ADB:Breusing, Arthur

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Artikel „Breusing, Arthur“ von Wilhelm Wolkenhauer in: Allgemeine Deutsche Biographie, herausgegeben von der Historischen Kommission bei der Bayerischen Akademie der Wissenschaften, Band 47 (1903), S. 229–231, Digitale Volltext-Ausgabe in Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=ADB:Breusing,_Arthur&oldid=- (Version vom 21. Januar 2020, 06:22 Uhr UTC)
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Breusing: Arthur B., Dr. phil. und Director der Seefahrtschule in Bremen, angesehener Schriftsteller auf dem Gebiete der Nautik und der Geschichte der mathematischen Geographie, geboren am 18. März 1818 zu Osnabrück, † am 28. September 1892 in Bremen, war der dritte Sohn des Provinzialsteuerdirectors B. in Osnabrück und erhielt seine wissenschaftliche Vorbildung auf dem Gymnasium seiner Vaterstadt und in Lingen. Im October 1838 bezog B. die Universität Bonn, und betrieb während drei Semester besonders unter Plücker und Treviranus mathematische und naturwissenschaftliche Studien. Das Wintersemester 1840/41 brachte er in Berlin zu, wo namentlich Dove’s Vorlesungen über Meteorologie ihn fesselten. Im April 1841 siedelte B. nach der Universität Göttingen über, auf der sich dann seine Studienzeit auf sieben Jahre ausdehnte; als flotter Bursch – er war Mitglied und langjähriger Senior des Corps Westfalia – genoß er die Freuden des Studentenlebens in vollen Zügen und zeigte wenig Neigung zu einem bestimmten Brotstudium. Neben mathematischen und astronomischen Studien, die er besonders unter Gauß betrieb, hörte er auch philologische und andere Vorlesungen und legte so den Grund zu der vielseitigen Bildung, die später oft an ihm bewundert wurde, und namentlich in der mündlichen Unterhaltung mit ihm gern in geistreichen Bemerkungen zu Tage trat. Im December 1847 legte er die Lehramtsprüfung für Mathematik, Physik und deutsche Litteraturgeschichte für die oberen Classen des Gymnasiums ab und entschloß sich auf Anrathen seiner Verwandten, Navigationslehrer zu werden. Zu seiner praktischen Ausbildung erhielt B. von der hannoverschen Regierung ein kleines Reisestipendium zu einer Seereise, doch ehe er diese antrat, kehrte er im Anfang des Jahres 1848 noch einmal auf kürzere Zeit nach Göttingen zurück und spielte hier in dem politischen Treiben jener aufgeregten Zeit (Februar bis Mai) eine führende Rolle in der Studentenschaft. Vom August 1848 bis Juli 1849 unternahm er dann an Bord eines Schooners eine Reise nach Rio de Janeiro, die, wenn auch sonst in vieler Beziehung unangenehm, doch für seine nautische Ausbildung recht fruchtbar war. Im Februar des folgenden Jahres, 1850, folgte B. einer Berufung an die Steuermannsschule in Bremen, und diese Stadt blieb nun bis zu seinem Tode sein Wirkungsplatz. Acht Jahre später, 1858, wurde ihm die Direction der Anstalt übertragen und seinem Ansehen und seinen Bemühungen ist es dann gelungen, aus der alten Steuermannsschule die „Seefahrtschule“ zu machen, die bald mit steigendem Ansehen als die erste der deutschen Navigationsschulen galt und die besten der Seeleute nach Bremen zog. Auch ein neues, würdiges Gebäude wußte er der ihm anvertrauten Anstalt im Jahre 1877 zu verschaffen.

