ADB:Gombert, Nikolaus

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Artikel „Gombert, Nicolaus“ von Moritz Fürstenau in: Allgemeine Deutsche Biographie, herausgegeben von der Historischen Kommission bei der Bayerischen Akademie der Wissenschaften, Band 9 (1879), S. 365–367, Digitale Volltext-Ausgabe in Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=ADB:Gombert,_Nikolaus&oldid=- (Version vom 21. November 2019, 11:11 Uhr UTC)
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Gombert: Nicolaus G., einer der bedeutendsten niederländischen Contrapunktisten, stammte aus Brügge: auf dem Titel seiner 1540 bei Girol. Scotto in Venedig gedruckten Motetten wird er Brugensis genannt. Ueber seine Lebensgeschichte [366] ist wenig zu berichten, nicht einmal sein Geburtsjahr ist bekannt geworden. Er war ein Schüler des berühmten Josquin, auf dessen Tod er eine sechsstimmige Complainte von Gérard Avidius componirte. Fétis (Biogr. universelle des Musiciens IV, Paris 1862) meint, G. sei Priester gewesen und habe zuerst dem Singechore der Kirche Nôtre Dame zu Antwerpen angehört, wenigstens komme in den Registern dieses alten Collegiums der Name Maitre Nicolaus vor. Fétis theilt weiter mit, daß G. um 1526–1534 Präfect (maître) der Singeknaben in der Capelle zu Madrid gewesen sei, welchem Institute er wahrscheinlich schon vorher als Sänger angehört habe. Seit 1543, fährt Fétis fort, wird G. nicht mehr als Präfect erwähnt. Für die Annahme, er sei kaiserl. Capellmeister gewesen, wie andere seiner Biographen anführen, liegen keine Beweise vor; auf einem seiner 1551 in Venedig bei Gardane gedruckten Motettenwerke wird er nur musicus imperatorius genannt. Auch L. van der Straten (La musique aux Pays-Bas avant le XIX. siècle III. 142-145. 228, 229, Bruxelles 1875) konnte trotz aller Mühe, die er sich gab, die Sache nicht entscheiden. 1556 scheint G. nach einer Stelle der Practica musica von Herrmann Finck, welche in diesem Jahre erschien, noch gelebt zu haben. Dieselbe lautet folgender Maßen: „Nostro vero tempore novi sunt inventores, in quibus est Nicolaus Gombert, Josquini piae memoriae discipulus, qui omnibus musicis ostendit viam, imo semitam ad quaerendas fugas, ac subtilitatem, ac est autor Musices plane diversae a superiori. Is enim vitat pausas et illius compositio est plena cum concordantiarum tum fugarum.“ Fétis gibt a. a. O. ein sehr sorgfältiges und eingehendes Verzeichniß der Werke des Meisters, welches Ambros im dritten Theile seiner Geschichte der Musik (Breslau 1868, S. 293) und Eitner in der Bibliographie der Sammelwerke des 16. und 17. Jahrhunderts (Berlin 1877) noch vervollständigen. Die zahlreichen Werke Gombert’s bestehen aus Messen, Motetten, Psalmen, geistlichen Gesängen (Cantiones sacrae), Chansons etc. Ambros a. a. O. bespricht die künstlerische Bedeutung des Meisters sehr eingehend. Er sagt: die niederländischen Componisten Richafort und Courtois sind Söhne derselben Zeit, wie N. G., und alle drei geistesverwandt, alle drei wandeln den gleichen Pfad, aber jene beiden mit rückwärtsblickendem, der dritte mit vorwärtsschauendem Gesicht. Zwar hat auch G. einen gewissen Zug alterthümlicher Strenge, der z. B. in seiner Messe „Da pacem“ (in Attaignant’s Sammlung) sehr fühlbar hervortritt; und so ist es auch in seiner sechsstimmigen Messe „Quam pulchra es et quam decora“ (in derselben Sammlung) eine ganz niederländische archaistische Combination, daß er das Agnus mit der Antiphone „Ecce sacerdos magnus“ verbindet, letztere als Tenor ad longum und mit wechselnden Tactzeichen geschrieben. Aber trotzdem geschieht ganz ausdrücklich in ihm die Wendung zu einer neuen Zeit und Entwickelung. Er war der Meister, der, wie sich Herrmann Finck ausdrückt, „den übrigen den Weg zeigte“. Ja Finck meint: „G. habe eine Musik geschaffen, die sich von der früheren gründlich unterscheidet“, er vermeide den Nothbehelf übermäßig vieler Pausen, seine Musik sei so harmonisch wie kunstvoll (denn dies ist der eigentliche Sinn der Worte „plena cum concordantiarum tum fugarum“, die Finck braucht). Ambros trägt kein Bedenken, den edlen G. (denn einen auffallend edeln Zug hat Alles, was er geschaffen) zu den größten Meistern der Tonkunst zu stellen, dessen Werke, wo sie je wieder in Sang und Klang auferstehen, nie jene tiefe Wirkung verfehlen werden, welche nach Fétis Bericht, die Aufführung des wundervollen Pater noster in Paris auf ein ganz modern gebildetes Publicum hervorbrachte. „Fast überall sieht man, wie G. das geistige Erbe nach Josquin unmittelbar antritt und mit den überkommenen Reichthümern neue Schätze zu erwerben weiß. Und derselbe Meister, der in seinen Motetten von [367] den höchsten Dingen mit der größten Ruhe und Anspruchslosigkeit zu reden vermag, daß man wohl sieht, wie sie seine täglichen Gedanken sind, weiß in seinen Chansons den heitersten und liebenswürdigsten Ton anzuschlagen, aber er bleibt immer edel, auch wo er scherzt, wie in dem allerliebsten Stücke Le berger et la bergère im fünften Buche der Tylmann-Susato’schen Chansons.