ADB:Dingelstedt-Lutzer, Jenny von (1. Artikel)

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Artikel „Lutzer, Jenny“ von Joseph Kürschner in: Allgemeine Deutsche Biographie, herausgegeben von der Historischen Kommission bei der Bayerischen Akademie der Wissenschaften, Band 19 (1884), S. 719–720, Digitale Volltext-Ausgabe in Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=ADB:Dingelstedt-Lutzer,_Jenny_von_(1._Artikel)&oldid=- (Version vom 25. April 2019, 12:35 Uhr UTC)
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Lutzer: Jenny L.[WS 1], Bühnensängerin, „die böhmische Nachtigall“ und „Trillerkönigin“ genannt, geb. am 4. März 1816 zu Prag, starb am 2. Oct. 1877 zu Wien. Die vortreffliche Coloratursängerin genoß schon als 13jähriges Mädchen den Gesangsunterricht der vormaligen Sängerin am Wiener Hoftheater, Frau Zomb, geb. Tauber, welche jener Zeit als Gesanglehrerin am Prager Conservatorium angestellt war. Schon damals erregte Jenny in einem Concert ihrer Lehrerin außergewöhnliches Aufsehen und ward als zweite Henriette Sontag bezeichnet. Darauf nahm sie bei dem berühmten Gesanglehrer Cicimara Unterricht und betrat im Mai 1832 zum ersten Mal die Prager Bühne in der Titelrolle von Rossini’s „Fräulein vom See“. Der glänzende Erfolg dieses Abends entschied sofort für ihr Engagement und begründete ihre Beliebtheit bei dem Prager Publikum. Noch in demselben Jahre war sie dazu ausersehen, bei den aus Anlaß der Monarchenzusammenkunft in Teplitz veranstalteten Concerten mitzuwirken und als sie wenige Jahre später ein Engagementsanerbieten nach Wien erhielt, machte man die außergewöhnlichsten Anstrengungen sie an ihre Vaterstadt zu fesseln. Director Stöger bot ihr eine Erhöhung ihrer Gage an, Fürst Rohan sicherte ihr eine jährliche Apanage von 2000 fl. zu, doch all’ das konnte sie nicht fesseln und so ging sie 1836 nach Wien an das Kärntnerthortheater mit einer jährlichen Gage von 16000 fl. Hier wirkte sie, bald zur Kammersängerin ernannt, mit kurzer Unterbrechung (1844) bis 1846. Während der Ferien gastirte die Künstlerin auf den meisten großen Bühnen des Continents, 1842 mit besonderem Beifall in London. 1843 heirathete sie Franz v. Dingelstedt und lebte an dessen Seite in Stuttgart, München und Weimar und als er nach Wien zurückkehrte, wieder daselbst. Noch 1848/49 wird sie als Gast des Prager Theaters erwähnt, zog sich dann aber bald ganz von der Bühne zurück. Man prägte damals ihr zu Ehren eine Medaille, welche auf dem Avers den Kopf mit der Umschrift Jenny Lutzer, auf [720] dem Revers ein blumenbekränztes Notenheft mit umstrahlter Lyra, Lorbeerkranz, Gesichtsmaske und der Umschrift „DER KUNST UNERSETZLICH. DEN WIENERN UNVERGESSLICH zeigt. Auch wurde ihr Medaillonporträt in der ersten Gallerie des Wiener Opernhauses angebracht. Die L. ist im colorirten Gesang nur von der Patti erreicht worden. Sie war in ihrer Glanzzeit unübertroffen, einzelne ihre Partien wie die „Prinzessin“ in Robert, die „Königin“ in den Hugenotten sind nie vollkommner gegeben worden. Ihre Stimme hatte einen ganz eigenthümlichen zum Herzen sprechenden Schmelz und die Bravour, mit der sie die schwierigsten Passagen spielend hervorbrachte, war ganz außerordentlich. Kenner verglichen ihre Stimme mit dem süßen Wohllaut der Flöte, der unwiderstehlich wirkt. Als Schauspielerin war die L. nur von mittelmäßigem Talent, für heroische Partien fehlte ihr die Kraft der Darstellung ganz. Zu ihren Glanzleistungen zählten neben den erwähnten Adina (Liebestrank), Nachtwandlerin, Zerline (Fra Diavolo), Giulietta (Bellini’s Romeo und Julie), Camilla (Zampa) etc. Nach ihrem Rücktritt von der Bühne spielte sie auch im gesellschaftlichen Leben Wiens eine Rolle, in ihrem vielbesuchten Salon als liebenswürdige Wirtihn gefeiert.


Anmerkungen (Wikisource)

  1. Über diese Person existiert in Band 47 ein weiterer Artikel.