B. war eine pädagogisch beanlagte Natur; durch treffende Vergleiche wußte er in anschaulicher Klarheit mit wenigen Worten zu lehren, wozu mancher andere einen Wust von Worten oder eine Fülle theoretischer Betrachtungen erforderlich hielt. Dabei wußte er durch sein beredtes Wort die Schüler zu fesseln und durch Humor und Witz den Unterricht frisch und anregend zu erhalten; seine oft etwas urwüchsige Derbheit paßte dabei für seine [230] Schüler, die vor ihrer Aufnahme in die Seefahrtschule schon mehrere Jahre als Matrosen oder Steuerleute zur See gefahren hatten. Neben der Hebung des geistigen Niveaus der deutschen Seeleute suchte B. auch eifrig die sociale und pecuniäre Lage derselben, die im Beginn seiner Lehrerthätigkeit noch meist eine recht niedrige war, zu bessern und zu heben.

Schon kurze Zeit nach Antritt seines Lehramtes, 1852, veröffentlichte B. ein Lehrbuch der Nautik unter dem Titel „Seemannskunst“, das noch 1890 in fünfter Auflage erschien und wohl auch heute noch eins der besten seiner Art ist. Auf Grund der zweiten mit nautischen Hülfstafeln erweiterten Auflage dieses Buches (Bremen 1860) promovirte B. im December 1861 an der Universität Göttingen zum Dr. philosophiae; seinen Doctortitel zog er immer seinem Amtstitel vor.

Breusing’s übrige litterarische Arbeiten sind der Mehrzahl nach geschichtlichen Charakters. Eine Gruppe derselben behandelt die Geschichte nautischer Instrumente. Zu diesen gehören, inhaltlich und zeitlich an erster Stelle, die in der Zeitschrift der Berliner Gesellschaft für Erdkunde (Bd. IV, 1869) erschienene Abhandlung unter dem Titel „Zur Geschichte der Geographie“, welche der Geschichte der Erfindung der wichtigsten nautischen Hülfsmittel: des Kompasses, des Jakobsstabs und der Logge gewidmet ist. In einer neuen und wesentlich vervollständigten Form behandelte B. denselben Gegenstand später noch einmal unter dem Titel „Die nautischen Instrumente bis zur Einführung des Spiegelsextanten“ (Bremen 1890). Hierher gehören auch noch seine beiden kleinen Abhandlungen: „Das Seebuch in nautischer Beziehung“ (in dem von C. Koppmann herausgegebenen mittelalterlichen „Seebuch“, Bremen 1876) und „Nonius oder Vernier?“ (Astronom. Nachr. 1879, Bd. 96).

Die seltene Paarung gründlicher philologischer Kenntnisse mit seemännischem und mathematischem Wissen befähigte B. in besonderem Maße, vom Standpunkte des Nautikers aus, Beiträge zur Lösung zahlreicher Fragen im Gebiete des Seewesens der Alten zu geben. Seine wichtigsten und bedeutsamsten Arbeiten in dieser Richtung sind „Die Nautik der Alten“ (Bremen 1886, XIV und 219 Seiten) und „Die Lösung des Trierenräthsels – die Irrfahrten des Odysseus, nebst Ergänzungen und Berichtigungen zur Nautik der Alten“ (Bremen 1889, VI und 128 Seiten). Ein besonderes Capitel des erstgenannten Buches enthält auch einen Kommentar zu der Darstellung der Seereise des Apostels Paulus in der Apostelgeschichte. In Fleckeisen’s Jahrbüchern für classische Philologie (1885 Heft 5, 1886 Heft 2, 1887 Heft 1) schrieb er auch noch „Nautisches zu Homeros“. Fanden diese Arbeiten bei den Altphilologen und Alterthumsforschern auf der einen Seite viel Lob und Anerkennung, so erfuhren sie doch von anderer Seite auch scharfen Widerspruch. Jedenfalls gebührt B. das Verdienst, durch neue geistvolle Betrachtungen viele bisherige Erklärungen als völlig unhaltbar nachgewiesen, andere Fragen der Lösung aber näher geführt zu haben.

