ADB:Kabsch, Wilhelm

aus Wikisource, der freien Quellensammlung
Zur Navigation springen Zur Suche springen

Empfohlene Zitierweise:

Artikel „Kabsch, Wilhelm“ von Ernst Wunschmann in: Allgemeine Deutsche Biographie, herausgegeben von der Historischen Kommission bei der Bayerischen Akademie der Wissenschaften, Band 14 (1881), S. 779–780, Digitale Volltext-Ausgabe in Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=ADB:Kabsch,_Wilhelm&oldid=- (Version vom 26. Juni 2019, 20:37 Uhr UTC)
Allgemeine Deutsche Biographie
>>>enthalten in<<<
[[ADB:{{{VERWEIS}}}|{{{VERWEIS}}}]]
<<<Vorheriger
Kaaz, Carl Ludwig
Nächster>>>
Kachelofen, Konrad
Band 14 (1881), S. 779–780 (Quelle).
Wikisource-logo.png [[| bei Wikisource]]
Wikipedia-logo-v2.svg Albert Walter Wilhelm Kabsch in der Wikipedia
GND-Nummer 116012056
Datensatz, Rohdaten, Werke, Deutsche Biographie, weitere Angebote
fertig
Fertig! Dieser Text wurde zweimal anhand der Quelle Korrektur gelesen. Die Schreibweise folgt dem Originaltext.
Kopiervorlage  
* {{ADB|14|779|780|Kabsch, Wilhelm|Ernst Wunschmann|ADB:Kabsch, Wilhelm}}    

{{Normdaten|TYP=p|GND=116012056}}    

Kabsch: Albert Walter Wilhelm, Botaniker, geb. zu Breslau am 25. Septbr. 1835, starb, ein Opfer seines Berufes, am 20. Juni 1864 durch Sturz über eine Felswand in den Appenzeller Alpen. – Die schon auf dem Elisabeth-Gymnasium seiner Vaterstadt durch den anregenden Unterricht des Prof. Körber erweckte Neigung für die Naturwissenschaften bestimmte K., nach Absolvirung seiner Schulzeit, sich der Pharmacie zu widmen. Sechszehn Jahre alt, trat er in das Apothekergeschäft von Dausel und Großmann in Hirschberg ein und arbeitete nach überstandener Lehrzeit in verschiedenen Gegenden Norddeutschlands als Gehilfe. October 1858 begann er seine Studien auf der Universität Breslau, absolvirte zwei Jahre darauf sein pharmceutisches Examen und fungirte einige Zeit als Assistent bei Löwig, Göppert und Cohn, welchem letzteren er auch bei seinen Untersuchungen über contractile Gewebe im Pflanzenreich thätig zur Seite stand. Kabsch’s Absicht, sich ganz der Botanik zu widmen und durch Reisen in Südamerika für die Förderung dieser Wissenschaft thätig zu sein, verhinderten die Verhältnisse. Nach kurzem Aufenthalte in Hamburg ging K. im April 1862 nach Zürich, woselbst er in die Cantonspital-Apotheke eintrat und sich zugleich als Privatdocent habilitirte, nachdem er im August desselben Jahres auf Grund einer Dissertation über die Löslichkeit der Stärke und ihr Verhalten zum polarisirten Licht die Doctorwürde sich erworben hatte. Nunmehr begann für K. eine Periode angestrengter und erfolgreicher wissenschaftlicher Thätigkeit. Des Tags seinen Berufsgeschäften obliegend, die ihm den Lebensunterhalt verschafften, des Nachts mit Studien beschäftigt, war die ganze äußere Anspruchslosigkeit, die aufopfernde Begeisterung und eiserne Energie des jungen Mannes erforderlich, um noch zu selbständigen wissenschaftlichen Arbeiten von hoher Bedeutung Zeit zu finden. Seinen ersten, bereits im J. 1861 in der Botanischen Zeitung veröffentlichten Aufsätzen: „Ueber die Reizbarkeit der Geschlechtsorgane, insbesondere von Berberis“ und „Ueber die Bewegungserscheinungen im Pflanzenreiche, insbesondere bei Stylidium und Hedysarum gyrans“, folgte nunmehr rasch hintereinander eine Reihe trefflicher physiologisch-anatomischer Untersuchungen. Es erschienen: „Untersuchungen über die Einwirkung verschiedener Gase und des luftverdünnten Raumes auf die Bewegungserscheinungen im Pflanzenreich“ (Bot. Zeit. 1862); ferner: „Ueber den anatomischen Bau des Holzes von Sucopira Assu und die Haare des Samenschopfes der Asclepiadeen“ (Bot. Zeit. 1863). Es ist die Bezeichnung Sucopira Assu der empirische Name für ein Holz, dessen Stammpflanze vielleicht die von Dr. v. Martius in seiner Materia medica Brasiliensis angeführte Papilionacee Bowdichia major Mart. ist. Bald darauf publicirte K.: „Untersuchungen über die chemische Beschaffenheit der Pflanzengewebe mit Bezug auf die neuesten Arbeiten Fremy’s über diesen Gegenstand“ (Pringsh. Jahrb. 3. Band.) und „Ueber die Vegetationswärme der Pflanzen und die Methode, sie zu berechnen“ (Flora 1863). Endlich fand sich unter Kabsch’s Nachlaß eine um diese Zeit geschriebene Abhandlung über die Gesneraceen-Gattung Streptocarpus. Neben allen diesen genannten Arbeiten, deren Bedeutung in Fachzeitschriften vielfach gewürdigt worden ist, beschäftigte sich K. eingehend mit der Abfassung eines für einen weiteren Leserkreis bestimmten größeren pflanzengeographischen Werkes, vor dessen Vollendung und inmitten der Vorbereitungen dazu ihn leider der Tod jäh ereilte. Es wurde von Kabsch’s Freunde H. A. Berlepsch, noch im Todesjahre des Verfassers der Oeffentlichkeit übergeben unter dem Titel: „Das Pflanzenleben der Erde. – Eine Pflanzengeographie für Laien und Naturforscher. Hannover 1864.“ [780] Um für dieses Werk neues wissenschaftliches Material sich zu verschaffen, hatte K. bereits im Sommer 1862 und 1863 die Schweizer Alpen vielfach bereist und noch im Frühjahre 1864 Excursionen nach dem Genfer See und nach Wallis, ferner ins Wäggisthal im Canton Glarus unternommen. Er beabsichtigte nun zum Abschluß seiner Untersuchungen einen kurzen Ausflug in die Appenzeller Berge, da er die Schweiz zu verlassen und nach Leipzig überzusiedeln gedachte, wo ihm günstige Aussichten eröffnet waren. Nachdem er am 19. Juni glücklich den Säntis bestiegen, unternahm er am folgenden Morgen allein die Besteigung des Hohenkasten. Am Mittag fanden ihn Hirtenknaben todt in seinem Blute liegen, nachdem er wahrscheinlich von einer steilen Halde ausgeglitten und über eine Felswand hinabgestürzt war. Sein Notizbuch und Aneroidbarometer lagen neben ihm.

