ADB:Emin Pascha

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Artikel „Emin Pascha“ von Friedrich Ratzel in: Allgemeine Deutsche Biographie, herausgegeben von der Historischen Kommission bei der Bayerischen Akademie der Wissenschaften, Band 48 (1904), S. 346–353, Digitale Volltext-Ausgabe in Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=ADB:Emin_Pascha&oldid=- (Version vom 23. September 2019, 21:24 Uhr UTC)
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Emin Pascha (Eduard Schnitzer), Afrikaforscher, Arzt und ägyptischer Regierungsbeamter, geboren am 28. März 1840 zu Oppeln i. Schlesien von jüdischen Eltern, † durch arabische Mörder am 23. October 1892 zu Kinene im oberen Kongogebiet. Der Vater, Kaufmann, starb 1845 zu Neisse, ebendort wurde der Sohn 1846 getauft und 1855 protestantisch confirmirt, hier besuchte er das Gymnasium und von hier ging er 1859 zum Behuf medicinischer Studien nach Breslau, später nach Berlin und Königsberg. Er machte sein Doctorexamen, kam aber nicht dazu, die medicinische Staatsprüfung zu machen, sondern ging 1864 über Triest nach Antivari in Albanien, wo er 1865 eine Stelle als Quarantänearzt fand, daneben auch halbpolitische Missionen ins Innere, in die Herzegowina und Montenegro ausführte und eifrig Sprachstudien oblag; er mochte hoffen, mit der Zeit in den türkischen diplomatischen Dienst übertreten zu können. 1870 siedelte er nach Skutari über, wo sich mit der Frau des Gouverneurs Ismail Hakki Pascha ein Verhältnis knüpfte, das ihn in den folgenden Jahren nach allen den Orten: Constantinopel, Trapezunt, Jannina, führte, wo Ismail Hakki Pascha als Gouverneur oder in der Verbannung weilte. Nach dem Tode des Paschas hat E. die Wittwe als seine Frau ausgegeben, es scheint aber nie zu einer Heirath zwischen Beiden gekommen zu sein. In Trapezunt führte er den Namen Dr. Hairullah Effendi, scheint eine ausgedehnte Praxis gewonnen zu haben und rühmt sich, dort des Turkischen und Arabischen mächtig geworden zu sein, wie selten ein Fremder. 1871 weilte er vorübergehend in Dernah (Tripolitanien), einige Monate muß er um diese Zeit auch in Jemen gewesen sein. 1873 starb Ismail Hakki Pascha und E. regelte nun in Constantinopel dessen Nachlaß unh zog mit der Familie nach Europa. Als er mit derselben 1875 in Neisse weilte, verschwand er eines Tages und ging über Triest nach Kairo und von da nach Chartum. Briefbruchstücke, die G. Schweitzer veröffentlicht hat, und einige andere Fragmente, die gelegentlich zu Tage getreten sind, sind alles, was man als Quellen über die abenteuerliche Wanderzeit Emin’s weiß. Es ist sicher, daß derselbe zeitweilig als Arzt prakticirt, dazwischen aber auch in [347] Politik sich versucht hat. Er correspondirte nicht bloß für europäische Zeitungen, z. B. für die Wiener Neue Freie Presse, sondern scheint auch in die innere Politik der Türkei eingegriffen zu haben. Einige behaupteten, er habe wegen jung-türkischer Umtriebe Constantinopel verlassen müssen. Daneben gingen Sprachstudien und wissenschaftliche, besonders naturgeschichtliche Studien und Beobachtungen einher.

