ADB:Hindenburg, Karl Friedrich von

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Artikel „Hindenburg, Karl Friedrich“ von Moritz Cantor in: Allgemeine Deutsche Biographie, herausgegeben von der Historischen Kommission bei der Bayerischen Akademie der Wissenschaften, Band 12 (1880), S. 456–457, Digitale Volltext-Ausgabe in Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=ADB:Hindenburg,_Karl_Friedrich_von&oldid=- (Version vom 16. Juli 2019, 06:59 Uhr UTC)
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Hindenburg: Karl Friedrich H., Mathematiker, geb. am 13. Juli 1741 zu Dresden, † am 17. März 1808 zu Leipzig. Er erhielt in dem Hause seines Vaters, eines geachteten Kaufmanns in Dresden, den ersten Unterricht durch Hauslehrer, kam dann auf das Gymnasium zu Freiberg und 1757 nach Leipzig zur Universität, wo er in buntem Gemische Arzneikunst und Philosophie, alte Litteratur und Physik, Mathematik und Aesthetik studirte. Gellert, einer seiner Lehrer, empfahl ihn 1763 als Erzieher zu Herrn v. Schönberg und nun bezog er mit seinem Zöglinge aufs neue die Universität, hauptsächlich der Mathematik sich widmend. Georg Heinr. Borz (s. d.) in Leipzig, dann Kästner in Göttingen, waren seine Lehrer, denen er nahe trat, und aus deren persönlichem Verkehr er mannigfachen Nutzen zog. Er machte 1771 in Leipzig das Magisterexamen, wurde Privatdocent, dann 1781 außerordentlicher Professor der Philosophie. Die Vielseitigkeit von Hindenburg’s wissenschaftlicher Bildung hatte sich anfangs in philologischen Abhandlungen kundgegeben, deren er zwei verschiedene 1763 und 69 veröffentlichte. Als daher 1785 die Professur der griechischen und römischen Litteratur in Leipzig frei wurde, bewarb sich H. um dieselbe. Universitätsverhältnisse ließen es passender erscheinen, einen anderen Bewerber vorzuziehen und H. mit der zugesicherten Anwartschaft auf die mathematische Professur zu vertrösten, deren Inhaber, der obengenannte Borz, bereits 71 Jahre alt war. H. hätte nun freilich auf diese Stelle noch lange warten können: Borg lebte noch bis zum 31. Januar 1799; dagegen starb 1786 ganz unvermuthet der Leipziger Physiker, Chr. Bened. Funk, und nunmehr erhielt H. diese seiner Begabung angepaßtere Stellung, in welcher er bis zu seinem Tode verblieb. Die Geschichte der Mathematik nennt H. als Gründer der combinatorischen Schule. Die Combinatorik war allerdings nicht neu, auch nicht als besonderer Theil der mathematischen Wissenschaften. Um von Anderen zu schweigen, hatte Leibnitz in seiner Dissertation von 1668, welche den Titel Ars combinatoria führt, den Gegenstand, wie den Namen zu allgemeiner Bekanntschaft gebracht. Aber H. behandelte die Combinatorik mit einer behäbigen Breite. Er bildete die in jedem Falle möglichen sämmtlichen Formen. Er unterschied verschiedene Bildungsweisen solcher Formen durch neue Namen. Er führte eigenthümliche combinatorische Bezeichnungen ein. Das waren lauter neue Dinge. Und nimmt man dazu, daß diese combinatorischen Betrachtungen bei manchen Aufgaben der Reihenlehre, gipfelnd für die damalige Zeit in der Potenzerhebung einer Reihe von unbestimmt vielen Gliedern, unerwartet treffliche Dienste leisteten, daß man combinatorisch in kurzen Zeichen Ausdrücke zu schreiben vermochte, welche ausgeführt ganze Seiten einnahmen, so wird die Hochschätzung der in diesem Sinne neuen Disciplin begreiflich, wird es auch begreiflich, daß man die noch zu erzielenden Erfolge überschätzte, daß man in der Combinatorik eine Art von mathematischem Stein der Weisen erfunden zu haben wähnte, ähnlich wie es auch wol in anderen Zeiten mit neuen Methoden gegangen ist, deren Werth dadurch nicht geleugnet wird, wenn man leugnet, sie seien allein im Stande, die Wissenschaft zu fördern und stellten deshalb auch allein den wissenschaftlichen Werthmesser irgend einer Leistung dar. Die combinatorische Schule entstand also, weiterführend aber übertreibend, was H. begonnen hatte, [457] und so ist vielleicht im Sinne der Entwickelung der Mathematik der Ausspruch gerechtfertigt: ein allgemeines Verdienst Hindenburg’s war die Combinatorik, schädlich wirkte er in Deutschland durch die combinatorische Schule. H. ist auch in einer zweiten Beziehung bahnbrechend aufgetreten: während bis dahin zwar an gelehrten Zeitschriften im Allgemeinen kein Mangel war und in diesen – wir erinnern z. B. an die Leipziger Acta eruditorum – auch mathematische Aufsätze eine große Verbreitung erlangen konnten, ohne durch den Schutz einer Akademie in Veröffentlichungen aufgenommen zu werden, deren Titel schon höhere Anforderungen an den Inhalt der Bände rechtfertigte, fehlte es an eigentlich mathematischen Zeitschriften. H., welcher schon 1781–85 mit C. B. Funk und N. G. Leske gemeinschaftlich das „Leipziger Magazin für Naturkunde, Mathematik und Oekonomie“ herausgegeben hatte, verband sich 1786–89 mit Johann Bernoulli III. (s. d.) zur Herausgabe des „Leipziger Magazins für reine und angewandte Mathematik“ und redigirte alsdann allein 1795–1800 das „Archiv der reinen und angewandten Mathematik“, neben welchem er auch noch 1796–1800 die „Sammlung combinatorisch-analytischer Abhandlungen“ erscheinen ließ. Daß beide periodischen Schriften in dieser Zeit aufhören mußten, hatte seinen leicht begreiflichen Grund in den kriegerischen Zeiten, welche lähmend auf Leser und Verleger wirkten, ohne welche nun einmal auch die ergiebigsten Schriftsteller nichts zu veröffentlichen im Stande sind. Hindenburg’s eigene Arbeiten, theils in Gestalt besonderer Schriftchen, theils als Aufsätze in den von ihm geleiteten Zeitschriften gedruckt, sind bei Poggendorff (Biogr.-litter. Handwörterb.) angegeben.

Vgl. den Art. Hindenburg von Stimmel in Ersch u. Gruber’s Encyklopädie (Leipzig 1831), in welchem jedoch an Hindenburg’s Leistungen der Maßstab der damals noch blühenden combinatorischen Schule angelegt ist, wie z. B. aus den Worten hervorgeht: „Als Erfinder der combinatorischen Analyse hat sich Hindenburg einen unsterblichen Namen erworben“.