ADB:Feronce von Rotenkreutz, Jean Baptiste

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Artikel „Feronce v. Rotenkreutz, Jean Baptiste“ von Ferdinand Spehr in: Allgemeine Deutsche Biographie, herausgegeben von der Historischen Kommission bei der Bayerischen Akademie der Wissenschaften, Band 6 (1877), S. 717–719, Digitale Volltext-Ausgabe in Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=ADB:Feronce_von_Rotenkreutz,_Jean_Baptiste&oldid=- (Version vom 19. Juni 2019, 23:57 Uhr UTC)
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Feronce v. Rotenkreutz: Jean Baptiste F., braunschweigischer Finanzmann, in der Specialgeschichte des Herzogthums Braunschweig als der Begründer geordneter finanzieller Verhältnisse nach der verschwenderischen Regierung des Herzogs Karl I. verdienter Maßen hervorragend, ist am 23. October 1723 zu Leipzig geboren, starb 1799. Schon in jungen Jahren kam er nach Genf, woher seine Familie stammte, und wurde hier in einer französischen Pensionsanstalt erzogen. Lebhafte Wißbegierde, außerordentlich glückliches Gedächtniß, leicht auffassender Verstand, scharfes Urtheil und feine Beobachtungsgabe zeichneten ihn schon früh vortheilhaft aus. Nachdem er die Universitäten Jena, Halle und Göttingen besucht, ging er auf Reisen und brachte mehrere Jahre in den Niederlanden, Holland und Frankreich, besonders in Paris zu. Nach seiner Rückkehr nach Deutschland wurde er Legationssecretär bei dem russischen accreditirten Minister am kursächsischen Hofe zu Dresden, Grafen v. Bestuscheff. Nach dessen baldiger Zurückberufung beabsichtigte F. sich um eine diplomatische Stellung im Haag zu bewerben und schickte sich im Februar 1747 an, sich dorthin zu begeben. Auf dieser Reise kam er durch Braunschweig, hielt sich hier einige Zeit auf und wurde mit dem damaligen Geheimrathe v. Cramm bekannt, der ihn dem Herzoge Karl I. von Braunschweig empfahl. Am 29. April 1748 trat F. als Legationssecretär in braunschweigische Dienste, begleitete in demselben Jahre noch den Generallieutenant v. Stammer auf den Congreß nach Aachen und wurde nach achtzehnmonatlichem Aufenthalte daselbst nach seiner Rückkehr im J. 1750 zum Legationsrathe ernannt. Im siebenjährigen Kriege leistete F. dem Hause und Lande Braunschweig die wichtigsten Dienste; im J. 1759 schloß er mit glücklichstem Erfolge einen Subsidientractat mit England, nach welchem dieses an Braunschweig jährlich eine bedeutende Summe zahlte zur Bestreitung der Kosten für das vom Herzoge in Verhältniß zu seinem kleinen Lande aufgestellte beträchtliche Truppencorps. In Folge dieses günstigen Abschlusses wurde F. am 14. October 1761 zum Geheimen Legationsrathe ernannt und unter dem Namen v. Rotenkreutz in den Reichsadelstand erhoben. Im J. 1762 ging er als bevollmächtigter Gesandter abermals nach England, um die Vermählung des damaligen Erbprinzen Karl Wilhelm Ferdinand von Braunschweig mit der Prinzessin Auguste von Großbritannien und Irland einzuleiten, welchen Auftrag er glücklich ausführte. Als im J. 1773 der allmächtige braunschweigische Minister Schrader v. Schliestedt, das Factotum des Herzogs Karl I., starb, [718] wurde F. am 1. August 1773 zum Geheimenrathe und Finanzminister ernannt. Das Herzogthum Braunschweig war zu dieser Zeit durch die heillose Verschwendungssucht des Herzogs Karl, welche durch Schliestedt nur befördert war, in eine höchst bedenkliche und traurige finanzielle Lage gerathen. Mit energischer Hand übernahm der Erbprinz Karl Wilhelm Ferdinand die Mitregierung des Landes. Ihm und F. gelang es, den Herzog zu bestimmen, in allen Zweigen der Verwaltung sowol wie des Hofstaats die größeste Sparsamkeit eintreten zu lassen. Der gutmüthige, schwache Herzog willigte mit schwerem Herzen ein, um die Ehre des Hauses zu retten und die Einsetzung einer Reichsschuldentilgungscommission zu verhüten (das Land seufzte unter einer Schuldenlast von nahe an zwölf Millionen), daß ohne Mitunterzeichnung des Erbprinzen nicht die geringste Summe ausgezahlt werden dürfte. Die Seele des nun gänzlich veränderten Finanzsystems war F., der durch sein Vertrauen bei dem Herzoge Karl und durch die feine, aber eindringliche Art, durch welche er diesen zu überzeugen wußte, das große und für das Herzogthum so wichtige Werk vollenden half. Mit einer bei der preußischen Bank zu Berlin zu 500000 Thlr. gemachten Anleihe wagte er es, sämmtliche nach Millionen zählenden, 