1876 trat Dr. Emin Effendi in ägyptische Dienste. Man sandte ihn sofort nach Chartum und der Generalgouverneur des Sudân beauftragte ihn mit der Leitung des ärztlichen Dienstes in der Aequatorialprovinz, an deren Spitze damals Gordon stand. Als Gordon den Arzt mit Berichten über die noch so wenig bekannten Gebiete der Aequatorialprovinz betraute, kamen dessen naturwissenschaftliche und anthropologische Liebhabereien und Kenntnisse endlich zur Geltung und Gordon fand auch Gelegenheit, die diplomatischen Talente Emin’s zu verwerthen. 1878 wurde Gordon Generalgouverneur des Sudân und ernannte E. zu seinem Nachfolger in der Verwaltung der Aequatorialprovinz. Diese Provinz erfreute sich damals äußerlich des Friedens und der Ordnung, aber ihre Finanzen litten unter der schweren Last der Unkosten der ersten Occupation und unter ihren Beamten und Officieren waren sehr schlechte, unzuverlässige, die Bevölkerung rücksichtslos auspressende Elemente. Die ägyptischen Stationen waren zum Theil verfallen und als eine der wiederkehrenden Verstopfungen des Nils gerade in den beiden ersten Jahren der Verwaltung die Verbindung mit Aegypten unterbrach, wurde die Lage für E. sehr schwierig. Er wurde indessen der größten Mißstände Herr und Gordon zollte seiner Geschicklichkeit und seinem Eifer, wie wir von Felkin wissen, lebhafte Anerkennung. Ende 1879 erhielt er den Titel Emin Bey. Nachdem die Stationen ausgebessert, die Wege gebahnt, die Eingeborenensteuern ausgeglichen worden waren, begann der Gouverneur den Kampf mit den größten Feinden des Gedeihens der Provinz, den Sklavenhändlern. Es war um so schwerer, ihnen beizukommen, als sie unter den Regierungsbeamten ihre besten Freunde und Helfer hatten. Indem E. allmählich die ägyptischen und nubischen Soldaten durch Eingeborene ersetzte, entzog er den Sklavenhändlern immer mehr den Boden und erwarb sich das Vertrauen der Häuptlinge der Eingeborenen. Ende 1882 konnte er auf ein mit friedlichen Mitteln wesentlich vergrößertes, vom Deficit befreites, Ueberschüsse bietendes Land hinweisen. Das war fast ganz Emin’s eigenes Werk; nur wenige Monate war ihm Lupton Bey zur Seite gestanden. Unter den Europäern, die längere Zeit in der Aequatorialprovinz weilten, waren ihm Junker und Casati von großem Nutzen, aber eigentliche Gehülfen hatte er nicht. Und dabei war seiner Fürsorge das Hauptlazareth der Provinz anvertraut, wo er täglich in den Frühstunden als Arzt waltete, um den Rest des Tages der Civil- und Militäradministration zu widmen. In den Mußestunden legte er zoologische und anthropologische Sammlungen an und beaufsichtigte die Acclimatisationsversuche, die mit den verschiedensten Culturpflanzen auf seine Anregung unternommen wurden. Felkin, der ihn 1878 besuchte, sagte 1888 von ihm: Von dem ersten Tag unseres Zusammentreffens bis heute ist meine Bewunderung vor ihm und meine Achtung für ihn beständig gewachsen. … Vielleicht ist aber das, was mich an Emin bei meinem Aufenthalt in Ladó am meisten erstaunte, sein aufrichtiges Interesse an aller wissenschaftlichen Arbeit. … Er ist ein geborener Naturforscher und ein Geist der Wissenschaft durchdringt alles, was er thut. Administrative und wissenschaftliche Interessen zusammen führten ihn in jedem Jahre, solange seine Verwaltung noch nicht durch den Aufstand des Mahdi unterbunden war, auf weite Reisen in die entlegensten Theile seiner Provinz. Nachdem er noch [348] unter Gordon und zum Theil in dessen Begleitung 1876 Mruli, Uganda und den Albertsee besucht und die Nilreise bis Chartum gemacht hatte, finden wir ihn 1877 bei Kabrega, dem König von Unyoro, 1877/78 zum zweiten Mal in Uganda, 1878 am untern Bahr el Djebel zur Untersuchung der Verstopfung des Nils, 1879 am Albertsee und in Lûr, 1880 bei den Makraká, 1881 bei den Latuka und Obbo, ferner in Rôl, im Frühjahr 1882 in Chartum, dann wieder in Makraká, 1883 in Monbuttuland, 1886 befuhr er den Albertsee und untersuchte zum ersten Mal den Duerufluß, 1887 wiederholte er die Reise und erschien bei König Kabrega in Mpara. Von den meisten dieser Reisen hat E. vortreffliche Schilderungen entworfen, von einzelnen auch Karten gegeben.

