ADB:Deecke, Ernst

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Artikel „Deecke, Heinr. Ludw. Ernst“ von Wilhelm Mantels in: Allgemeine Deutsche Biographie, herausgegeben von der Historischen Kommission bei der Bayerischen Akademie der Wissenschaften, Band 5 (1877), S. 18–19, Digitale Volltext-Ausgabe in Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=ADB:Deecke,_Ernst&oldid=- (Version vom 19. Juni 2019, 09:39 Uhr UTC)
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Deecke: Heinr. Ludw. Ernst D., geb. 1. October 1805 zu Lübeck, † 24. April 1862 als Professor, erster Lehrer der Realschule des Catharineums und Bibliothekar ebendaselbst. Deecke’s Kindheit fällt in die Jahre der französischen Herrschaft und der Befreiungskriege. Der rasche Wechsel der Ereignisse, der unvermittelte Gegensatz des Alten und Neuen schärften die Beobachtungsgabe des lebhaften Knaben, dessen Vater eine Kaffeewirthschaft hatte, in welcher das namhafte Publicum der Stadt verkehrte. Früh hat D. sich die gründliche Localkenntniß erworben, die ihn sein Leben lang auszeichnete, früh die Eigenthümlichkeiten verschwindender Bräuche, Sitten, Züge aus dem Volksleben auffassen und getreu behalten, auch wol selbständig wieder gestalten lernen. Bei bedeutenden geistigen Gaben, namentlich einem ausgezeichneten Gedächtniß und großem Form- und Sprachtalent, legte er es schon in jungen Jahren auf ein ungewöhnliches Wissen an. 15 Jahre alt ward er Schüler der ersten Gymnasialclasse, erst nach 3½ Jahren bezog er die Universitäten Halle und Göttingen. Das gewählte Fach war die Theologie, D. trieb aber daneben Philosophie, alte und neue Sprachen, zu denen sich später die umfassendste Litterar- und Litteraturkunde gesellte. Geographie und Geschichte mit allen Hülfswissenschaften sind bald die Disciplinen gewesen, welche er als ein Meister beherrschte. In solche Polyhistorie führte ihn unmerklich immer mehr sein Beruf hinein, seine Anstellung als Lehrer 1829, sein Bibliothekariat seit 1847.

Zurückgekehrt in die Heimath war D. zwar 1828 Candidat der Theologie geworden, hat auch wiederholt gepredigt, widmete sich aber ganz dem Lehrfach, seit er 1829 an der Bürgerschule angestellt ward und mit der allmählichen Umbildung derselben zur Realschule nach und nach den Hauptunterricht in den obern Classen allein in seine Hand bekam. Die Mannigfaltigkeit der hiezu erforderlichen Lehrgegenstände traf mit Deecke’s Neigung zusammen, sich in allen Zweigen des Wissens heimisch zu fühlen. Eine gleiche Anforderung stellte an ihn die Verwaltung der öffentlichen Bibliothek, welche er nach Grautoff’s Tode zeitweilig übernommen, nach Professor Ackermann’s Pensionirung ganz erhalten hatte.

Aber Deecke’s sämmtliches Wissen bildete doch nur die Grundlage für seine besondere Beschäftigung mit der Geschichte seiner Vaterstadt. Für diese hat er sein ganzes Leben hindurch nach allen Richtungen hin gesammelt und zahlreiche Collectaneen angelegt, wobei nichts aus dem weiten Gebiete der Alterthumskunde, seien es Quellen und Urkunden, geschichtliche Ueberlieferung und mündliche Sage, Reste der Kunst, Wappen, Münzen, Siegel etc. seinem Forschertrieb entging. Er hat diese, nach seinem Tode von der Stadtbibliothek erworbenen Sammlungen nicht nur sorgfältig geordnet, sondern für einen großen Theil derselben auch in einer Reihe von meistens Gelegenheitsschriften die Hauptzüge der Benutzung und Verwerthung selbst angegeben. Den Grundstein für die kritische Behandlung der ältesten Periode unserer Geschichte legte er in den „Grundlinien zur Geschichte Lübecks bis 1226“ (1839). Den ersten Band einer „Geschichte der Stadt Lübeck“ (bis 1300) gab er 1844 heraus. Er hat keinen zweiten folgen lassen: davon zurückgehalten hat ihn ebensosehr der noch unvollendete Zustand des urkundlichen Materials (der zweite Theil des Lübecker Urkundenbuchs ward erst 1858 abgeschlossen), als die geringe Befriedigung, welche ihm selbst der erste Band gewährte. An der Herausgabe des Lübeckischen Urkundenbuches betheiligte sich D. nur während der Arbeiten zum ersten Theile, auch die nach Grautoff’s Tode versprochene Fortführung der Lüb. Chroniken hat er kaum begonnen. Um so unermüdlicher benutzte er die oft gering zugemessene Muße, welche ihm sein Amt [19] ließ, zum Zusammentragen kleinerer Geschichtsabschnitte, zur Erschöpfung des für einzelne Gebiete Aufzufindenden oder zu knappen Uebersichten. So entstanden die „Lübischen Geschichten und Sagen“ (1852), die „Beschreibung der freien und Hanse-Stadt Lübeck“ (1847 u. ö.). Unvergleichlich war D. in der Bereitwilligkeit, mit welcher er sein stets schlagfertiges Wissen jedem Forscher sofort zu Gebote stellte: mancher namhafte Historiker weiß davon zu rühmen.

Deecke’s Name wird mit lübischer und hansischer Geschichtsforschung immer verknüpft bleiben, nicht minder durch das, was er in seinen Schriften geleistet, als was er an Material und Einzelkunde vor dem Untergang gerettet hat. Als Lehrer fehlte ihm keine Eigenschaft, die ein erfolgreiches Wirken bedingt. Seinen Mitbürgern war D. ein Gegenstand größter Verehrung, so daß ihm, außer anderen bürgerlichen Ehrenämtern, 1848 die Vertretung der Stadt in der Frankfurter Nationalversammlung übertragen ward.

Schulprogramm des Catharineums, Ostern 1863, S. 33. 47 ff. Zeitschrift d. Vereins für Lüb. Geschichte 2, S. 561 ff.