ADB:Bohtz, August Wilhelm

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Artikel „Bohtz, August Wilhelm“ von Gustav Roethe in: Allgemeine Deutsche Biographie, herausgegeben von der Historischen Kommission bei der Bayerischen Akademie der Wissenschaften, Band 47 (1903), S. 87–89, Digitale Volltext-Ausgabe in Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=ADB:Bohtz,_August_Wilhelm&oldid=- (Version vom 14. Oktober 2019, 03:51 Uhr UTC)
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Bohtz: August Wilhelm B., Aesthetiker und Litterarhistoriker, wurde geboren am 17. Juli 1799 zu Stettin; zuerst auf dem Lande, dann auf dem Gymnasium seiner Vaterstadt unterrichtet, studirte er in Halle, Berlin und Göttingen nach kurzer theologischer Episode die seinen ästhetischen Neigungen näher verwandte Philologie (bis Nov. 1825). Vom Juli 1826 bis zum Mai 1828 lebte er in Dresden, wo er das Glück hatte Ludwig Tieck näher zu treten und damit die für sein geistiges Leben bedeutungsvollste Bekanntschaft zu schließen. Er promovirte, nicht ohne Schwierigkeiten, an denen seine Abneigung gegen Lateinschreiben und -sprechen die Schuld getragen zu haben scheint, in Göttingen mit einer philologisch-ästhetischen Dissertation ‚De Aristophanis Ranis‘ (das Diplom ist datirt vom 26. Juli 1828) und habilitirte sich, vielleicht durch Rehberg ermuntert, ebendort Michaelis desselben Jahres, nach der bequemen Praxis der Zeit auf Grund einer einfachen disputatio pro loco. Der junge Docent hatte mit seinen litterarhistorischen und philosophischen Vorlesungen Erfolg: er las zunächst über ‚Geschichte der neuern deutschen Poesie‘ und über ‚Aesthetik‘, hielt auch ein Publicum über moderne Dichter wie Tieck, die Schlegel und Kleist. Allmählich rundete er noch durch ‚Psychologie‘ und ‚Religionsphilosophie‘ sein Repertoir ab. Alljährliche Reisen nach Dresden und später nach Berlin, sowie ein mit Stolz gehegter Briefwechsel erhielten die Beziehungen zu Tieck aufrecht, der ihm seit Goethe’s Tode schlechthin ‚der größte lebende Dichter und Dramaturg‘ war. Seinem Vorbild dankte B. auch die für litterarhistorische Vorträge werthvolle Kunst, Dichter gut zu lesen: nur fiel Bohtz’ pommersche Aussprache, die er nie abgestreift hat, hannöverschen Ohren mißliebig auf. Im Mai 1837 wurde B. zum außerordentlichen, im Juli 1842, lediglich infolge der Schiebungen, die mit der Berufung K. Fr. Hermann’s zusammenhingen, zum ordentlichen Professor ernannt, bei einer Besoldung, deren Geringfügigkeit selbst diesem bedürfnißlosen Manne bis 1866 um so schwerere Sorgen bereitet hat, als auch seine Lehrthätigkeit andauernd zurückging. Der weltfremde Spätromantiker, der hinter plumper Erscheinung eine sehr zart empfindende Seele barg, konnte sich in die neue Zeit nicht finden; namentlich das Jahr 1848 leerte seinen Hörsaal auf lange, und wenn B. auch wieder bessere Tage erlebte, die Lehrerfolge seiner akademischen Frühzeit hat er nie wieder erreicht. Den feinfühligen Hörer aber berührte aus dem oft belächelten, drastisch gesticulirenden Feuereifer des alten Herrn doch ein erwärmender Abglanz der längst versunkenen Ruhmestage deutschen Geistes, die Bohtz’ Persönlichkeit den nie verwischten Stempel aufgedrückt hatten. Er starb am 7. Mai 1880 in Göttingen.