Gessi’s Zurückberufung aus der Bahr el Ghasal-Provinz Ende 1882, von der dann einzelne Theile E. unterstellt wurden, brachte die ersten Unruhen nach Jahren gedeihlicher Thätigkeit; die Sklavenhändler breiteten sich von diesen neuen Theilen der Aequatorialprovinz über die befriedeten Gebiete aus. Aber die Lage wurde viel schwieriger als der 1881 am Weißen Nil aufgestandene Prophet, der Mahdi, immer größeren Anhang gewann, und durch die Ausbreitung seiner Anhänger über den größeren Theil des ägyptischen Sudân die Aequatorialprovinz von Chartum und Aegypten abschnitt. Die außenliegenden Gebiete wurden unruhig, Bahr el Ghasal fiel 1884 den Mahdisten zu, in der Aequatorialprovinz, die von einem Trocken- und Mißjahr heimgesucht war, regte sich Unzufriedenheit, außenliegende Garnisonen mußten zurückgezogen werden, die Mahdisten drangen in die Provinz ein und fochten mit Emin’s Truppen bei Amadi, Amadi selbst fiel, die Bari in der Umgebung von Ladó wurden unruhig. E. beschloß nun seine ganze Macht südwärts zusammenzuziehen, und ließ durch Junker und Casati mit Unyoro und Uganda unterhandeln. Alle diese Ereignisse und die lange Abschließung von Aegypten hatten unter Emin’s Officieren und Beamten immer mehr Unzufriedenheit hervorgerufen. Für eine so schwere Lage reichte sein Charakter nicht vollständig aus; er gerieth ins Schwanken, wechselte seine Entschlüsse, allerdings unter zähem Festhalten an dem Gedanken, solange wie möglich auszuhalten und für Aegypten zu retten, was zu retten möglich wäre. Mit Hülfe des Missionares Mackay in Uganda von der Church Missionary Society, der er einst ein Wirkungsfeld in der Aequatorialprovinz hatte anweisen wollen, öffnete er sich die Verbindung mit Sansibar. Hier gelang es Junker, zur Küste zu gelangen und die Welt über die Lage am oberen Nil aufzuklären. Dazwischen arbeitete E. ruhig als naturwissenschaftlicher Sammler und Beobachter und Geograph weiter. Noch im April 1887 hoffte er fast alle seine Stationen, die nördlichsten ausgenommen, halten zu können.

Emin’s Gedanke richtete sich immer bestimmter auf den Plan, ein neuees Reich aus dem Süden der Aequatorialprovinz mit Unyoro und Uganda unter Anlehnung an den Oberen Nil und den Ukerewesee zu schaffen. Er spricht davon, daß er seine Provinz auch dann nicht verlassen werde, wenn Aegypten ihn dazu auffordere. Daher die Verhandlungen mit Kabrega und Mtesa, die allerdings den ersteren nicht hinderten, 1887 gegen die Aegypter zu Felde zu ziehen. In diesem Jahre hatte E. Kunde von den Bestrebungen in Deutschland und England erhalten, ihn aus seiner Abschließung zu befreien. Schon Ende 1887 schaute er am Albertsee nach Stanley’s Expedition aus, die Anfang 1887 vom untern Kongo abgegangen war und im December nach unsäglichen Schwierigkeiten den Albertsee erreichte. Unfähig nach Wadelai weiterzugehen, sandte Stanley nach längerer Rast seinen Begleiter Jephson, der am 27. April 1888 in Msua, der südlichsten Station der Aequatorialprovinz [349] mit E. zusammentraf; am 29. traf E. Stanley bei Njamsassi. Statt der erwarteten Verstärkung mit Waffen und Munition, und vielleicht tüchtigen Gehü1fen, fand er eine von unsäglichen Strapazen decimirte, heruntergekommene Expedition, der er Hülfe leisten mußte, und empfing zum Ueberfluß durch Stanley neben seiner Ernennung zum Pascha ein Schreiben des Khedive, das ihm freistellte, die Provinz zu räumen oder sie zu halten. Stanley war außerdem Träger eines Vorschlags des Königs der Belgier, daß E. bleibe und für ihn das Land verwalte, und eines andern Vorschlages, daß E. sich an der Nordostecke des Ukerewesees festsetze, um von dort aus mit englischem Geld