ADB:Dillmann, Christian Heinrich

aus Wikisource, der freien Quellensammlung
Zur Navigation springen Zur Suche springen

Empfohlene Zitierweise:

Artikel „Dillmann, Christian Heinrich“ von Schickler. in: Allgemeine Deutsche Biographie, herausgegeben von der Historischen Kommission bei der Bayerischen Akademie der Wissenschaften, Band 47 (1903), S. 702–704, Digitale Volltext-Ausgabe in Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=ADB:Dillmann,_Christian_Heinrich&oldid=- (Version vom 22. Oktober 2019, 16:57 Uhr UTC)
Allgemeine Deutsche Biographie
>>>enthalten in<<<
[[ADB:{{{VERWEIS}}}|{{{VERWEIS}}}]]
<<<Vorheriger
Dillmann, August
Nächster>>>
Dincklage, Emmy von
Band 47 (1903), S. 702–704 (Quelle).
Wikisource-logo.png [[| bei Wikisource]]
Wikipedia-logo-v2.svg Christian von Dillmann in der Wikipedia
GND-Nummer 116127864
Datensatz, Rohdaten, Werke, Deutsche Biographie, weitere Angebote
fertig
Fertig! Dieser Text wurde zweimal anhand der Quelle Korrektur gelesen. Die Schreibweise folgt dem Originaltext.
Kopiervorlage  
* {{ADB|47|702|704|Dillmann, Christian Heinrich|Schickler.|ADB:Dillmann, Christian Heinrich}}    

{{Normdaten|TYP=p|GND=116127864}}    

Dillmann: Christian Heinrich D., als Schöpfer des württembergischen und Leiter des Stuttgarter Realgymnasiums ein bahnbrechender Pädagoge seiner Zeit, wurde am 30. December 1829 zu Illingen bei Maulbronn als Sohn des dortigen Schulmeisters geboren, dem er in einem Zeit- und Sittenbild [703] „Der Schulmeister von Illingen“ (Stuttgart 1901), einem Cabinetstück altschwäbischen Lebens, ein Denkmal gesetzt hat.

Bis zum zehnten Lebensjahr im Elternhause trefflich erzogen und unterrichtet, durchlief er die übliche Studienlaufbahn der württembergischen Theologen, um 1851 in den Kirchendienst überzugehen. Als Vicar in Neuenbürg und in Eßlingen 1851-58 ein beliebter Kanzelredner, that er sich an beiden Orten zugleich als Lehrer hervor und erkannte seine vorwiegende Begabung für die Schule, die auch seinem Schaffensdrang am besten zusagte. Nachdem er mit 30 Jahren am Polytechnikum in Stuttgart Mathematik und Naturwissenschaften studirt hatte, übernahm er 1859 den mathematischen Unterricht bei den Nichtgriechen der oberen Classen des Stuttgarter Gymnasiums.

Seine Erstlingsschrift von 1862 „Die Volksbildung nach den Forderungen des Realismus“, in der er zu erweisen suchte, daß eine Schule geschaffen werden müsse, in der auch der Realismus „als wissenschaftliche Auffassung der Natur mittelst der Mathematik durch gymnasialen Betrieb für die höchsten sittlichen und wissenschaftlichen Bildungszwecke erschlossen werden sollte“, veranlaßte den Cultminister Golther, D. 1863 zum Studium der Realschulen 1. Ordnung in Preußen und Sachsen auszusenden. Die Frucht dieser Reise waren Vorschläge, die den Staat 1867 zur Gründung des Stuttgarter Realgymnasiums als eines „lateinischen Gymnasiums mit höherer Mathematik“ veranlaßten, während die norddeutschen Anstalten Realschulen mit angehängtem Latein waren. 1865 war D. wirkl. Professor der Mathematik am Stuttgarter Obergymnasium geworden. 1872 wurde er Rector seiner eigenen Schöpfung. 1873 Oberstudienrath, gewann er seiner Schule die classisch schöne Heimstätte in der Lindenstraße.

Seine Schriften wie seine Schulreden gelten fast alle der philosophischen Begründung seiner Weltanschauung, deren Ausdruck eben seine Schule war, und deren Vertheidigung. So seine bedeutendste Arbeit: „Die Mathematik, die Fackelträgerin einer neuen Zeit“, Stuttgart 1889, eine Bereicherung der erkenntniß-theoretischen Philosophie, in der D. die Frage von der Objectivität der Erkenntniß bejahend entschied, zugleich eine Vertheidigung gegen Aussprüche des österreichischen Cultusministers v. Gautsch und des preußischen v. Goßler, im J. 1889, die die Sache der Realgymnasien zu verurtheilen schienen. Ebenso seine gelesenste Schrift „Das Realgymnasium“, 1884, nachdem der Statthalter von Elsaß-Lothringen 1883 die Realgymnasien in den Reichslanden aufgehoben hatte. In gleicher Weise: „Das Realgymnasium und die württembergische Kammer“, Stuttgart 1896. Neben seinem Schulamt und seiner Thätigkeit in der Oberstudienbehörde, als Inspector der Handelsschule, als Visitator mehrerer unter seinen Auspicien entstandener Real-Lyceen hat D. 1862-94 am kgl. Katharinenstift, 1874-98 am Lehrerinnenseminar begeisterte Schülerinnen unterrichtet. Daneben, als Früchte seiner Muße, entstanden „Optische Briefe“, „Astronomische Briefe“ (1. und 2. Folge, Tübingen), verschiedene Schriften aus der Physik und Erdgeschichte, ebenso geistvoll als gemüthstief und von bilderreicher Sprache. Durchdrungen von dem Gedanken der Immanenz Gottes in der Natur war D. von einer innigen Frömmigkeit, allerdings überzeugt, daß auch die christliche Lehre fortschreiten und inbesondere sich von ihren geocentrischen Anschauungsformen freimachen müsse, um mit der neueren Wissenschaft Schritt zu halten. Ein sinnendes Haupt, getragen von einer mächtigen Gestalt, ein edles Antlitz voll Herzensgüte, aber auch voll eiserner Willenskraft, ein origineller, packender Lehrer, voll köstlichen Humors, ein Menschenkenner und Weltweiser voll prophetischen Geistes, ein echter Schwabe und guter Deutscher, ein Vater seiner Lehrer wie seiner Schüler, lebt er fort in Tausenden von Söhnen und Töchtern des Schwabenlandes, die seinen Tod am 18. December [704] 1899 betrauerten. Sein Bruder war der Orientalist Professor August D. in Berlin (s. S. 699).

Schickler.