ADB:Kellner, Johann Peter

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Artikel „Kellner, Johann Peter“ von Robert Eitner in: Allgemeine Deutsche Biographie, herausgegeben von der Historischen Kommission bei der Bayerischen Akademie der Wissenschaften, Band 15 (1882), S. 590–592, Digitale Volltext-Ausgabe in Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=ADB:Kellner,_Johann_Peter&oldid=2499750 (Version vom 15. Dezember 2017, 12:00 Uhr UTC)
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Kellner: Johann Peter K., ein fleißiger Componist des 18. Jahrhunderts, der uns in einfacher und ansprechender Weise seinen Lebenslauf in den 1754 erschienenen Historisch-kritischen Beyträgen von Marpurg (I. 439) wie folgt erzählt: „Mein Geburtsort ist keiner der bekanntesten in der Welt. Ich weiß nichts davon zu berühren, als daß er Gräfenrode heißt und drei Meilen von Gotha liegt. Ich bin der erstgeborene unter fünf Brüdern, welche mehrentheils der Musik zugethan sind. Mein Vater war ein Handelsmann, und ich habe das Licht dieser Welt den 24. September 1705 erblickt. Ich kann von meinen seligen Eltern rühmen, daß sie sich meine Erziehung sehr angelegen sein ließen. Ich war von solchen aber zu nichts weniger als zur Musik bestimmt. Ihr Wille war mich gleichfalls zu ihrem Handel und Gewerbe zu gewöhnen. Es wurde mir aber dabei vergönnt in hiesiger Schule bei dem damaligen Herrn Cantor Nagel die Singstunde zu besuchen. In mir wurde dadurch der Trieb zur Musik rege. Meine Eltern setzten sich zwar im Ernst wider meine Neigung, aber sie wurde in mir desto heftiger. Ich bemühete mich daher nach dem Unterricht meines Lehrmeisters fertig und nach damaligem Gusto singen zu lernen. Meinen Eltern gefiel solches, so lange sie mich noch nicht tüchtig hielten etwas anderes zu ergreifen. Ich spürte bei dem guten Fortgang im Singen auch eine Regung zum Clavierspielen. Ich lag meinen Eltern lange an, ehe ich sie zu dem Entschluß brachte mir etwas davon lernen zu lassen. Meines Lehrmeisters Sohn mußte mit mir den Anfang machen. Mein Lehrmeister schien meiner Lust und meines Fleißes halben sehr wohl zufrieden mit mir zu sein. Der Wohlgefallen zur Musik wuchs bei mir mit den Jahren und machte, daß viele meine Eltern bereden wollten mich gänzlich der Tonkunst zu widmen. Meine Neigung und anderer Bemühungen schienen alle vergebens. Ich mußte, da ich älter wurde und ihnen tüchtig schien, mit Hand an ihr Gewerbe legen. Ob ich mich zwar nach meiner Eltern Willen bequemte, so war ich doch nicht willens mein bißchen Musik beiseite zu setzen. Endlich überwog meine Neigung meiner Eltern Willen. Sie entschlossen sich mich die Musik professionsmäßig lernen zu lassen. Dieser Entschluß war eben mein Wunsch. Wie froh ließ ich alles andere liegen. und widmete mich meinem Vergnügen. Mein Lehrmeister mußte, da er meiner Eltern ernstlichen Vorsatz sah, mehr Zeit und Fleiß auf mich wenden. Ich brachte es durch seine redliche Bemühung und treuen Unterricht in Kurzem ziemlich weit. Ich suchte in meiner Gegend alle Musikverwandten auf und machte Freundschaft mit ihnen. Ein so geselliges Leben war wirklich meiner Absicht nach nicht ohne Nutzen. Unterdessen fügte sich’s, daß mein junger Lehrmeister als Cantor nach Dietendorf berufen wurde. Ich entschloß mich mitzuziehen und genoß noch beinahe zwei Jahre Unterricht von ihm. Aber da man bei einem nicht alle Wissenschaft und Kunst holen kann, so sahe ich mich nachher nach geschickteren Männern weiter um. Vor anderen wurde mir der damalige