ein neues Colonialreich zu gründen. E. durchschaute bald den politischen Hauptzweck der Stanley’schen Expedition, für England eine Fußfassung am Oberen Nil zu schaffen – derselbe war auch in Deutschland schon 1884 öffentlich besprochen worden – und wäre wohl geneigt gewesen, mit englischer Unterstützung diesen Plan selbst zu fördern, da es vielleicht das einzige Mittel war, um die Aequatorialprovinz nicht in die Barbarei zurücksinken zu lassen. Aber das Erscheinen Stanley’s mit den Resten seiner Expedition machte auf Emin’s Leute eine unerwartete Wirkung, die, zusammen mit neuen Angriffen der Mahdisten, den Erfolg hatte, daß Mißtrauen gegen E. sich ausbreitete, das im September zu einer Militärrevolte führte, in deren Folge eine Gruppe von Officieren E. absetzte; ein großer Theil der Soldaten blieb ihm jedoch treu. Allein auch für Stanley hatte E. jeden Werth verloren, seitdem derselbe keine Autorität und keine Armee mehr besaß; auch daß die Elfenbeinschätze nicht erlangt werden konnten, die angeblich bei E. aufgehäuft waren, verstimmte. Stanley war nun bestrebt die Zahl derer, die er nach der Küste führen sollte, zu beschränken, während E. Zeit gewinnen wollte, um möglichst Vielen zu gestatten, ihn zu begleiten. Daraus entstanden Reibungen zwischen beiden Männern, die zu ausgesprochener Feindschaft führten. Der Rückzug ging über Uganda, wo E. mit Mackay zusammentraf; am 31. October begegnete die Karawane dem ersten Zeichen der deutschen Herrschaft in Ostafrika, einem Briefe des damaligen Commissarz für Deutsch-Ostafrika, Major Wißmann aus Mpapwa. Daraus erfuhr E. auch zum ersten Mal Näheres über die Bemühungen des deutschen Emin Pascha-Comités und der Peters-Expedition, die gerade damals von Osten her sich dem Ukerewesee näherte; am 19. Juni 1890 trafen dann Peters und Tiedemann auf dem Rückmarsch aus Uganda in Mpapwa mit E. zusammen. E. erkrankte auf dem Weg zur Küste, kam aber wiederhergestellt in Bagamoyo an, wo ihn am 4. December ein Telegramm des Kaisers begrüßte. Bei einem Festessen am Abend dieses Tages im Regierungsgebäude in Bagamoyo hatte der kurzsichtige E. das Unglück, aus einem tiefgehenden Fenster, das er für eine Balkonthüre hielt, zu stürzen. Stanley mußte seinen „Geretteten“ wider Willen in Bagamoyo zurücklassen, wo die Pflege im Deutschen Hospital die Schädelfractur heilte. Am 28. Febr. 1890 wurde E. commissarisch in den auswärtigen Dienst übernommen. Am 26. April ging E. an der Spitze einer großen Expedition mit Langheld und Stuhlmann ins Innere, um die Landschaft um den südlichen Ukerewe und östlich davon bis Albertsee und Mvutan Sige für Deutschland zu sichern. Auch Pater Schynse, der mit G. zur Küste gekommen war, schloß sich wieder an. Am 4. Juni wurde Mpapwa erreicht. Hier erfuhr E. amtlich von den im Zuge befindlichen Verhandlungen mit England, seine Instructionen wurden entsprechend beschränkt, von Neuerwerbungen sollte er sich fernhalten. Peters, mit dessen zurückkehrender Expedition E. hier zusammentraf, übergab er einen Protest, in dem er sich als rechtlichen Herrn der Aequatorialprovinz bezeichnet. Am 29. Juli zog er in Tabora ein und hißte dort am 4. August die deutsche [350] Flagge. Dem Reichscommissar kam diese Abweichung von der gestellten Aufgabe ungelegen, auch brauchte die Expedition mehr, als bewilligt war. Am 30. August war das deutsch-englische Abkommen über Ostafrika an E. gesandt und ihm mitgetheilt worden, daß er sich von nun an auf die Anlegung von Stationen und Anknüpfung von Beziehungen beschränken möge. Am 27. September kam die Expedition bei Basisi an den Ukerewesee. Am 19. October begann er seine Fahrt und war am 