ADB:Hermes, Karl Heinrich

aus Wikisource, der freien Quellensammlung
Zur Navigation springen Zur Suche springen

Empfohlene Zitierweise:

Artikel „Hermes, Karl Heinrich“ von Ernst Kelchner in: Allgemeine Deutsche Biographie, herausgegeben von der Historischen Kommission bei der Bayerischen Akademie der Wissenschaften, Band 12 (1880), S. 199–201, Digitale Volltext-Ausgabe in Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=ADB:Hermes,_Karl_Heinrich&oldid=- (Version vom 18. Oktober 2019, 06:28 Uhr UTC)
Allgemeine Deutsche Biographie
>>>enthalten in<<<
[[ADB:{{{VERWEIS}}}|{{{VERWEIS}}}]]
<<<Vorheriger
Hermes, Johann August
Band 12 (1880), S. 199–201 (Quelle).
Wikisource-logo.png [[| bei Wikisource]]
Wikipedia-logo-v2.svg Karl Heinrich Hermes in der Wikipedia
GND-Nummer 116744359
Datensatz, Rohdaten, Werke, Deutsche Biographie, weitere Angebote
fertig
Fertig! Dieser Text wurde zweimal anhand der Quelle Korrektur gelesen. Die Schreibweise folgt dem Originaltext.
Kopiervorlage  
* {{ADB|12|199|201|Hermes, Karl Heinrich|Ernst Kelchner|ADB:Hermes, Karl Heinrich}}    

