ADB:Kiesewetter, Raphael

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Artikel „Kiesewetter, Raphael Georg“ von Carl Ferdinand Pohl in: Allgemeine Deutsche Biographie, herausgegeben von der Historischen Kommission bei der Bayerischen Akademie der Wissenschaften, Band 15 (1882), S. 731–733, Digitale Volltext-Ausgabe in Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=ADB:Kiesewetter,_Raphael&oldid=- (Version vom 16. September 2019, 12:12 Uhr UTC)
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Kiesewetter: Raphael Georg K., Edler von Wiesenbrunn, kaiserl. österreichischer Hofrath, hochgeschätzter Musikgelehrter, wurde am 29. August 1773 zu Holleschau in Mähren als der Sohn des dortigen Dr. med. Aloys Ferdinand K. geboren. Für den Staatsdienst bestimmt, studirte er zu Olmütz Philosophie und zu Wien die Rechte, wurde 1794 als Concipist bei der Kriegskanzlei angestellt und kam 1801 zum Hofkriegsrath, wo er 1807 zum Hofrath und Referenten vorrückte, in welcher Eigenschaft er sich namentlich in den J. 1813–14 durch energische Thätigkeit auszeichnete. Nach 51 Dienstjahren wurde er in den Ruhestand versetzt und am 13. Juni 1843 in den österreichischen Adelsstand erhoben. In jungen Jahren hatte K. Singen und Clavierspiel gelernt und brachte es auf der Flöte zu bedeutender Kunstfertigkeit, nachdem sich aber eine schöne kräftige Baßstimme einstellte, gab er die Flöte auf und bildete sich zu einem vortrefflichen Solosänger aus. Was ihn aber neben der praktischen Ausübung der Musik viel mehr anzog, war der wissenschaftliche Theil derselben und obwol er sich zum Componiren wenig Talent zutraute, studirte er doch mit Eifer Generalbaß und Contrapunkt bei Albrechtsberger und Hartmann. Im J. 1816 begann er eine Partiturensammlung alter Musik anzulegen, die im Laufe der Jahre zu einer unschätzbaren Bibliothek anwuchs, über die er im J. 1847 zwei sorgfältig gearbeitete Verzeichnisse sammt Vorrede im Druck herausgab: 1) „Katalog der Sammlung alter Musik des k. k. Hofrathes R. G. K., Edler von Wiesenbrunn“; 2) (als Zugabe zu diesem Hauptkatalog): „Galerie der alten Contrapunktisten; eine Auswahl aus ihren Werken, nach der Zeitfolge geordnet zu deutlicher Anschauung des Fortschreitens der Kunst; von den frühesten Versuchen harmonischer Verbindungen bis zum Anfang des 18. Jahrhunderts und dem Aufblühen der neapolitanischen Schule, als der Periode der neueren Musik. Alles in verständlichen Partituren aus Kiesewetter’s Archiv alter Musik von ihm eigens zusammengestellt“. Um diese Schätze aber auch gemeinnützig zu machen, veranstaltete K. regelmäßige musikalische Abende in seiner Wohnung, wo die erlesensten Werke von tüchtigen Musikfreunden vor einem Kreise kunstgebildeter Gäste aufgeführt wurden. Der Trieb, seine Bibliothek immer mehr zu vervollständigen und die periodische Aufführung der alten Musik führte K. von selbst zu umfassenden Studien der Musikgeschichte und ihrer Litteratur, und um auch hier gemeinnützig zu wirken, fing er an, kleinere und größere Aufsätze und Abhandlungen in solchen Fragen zu veröffentlichen, in denen er durch seine Forschungen sich dazu berufen fühlte. – Seine Verdienste um die musikalische Wissenschaft wurden vielfach anerkannt durch Ernennungen zum Mitglied, Ehren- oder correspondirenden Mitgliede gelehrter Gesellschaften, und zwar von der vierten Classe des königl. niederländischen Instituts der Wissenschaften, Litteratur und Künste zu Amsterdam; der Akademie der Künste