ADB:Guericke, Ferdinand

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Artikel „Guericke, Heinrich Ernst Ferdinand“ von Gustav Friedrich Hertzberg in: Allgemeine Deutsche Biographie, herausgegeben von der Historischen Kommission bei der Bayerischen Akademie der Wissenschaften, Band 10 (1879), S. 91–93, Digitale Volltext-Ausgabe in Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=ADB:Guericke,_Ferdinand&oldid=- (Version vom 21. November 2019, 03:13 Uhr UTC)
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Guericke: Heinrich Ernst Ferdinand G., Professor der Theologie, geb. am 25. Febr. 1803 zu Wettin a. d. S., wo sein Vater damals lutherischer Schloßprediger war. Die Familie soll aus Schweden nach Deutschland gekommen sein: Historisch vollkommen beglaubigt ist der genealogische Zusammenhang mit dem berühmten Magdeburgischen Bürgermeister Otto v. G., dem Erfinder der Luftpumpe. Der Vater hatte sich Gerike geschrieben; der Sohn stellte den alten Namen Guericke wieder her. Ferdinand G. verdankte seine wissenschaftliche Bildung den Studienanstalten in der Stadt Halle a. S., wo sein Vater später lange Jahre hindurch als Superintendent an der St. Moritzkirche gewirkt, und in deren Mauern sein eigenes Leben und Wirken auch hauptsächlich sich abgespielt hat. G. besuchte in den reiferen Jahren bis 1820 die lateinische Hauptschule der Francke’schen Stiftungen und von 1820–23 die Universität in Halle. Er war ein sehr begabter und sehr fleißiger Student, und so wurde es ihm möglich, schon 1824, nur erst in dem Alter von 21 Jahren, sich als Licentiat bei der theologischen Facultät, ebenfalls in Halle, zu habilitiren, nachdem er bereits ein Jahr zuvor die philosophische Doctorwürde erworben hatte. – Ein Mann der Wissenschaft, ist es ihm doch nicht beschieden gewesen, nach Art der meisten Männer des deutschen Gelehrtenstandes einen gleichmäßigen und ruhigen Lebenslauf zu nehmen. Der Grund davon lag in seiner Stellung zu den Bewegungen, die innerhalb der protestantischen Kirche während des ersten Drittels des 19. Jahrhunderts sich vollzogen. G. hatte sich durch eine sehr gute lateinische Abhandlung über die Katechetenschule von Alexandrien habilitirt, die bereits eine vortreffliche Kenntniß der Kirchen- und Dogmengeschichte zeigte. Mit seiner theologischen Richtung stand er aber in sehr entschiedenem Gegensatze zu der damals in Halle vorherrschenden rationalistischen Schule, die Männer wie Wegscheider, Gesenius, Niemeyer zu ihren bedeutendsten Vertretern zählte. Eine höchst energisch angelegte Natur mit einer Richtung auf strengste Consequenz, führte ihn sein praktischer Sinn zunächst dahin, gleich im J. 1824 das Vorstandsamt des damals neu gegründeten Halle’schen Missionsvereins zu übernehmen. Wie er sich dann weiter entwickelte, zeigte seine 1827 erschienene Schrift „August Hermann Francke“, eine „mit ganzem Herzen geschriebene“ Biographie, und weiter seine „Beiträge zur historisch-kritischen Einleitung in das Neue Testament“ (1828–31). Im J. 1829 erfolgte unter dem Ministerium Altenstein durch Vermittlung des Kronprinzen seine Ernennung zum außerordentlichen Professor der Theologie in Halle. Weiter ist G. in seiner akademischen Laufbahn niemals gekommen. Hatte ihm dann im J. 1833 die theologische Facultät in Tübingen die theologische Doctorwürde verliehen, so erschien in demselben Jahre die erste Ausgabe seines wissenschaftlichen Hauptwerkes, nämlich des „Handbuches der Kirchengeschichte“; ein Werk von anerkannter Bedeutung und Gelehrsamkeit, in den Veränderungen der neun Auflagen, die es erlebt hat, ein beredtes Zeugniß für Guericke’s gewissenhafte Arbeit, und in seinem streng lutherischen Geiste weit über Deutschlands Grenzen hinaus verbreitet, wie es denn in der nordamerikanischen Union diesseits und jenseits der Felsengebirge zur Bibliothek beinahe jedes deutschen Pfarrhauses gehört. – Inzwischen dauerte es nicht lange, so sah sich G. in seiner Thätigkeit als akademischer Lehrer für längere Zeit unterbrochen. Schon [92] als Schüler und Student hatte er, bei dem sich von Hause her das lutherische confessionelle Bewußtsein sehr entschieden ausgeprägt, die seit 1817 innerhalb der preußischen Landeskirche hervortretenden unionistischen Bestrebungen mit tiefem Mißfallen betrachtet. Als nun seit 1830 die Opposition der strikten Altlutheraner gegen die Einführung der neuen Agende zuerst in Schlesien zur Separation derselben von der unirten preußischen Landeskirche, zur Bildung verschiedener altlutherischer Gemeinden, und weiterhin zu einer Reihe gewaltsamer Maßregeln von Seiten der Staatsbehörden gegen die Altlutheraner führte, da fühlte sich G. in seinem Herzen gedrängt, denselben die Hand zu reichen. Er folgte bei seiner energischen Weise nur der Sympathie für seine Glaubensgenossen, wurde ihr eifriger Anwalt, sagte sich 1833 öffentlich von der Union los und trat mit dem Professor der Theologie, Dr. Scheibel in Breslau, dem