ADB:Buttlar, Eva von

aus Wikisource, der freien Quellensammlung
Zur Navigation springen Zur Suche springen

Empfohlene Zitierweise:

Artikel „Buttlar, Eva von“ von Heinrich Heppe in: Allgemeine Deutsche Biographie, herausgegeben von der Historischen Kommission bei der Bayerischen Akademie der Wissenschaften, Band 3 (1876), S. 654–655, Digitale Volltext-Ausgabe in Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=ADB:Buttlar,_Eva_von&oldid=- (Version vom 20. September 2019, 06:41 Uhr UTC)
Allgemeine Deutsche Biographie
>>>enthalten in<<<
[[ADB:{{{VERWEIS}}}|{{{VERWEIS}}}]]
<<<Vorheriger
Butte, Wilhelm
Band 3 (1876), S. 654–655 (Quelle).
Wikisource-logo.png [[| bei Wikisource]]
Wikipedia-logo-v2.svg Eva von Buttlar in der Wikipedia
GND-Nummer 12025414X
Datensatz, Rohdaten, Werke, Deutsche Biographie, weitere Angebote
fertig
Fertig! Dieser Text wurde zweimal anhand der Quelle Korrektur gelesen. Die Schreibweise folgt dem Originaltext.
Kopiervorlage  
* {{ADB|3|654|655|Buttlar, Eva von|Heinrich Heppe|ADB:Buttlar, Eva von}}    

{{Normdaten|TYP=p|GND=12025414X}}    

Buttlar: Eva v. B. war 1670 als das einzige Kind schon betagter, lutherischer Eltern zu Eschwege in Hessen geboren. Ohne allen eigentlichen Religionsunterricht auferzogen wurde sie, 17 Jahre alt, mit einem französischen Réfugié, dem Pagenhof- und Tanzmeister de Vésias in Eisenach verheirathet, mit dem sie zehn Jahre herrlich und in Freuden in kinderloser Ehe lebte. Da wurde sie (1697) von dem damals ganz Thüringen erregenden Pietismus ergriffen. Sie brach nun mit ihrem ganzen bisherigen Leben, sagte sich von ihrem Manne los und begab sich über Eschwege nach Allendorf an der Werra. Hier richtete sie Conventikel ein, entfaltete eine sich weit ins Land hinein erstreckende Thätigkeit, und gewann einen ihr so entschieden zugethanen Anhang, daß sie am 2. Januar 1702 daselbst eine aus etwa 40 Personen bestehende besondere christliche oder philadelphische [655] Genossenschaft gründen konnte. In derselben sollte bei vollkommner Gemeinschaftlichkeit alles Besitzes jedes einzelne Glied selbst in geschlechtlicher Beziehung jedem Gliede des anderen Geschlechts angehören. Dieses stellte man als die wahre, im Geiste eingegangene, Ehe hin, durch welche sich der „Christ“ zum Eintritt in das tausendjährige Reich vorzubereiten habe. Von vornherein war daher das ganze Leben dieser Gesellschaft auf die wildeste Befriedigung der Geschlechtslust gerichtet. Eva ging innerhalb zweier Jahre mit sechs verschiednen Männern sogenannte geistliche Ehen ein, und lebte außerdem mit allen männlichen Angehörigen der Gesellschaft, welche durch geschlechtliche Vermischung mit ihr (als der wahren Mutter Eva, der himmlischen Sophia, der Thür des Paradieses) zur vollen Reinheit gelangen sollten. Natürlich wurden diese Greuel bald ruchbar und schon nach sechs Wochen wurde die Societät aus Allendorf ausgewiesen, worauf Eva mit ihrem Anhang über Frankfurt und Usingen in das Wittgensteiner Land zog und sich 1704 zu Saßmannshausen auf einem dem Grafen von Wittgenstein gehörenden Hofe niederließ. Aber auch hier kam das schandbare Leben Eva’s und ihrer Genossen bald an den Tag, weshalb die ganze Rotte nach Laasphe ins Gefängniß gebracht wurde, aus dem sie jedoch zu entkommen wußte. Die Reste der Gesellschaft fanden sich mit Eva und deren damaligem Zuhälter in Köln wieder zusammen, wo dieselben scheinbar den katholischen Glauben annahmen und sich dann in der paderbornischen Enclave Lüde bei Pyrmont niederließen. Hier wurde die Genossenschaft mit Aufstellung bestimmter Regeln für das ganze Gemeinschaftsleben und mit allerlei ebenso burlesken als blasphemischen Weihungen einzelner Mitglieder ganz neu organisirt. Der Wahnwitz erreichte aber hiermit seine Höhe. Eine Criminaluntersuchung brach über die Gesellschaft herein, die nach Schloß Dringenberg gebracht wurde. Die Folter preßte grauenvolle Geständnisse heraus. Die Straferkenntnisse waren hart, aber gerecht. Indessen wußte Eva auch hier zu entfliehen. In Altona, wo sie (schwanger) den neuen Messias gebären wollte, wurde sie ausgewiesen, und die jetzt zersprengten Glieder der Gesellschaft lebten scheinbar als Glieder der lutherischen Kirche in Kiel und in Altona. Eva v. B. ließ sich später am letzteren Orte wiederum nieder, wo sie sich ganz ehrbarlich zu verhalten und sich Ansehen zu verschaffen wußte. Sie lebte daselbst noch im Jahre 1717. Wann sie gestorben ist, weiß man nicht.

Vgl. Max Göbel’s Geschichte des christlichen Lebens in der rheinisch-westfälischen Kirche, B. II. S. 778–809, wo auch die gedruckten und ungedruckten Quellen ihrer Geschichte angegeben sind.