in Berlin; der kaiserl. Akademie der Wissenschaften in Wien; des französischen Ministeriums des öffentlichen Unterrichts (pour les travaux historiques) zu Paris; der Akademie der hl. Cäcilie in Rom; des Vereins zur Beförderung der Musik in den Niederlanden; der Musikvereine zu Pest, Prag, Preßburg, Gratz, Klagenfurt und in Wien selbst zum Vorstand des Comité des Conservatoriums (bis 1826) und Vicepräses der Gesellschaft der Musikfreunde (1821–43). K. starb am 1. Jan. 1850 zu Baden bei Wien, wo er seit zwei Jahren gelebt hatte. Seiner Verfügung gemäß wurde sein Leichnam am 3. Januar nach Wien überführt, um auf dem Friedhofe vor der Währinger Linie an der Seite seiner Gattin zu ruhen. – Seine Partiturensammlung hatte K. bei Lebzeiten ursprünglich für das Archiv der Gesellschaft der Musikfreunde bestimmt; da aber in dem unruhigen J. 1848 auch diesem Verein die Auflösung drohte, vermachte K. die Sammlung der Hofbibliothek unter der Bedingung, daß dieselbe für immerwährende [732] Zeiten als ein Ganzes unter der Bezeichnung „Fond Kiesewetter“ beisammen bleibend aufgestellt werde. – Verzeichniß von Kiesewetter’s im Druck erschienenen Schriften über Geschichte und Litteratur der Musik: I. Bücher: 1) „Die Verdienste der Niederländer um die Tonkunst“. Mit der großen goldenen Medaille gekrönte Preisschrift. Amsterdam 1828 in 4. mit Beilagen. – 2) „Geschichte der europäisch-abendländischen, das ist: unserer heutigen Musik“, Leipzig, Breitkopf u. Härtel, 1834, in 4., 2. Aufl. 1846, beide mit vielen Notenbeilagen; ins Englische übersetzt von Robert Müller, London 1848, in 8. – 3) „Ueber die Musik der Neugriechen, nebst freien Gedanken über altegyptische und altgriechische Musik“. In 3 Abhandlungen, Leipzig, Breitkopf u. Härtel, 1838, in 4. mit gezeichneten Beilagen. – 4) „Guido von Arezzo. Sein Leben und Wirken. Mit einem Anhange über die, dem hl. Bernhard zugeschriebenen musikalischen Tractate“. Leipzig, ibid., 1840, in 4. – 5) „Schicksale und Beschaffenheit des weltlichen Gesanges vom frühen Mittelalter bis zu der Erfindung des dramatischen Styles, und den Anfängen der Oper“, Leipzig, ibid. 1841, in 4., mit vielen Notenbeispielen. – 6) „Die Musik der Araber, nach Originalquellen. Begleitet mit einem Vorworte von dem Freiherrn v. Hammer-Purgstall“. Leipzig, ibid., 1842, in 4., mit Zeichnungen. – 7) „Ueber das Leben und die Werke des Palestrina, nach dem großen Werke des Abbate Baini. Nachgelassenes Werk von F. S. Kandler; mit einer Vorrede und mit Anmerkungen begleitet und herausgegeben von R. G. K.“ Leipzig, ibid., 1834, in 8. – 8) „Der neuen Aristoxener zerstreute Aufsätze über das Irrige der musikalischen Arithmetik und das Eitle ihrer Temperaturrechnungen. Gesammelt und mit einer historisch-kritischen Einleitung als Vorrede, sammt Zusatzartikel herausgegeben von R. G. K.“ Leipzig, ibid., 1846, in 8 – 9) „Ueber die Octave des Pythagoras. Nachtrag zum vorigen Werk. Wien 1848. Auf Kosten des Autors im Druck herausgegeben“. (War für die Cäcilia, 1848, bestimmt.) 10) Oben erwähnter Katalog über die Sammlung der Partituren alter Musik des Hofraths R. G. K. Von ihm in Druck herausgegeben in zwei Bänden in 4., Wien 1847. – II. Zerstreute Aufsätze in verschiedenen Zeitschriften: 1) „Ueber den Umfang der Singstimmen in den Werken alter Meister und über die Veränderungen, die sich im Verlauf der Zeiten mit dem Stimmungstone ergeben haben (Wiener Musikzeitung, 1820). – 2) „Die wahren Grundsätze der griechischen Musik“ (Allg. Wiener Musikztg., 1841). 