Herr Organist Schmidt in Zella wegen seiner besonderen Geschicklichkeit gerühmt. Ich reiste hin ihn zu hören. Der Ruf von ihm war nicht ungegründet. Ich ging zu ihm und entdeckte ihm mein Vorhaben. Er war gleich willig mich zu unterweisen. Nach einem Jahre war meine Wissenschaft um ein ziemliches gewachsen. In der Nachbarschaft dieses Meisters lebte damals noch ein Mann, von dem man nicht weniger rühmte, daß er ein trefflicher Musikus und besonders guter Setzer sei. Dieser war wie [591] ich ihn suchte. Es war der Herr Organist Quehl in Suhla; seine Fertigkeit und andere musikalische Eigenschaften reizten mich auch da einen Versuch zu machen. Der Mann versprach sein bestes an mir zu thun und ich machte hier die Grundlage zur Setzkunst. – Nach einem Jahre deuchte meinen Eltern, ich hätte nun in meiner Gewalt, was zu einem Musico erforderlich wäre. Ich nahm mit Dank Abschied von meinem Meister, doch mit der Bitte, daß ich mir noch dann und wann Raths bei ihm erholen dürfte. Ich sah ein weites Feld in der Musik vor mir und ich gedachte mich in solches ohne Führer zu wagen. Zu Hause saß ich freilich nicht müßig, sondern suchte immer mehr Fertigkeit auf dem Clavier und mehr Einsicht in der Setzkunst zu erreichen. Dort lehrte mich die Uebung und hier mußten mir musikalische Bücher Unterricht ertheilen, so viel ich in einem Alter von 17 Jahren davon behalten konnte. Ich hatte aber wenige Zeit zu Hause zugebracht, als mich der damalige Herr Pfarrer Schneider allhier verlangte seine Söhne in der Musik zu unterrichten. Diese Gelegenheit gab mir mehr Vortheile, als ich solche von meinem Lehramte selbst versprechen durfte. Nebst vielen guten Sitten erlernte ich mit den Söhnen des Pfarrers zugleich die lateinische Sprache. Hier brachte ich drei Jahre zu, bis die Söhne auf Schulen verschickt wurden. Gleich darauf zeigte sich mir eine Gelegenheit zur Beförderung, die ich nicht verabsäumte. Eine halbe Stunde von mir, an einem Orte Frankenhain genannt, wurde eine Cantorstelle ledig, wozu ich mich auf Anrathen meiner Gönner meldete. Mir wurde meiner Jugend ohngeachtet Hoffnung dazu gemacht. Ein gewisser von Adel, auf dem die Sache beruhte, verlangte mich zu hören, und auf dessen Fürspruch wurde ich auch als Cantor dahin berufen. Den 21. post Trinitat. 1725 wurde ich nach vorhergegangener Prüfung zur Probe gelassen und darauf ins Amt eingewiesen. Nach 2½ Jahren wollte an meinem Geburtsort der Herr Cantor sich Alters wegen beisetzen lassen. Die Wahl fiel unter Anderen auf mich und 1727 wurde ich dahin versetzt. Etliche Jahre darauf, nach dem Tode des Herrn Cantors, überblieb mir die Sorge des Amts allein. So viel meine Verrichtung und Amt litten, war die Musik meine edelste Beschäftigung. Es ist mir unbewußt, wie mein Name hin und wieder bekannt worden. Ich wurde einstmals unvermuthet zum Organisten in die Ruhl berufen. Ich weiß aber nicht mehr, warum ich solches ausschlug. Nach diesem schien mir mancherlei Ruf mein Glück in der Welt zu versprechen, aber etliche Umstände wollten niemals, daß ich mich zu diesem Anerbieten entschließen konnte. Ich kann hier zufrieden und unbeneidet meine Tage vielleicht eher als anderswo zubringen. Ich hatte nächst diesem die Gnade vor verschiedenen fürstlichen Personen auf Befehl mich hören zu lassen. Unter Anderen habe ich verschiedene Male dem hochseligen Fürsten Günther von Schwarzburg-Sondershausen, dem Durchl. Herzog von Koburg bei Einweihung der Hauptkirche daselbst auf gnädigsten Befehl mit meiner Musik aufzuwarten die Ehre