgegeben wurde. Seit jener Zeit begann er zu kränkeln und im J. 1884 traf ihn ein Schlaganfall, von dem er sich nicht mehr erholte. Bei der Nachricht von seinem Tode, welche wieder die Runde durch alle Zeitungen machte, war man einstimmig in dem Urtheil, „daß er eine echte Künstlernatur gewesen, ganz den Gebilden seiner Schaffenskraft hingegeben und ihnen alle persönlichen Vortheile opfernd, neidlos andere auf dem Weg der Kunst fördernd und ihnen aus dem Schatze seiner Ideen freigebig mittheilend, wessen ein jeder bedurfte; männlich fest und seines Werthes bewußt und doch auch ohne Selbstüberhebung [87] immer zur Anerkennung fremden Verdienstes bereit“. Von seinen Auszeichnungen seien noch erwähnt die Ernennung zum Mitglied der Königl. Akademie der Künste in Berlin 1874, zum Ehrenmitglied der Maatschappij tot Bevordering der Bouwkunst in Amsterdam 1875 und die Verleihung der ersten Medaille auf der Kunstausstellung in München 1876. Bohnstedt’s Gattin war eine geborene van der Vliet. Er hinterließ drei Töchter, von denen die eine, welche des Vaters Talent geerbt, sich als Malerin einen geachteten Namen erworben hat. Von den zwei Söhnen ist der eine als Architekt, der andere als Ingenieur thätig.

Vgl. Illustr. Zeitung v. 17. Jan. 1885 Nr. 2168. – Deutsche Illustr. Zeitung, I. Jahrg. Nr. 25. – I. Beil. z. Leipz. Tagebl., Jahrg. 1885 Nr. 6. – Magdeb. Zeitung 1885, Nr. 7. – Braunschw. Tagebl. 1885 Nr. 202. – Augsb. Allg. Zeitung 1885 Nr. 6. – St. Petersb. Zeitung, Jahrg. 158. Nr. 364. – Familienmittheilungen.