3) „Zurechtweisung eines Kritikers des großen Palestrina“ (ibid., 1843). – 4) „Ueber die Tonschrift S. Gregors des Großen“ (Leipziger Allg. Musikztg., 1828). – 5) „Ueber Franco von Cöln und die ältesten Mensuralisten“ (ibid.). – 6) „Nachricht von einem noch unangezeigten Codex aus dem 16. Jahrhundert“ (ibid., 1830). – 7) „Ueber die vom Herrn Fétis verrufene Stelle in Mozart’s 6. Quartett“ (ibid., 1831). – 8) „Die Tabulaturen der älteren Praktiker seit Einführung der Figural- und Mensural-Musik“, in fünf Artikeln (1. Die deutsche Tabulatur; 2. Die Lauten-Tabulatur; 3. Die Orgel-Tabulatur in Italien im 16. Jahrh.; 4. Die Noten-Tabulatur der alten Contrapunktisten; 5. Die italienische Tabulatur oder die bezifferten Bässe). Mit vielen Beilagen (ibid., 1831). – 9) „Die wahre Herkunft Josquin’s des Près (ibid., 1835). – 10) „Ueber Compère. Nachrichten über verschiedene Tonsetzer dieses Namens, als Vertheidigung des Hrn. R. G. K. gegen falsche Beschuldigungen des Hrn. Fétis“. Der Artikel ist gezeichnet D. F. (ibid., 1837). – 11) „Der weltliche und volksmäßige Gesang im Mittelalter“ (ibid., 1838). – 12) „Ueber die Lebensperiode Franco’s in Beziehung auf Hrn. Fétis’: Resumé philosophique de l’histoire de la musique“ (ibid.). – 13) „Zur Biographie des Baron Em. Astorga“ (ibid., 1839). – 14) „Ueber die Tonschrift S. Gregors des Großen. [733] Eine Duplik aus Anlaß der Briefe des Hrn. Fétis über seine Reise in Italien“ (ibid., 1843). – 15) „Randglossen zu dem Artikel des Hrn. Fétis: Ueber die Tonschrift S. Gregors des Großen für den Gesang seines Antiphonars“ (ibid., 1845). – 16) „Ueber Tonmessungen und Temperaturen“ (Cäcilia, 1842). – 17) „Ueber die musikalischen Instrumente und die Instrumental-Musik im Mittelalter bis zur Gestaltung unserer dermaligen Kammer- und Orchester-Musik“ (ibid., 1843). – 18) „Ueber die historische Novelle“ (ibid., 1844). – 19) „Die sogenannte vollkommen gleichschwebende Temperatur, ohne Logarithmen, graphisch, technisch und praktisch ausgeführt“ (ibid. 1847). – 20) „Ueber die verschiedenen Methoden die Harmonie zu studiren“ (Gaßner’s Zeitschrift für Deutschlands Musikvereine, Karlsruhe 1843). – III. Anzeigen und Recensionen: „Die griechische Musik auf ihre Grundsätze zurückgeführt; eine Anti-Kritik von Drieberg“, Berlin 1841 (angezeigt in der Allg. Wiener Musikztg. 1841). – 2) „Tonarten des Choralgesanges, von Seb. Stehlin“, Wien 1842 (Rec. in der Cäcilia, 1842). – 3) „Notice sur les collections musicales de la Bibliothèque de Cambrai par B. de Cousemaker“, Paris 1843 (angezeigt, Cäcilia, 1844). – 4) „Ottaviano dei Petrucci da Fossombrone – der erste Erfinder des Notendrucks mit beweglichen Typen etc. von Anton Schmid“. Wien 1845 (angezeigt in Oesterr. Blätter für Litteratur und Kunst, 1846). – IV. Im Manuscript vorhanden: . 1) „Die Accorden-Lehre, nach dem System der Generalharmonie entwickelt, nebst Verzeichniß aller denkbaren Tonverbindungen“. Großfolio, 1 Bd. Text, 2 Bde. Notenbeispiele, Wien 1811. – 2) „Vorbereitung zum Studium der Harmonie“, Folio, 1 Heft Text, 2 Hefte Beispiele, Wien 1811. 3) „System der Grund-Harmonie im Anzuge“, Großquart. 4) „Gedanken über Bau und Stellung eines Orchesters“. 5) „Notizen, den Antiparnasso des Orazio Vecchi betreffend; als Vorrede zu dem Exemplar der Partitur dieses höchst seltenen und wichtigen Werkes“. 6) „Die Musik und die musikalischen Kenntnisse der Neugriechen nach Villoteau und Chrysanthos“.