1. November in Bukoba, wo die seitdem aufgeblühte Station Bukoba begründet wurde. Diese scheint indessen ebensowenig wie die Flaggenhissung in Tabora den Beifall des Reichsscommissars gefunden zu haben, der am 6. December schrieb, er solle, nach Erfüllung seiner Instruction so rasch wie möglich nach der Küste zurückkehren. E. hatte aber zu dieser Zeit bereits den Plan gefaßt, durch Monbuttu quer durch Afrika nach dem Hinterlande von Kamerun vorzudringen. Nachdem er Langheld mit einem Theil der Expedition in Bukoba zurückgelassen hatte, ging er mit Stuhlmann weiter, traf am 24. Februar bei Kafuro mit dem Herrscher von Karagwe zusammen, im April überschritt er die Grenze „auf die Gefahr hin, später vor ein Kriegsgericht zu kommen“, da er bestimmte Nachrichten über seine früheren Leute aus der Aequatorialprovinz erhalten hatte; er wollte sich mit ihnen in Verbindung setzen, hatte dabei aber doch das Gefühl, daß die, die ihn ausgesandt hatten, bereuen mochten, es gethan zu haben. Im Mai erreichte er den Albert Eduard-See, marschirte durch das Gebiet der Kandjo und Wamba, durch Ulegga; viel weniger seiner alten Leute als er gehofft, stießen zu ihm, die 3000 Centner Elfenbein, die in den Regierungesmagazinen gelegen hatten, waren zerstreut. Als er Madsamboni verließ, zählte seine Schar 494, darunter 29 seiner früheren Leute aus der Provinz mit 72 Frauen und 81 Kindern. Am 22. August überschritt er den Ituri, mußte aber den Rückmarsch antreten, da Nahrungsmangel herrschte und ein Theil der Träger nicht weiterging; auch einige der Sudanesen hatten, unter Mitnahme kostbarer Lasten, das Weite gesucht. E. klagt in seinen Briefen über sein Befinden, meint, er sei in den letzten Monaten schnell gealtert, wünscht sich den Tod; gelegentlich hebt ein neuer Fund, etwa eine noch unbeschriebene Katze des Urwaldes, seine Stimmung. Am 12. November war man wieder in Undussuma, zwei Märsche westlich vom Albertsee. E. war an einer Hautwunde krank, viele Träger wurden blatternkrank. Die Blattern und der Nahrungsmangel waren auch die Gründe, die E. seinem Begleiter Stuhlmann als Grund seiner Rücksendung angab, als er ihn veranlaßte, am 10. December mit den Gesunden nach Bukoba zu gehen. E. blieb mit den Kranken bei Madsamboni, hatte von den Vorräthen nur das allernothwendigste zurückbehalten; unter günstigeren Umständen wollte er ihm folgen. Allein die Blattern nahmen nicht ab, der Ungehorsam unter seinen Leuten dagegen nahm zu, und es war unmöglich, Träger zu bekommen. Endlich am 8. März 1892 konnte E. sich wieder in Bewegung setzen, kam aber erst, nachdem eigene Krankheit und Trägermangel den Marsch verzögert hatten, Ende Mai ein gutes Stück westwärts, als er sich einem der großen arabischen Elfenbeinjäger, Said bin Abid, angeschlossen hatte; sein Weg lief im allgemeinen südlich von dem Stanley’s. Unterwegs wurde E. immer leidender, seine Augen wurden vom Staar befallen, seine Füße schwollen an, dennoch ging er noch zwei Monate erst den Ituri entlang, den Winkel zwischen Kongo und Aruwimi in südwestlicher Richtung schneidend. Am 14. October kam er in Kinene an, wo Mangel an Nahrungsmitteln und wol auch die eigene Schwäche ihn festlegten. Es war auch in anderer Beziehung eine ungünstige Zeit. Der Kongostaat hatte den arabischen Sklaven- und Elfenbeinhändlern den Krieg erklärt, diese hatten [351] infolge dessen mehrere Belgier ermordet. Am 23. October gingen einige Halb-Araber ruhig in die Wohnung Emin’s, und als sie ihn unter seinen Naturalien schreibend fanden, faßten sie ihn, legten ihn auf den Boden und schnitten ihm nach kurzer Gegenwehr die Kehle ab. Den Auftrag dazu hatte der Araber Hamadi