ADB:Grewingk, Kaspar Andreas Constantin

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Artikel „Grewingk, Kaspar Andreas Constantin“ von Ludwig Stieda in: Allgemeine Deutsche Biographie, herausgegeben von der Historischen Kommission bei der Bayerischen Akademie der Wissenschaften, Band 49 (1904), S. 542–544, Digitale Volltext-Ausgabe in Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=ADB:Grewingk,_Kaspar_Andreas_Constantin&oldid=- (Version vom 16. November 2019, 02:27 Uhr UTC)
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Grewingk: Kaspar Andreas Constantin G., namhafter Geologe und Archäologe, entstammt einer wahrscheinlich aus Holland nach Kurland eingewanderten Familie. Constantin G. wurde am 2./14. Januar 1819 als Sohn des Stadtsyndikus C. J. Grewingk zu Fellin (in Livland) geboren. Nachdem er den ersten Unterricht im elterlichen Hause genossen, kam er schon früh (1828) in die rühmlichst bekannte Hollander’sche Pension bei Wenden, die er sieben Jahre besuchte. Dann trat er 1835 in die Secunda des Gymnasiums zu Dorpat und verließ die Schule 1837 nach glücklich bestandener Reifeprüfung. Im August 1837 wurde er an der Universität Dorpat als Studiosus der Naturwissenschaften immatriculirt und beschäftigte sich vorzüglich mit Mineralogie und Geologie; bereits 1838 durchwanderte er in Begleitung von Alex. Lehmann das südliche Finnland und besuchte die merkwürdige Insel Hochland, um geologische Studien zu machen. Am 12. December 1840 erhielt G. für eine Preisarbeit („Ueber die Fällung von Metalloxyden und organischen Substanzen durch Kohle“) die goldene Medaille. Ende des Jahres 1841 erledigte er die Abgangsprüfung und verließ als cand. phil. im Februar 1842 die Universität. Die eingereichte Candidatenschrift führt den Titel: „Die Mitscherlich’sche Lehre von Haemöomorphismus und deren Einfluß auf die Mineralogie.“ Wie damals üblich, schloß sich an die beendigte Studienzeit ein Besuch des Auslandes. Um die Studien in Deutschland fortzusetzen begab sich G. nach Berlin. Er arbeitete und hörte Vorlesungen bei den Professoren [543] Weiß, Gustav Rose, Magnus, Heinrich Rose, Rammelsberg u. A., machte während der Ferien Ausflüge und kleine Reisen und suchte die verschiedenen Gebirge Deutschlands, Oesterreichs und Oberitaliens kennen zu lernen. Während des Winters 1843–44 studirte er in Freiberg unter Plattner, Weisbach, Cotta und erwarb sich am 22. December 1843 in Jena auf Grund einer Dissertation: „Ueber Chromverbindungen“ den Dr. phil. Im Sommer 1844 besuchte er das Rheinland, den Winter 1844/45 verlebte er nochmals in Berlin und kehrte dann in seine Heimath zurück. Im April 1846 wurde G. als Conservator der mineralogischen Sammlung der k. Akademie der Wissenschaften zu St. Petersburg angestellt und mit der Neuordnung des Museums betraut. Bereits 1847 konnte er als Frucht seines Fleißes der Akademie einen Catalogue raisonné und eine systematische Uebersicht der Sammlung vorlegen. Im Sommer 1848 bereiste der junge Forscher die Gouvernements Olenez und Archangel, sowie die bisher wenig erforschte Halbinsel Kanin. Leider ist über diese interessante Reise nur ein kurzer Bericht veröffentlicht. Im Sommer 1850 machte G. eine geologische Reise durch Schweden und Norwegen und im Sommer 1853 durchforschte er die Smaragdgruben im mittleren Uralgebirge. Die Berichte über diese Reise und über die dabei gemachten wissenschaftlichen Entdeckungen waren die Veranlassung, daß G. im J. 1854 zum Professor der Mineralogie und Geologie nach Dorpat berufen wurde. Hier hat er mit großer Berufstreue und außerordentlichem Fleiß 33 Jahre – bis zu seinem Tode am 18./30. Juni 1887 – als Lehrer und Forscher gewirkt. Von Dorpat aus hat er wiederholt Deutschland und Oesterreich besucht, aber sonst weitere Reisen nicht unternommen, vielmehr seine Kraft der Durchforschung seiner Heimathprovinz gewidmet.