B. war kein sonderlich origineller Denker. Schelling’s Auffassung der [88] Schönheit, Solger’s Ideenlehre, Hegel’s dialektische Methode, dazu ein vielleicht in Novalis wurzelndes christliches, selbst mystisches Element, in zweiter Linie Anregungen Jean Paul’s und der Schlegel, das sind die Grundlagen seiner Aesthetik, die er wol hie und da ausgebaut, über die er sich aber nie ernstlich hinausentwickelt hat, ebensowenig wie sein Geschmack sich je von den Göttern seiner Jugend, Goethe und Tieck, abgewandt oder neu auftauchenden Gestalten einen Platz an ihrer Seite zuerkannt hat. Schon in den Thesen seiner Disputationen pro gradu und pro loco liegen die wesentlichen Keime alles Späteren. Er suchte sein Verdienst darin, die speculative Aesthetik systematisch mit der litterarhistorischen Empirik zu verbinden: leider trug jene den Sieg davon. Doch gelang B. eine ihrer Zeit verdienstliche Ausgabe von Bürger’s Werken (Gött. 1835), die nicht nur recht vollständig und sauber ist, sondern auch ein bei B. fast überraschendes Interesse für Varianten zeigt. Freilich, da bestimmte ihn das Urtheil A. W. Schlegel’s; jedesfalls leitete ihn nicht der Wunsch, des Dichters Entwicklung zu verstehen. Denn wie sehr ihm im Grunde jede historische Auffassung fehlte, das zeigt seine unbedeutende ‚Geschichte der neuern deutschen Poesie‘ (Gött. 1832) nur allzu klar, die von Klopstock bis auf die Romantik eine Gestalt nach der andern darauf hin abhört, wie sie zur Definition des Schönen passe. Der ‚Faust‘ steht, ganz in Schelling’s Sinne, im Mittelpunkt; ‚Wilhelm Meister‘ und Fichte, die gefeierten Objecte frühromantischer Bewunderung, kommen kaum vor. Für Schiller, den er mit Tacitus vergleicht, war im Gegensatz zu Goethe die Idee nicht real; dies der Krebsschaden seiner und aller sentimentalischen Dichtung. Das Beste des Büchleins sind vielleicht ein paar Bemerkungen über Euripides, die in dem dritten griechischen Tragiker den ‚Uebergang in die romantische Kunst, in die Shakespeare-Goethische Welt‘ sehen, also den modernen Zug des Vielgescholtenen, an dem noch Bohtz’ Dissertation sich die Sporen verdient hatte, ernstlich würdigen. Den Bohtz’ Theorien gemäßeren Weg, vom Allgemeinen zum Besondern zu schreiten, wählen zwei eng zusammenhängende Büchlein, die einheitlicher befriedigende Abhandlung ‚Die Idee des Tragischen‘ (Gött. 1836) und die dialektisch reichere Schrift ‚Ueber das Komische und die Komödie‘ (Gött. 1844). Beide präludiren mit einem Abschnitt über die ‚Idee des Schönen‘, ganz Schelling-Solgerisch; stellt die echte Kunst die Versöhnung des Unendlichen mit dem Endlichen dar, so geschieht das am wirksamsten, wenn zuerst der Widerspruch anschaulich gemacht, dann aber in der höhern Einheit aufgelöst wird: je nachdem in dem Widerspruch die Idee oder der nichtige Schein überwiegt, ergibt sich Tragik oder Komik. Die Tragödie stellt so den Sieg der göttlichen Nothwendigkeit über die krank gewordene individuelle Freiheit dar: der Opfertod des Endlichen bringt seine Aussöhnung mit dem Unendlichen zu sinnlicher Wahrnehmung. In diesem Lichte gesehen wird die tragische Furcht zur Ehrfurcht, und durch das tragische Mitleid werden wir Glieder eines sittlichen Universums. Ohne den speculativen Hintergrund würde das τραγικόν nur ein μιαρόν sein: die Schale des Zornes schüttet B. über Müllner, Raupach, Grillparzer aus, bei denen der angeblich tragische Ausgang, weil nicht nothwendig aus dem Innern des Helden heraus, nur willkürlich und darum gräßlich wirke. Das tragische, sich überhebende Individuum ist vielleicht erhaben; aber ganz nahe an das Erhabene grenzt das Dämonische, das B. bereits zum Häßlichen rechnet. Das Häßliche verzerrt die Harmonie, zerreißt das Band der Liebe, das die Totalität bindet. Da aber im Gegensatz zur Unendlichkeit alles Endliche so klein und lächerlich ist, so gelangt der wahre Künstler, der das Häßliche, Gemeine in der Idee auflöst, zur befreienden objectiven Komik, zum befreienden subjectiven Humor. Der echte Humor ist nur möglich in der christlichen Lebensansicht, die die Alles verbindende Liebe [89] zu ihrem Kerne macht. Die Ironie, die in Solger’s Sinne aufgefaßt wird, fügt sich leicht dem Gesammtcomplex des Komischen ein, wie B. es umgrenzt; schwieriger schon der Witz, dessen kecken Combinationen B. gegen Vischer die innere Wahrheit zusprechen muß. Das Unzulängliche dieses speculativen Aufbaus, der für die naive Darstellungsfreude trotz allen Zugeständnissen keine Kammern hat, enthüllt sich im Grunde schon in den Skizzen, die B. selbst von den verschiedenen Arten des Komischen gibt: mit der Tragödie wird er leidlicher fertig. Die Schelling’schen Gedanken, die als ästhetische Anregungen höchst fruchtbar wirken mußten, werden, dialektisch zum System gefügt, Fesseln, die ihren Verfechter zuerst knebeln. So hat B., was er im einzelnen für die Verfeinerung unserer ästhetischen Terminologie und Begriffsbestimmung, für die sondernde Charakteristik antiker und moderner Kunst, für das vertiefte Verständniß großer Dichter (Cervantes, Shakespeare u. A.) gethan hat, trotz der dialektischen Methode gewonnen. Ob er das selbst gefühlt hat? In seiner letzten Arbeit, einer wenig beachteten Studie über ‚Lessing’s Protestantismus und Nathan den Weisen‘ (Gött. 1854) legt er eine geschichtliche Darstellung von Lessing’s Verhältniß zur Religion zu Grunde und sucht interpretirend und analysirend zu erweisen, daß Lessing doch dem Christenthum den Preis zuerkenne; das dialektische Gewitter ist im Abzuge, freilich ohne daß es durch eine neue Energie ersetzt würde. Die alten romantischen Tendenzen aber schimmern auch hier durch: B. gönnt wie einst Friedr. Schlegel der Aufklärung den großen Menschen nicht.

In der Geschichte der Wissenschaft hat B. keine bleibenden Spuren hinterlassen. Bei aller ästhetischen Begeisterung und Begabung scheiterte er daran, daß er einer Methode verfiel, die wol das Beste seiner mehr warmen als scharfen Art hemmte. Der Grundgedanke romantischer Schönheitslehre hat seine Rolle schwerlich ausgespielt; er ließ Ziele ahnen, die über Lessing und A. W. Schlegel hinaus lockten, und eine von diesem Geiste getränkte, enthusiastische Natur, wie B. war vielleicht befähigt, in der Richtung der neuen Aesthetik zu erschauen, wenn er sich unbefangen an die großen Schöpfungen der Poesie hingab. Aber auch B. verfing sich in dem Spinnengewebe der Dialektik, die für die Aesthetik und für ihn wenig taugte, und damit verlor er die freie Bewegung. Nun, das ist auch Größeren widerfahren. Ob Tieck den jungen Freund nie gewarnt hat?