Die dritte Gruppe von Breusing’s geschichtlichen Schriften sind der Geschichte der Geographie gewidmet und enthalten besonders zahlreiche werthvolle Ergänzungen und Berichtigungen zur Entwicklung der Kartographie. In erster Reihe steht seine Biographie „Gerhard Kremer, gen. Mercator, der deutsche Geograph“ (1869, 2. Aufl., Duisburg 1878, 61 und 8 Seiten), in der er die Bedeutung und die Verdienste dieses Mannes um die Nautik und die Entwicklung der Kartenentwürfe in’s hellste Licht stellte. Auch der biographische Aufsatz über Mercator in der A. D. B. XXI, 385 ist von B. geschrieben. Ueber Bernhard Varenius, den großen Geographen des 17. Jahrhunderts und Verfasser der „Geographia generalis“ (s. A. D. B. XXXIX, 487), [231] stellte B. in Petermann’s geogr. Mittheilungen (1880, 26. Bd., S. 136 bis 141) die mit vieler Mühe aufgebrachten und vollständigsten Lebensnachrichten zusammen. Ein weiterer, sehr reichhaltiger Beitrag Breusing’s „Zur Geschichte der Kartographie“ erschien 1881 in Kettler’s Zeitschrift für wissensch. Geographie (II. Bd., S. 129–133 und 180–195) unter dem näheren Titel „La totela de Marteloio und die loxodromischen Karten“. B. erklärt hier die Entstehung der italienischen See- oder sogenannten Kompaßkarten als loxodromische, d. h. als solche, in denen die mißweisenden Loxodromen (d. s. Linien, von denen die Meridiane unter gleichem Winkel geschnitten werden) zu geraden Linien ausgezogen sind. Auch diese Ansicht Breusing’s hat in neuester Zeit wieder einer anderen Theorie weichen müssen, ihm gebührt aber das Verdienst, das Räthsel der mittelalterlichen Karten durch seine Arbeit wieder angeregt und in Fluß gebracht zu haben.

Für die mit dem dritten deutschen Geographentag in Frankfurt a. M. im Jahre 1883 verbundene kartographische Ausstellung schrieb B. einen „Leitfaden durch das Wiegenalter der Kartographie bis zum Jahre 1600 mit besonderer Berücksichtigung Deutschlands“ (Frankfurt 1883, 33 Seiten), der durch seine kurzen, höchst prägnanten Charakteristiken vieler Atlanten und Karten auch als Gelegenheitsschrift dauernden Werth hat. Wenige Monate vor seinem Tode veröffentlichte B. dann noch sein kleines Lehrbuch der Kartenprojection unter dem Titel „Das Verebnen der Kugeloberfläche für Gradnetzentwürfe“ (Leipzig 1892, 62 Seiten). Breusing’s schriftstellerische Eigenart tritt in diesem noch einmal recht deutlich hervor: selbständige Auffassung des Gegenstandes, reiches Wissen an historischen Einzelhelten, Vorllebe für deutsche Bezeichnungen, aber auch große Neigung zu scharfer Kritik, die öfter doch auch einseitig und über das Ziel hinausgehend ist. Breusing’s deutsche Bezeichnungen „winkeltreue“ und „flächentreue“ Projection statt conforme und äquivalente sind jetzt Gemeingut der deutschen Geographen geworden.

In seinen politischen Anschauungen war B. ein warmer Anhänger Bismarck’s; in kirchlichen Fragen gehörte er der strenggläubigen Richtung an. Im Sommer 1888 wurde B. von einem Schlaganfall getroffen und seit dieser Zeit fing er an zu kränkeln, doch erholte er sich wieder und war bis kurz vor seinem Tode im 74. Lebensjahre noch dienstlich und litterarisch thätig. B. war mit Emma Hofschläger, die in directer Linie von Mercator abstammte, verheirathet und vier Kinder entsprossen der Ehe. Freunde und Schüler ließen in der Bremer Seefahrtschule Breusing’s wohlgetroffene Büste und auf seinem Grabe ein Denkmal mit seinem Medaillonbilde aufstellen.

Arthur Breusing von C. Schilling in der Weser-Zeitung 1892, Nr. 16501/3. – „Ausland“ 1892, S. 721–723 von W. Wolkenhauer. – Verh. der Ges. f. Erdkunde zu Berlin 1892, S. 527–532 von H. Wagner. – Deutsche Rundschau f. Geogr. u. Statistik, 1893, S. 230 bis 232 mit Porträt von E. Gelcich.