ADB:Jacobi, Christoph Gottfried

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Artikel „Jacobi, Christoph Gottfried“ von Eduard Jacobs in: Allgemeine Deutsche Biographie, herausgegeben von der Historischen Kommission bei der Bayerischen Akademie der Wissenschaften, Band 13 (1881), S. 573–575, Digitale Volltext-Ausgabe in Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=ADB:Jacobi,_Christoph_Gottfried&oldid=- (Version vom 18. September 2019, 10:23 Uhr UTC)
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Jacobi: Christoph Gottfried J., geistlicher Liederdichter und vielseitig schriftstellernder Theologe, geb. am 20. April 1724 zu Stapelburg in der Grafschaft Wernigerode, † am 1. December 1789 zu Halberstadt. Der Vater, der gräfliche Wildmeister Joh. Gottfr. J., der dem Sohne durch mehrere Pfarrgehülfen am Orte den ersten Unterricht ertheilen ließ, hätte denselben gern für die Jägerei und das Forstfach erzogen, gab aber bald nach, als sich des Knaben Sinn für ernstere Studien mit außerordentlicher Entschiedenheit offenbarte. Dieses Streben fand bald reichere Nahrung in der damals unter dem Rector und Conrector Schütze, Vater und Sohn, blühenden Lateinschule zu Wernigerode, welcher J. im J. 1738 übergeben wurde. Der treffliche Graf Christian Ernst zu Stolberg, der dieser Schule seine besondere Sorgfalt zuwandte, gestattete auch Lehrern und strebsamen Schülern die Benutzung seiner reichen Bibliothek. Diese günstigen Umstände trugen entschieden dazu bei, daß J. seinen Geist frühzeitig entwickelte und später der ansehnlichen Reihe von Zöglingen derselben Schule und desselben Rectors angehörte, welche als Theologen, Naturforscher, Rechtslehrer [574] oder sonst eine geachtete Stelle in der Litteratur unseres Volks einnehmen, wie die Physiker Delius und Kratzenstein, Gleim, die beiden Hermes, Unzer, Runde, v. Selchow u. a. m. Im J. 1741 ging J. zur Fortsetzung seiner wissenschaftlichen Vorbereitung auf das Pädagogium zu Kloster Berge bei Magdeburg, das damals von dem tüchtigen Abt Steinmetz geleitet wurde, und bezog dann 1744 die Universität Halle. Hatte er schon zu Kloster Berge mit Vorliebe die philosophische, mathematische und physikalische Wissenschaft getrieben, so setzte er diese Studien in Halle fort, trieb dabei aber auch mit gleicher Neigung Schriftauslegung, Kirchengeschichte und Gottesgelahrheit bei Michaelis, Baumgarten und Clauswitz und besuchte auch geschichtliche und anatomische Vorlesungen. Noch im J. 1746 nahm er auf den Rath von Steinmetz eine Hauslehrerstelle im Schleswigschen und nach einem Jahr noch eine andere daselbst an; 1749 aber folgte er dem Rufe als Conrector und als gräflicher Bibliothekar zu Wernigerode. Ganz seiner Neigung entsprechend nahm ihm Graf Christian Ernst im J. 1755 die Bürde des Schulamts ab und J. konnte nun bis ins siebente Jahr der bibliothekarischen Thätigkeit allein leben. Diese Periode seines Lebens, der im J. 1762 die Berufung als Diaconus an der Oberpfarrkirche in Wernigerode ein Ziel setzte, war vorzugsweise die Zeit von Jacobi’s litterarischem Schaffen und der Zurüstung für die nachfolgenden Arbeiten. Bis gegen 1752 währte seine poetische Jugend, wobei ihm auch der Aufenthalt im Schleswigschen (Schwansen) manche Anregung bot. Im J. 1750 erschien in kleinstem Querformat „Oel und Wein, oder liebliche mit Salz gewürzte Denksprüche“, gnomische Zwei- und Vierzeilen religiös-christlichen Inhalts, dann 1752 „Geistliches Vergnügen oder zur Ermunterung des Geistes entworfene Gesänge“, 1. (einzige) Sammlung. Diese, wie alle seine Dichtungen, waren recht eigentliche Gelegenheitsgedichte, zwar keineswegs ohne Salz und Kraft, nur daß überall der Gedanke entschieden vor der poetischen Unmittelbarkeit vorherrscht. Auch in späterer Zeit sprach J. bei manchen privaten Begebnissen, besonders in der heimischen Grafschaft und bei den größeren Ereignissen des siebenjährigen Krieges seine Gedanken und Empfindungen in gebundener Rede aus. Bemerkenswerth ist, daß als im J. 1752 auf dem Höhepunkte von Jacobi’s poetischem Schaffen die vom Grafen Heinrich Ernst zu Stolberg veranstaltete „Neue Sammlung geistlicher Lieder“ erschien, welche die Erzeugnisse von einigen 70 Vertretern des wernigerodisch-pietistischen Sängerkreises vereinigte, auch nicht ein einziges Lied von dem damaligen dortigen Conrector und Bibliothekar erschien. Der Grund ist zwar entschieden in der Eigenthümlichkeit Jacobi’s zu suchen; wir würden aber sehr irren, wenn wir ihn in einem weniger positiv christlichen Standpunkt desselben suchen wollten. Im Gegentheil sehen wir die frommen Grafen ihn, auch noch als er außerhalb der Grafschaft angestellt war, als geistlichen Rath in theologischen Fragen betrachten. Von Magdeburg aus antwortet er ihnen auf eine Frage aus dem