G. war ein außerordentlich fleißiger Lehrer, der seine Schüler sicher zu leiten und zu führen wußte – es seien unter seinen Schülern genannt der kürzlich verstorbene Professor Baron v. Rosen in Kasan und der jetzige Director des technologischen Instituts in Warschau, ehemaliger Professor der Mineralogie Lagorio. In wissenschaftlicher Hinsicht war G. nach doppelter Richtung hin thätig: als Geologe und Archäologe. Unter seinen geologischen Arbeiten ist neben einer großen Anzahl kleiner Abhandlungen vor allem zu nennen „Geologie von Liv- und Kurland“ (Arch. f. Naturkunde Liv-, Esth- und Kurlands 1861, mit einer geographischen Karte). Später (1873) folgte eine „Geologie Kurlands“ (I. Theil); leider ist kein zweiter Theil erschienen. (Eine zweite Ausgabe der geologischen Karte der Ostseeprovinzen erschien 1873.) Geologie und Archäologie stehen einander sehr nahe, die Verbindungsbrücke zwischen beiden Wissenschaften ist kurz. G. wurde bei seinen Reisen und Forschungen, die er zu geologischen Zwecken unternahm, bei seinen vielfachen Nachgrabungen auf die Spuren alter, längst verschwundener Cultur im Boden, auf die Reste alter längst untergegangener Menschen und Thiere aufmerksam; er blieb nicht stehen an dem Erdboden, sondern untersuchte auch den Inhalt des Bodens – so wurde er zu einem Forscher der Urgeschichte und der Archäologie. Mit G. beginnt die wissenschaftliche Erforschung der russischen Ostseeprovinzen in archäologischer Hinsicht. An Vorgängern hat er nur Wenige gehabt, er hat nicht allein den Grund zur wissenschaftlichen Bearbeitung gelegt, sondern auch einen recht soliden Bau aufgeführt. Er bereiste das Land, sammelte und forschte unermüdlich; er studirte fleißig und bemühte sich die wissenschaftlichen Ergebnisse deutscher und skandinavischer Gelehrten bei Beurtheilung der vorgeschichtlichen Zeit der Ostseeprovinzen zu verwerthen.

Grewingk’s zahlreiche und fleißige archäologische Abhandlungen sind für die russischen Ostseeprovinzen so wichtig, daß eine Uebersicht seiner Arbeiten einer [544] Geschichte der archäologischen Erforschung der Ostseeprovinzen während der letzten 30 Jahre gleichkommt. Es ist hier nicht zulässig, alle einschlägigen Arbeiten zu nennen. Es seien hervorgehoben: „Steinalter der Ostseeprovinzen Liv-, Esth- und Kurlands und einiger angrenzenden Landstriche“ (Dorpat 1865); „Zur Kenntniß der in Liv-, Esth- und Kurland aufgefundenen Steinwerkzeuge heidnischer Vorzeit“ (Dorpat 1871); „Zur Archäologie des Balticums und Rußlands (Archiv f. Anthropologie 1874. 1879). Unter anderem lenkte G. hier die Aufmerksamkeit auf die eigenthümlichen schiffförmigen Steinsetzungen, deren Beschreibung er später noch einige andere specielle Abhandlungen widmete. G. blieb aber mit seinen Arbeiten nicht nur in den engen Grenzen seiner Heimath, er streifte auch hinüber nach Osten. In den letzten Jahren seines Lebens beschäftigte er sich mit Untersuchungen der merkwürdigen Steinfiguren, die auf Kurganen stehn, mit den sog. Kamenija Baby. Leider hinderte ihn der Tod an der Herausgabe dieser fast vollendeten Arbeit. Grewingk’s Verdienste um die Wissenschaften fanden Anerkennung durch die übliche Verleihung von Orden, durch Ernennung zum Ehrenmitglied verschiedener gelehrter Gesellschaften.

Ein fast vollständiges Verzeichniß aller Arbeiten Grewingk’s findet sich im „Lebensbild des Prof. C. A. Grevingk“ von Dr. C. Schmidt (Verhdl. d. gel. esthn. Gesellschaft Bd. XIII, Dorpat 1887); eine eingehende Würdigung seiner archäologischen Arbeiten in den Sitzungsberichten der Alterthumsgesellschaft Prussia in Königsberg 1887/88 von L. Stieda.

G. war eine stille, fleißige Gelehrtennatur; im öffentlichen Leben spielte er keine Rolle, aber im wissenschaftlichen Leben der kleinen Universitätsstadt Dorpat wirkte er anregend und fördernd – davon wissen die Sitzungen und Verhandlungen der beiden gelehrten deutschen Gesellschaften zu berichten: die Dorpater Naturforscher-Gesellschaft und die Gelehrte esthnische Gesellschaft, in deren Annalen der Name Grewingk nicht vergessen werden wird. G. war verheirathet und seine Ehe war mit Kindern gesegnet. Er führte ein glückliches Familienleben; seinen zahlreichen Freunden war er ein wahrer aufrichtiger Freund.