5–6 Procent tragenden Landesschuldverschreibungen zu kündigen, falls deren Inhaber sich nicht zu einer Verminderung des Zinsfußes verstehen würden. Das Wagniß gelang, die Gläubiger, erstaunt über den neugeschaffenen Credit des Landes, ließen sich fast ohne Ausnahme die Herabsetzung des Zinsfußes bis auf 3 Procent gefallen. Als Herzog Karl im J. 1780 starb, waren durch das geordnete Finanzwesen in etwa sieben Jahren bereits fünf Millionen Thaler Schulden getilgt, ja Herzog Karl Wilhelm Ferdinand konnte, als, wie er glaubte, König Friedrich II. ihm etwas kühl zum Regierungsantritte Glück gewünscht hatte, in Berlin anfragen lassen, ob er die noch schuldigen 900000 Thlr. in den nächsten neun Tagen zahlen dürfe. Durch die in jeder Hinsicht eingeführte Sparsamkeit hob sich der Credit des Landes und das Vertrauen zu der Regierung befestigte sich mehr und mehr. Lust zu neuen Unternehmungen wurde geweckt, die Abgaben wurden verringert, Gewerbe und Handel blühten empor, es entwickelte sich im kleinen Lande ein freies Volksleben und Braunschweig wurde als eins der glücklichsten Länder Deutschlands und als Musterstaat gepriesen. Wenn auch Herzog Karl Wilhelm Ferdinand die Oberaufsicht über alles führte und meistens in eigener Person entschied, so war es doch F., welcher hauptsächlich diese glückliche Wendung herbeigeführt hatte. Alle Ersparungen würden jedoch die Verminderung der Schulden nur sehr langsam herbeigeführt haben, wenn nicht unerwartet eintretende Ereignisse neue ergiebige Einnahmequellen eröffnet hätten. Die englische Regierung glaubte den amerikanischen Freiheitskrieg am sichersten durch deutsche Truppen beendigen zu können und schloß mit einigen deutschen Fürsten die bekannten Subsidientractate, deren Resultat für beide Theile nichts weniger als günstig ausgefallen ist und welche in neuerer Zeit nicht mit Unrecht als Seelenverkäuferei und Menschenschacher bezeichnet sind. Am 9. Januar 1776 schloß der englische Oberst William Faucit mit F. den Tractat für Braunschweig ab, nach welchem Herzog Karl I. sich verbindlich machte, ein Corps von insgesammt 4300 Mann Infanterie und leichte Cavallerie England zur Verfügung zu stellen, wogegen sich dieses zu einer jährlichen Subsidie verpflichtete, welche vom Tage der Unterzeichnung des Tractates beginnen und einfach sein, d. h. auf 64500 deutsche Thaler steigen sollte, so lange diese Truppen den Sold genießen. Von der Zeit an, daß die Truppen aufhören, den Sold zu beziehen, sollte die Subsidie verdoppelt werden, d. h. sie sollte aus 129000 deutschen Thalern bestehen, und diese doppelte Subsidie sollte zwei Jahre nach der Rückkehr der Truppen nach Deutschland fortdauern. Alle diese Summen, wie auch das für jeden [719] Mann gezahlte Werbegeld zu 30 Thaler Banco, wie auch die Entschädigung für jeden Getödteten zu 40 Thaler (drei Verwundete gaben denselben Betrag wie ein Getödteter), wurden zur Tilgung der Schulden verwendet. Auf diese Weise verdankt Braunschweig die Verminderung seiner ungeheueren Schuldenlast wenigstens zum Theile dem Blute seiner Soldaten. Einen ähnlichen Subsidientractat schloß F. für das Herzogthum am 22. Februar 1788 mit den niederländischen Generalstaaten ab, nach welchem ein braunschweigisches Truppencorps, aus Infanterie und Cavallerie bestehend, 3000 Mann stark, mit zehn Feldgeschützen, jedoch nur für den Dienst in den europäischen Staaten der batavischen Republik, gegen Zahlung beträchtlicher Subsidien in holländischen Sold genommen wurde. – In den letzten Jahren seines Lebens zog sich F., durch ein anhaltendes Augenübel fast erblindet, mehr und mehr von den Staatsgeschäften zurück und beschäftigte sich vorzugsweise mit den classischen Schriftstellern der Römer, Engländer und Franzosen, wobei er sich eines Vorlesers bediente. Er starb am 19. Juli 1799 als Geheimerath und Präsident des Kriegs- und Finanzcollegiums und Ritter des Danebrogsordens. Mit seiner Gattin, einer geborenen v. Lüttichau, lebte er in kinderloser Ehe. Er war ein Freund und Förderer der Künste und Wissenschaften, wie denn auch der später so berühmt gewordene Herrscher im Reiche der Zahlen, Karl Friedrich Gauß, sich als Knabe seiner besonderen Unterstützung zu erfreuen hatte und durch ihn dem Herzoge Karl Wilhelm Ferdinand empfohlen wurde, wodurch allein es ermöglicht wurde, daß der in sehr beschränkten Verhältnissen geborene Gauß höhere Schulen und Akademien besuchen konnte.