gehabt. Nicht weniger habe ich bei den Prinzen von Meiningen und anderen Herrschaften der Musik wegen viel Gnade genossen. Ich hatte sehr viel von einem großen Meister der Musik ehemals theils gesehen, theils gehört. Ich fand einen ausnehmenden Gefallen an dessen Arbeit. Ich meine den nunmehr seligen Herrn Capellmeister Bach in Leipzig (Sebastian). Mich verlangte nach der Bekanntschaft dieses vortrefflichen Mannes. Ich wurde auch so glücklich dieselbe zu genießen. Außer diesem habe ich auch den berühmten Händel zu hören und ihm nebst noch anderen lebenden Meistern in der Musik bekannt zu werden das Vergnügen gehabt. Schon vorlängst hatte ich selbst verschiedene musikalische Stücke verfertigt, aber noch nie daran gedacht etwas herauszugeben. Doch endlich wagte ich es der Welt etwas von meiner eigenen Erfindung in Kupfer(stich) vor Augen zu legen. Der Verleger war Ursach, daß ich mein angefangenes [592] Werk, „Certamen Musicum“ betitelt, ergänzen mußte, welches endlich in sechs Partien nach und nach erschienen, aber aus Unachtsamkeit des Kupferstechers ziemlich fehlerhaft gestochen ist. Diesem folgen etliche Choräle in Kupfer; etliche Piecen, „Manipulus Musices“ genannt, sind auch erschienen, welches Werk aber noch nicht vollständig ist. Vor einem Jahre unternahm ich einen Jahrgang „Organo obligato“ zu verfertigen und in hiesiger Kirche aufzuführen, welche Arbeit auch glücklich zu Stande gebracht worden. Von meiner Arbeit dürfte zwar der Welt noch vielerlei, doch nicht in Kupfer bekannt sein. Außer diesen aber liegen noch sechs Sonaten im Druck zu erscheinen fertig da, welches vielleicht bald geschehen könnte. – Gräfenrode den 1. Nov. 1754. Joh. Peter Kellner.“

Aus diesem einfachen Leben eines deutschen Musikers des 18. Jahrhunderts leuchtet Fleiß und Zufriedenheit trotz der kleinen Verhältnisse hervor. Das rege Thun und Treiben in den Künsten, besonders in der Musik, reichte damals in Deutschland bis in den kleinsten Ort und verdankte dies hauptsächlich den zahllosen kleinen Fürstensitzen, die schon des Ansehens halber die Musik unterstützten. Während in anderen Ländern das geistige Leben sich mehr auf die Hauptstadt beschränkte, blühte in Deutschland die Kunst, wenn auch in bescheidenen Verhältnissen, über das ganze Land. – Noch ist aus der obigen Niederschrift bemerkenswerth, welchen Unterschied K. bei der Erwähnung der damals bedeutendsten Musiker Bach und Händel macht. Der einheimische deutsche Meister Bach ist ihm der liebwerthe verehrungswürdige Mann, während er den in England lebenden Händel als den berühmten Meister der Tonkunst bewundert. K. selbst war ein tüchtiger Orgelspieler und starker Contrapunktist und erzählt man von ihm, daß er einst, an seiner Orgel sitzend und bemerkend, daß Seb. Bach in seine Kirche tritt, das Thema B, A, C, H als Fuge intonirt und „sehr künstlich durchgeführet habe“. Seine Compositionen nehmen zwar keine hervorragende Stufe ein, doch haben sie sich noch lange Zeit erhalten und bildeten das Repertoire der damaligen gesuchten Spielstücke. Sein Tod ist nicht bekannt und ist überhaupt das Jahr 1756 das letzte, welches uns Kunde von ihm gibt, indem in genanntem Jahre die vierte Suite des „Manipulus Musices“ für Clavier in Arnstadt erscheint. Die Amalienbibliothek des Joachimsthal’schen Gymnasiums in Berlin bewahrt eine Anzahl Drucke und Handschriften der heute schon selten gewordenen Werke Kellner’s auf. Die in Breitkopf’s Verzeichniß vorhandenen Werke, die Fétis anführt, gehören seinem Sohne Johann Christoph an.