bin Ali, genannt Kibonge nach seiner Station am Kongo, gegeben. Als der belgische Hauptmann Dhanis im Februar 1893 nach schweren Kämpfen mit den Arabern in Nyangwe einzog, fand er dort Reste von der Ausrüstung Emin’s, später kam in Kassongo noch weiteres hinzu; glücklicher Weise fand sich das Tagebuch Emin’s vollständig bis zum Todestag vor. Die Mörder Emin’s wurden von den Officieren des Kongostaates gefangen und hingerichtet. Erbe Emin’s war seine Tochter von einer Abessinierin, Ferida, die 1894 in Berlin getauft wurde. Wo E. begraben wurde, weiß Niemand zu sagen. –

Die ersten geographischen und ethnographischen Berichte über seine Reisen und Forschungen veröffentlichte E. in den „Geographischen Mittheilungen“ 1878, weitere folgten in derselben Zeitschrift 1880, 1882, 1883. Im „Ausland“ veröffentlichte er 1883 kleine Monographien über den Handel und Verkehr bei den Waganda und Wanyoro und über die Acclimatisation verschiedener Hausthiere im Aequatorialgebiet. Die Mittheilungen des V. f. Erdkunde zu Leipzig brachten 1887 eine Monographie über die geographische Verbreitung der Thiere im äquatorialen Afrika und die Beschreibung einer Reise zu den Monbuttu, die Mittheilungen der K. K. Geographischen Gesellschaft in Wien 1882 die Beschreibung von Reisen nach Fatiko und Obbo. Berichte über die allgemeinen Zustände in der Aequatorialprovinz brachten die Mittheilungen des V. f. Erdkunde zu Leipzig 1887 und einige weitere (in Briefen an Dr. Georg Schweinfurth) bringt das 1888 von Schweinfurth und Ratzel herausgegebene Buch: „Emin Pascha. Eine Sammlung von Reisebriefen und Berichten, mit Unterstützung von Dr. Robert W. Felkin und Dr. Gustav Hartlaub“. Dasselbe, mit werthvollen Zusätzen von Dr. Felkin, erschien 1888 in London in englischer Uebertragung. Franz Stuhlmann’s „Mit Emin Pascha ins Herz von Afrika“ (1894) enthält Monographien von E. über die Lur, Land und Leute in Latuka, und zwei Abschnitte über die Ereignisse in der Aequatorialprovinz nach Stanley’s Abzug und die späteren Verhandlungen Emin’s mit den Zurückgebliebenen. Endlich bringt Georg Schweitzer’s eingehende Lebensbeschreibung: „Emin Pascha, eine Darstellung seines Lebens und Wirkens mit Benutzung seiner Tagebücher, Briefe und wissenschaftlichen Aufzeichnungen“ (1898) zahlreiche Briefe, besonders aus den letzten Lebensjahren, und wichtige Theile der letzten Tagebücher. Die ethnographischen Beobachtungen Emin’s sind durch alle seine geographischen Berichte zerstreut. Bemerkenswerth ist noch: Sur les Akkas et Baris (Zeitschr. f. Ethnologie Bd. XVIII). Werthvolle Notizen begleiten auch die reichen zoologischen und ethnographischen Sammlungen, mit denen G. die Museen von Berlin, Wien, London in großartiger Freigebigkeit beschenkt hat. Ueber diese Sammlungen sagt der Ornitholog Hartlaub: „Kein Stück ist von Emin Pascha versandt worden, das nicht das Datum der Erlangung, die genaue Angabe des Fundorts, die ebenso gewissenhafte des Geschlechts nach anatomischer Untersuchung, der Maaße am frisch erlegten Thier und der Farbe der Weichtheile sauber und deutlich verzeichnet an sich trüge“. Ebenso gewissenhaft sind besonders auch seine meteorologischen Beobachtungen. Als Erforscher der Natur und des Völkerlebens war E. vor allem gründlich, voll Liebe zur Sache, mit feinem Sinn für das, worauf es ankommt. Eben deshalb war er auch als Sammler so hervorragend. Dagegen war er durchaus kein Mann neuer Gedanken. Seine [352] wissenschaftlich reichste Arbeit, die thiergeograpischen Studien über Innerafrika, läßt aber vermuthen, daß er in andern Verhältnissen sich auch durch scharfsinnige Combinationen ausgezeichnet haben würde.