Das „Pflanzenleben" Kabsch’s zerfällt in drei Theile. Am Schlusse eines jeden Theiles sind Anmerkungen beigefügt, auf die im Texte verwiesen ist und welche wissenschaftliche Nachweise und Litteraturangaben enthalten. Der erste Theil bespricht die kosmischen Verhältnisse der Erde in ihrer Einwirkung auf das Pflanzenreich. Nach einer kurzen geschichtlichen Einleitung wird ziemlich ausführlich der Zusammenhang zwischen Wärme und Vegetation nachgewiesen. Die Wärmeverhältnisse der Erde rücksichtlich ihrer Vertheilung auf derselben, ihrer Beeinflussung des Klima’s, der Methode, sie zu bestimmen etc., werden, theils auf Grund schon bekannter Thatsachen, theils ergänzt und berichtigt durch Resultate eigener Untersuchungen, in mehr wissenschaftlicher als populärer Weise dem Leser vor Augen geführt. Da der Verfasser sich hier auf seinem recht eigentlichen Specialgebiete bewegt, so erscheint die detaillirte Behandlung der in Rede stehenden Fragen sehr natürlich und es dürfte dieser erste Theil des Werkes, trotzdem er an Seitenzahl den übrigen nachsteht, inhaltlich zweifellos der bedeutendste sein. – Im zweiten Theile behandelt K. die Physiognomik des Gewächsreiches und die allgemeine Verbreitung der Pflanzen auf der Erde. In anziehender, nicht selten zu dichterischem Schwunge sich erhebender Sprache werden in 11 Kapiteln die landschaftlichen Wirkungen des Waldes, der Felder und Wiesen, der Wüsten und Steppen, der Meer- und Seevegetation geschildert, worauf die Physiognomik der sogenannten Charakterpflanzen folgt und eine Uebersicht über die Pflanzenzonen, Pflanzenregionen und eine Pflanzenstatistik diesen Abschnitt des Buches schließen. – Den dritten und letzten Theil des Werkes bildet die Geschichte der Pflanzenwelt, der sehr lesenswerthe Kapitel über die Kulturpflanzen eingeflochten sind. Man kann wol sagen, daß Kabsch’s Werk einem Bedürfniß der gebildeten Leserwelt abgeholfen hat. Die zweite Auflage erschien auch bereits im J. 1870. Die zwar noch junge, aber nach allen Richtungen hin rüstig fortschreitende Wissenschaft der Pflanzengeographie war bis dahin nur dem fachwissenschaftlichen Publikum zugänglich gewesen durch das treffliche, aber umfangreiche Werk von Grisebach. K. hat es nun verstanden in seiner „Pflanzengeographie“ auch dem Laien ein Buch in die Hand zu geben, das ihm die wichtigsten Resultate der zahlreichen Forschungen auf diesem Gebiete in fesselnder Form und allgemein verständlicher Darstellungsweise zusammengefaßt vorführt. Die eingestreuten xylographischen Abbildungen sind der Mehrzahl nach ziemlich naturgetreu. Aus voller Ueberzeugung stimmen wir den schönen Schlußworten in dem vom Professor F. Cohn verfaßten Nekrologe bei, worin es heißt: „Unter den Märtyrern der Wissenschaft verdient K. umsomehr einen ehrenvollen Platz, als derselbe noch in jungen Jahren unter schwierigen äußeren Verhältnissen Bedeutendes geleistet und sein Gedankenreichthum und seine Geistesklarheit, verbunden mit strenger, wissenschaftlicher Methode noch Größeres versprach“ (41. Jahresbericht der Schles. Gesellsch. f. vaterl. Cultur, 1863–64).