ADB:Enhuber, Karl von

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Artikel „Enhuber, Karl von“ von Friedrich Pecht in: Allgemeine Deutsche Biographie, herausgegeben von der Historischen Kommission bei der Bayerischen Akademie der Wissenschaften, Band 6 (1877), S. 145–147, Digitale Volltext-Ausgabe in Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=ADB:Enhuber,_Karl_von&oldid=- (Version vom 24. Mai 2019, 17:55 Uhr UTC)
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Enhuber: Karl v. E., Genremaler, geb. in Hof den 16. Decbr. 1811, † in München den 7. Juli 1867. Nicht immer treffen Neigung und Begabung so harmonisch zusammen, als bei diesem interessanten Künstler, der unstreitig zu den ausgezeichnetsten gehört, welche die Schule nach dieser Richtung ausgebildet. Durch die Versetzung des Vaters, eines Beamten, nach München gekommen und [146] an den Studien wenig Geschmack findend, vertauschte der Jüngling bald das Gymnasium mit der Akademie, nachdem er schon früher in Nördlingen den ersten Zeichenunterricht erhalten. Indeß waren die Heiligen und Ritter der Cornelianischen Schule ebensowenig nach seinem Geschmack als das Corpus juris, vielmehr schweifte der lebhafte junge Mann lieber in den Münchener Gassen, wie in den schönen Thälern Oberbaierns herum, um das dortige so durchaus urwüchsige Volksleben mit seinem unerschöpflichen Reichthum an originellen Figuren und Typen kennen zu lernen. Selber ebenso naiv und fröhlich als blitzschnell beobachtend, bildschön, also in hohem Grade einnehmend und ebenso rasch auffassend, als das Gesehene im treuesten Gedächtniß sicher aufbewahrend, lernte er bald das Volk so genau kennen, wie es nur sehr wenigen gelingt. Nichts ging über die Lebenswahrheit, mit der er, wenn man ihn besuchte, die Figuren, die er auf der Leinwand hatte, auch redend einzuführen vermochte, so daß man wol sagen konnte, daß der humoristische Dichter und Schauspieler in ihm kaum weniger stark waren als der Maler. Dieser debütirte erst mit einer Reihe kleiner Bilder, die gewöhnlich ein oder ein paar komische Charaktere darstellten, wie er sie bei seinen Wanderungen aufgefaßt, Holzhauer, Jäger, Invaliden, Handwerker aller Art, Radiweiber etc., die alsbald durch ihre bewunderungswürdige Wahrheit, wie sein Talent alles zum Bild zu gestalten, überraschten. Dabei war die Lebendigkeit seiner gestaltenden Phantasie im ganzen weit größer als die Geschicklichkeit seiner Hand, er producirte selbst in späteren Jahren noch mit Mühe und that sich selten genug. Bald ging er jedoch zu größeren Vorwürfen über, die seiner humoristischen Auffassung des Volkslebens reichern Stoff boten durch die drolligsten Contraste, besonders in den Berührungspunkten des städtischen mit dem ländlichen Leben. So sein Jahrmarkt in Partenkirchen, wo vor dem dicht gefüllten Wirthshaus ein wandernder Künstler die Wunder seiner Fleckseife darthut, ein Bild voll meisterhafter Charakteristik, wenn auch etwas trüber und glanzloser Farbe. Noch besser war bald darauf die unterbrochene Kartenpartie, wo die Honoratioren des Dorfes, Müller, Schmied, Schneider u. a. m. beim Frühschoppen sehr unliebsam durch die eintretende Gattin des letzteren gestört werden, der sich vergeblich unterm Tisch vor ihr zu verbergen sucht. Die Zeichnung zeigt hier eine Großartigkeit der Form, die Charakteristik eine schlagende Wahrheit. Das Ganze ist zugleich so überaus glücklich und verständlich aufgebaut, daß es zu den besten Productionen der deutschen Genremalerei zählt. Ihm zur Seite steht der berühmte „Gerichtstag“, wo im Hofe des Landgerichts alle Parteien warten bis sie vorgerufen werden, während ein glückliches Oberländer Paar mit dem erlangten Trauschein eben herauskommt. Unter ihnen hat der Maler die größte Fülle von komischen Figuren aller Art angebracht, wobei sein glücklicher Humor selbst den verdächtigsten das Beleidigende nimmt, ohne an der Schärfe der Charakteristik etwas einzubüßen, da er ihnen meistens ansprechende, ja rührende zu wirksamem Gegensatz beimischt. Indeß unterscheidet er sich durch ihre verhältnißmäßige Seltenheit doch sehr entschieden von seinem Zeitgenossen und Nachfolger Knaus und Defregger, bei denen gerade diese durchaus überwiegen. – Da E. langsam producirte, so ist die Zahl seiner Bilder nicht groß, um so größer die der Entwürfe, in denen allen das oberbaierische Volksleben mit einer bis dahin nicht erreichten Schärfe und Heiterkeit geschildert ist.

Seine letzte größere Arbeit waren die berühmten Bilder zu Melchior Meyr’s Geschichten aus dem Ries, jener Landschaft bei Nördlingen, die auch er schon in der Jugend kennen gelernt.

Hier bei der überaus treffenden und lebensvollen Wiedergabe der Charaktere und Intentionen des Dichters hat der Meister das schwäbische Volksleben ebenso schlagend und verständnißvoll geschildert, als früher das baierische, und besonders [147] gezeigt, daß er ebensowol zu rühren, ja zu erschüttern, als zu erheitern verstehe. Obwol ihm das letztere im ganzen näher liegt, wie denn auch die Schönheit bei ihm nicht wie bei Knaus oder Defregger in der einzelnen Gestalt, sondern mehr in der ganzen Composition seiner Bilder zu suchen ist, die nicht nur durchweg großen malerischen Reiz hat, sondern wo auch alle kleinsten Nebendinge mit zur Charakteristik der Handlung oder doch ihres Schauplatzes entschieden beitragen. Aber er prägt seinen Figuren alle Besonderheiten und Abweichungen, die ihnen durch Abstammung, Geschichte, Charakter und Situation mitgetheilt worden, ohne sie je zu karikiren, doch viel zu deutlich auf, als daß sich das mit Formenschönheit noch viel vertrüge. Besonders da er weder Colorist noch ein sehr gewandter Zeichner, umsomehr aber geborener Maler ist, dessen Charaktere niemals zufällig gefundene Modelle, sondern so durchaus aus dem Leben gegriffen, ihm selber so geläufig sind, daß er sie ebenso gut in jeder andern Lebenslage hätte schildern können, als in der, in welcher er sie bringt, und sie fast immer zu Typen ihrer Gattung zu erhöhen, sie unvergeßlich zu machen, uns aber mit lächelndem Wohlwollen für sie, wie für ihn selber zu erfüllen weiß.