Ueber Emin’s Charakter sind zu seinen Lebzeiten und mehr noch unmittelbar nach seinem Tode sehr verschiedene Urtheile gefällt worden. Seine Handlungen waren nicht immer durchsichtig. Heute sehen wir dank der Zeugnisse zahlreicher Zeit- und Wirkungsgenossen klarer. E. war ein Mann von großer Menschenliebe und von lebhaftestem Forschungsdrang, von zäher Ausdauer in körperlicher und seelischer Beziehung, von stoischem Muth; da aber die Erkenntniß in ihm größer als der Wille war, schwankten seine Entschlüsse oder brachen vor der vollständigen Ausführung ab. Daher das Abenteuernde in seinem früheren, das Unberechenbare in seinem späteren Leben. E. war infolge dessen besonders der schweren Aufgabe der Erhaltung und Verwaltung der Aequatorialprovinz im Zusammenbruch der ägyptischen Herrschaft nicht gewachsen. Da seine damalige Stellung und Haltung am meisten zu Kritik Anlaß gegeben hat, möge hier das Urtheil wiederholt sein, das Casati, der in diesen stürmischen Jahren in seiner Nähe weilte und im einzelnen seinen Widerspruch gegen Emin’s Maßregeln oft und scharf genug ausgesprochen hat, über ihn gefällt hat: „Emin’s verständnißvolle Thätigkeit bei der Neuordnung des Landes wurde von günstigen Erfolgen gekrönt. Er regelte die Verwaltung zum Besten der Regierungsinteressen, unterdrückte eingewurzelte Mißbräuche und wachte über die Entwicklung der Hilfskräfte seiner Provinz. Umgeben von ungeschickten Leuten von erprobter Unehrlichkeit, wußte er durch unermüdliche Wachsamkeit und Scharfblick die Befugnisse eines jeden abzugrenzen und, soweit es möglich war, ihren schädlichen Einfluß zu beschränken. Beamte von schlechter Führung fortzuschicken und sie durch andre von größern Fähigkeiten und besserer Haltung zu ersetzen, war ihm nicht möglich, da gerade Ladó von der ägyptischen Regierung als eine Strafkolonie Aegyptens und des Sudans angesehen wurde. Häufige Ausflüge, auf denen er bei seiner scharfen Beobachtungsgabe die Politik mit der Wissenschaft vereinigte, boten ihm Gelegenheit, persönlich die Bedürfnisse der Bevölkerung, das Maß der zu überwindenden Schwierigkeiten zu überblicken und die dem Unternehmen angepaßten Mittel festzustellen. Allein die weite Ausdehnung des Gebietes, der geringe Glaube der Beamten an eine gedeihliche Entwicklung der öffentlichen Angelegenheiten und mehr noch die beständige Abweisung seiner Forderungen und Vorschläge durch die Zentralregierung bildeten für die Entfaltung seines Programms kein geringes Hindernis. Wenn später der Aufstand alles über den Haufen warf, so muß man die Hauptursache der Unruhen, die auch die Aequatorialprovinz erschütterten, in der zersetzenden Wühlerei suchen, die seit langem ohne Unterlaß das Ansehen der Regierung erschütterte und ins Wanken brachte und jedes Gefühl des Wohlwollens von ihr ferngehalten hatte. Diese Revolution überraschte Emin unvorbereitet, auch wurde er von den Ereignissen fortgerissen, verfiel in Zweifel und Irrtümer, und wenn seine Provinz nicht das traurige Los ihrer Schwestern theilte, so ist es eine Pflicht der Gerechtigkeit, anzuerkennen, daß dies nur eine natürliche Folge des Zaubers war, der ihn umgab, und den er sich bei der moralischen und materiellen Entfaltung der Kräfte des Landes erwarb, der er Geist, Herz und Wissen, ja sein ganzes Leben gewidmet hatte“.

Ein tragisches Geschick hatte E. auf einen Platz gestellt, wo Aegypten auf der einen, zwei große Völker Europas, Engländer und Deutsche, auf der andern Seite, mehr von ihm verlangten, als er leisten konnte. Als Verwalter in ruhigen Zeiten, als Arzt und sammelnder Naturforscher entsprach er den höchsten Anforderungen; [353] als Befehlshaber litt er Schiffbruch. Auf das Unerklärliche in Emin’s letztem Zug ins Innere von Afrika fällt aus diesem Widerspruch zwischen Kraft und Aufgabe einiges Licht. Bereuend, daß er sich von Stanley, der eine magische Gewalt über ihn ausübte, hatte aus seiner Provinz herausführen lassen, kehrte er dahin zurück, um nur neue Enttäuschungen zu erleiden. Sein Zug an den Kongo nach der Trennung von Stuhlmann war ein Act der Verzweiflung und Selbstaufgebung.

Außer den oben genannten Büchern sind hervorragend wichtig für die Kenntniß Emin’s: Junker, Reisen in Afrika. 3 Bde. 1889/90. – Casati, Zehn Jahre in Aequatoria und Rückkehr mit Emin Pascha. 2 Bde. 1891. – Vita Hassan, Die Wahrheit über Emin Pascha, die ägyptische Aequatorialprovinz und den Sudān. 1893.