Führer der schlesischen Altlutheraner, unmittelbar in Verbindung. Um seinen Glaubensgenossen in der Provinz Sachsen, in Halle, Planena und Naumburg als Geistlicher dienen zu können, ließ er sich am 19. November 1834 von Dr. Scheibel nach vorherigem Colloquium im Auftrage der Breslauer Kirchenleitung ordiniren und trat als Pastor an die Spitze einer kleinen in und bei Halle sich bildenden altlutherischen Gemeinde. Dieser Schritt zog schwere Folgen für ihn nach sich. Conflict reihte sich an Conflict, und schon im Januar 1835 wurde G. seiner Professur enthoben. Ohne seine theologischen Studien aufzugeben, widmete er sich nun gänzlich den Interessen seiner von Halle südlich bis Naumburg und nördlich bis nach Berlin hin zerstreuten Gemeinde, wobei es ohne schwere physische Strapatzen und ohne gerichtliche Strafverfügungen nicht abging. Schließlich wurde ihm 1838 die Amtsthätigkeit als Pastor untersagt. Die Gemeinde selbst ist allmählich seit 1837 durch Auswanderung nach Nordamerika und Australien geschwunden. An diese Periode seines Lebens erinnern unmittelbar zwei Schriften Guericke’s, einerseits die 1835 von ihm veröffentlichten „Urkunden, betreffend die Geschichte der lutherischen Gemeinde in und um Halle in ihrer Bildung und Bedrängung“, und andererseits seine 1839 erschienenen „Evangelischen Zeugnisse und Predigten auf das ganze Kirchenjahr, gehalten vor Lutheranern“. – Allmählich verloren jedoch die kirchlichen Gegensätze ihre schlimmste Schärfe. Die Maßregeln der Staatsregierung gegenüber den Altlutheranern wurden seit 1838 milder, es wurde ihnen wesentlich nur noch versagt, Proselyten zu machen. G. seinerseits, der einen weiteren Blick in diesen Dingen hatte als viele andere altlutherische Geistliche, ließ sich unbeschadet der Festigkeit seines Charakters allmählich doch zur Anerkennung der positiven Elemente in der Union bereit finden. Seine 1839 erscheinende „Allgemeine christliche Symbolik“ zeigte, wie G. alle diese Fragen behandelte. Unter diesen Umständen wurde G. nach dem Regierungsantritt des Königs Friedrich Wilhelm IV. 1840 ohne Forderung irgend eines Gelöbnisses einfach wieder in seine Professur eingesetzt, die er dann bis zu seinem Tode ununterbrochen bekleidet hat. Daß ein „rigoroses Lutherthum“ nicht seine Sache war, zeigte einerseits die 1843 bei dem 50jährigen Jubiläum seines ein Jahr später verstorbenen Vaters herausgegebene Schrift „Die rechte Union“, andererseits die in demselben Jahre erscheinende „Historisch-kritische Einleitung in das Neue Testament“, wie auch das 1847 zum ersten Male veröffentlichte „Lehrbuch der christlich-kirchlichen Archäologie“. Daneben her ging die Begründung (1840) und Herausgabe der „Zeitschrift für die gesammte lutherische Theologie und Kirche“, die er mit Rudelbach begann und nach dessen Tode (1862) mit Delitzsch fortsetzte. – Die Charakterfestigkeit, Ueberzeugungstreue und kräftige, zuweilen schroffe Wahrheitsliebe, die er überall bewährte, zeigte er auch in seiner Polemik gegen die neuen kirchlichen Bewegungen, die von kirchlich liberaler und radikaler Seite ausgingen; namentlich in dem Streite mit Wislicenus in Halle und mit den unter dem Namen [93] der „Lichtfreunde“ bekannten Anhängern Uhlich’s. In dieser Richtung sind litterarisch zu nennen die kleinen Schriften „Ob Schrift, ob Geist? Ein Comitat für die ‚Dachpredigt‘ des Herrn Pfarrers Wislicenus“ (1845), und „Lichtfreundthum und Kirchenthum, ein abgedrungenes Bekenntniß“ (1847). Seine allezeit auf rüstigen Kampf gestellte Natur scheute die Unpopularität nicht, in die er dadurch in seinem Wohnort gerieth. Das neue öffentliche Leben in Preußen fesselte sein Interesse in hohem Grade. Die Conflictsperiode sah ihn, den entschieden orthodoxen Theologen, – eine in Norddeutschland nicht sehr häufige Erscheinung – als zähen Anhänger der Fortschrittspartei. Sehr große Verdienste und dauernde Beliebtheit erwarb er sich in seiner Stadt durch seine vieljährige Arbeit sowol als Schiedsmann und Bezirksvorsteher wie noch mehr (8 Jahre lang, bis zu Ende des J. 1865) als Stadtverordneter. – Wissenschaftlich blieb G. bis zu seinem Tode unausgesetzt thätig. Abgesehen von der Leitung seiner Zeitschrift, abgesehen von der 1852 erschienenen Schrift „Versöhnliches über brennende Kirchenfragen der Gegenwart“, beschäftigten ihn dauernd die wiederholten neuen Auflagen seiner Werke. Von diesen erschien 1854 die zweite der Einleitung in das Neue Testament, 1859 die zweite der Archäologie, 1861 die dritte der Symbolik, 1866/67 die neunte der Kirchengeschichte, 1867 die dritte der „Einleitung“, oder, wie er sie jetzt nannte, der „Neutestamentlichen Isagogik“. – Kein Docent von hinreißenden Erfolgen, kein bahnbrechender Entdecker, aber ein solider, gediegener Gelehrter und ob der Zuverlässigkeit und Lauterkeit seines etwas starren Charakters auch von kirchlichen und politischen Gegnern hoch geachtet, ist G. am 4. Februar 1878 in Halle gestorben.