Gebiet der Pneumatologie. Er führt in durchaus antirationalistischem Sinne aus, daß die neue Wissenschaft in dieser Frage so vielfach irre, weil sie, statt fest auf der Offenbarung zu fußen, von ihren eigenen unsicheren Speculationen ausgehe. In gleichem Sinne drang er auf eine genaue Schriftauslegung, die sich gewissenhaft an jedes Wort des heiligen Textes zu halten habe, suchte die christliche Lehre aus Christi Person darzustellen, behandelte die Frage, ob es möglich gewesen sei, daß die Menschen durch sich selbst auf die Idee von Gott hätten kommen können, und wie das wol geschehen sein möchte. Er wies die Vorzüge des wahren Christen vor dem blos tugendhaften Menschen nach, wies auf die Bedeutung und Würde des Predigtamtes hin und suchte die Gründe der damals vielfach hervortretenden Verachtung des geistlichen Amts und des Christenthums zu beseitigen. Die Erscheinungsform des Pietismus scheint ihm allerdings [575] zuwider gewesen zu sein. Im J. 1762 fühlte er sich durch ein unwiderstehliches Verlangen nach dem Predigtamt bewogen, das ihm sonst so liebe Amt eines gräflichen Buchwarts mit der Stelle eines zweiten Prediger an der Oberpfarr- oder Sylvesterkirche zu Wernigerode zu vertauschen. Zum großen Bedauern der Gemeinde sehen wir ihn schon nach einem Vierteljahre zur Erlangung eines größeren Wirkungskreises und mit Rücksicht auf seine Familie dem Rufe als zweiter Prediger an der Jakobikirche zu Magdeburg folgen. Nach sieben Jahren trat er in die erste Stelle ein, die einst Scriver mit so großem Erfolge versehen hatte. Als aber der Abt Jerusalem, Spalding und Semler in Magdeburg der religiösen Zeitfragen wegen eine Zusammenkunft hatten, wunderten sich diese bedeutenden Theologen über den geistig hochbegabten denkenden Prediger zu St. Jakobi, und gab dies die Veranlassung, daß J. im J. 1773 als Consistorialrath, Generalsuperintendent und Prediger an der Johanniskirche nach Halberstadt berufen wurde. Auch hier wirkte er mit großem Eifer und Segen, besonders auch zur Hebung des geistlichen Standes. Bei der Entschiedenheit und Festigkeit seines Charakters blieben ihm dabei Kämpfe nicht erspart, aber seine große Herzensgüte und die freudige Anerkennung fremden Verdienstes erleichterten ihm meist den Sieg. Ums J. 1781 wurde er vom Schlage getroffen, vermochte aber doch seines Amtes weiter zu warten. Die Liebe zur Wissenschaft war so groß, daß er sich noch in den letzten Jahren seiner Schwachheit zu den Versammlungen des wissenschaftlichen und gemeinnützigen Vereins führen ließ. Jacobi’s litterarische Thätigkeit beschränkte sich keineswegs auf die Theologie. Er schrieb Abhandlungen über die Verbesserung der Kinderzucht, besonders die Wartung der kleinen Kinder (1751), auch über die Erziehung junger Frauensleute (1753). Er suchte zu zeigen, daß die Erziehung viel schuld sei an der Armuth, besonders in den Städten (1788). Noch mehr an die Bestrebungen unserer Tage erinnern seine „Vorschläge zur Einrichtung einer Krankenkasse“ (1757). In den Hannöverischen gelehrten Anzeigen von 1752 handelt er „Von Verbesserung der deutschen Rechtschreibung“, ebenso 1786 von der Verschiedenheit der deutschen Rechtschreibung und weist auf den Schaden hin, daß viele Leute nicht besser lesen und schreiben können. Selbst die Frage, ob es vortheilhafter sei, das viele „Coffeetrinken“ abzuschaffen, beschäftigte ihn als gereiften Mann. Jene Richtung auf das Gemeinnützige und die Polyhistorie mag als eine Eigenthümlichkeit der Zeit angesehen werden, in der J. lebte und wirkte. Wenn aber derselbe Mann, der bedeutende Männer jener Wissenschaft als theologischer Denker in Verwunderung setzte, von der königlichen Societät der Wissenschaften zu Göttingen wegen Beantwortung der Preisfrage von Bereitung des besten Wind und Wetter trotzenden Mauerkalks (1755) und von der königlichen Akademie der Wissenschaften zu Bordeaux für seine französisch geschriebene Abhandlung von der rechten Art, die Eichbäume aufzuziehen und zu erhalten, mit dem ausgesetzten Preise gekrönt wurde (1760), so werden wir es nicht als leere Redensart ansehen, wenn sein Freund, der Oberdomprediger Streithorst zu Halberstadt, sagte, daß J., wenn er sich seinen außertheologischen Lieblingswissenschaften allein gewidmet hätte, darin einer der vorzüglichsten Männer seiner Zeit geworden wäre. Erwähnt mag noch werden, daß ihn 1751 die deutsche Gesellschaft zu Göttingen, dann auch die zu Altdorf zu ihrem Ehrenmitgliede erwählte.

Nachruf an J. von J. W. Streithorst im Jahrg. 1790 der halberstädtischen Gemeinnützigen Blätter S. 225–240, wo sich auch eine ziemlich vollständige Zusammenstellung der zahlreichen Schriften Jacobi’s findet. Vgl. auch Keßlin, Nachrichten von Schriftstellern und Künstlern der Grafsch. Wernigerode, S. 88–90, 290 f.