ADB:Italicus

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Artikel „Italicus“ von Felix Dahn in: Allgemeine Deutsche Biographie, herausgegeben von der Historischen Kommission bei der Bayerischen Akademie der Wissenschaften, Band 14 (1881), S. 642–643, Digitale Volltext-Ausgabe in Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=ADB:Italicus&oldid=- (Version vom 6. Dezember 2019, 03:26 Uhr UTC)
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Italicus, der Neffe Armin’s, König der Cherusker. Tacitus erzählt uns (Annalen XI. c. 16), daß, nachdem Armin in seinem Streben, die locker verbundenen, oft unter einander kämpfenden Gaue der Cherusker zu einer festergefügten Einheit unter Einer Herrschaft zu versammeln, den alten centrifugalen „Freiheitstrieb“ seiner Stammesgenossen als mächtiges, auch von seinem Ruhm und Verdienst nicht zu bewältigendes Hemmniß auf seiner Bahn gefunden hatte und zuletzt durch Meuchelmord von seinen eigenen Gesippen, d. h. eben den übrigen cheruskischen Gaukönigen beseitigt worden war, schwere innere Parteiung, blutige Kriege unter den cheruskischen Gauen alle Glieder des alten Volksadels hinwegrafften und von dem königlichen Geschlecht Armin’s nur mehr ein Mann übrig blieb, der in Rom erzogene, völlig romanisirte Sohn von Armin’s Bruder; der Bruder, für Rom gegen Armin kämpfend, hatte seinen germanischen Namen abgelegt und den Namen Flavus angenommen, diesen seinen Sohn aber, von der Tochter eines Chattenfürsten, Aktumer, in bezeichnender Wahl „Italicus“ genannt. So mächtig war der Zug alter Volkssitte, bei der Königswahl nicht von den alten Königsgeschlechtern abzugehen, so stark wirkte der Ruhm Armin’s nach, daß, als die Völkerschaft sich jetzt, nachdem der große Mann darüber untergegangen war, entschloß, seinen rettenden Gedanken auszuführen und alle Gaue unter Einem König zu versöhnen, man von dem römischen Erbfeind die Ueberlassung eben dieses Italicus erbat. Offenbar um dies Ueberraschende zu erklären, fügt Tacitus bei: „auch von Adel war Niemand mehr übrig“: sonst hätten die Gemeinfreien doch vielleicht eher einen Adeling als diesen bedenklichen Sproß eines Königshauses gewählt. Begierig ergriff Kaiser Tiberius[1] die erwünschte Gelegenheit, seine Politik gegen die Germanen, diese durch ihre inneren, von Rom geschürten Parteiungen und Kämpfe zu verderben, an dem Volk des tief gehaßten Cheruskers in einer Anwendung zu bewähren, welche die Götter Roms selbst herbeigeführt zu haben schienen. Er entsandte sofort den Zögling Roms, versah ihn mit Gold, mit einer Leibwache und gab ihm „gute Rathschläge“ mit auf den Weg. Der Jüngling, schön von Gestalt, und wie mit römischer, so mit germanischer Waffenführung und Reitkunst vertraut, in die alten Zwiste nicht verflochten, sondern allen Parteien unbefangen entgegen kommend, hatte Anfangs schönsten Erfolg; durch römische Feinheit und Mäßigung, „die keinem Menschen mißfällt“, meint Tacitus, gewann er die Einen, durch übermäßiges Zechen und wilde Leidenschaften, denen er sich mehr und mehr ergab, die Andern, die an der rauhen Barbarensitte hingen. Aber bald trat ein, was der Cäsar wol vorher gesehen: dem König mußten viele Feinde entstehen: „alle, welche bei den früheren Parteiungen ihren Vortheil gefunden hatten“: der Adel war ausgerottet: so ist wol an die verwaisten Gefolgschaften zu denken, welche in den Kämpfen der Gaufürsten und Edeln „von Krieg und Raub“ reichlich und ergetzlich gelebt hatten und nun Frieden halten und dem Einen König sich fügen mußten – flohen erbittert aus dem Lande zu den Nachbarn und hetzten diese auf: hatten sie es doch leicht, Italicus, den Römling, den Sohn des Verräthers und Volksfeindes Flavus, das Werkzeug des Tiberius[1], als eine Gefahr für die Freiheit darzustellen. Aber die Menge der kleinen Gemeinfreien (vulgus), auf die sich wol schon Armin in seinem Kampf gegen die andern Fürsten und den Adel besonders gestützt hatte, standen treu zu dem Neffen des Helden: in einer großen Schlacht blieb der König Sieger: nun mißbrauchte der Schüler des Caesars hochfahrend sein [643] Glück und seine Macht, ward von der Gegenpartei vertrieben, aber von den Langobarden, welche schon im Kampf gegen Marobod für Arnim[2] eingetreten und also seinem Hause treu ergeben geblieben waren, in seine Herrschaft zurückgeführt. Damit kehrte jedoch die Ruhe nicht wieder und jedes Falls, in seinem Sieg und seinem Erliegen zerrüttete dieser von Rom gesandte König Macht und Wohlfahrt der Cherusker, wie es Tiberius[1] gedacht. So schwer litt das Volk durch die unablässig fort brennenden Parteiungen, daß Tacitus, da er die Germania schrieb (98/99 n. Chr.), die Cherusker, zur Zeit Armin’s das führende Volk, zu völliger Ohnmacht herabgesunken nennt. – Ueber die Verwandtschaftsverhältnisse siehe das folgende Schema, das, 1861 im I. Band der „Könige“ aufgestellt, jetzt allgemein als richtig anerkannt wird. – Die Auffassung Armin’s als Gaukönig, der das Königthum über alle Gaue der Völkerschaft anstrebt, wird dagegen immer noch bestritten. Es ist aber unmöglich, den Ausdruck des Tacitus, der Armin’s Geschlecht ein königliches nennt, so zu erklären, daß „königlich“ nur „adeligstes Geschlecht“ bedeuten soll: denn ausdrücklich unterscheidet er gerade an dieser Stelle, sie nebeneinander stellend, die „nobiles“ von der „stirps regia“.

 
 
 
 
 
 
 
 
Unbekannt.
 
 
 
 
 
 
Unbekannt.
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
Aktumer, Chattenfürst.
 
 
 
Segimer.
 
Inguiomer.
 
Segest.
 
 
 
Segimer.
 
Ukromer, Chattenfürst.
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
Tochter.
 
Flavus.
 
Armin.
 
Thusnelda.
 
Sigmuind.
 
Sesithach.
 
Ramis, Tochter.
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
Italicus.
 
 
 
 
 
Thumelicus.
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
Litteratur s. bei Dahn, Könige der Germanen I. S. 113–132.

[Zusätze und Berichtigungen]

  1. a b c Italicus XIV 642 Z. 25 v. u., Z. 5 v. u., 643 Z. 6 v. o. l.: Claudius (statt Tiberius). Die Entsendung des Italicus erfolgte i. J. 48. [Bd. 56, S. 397]
  2. Z. 2 v. o. l.: Armin (statt Arnim). [Bd. 56, S. 397]