{{Normdaten|TYP=p|GND=116744359}}    

Hermes: Karl Heinrich H., ein bekannter Publicist, wurde am 12. Febr. 1800 zu Kalisch in Polen geboren. Sein Vater, der dort als preußischer Beamter lebte und in Folge des Krieges 1806 nach Schlesien auswanderte, hatte ihn sorgfältig vorbilden lassen, sodaß er 1812 in das katholische Gymnasium, obgleich Protestant, in Breslau eintreten konnte. Er studirte darauf in Berlin und Breslau Theologie und Philologie und begeisterte sich als Burschenschafter für Urdeutschthum und teutonische Freiheit. Ein Nachklang dieser seiner urdeutschen Zeit ist seine Doctordissertation: „Rerum galaticarum specimen“. Breslau 1822. Im Frühling 1823 begab er sich nach Dresden, um auf der dortigen Bibliothek Studien zu machen. Auf einer Reise nach den Niederlanden schloß er Bekanntschaft mit van Niel in Deventer und trat in dessen Privatinstitut als Lehrer ein. In van Niel’s reicher Privatbibliothek war er in der Lage, sich mit der holländischen, englischen und französischen Litteratur näher bekannt zu machen. Hier in Holland vollendete er seine lateinische Uebersetzung und kritische Bearbeitung des altnordischen Gedichtes Völuspa. arbeitete auch an einer friesischen Grammatik, die aber nie im Druck erschienen ist. – Nach Breslau im Jahre 1824 zurückgekehrt, wollte er sich als Lehrer an der dortigen Hochschule niederlassen, wurde aber als „Demagog und früherer Burschenschaftler“ nicht zugelassen und so blieb ihm denn keine Wahl mehr, als sein Leben als Schriftsteller zu verbringen. Sein Freund und Studiengenosse, Wolfgang Menzel, berief ihn zu sich nach Stuttgart, wo H. dann für das „Morgenblatt“ und „Das Litteraturblatt“ arbeitete. Doch bald überwarf er sich mit jenem und nun übernahm er die „Brittannia“, die er von 1825–27 leitete. Seine um diese Zeit erschienene Schrift: „Ueber Shakespeare’s Hamlet“, welche alles, was Goethe, Schlegel und Tieck über Hamlets Charakter gesagt hatten, umstoßen wollte, blieb gänzlich unbeachtet. Er verweilte nun ein Jahr in Paris, mit Correspondenzen für eine der größten deutschen Zeitungen und mit Studien über die gälische und baskische Sprache, sowie über die französischen Dichter des Mittelalters beschäftigt. Cotta in Stuttgart beauftragte ihn im J. 1827 mit der Begründung des „Auslandes“, doch verzögerte sich die Herausgabe der neuen Zeitung so lange, daß H. unterdessen [200] noch eine Reise nach Italien unternehmen konnte. Die litterarischen und geschichtlichen Schätze der Bibliotheken zu Venedig, Padua und Mailand beschäftigten und zogen ihn vorzugsweise an. 1828 nahm das „Ausland“ unter seiner Leitung seinen Anfang. Diese Zeitung wurde gegründet, um, neben dem von Wirth redigirten „Inland“ der allgemein verbreiteten Theilnahmlosigkeit entgegen zu arbeiten; ihre Richtung war eine durchaus politische, welche zu dem Wesen Hermes’ ganz vorzüglich paßte. In München, wo er sich unterdessen niedergelassen hatte, konnte er sogar neben der Redaction noch Vorlesungen halten, die von der damals freisinnigen Regierung ihm gestattet und sehr zahlreich besucht wurden. Er hätte sich auf diese Weise leicht eine sehr angenehme Existenz gründen können, allein seine Neigung unberufener Einmischung, sein doctrinäres Absprechen und sein verletzender Hohn zogen ihm viele Feinde zu. Nach vielen unangenehmen Begegnungen bereitete man ihm bei der Aufführung seiner Uebersetzung von Victor Hugo’s „Hernani“ im Theater einen öffentlichen Skandal, so daß seine Stellung unhaltbar wurde und er München verlassen mußte. – Hierauf wandte er sich nach Leipzig, wo er von Ostern 1831 an Mitarbeiter an den „Blättern für litterarische Unterhaltung“ war und manches Andere schrieb: „Geschichte von Polen“, „Freie Blätter für Baiern und Deutschland“, „Ueber die politische Frage“, „Napoleon“ etc. Später veranlaßte ihn der Buchhändler Vieweg in Braunschweig, dorthin zu ziehen, um die Leitung der „Deutschen Nationalzeitung aus Braunschweig und Hannover“ zu übernehmen. Diese Zeitung war eine der ersten, welche regelmäßige Leitartikel an der Spitze jedes Blattes brachte. Er schrieb diese meistens selbst und verstand durch geschickte Wahl des Stoffes die Aufmerksamkeit zu fesseln, während er den übrigen Theil der Zeitung dürftig ausstattete. In Braunschweig verweilte er bis zum Jahre 1840, doch blieben die fatalen Begegnungen und Konflikte auch hier nicht für ihn aus. Man achtete seine Kenntnisse und seine Gewandtheit, aber seine Persönlichkeit stieß ab. Theils an allgemeiner Theilnahmlosigkeit, theils wegen ihrer Haltung in der orientalischen Frage (1840) ging die Nationalzeitung zu Grunde und H. wandte sich nun nach Köln, um der „Kölnischen Zeitung“ seine Leitartikel zu widmen. Ihnen trat die „Rheinische Zeitung“, das Organ des jungen Rheinlandes, mit heftiger, zum Theil sehr persönlicher Polemik entgegen. H. ließ sich dadurch nicht beirren; ja als die „Rheinische Zeitung“ eingegangen war, bemühte er sich, ihren Leserkreis dem „gemäßigten Liberalismus“ der „Kölnischen Zeitung“ zuzuführen. Es wurde jedoch dieser Liberalismus, trotz seiner Mäßigung, in Berlin übel vermerkt und H. mußte mit seinen Leitartikeln innehalten. Im Mai 1843 gab er die Erklärung ab, daß er nur nothgedrungen schweige und nach kaum drei Monaten finden wir ihn im Solde des Ministeriums zu Berlin, von dem er eben noch gesagt hatte, es treibe die allgemeine Unzufriedenheit auf eine Höhe, die man in Preußen nie zuvor erlebt habe. Er wurde zwar schlecht behandelt, aber gut bezahlt. Wie es ihm zu jener Zeit ergangen, zeigt seine Schrift: „Blicke aus der Zeit in die Zeit“. Durch J. B. Rousseau, einen rheinischen Publicisten ähnlicher Art, wurde er später an der Redaction der Staatszeitung ersetzt, erhielt aber jetzt eine Directorenstelle an einer Eisenbahn. Dabei verdiente er sich durch Speculationen mit Actien viel Geld und wurde nun ein vollständiger Lebemann. Weiber und Wein hatten ihn um die Früchte seiner Speculationen schon gebracht, als das plötzliche Weichen der Kurse auch den Rest seines Vermögens noch verschlang. Im J. 1848 traf ihn auch noch ein Schlaganfall. Er trat nun gänzlich zur äußersten Rechten über, redigirte zuerst in Bremen die „Neue Bremer Zeitung“, dann in Berlin den „Staatsanzeiger“, die „Norddeutsche Zeitung“ in Stettin. Er war zum vollständigen Miethling geworden. Er schrieb nur noch matt und [201] nicht selten plump und sogar oft geistlos. Es mag für eine Erlösung gelten, daß er am 19. October 1856 zu Stettin an einer Gehirnentzündung starb. So ging ein Mann von großen Gaben und vielseitigen Kenntnissen an den Schwächen seines Charakters zu Grunde. Von seinen zahlreichen Schriften sind wol die besten die: „Blicke aus der Zeit in die Zeit“ und die „Geschichte der Entdeckung von Amerika durch die Isländer“.